Dieses Mädchen am Bahnhof

Erzählung zum Thema Begegnung

von  Secretgardener

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Da am Bahnhof war dieses Mädchen.
Ich musste nach Koblenz wegen eines Geschäftsessens. Eigentlich unnötig, da die ganze Sache schon abgeschlossen war, aber was soll man machen?
Ich musste irgendwas um 9 herum am Gleis sein. Ich war in der Stadt und hatte vergessen wann genau, also ging ich früher hin. Um sicher zu gehen.
Der Bahnhof war mal wieder halbvoll. Zumindest statistisch gesehen. Das heißt, mein Gleis, Gleis 3, war recht voll, und die anderen waren fast leer.
Bis auf einen Sitzplatz waren alle belegt, beziehungsweise besetzt. Eigentlich setze ich mich äußerst ungern in Bahnhöfen direkt neben andere Menschen. Ich mag diese Art der unfreiwilligen Nähe nicht.

Da war also dieses Mädchen. Vielleicht 10 Jahre alt, hatte etwas Böhmisches. Sie hatte ein kleines Buch auf ihrem Schoß. Ich hätte gerne gewusst, was das für ein Buch war, aber ich konnte die Schrift nicht entziffern. (Warum sagt man bei Schrift entziffern?) Sie spielte mit ihren Fingern und beachtete mich nicht. Ich vermutete, daß der Mann und die Frau neben ihr ihre Eltern waren. Sie Mitte vierzig, verlebtes Gesicht, strenge Linien, er war eher unauffällig. Ein mildes Bauerngesicht.
Die beiden unterhielten sich über etwas, das ich nicht verstand, oder nicht verstehen wollte. Sie waren auch recht laut. Ich mag Menschen nicht, die öffentlich so laut reden.
Ich schaute weiterhin dieses Mädchen an und sie spielte weiterhin mit ihren Fingern. Plötzlich schaute sie mich an und sagte „Ich schneide mir die Arme auf im Winter“.
Wahnsinnig blaue Augen dachte ich. Moment, was sagte sie? Ich schaute sie fragend an, und schuldbewusst. Aber warum schuldbewusst, ausgerechnet ich, was hatte ich getan?
„Ich lege mir kleine Raupen in meine Arme, und warte darauf, daß es Schmetterlinge werden. Es juckt unheimlich, wenn sie schlüpfen, und tut auch etwas weh, aber das ist es wert“.
Ich war zu erstaunt um zu antworten. Und ich spürte eine Erleichterung. Darüber, daß dieses süße Mädchen wohl doch nur etwas zu viel Phantasie hatte. Was war das nur für ein Buch, warum habe ich sie nicht danach gefragt?
„Es tut mir leid, wenn sie sie stört, sie redet sehr viel“ entschuldigte sich ihr vermeintlicher Vater bei mir und die Mutter zischte dazwischen „Sie hat zuviel Einbildung, das wird sich noch mal unglücklich ausgehen“.
„Wir warten auf meinen Bruder. Er war im Zeltlager für zwei Wochen. Steine sollte er mir mitbringen, aus dem See.“

Der Zug fuhr ein. Kurz nachdem das laute Kreischen des Metalles anfing, legte sie ihre Hand auf meine Wange und sah mir in die Augen. Ich verstand nicht genau, was sie sagte. Es war etwas wie „“Pass´ auf deine … auf“. Leider verstand ich das wichtigste Wort nicht; nur, daß es ein längeres Wort gewesen sein muß.
Ich wartete noch etwas mit dem Einsteigen um ihr zuzusehen.
Ihr Bruder kam ein paar Türen weiter aus dem Zug gestiegen, die Begrüßung durch die Mutter fiel recht kühl aus, der Vater schien mir dadurch etwas eingeschüchtert. Sie nahmen sein Gepäck und gingen in Richtung des Parkplatzes.
Ich saß schon im Zug, musste mich neben jemanden mit Frühstück setzen, damit ich sie noch sehen konnte; wie das roch…
Die Eltern verluden das Gepäck in den Kofferraum des Wagens und das Mädchen stand etwas abseits und kratzte sich am Arm; recht kräftig würde ich aus der Entfernung sagen.
Plötzlich flatterte ein Schmetterling ihr empor, dem sie lange hinterher sah.
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Anmerkung von Secretgardener:

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Maramba!
Ich kann endlich Prosa :)

Achtung Baby

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Kommentare zu diesem Text


 Isaban (28.02.07)
Dieses Zögerliche, Kritische, Ungläubige kommt gut zum Ausdruck. Diese Einschränkungen, die dein Lyrich selbst seinen Gedanken immer wieder auferlegt. Ich mag diesen Betrachtungswinkel, dieses etwas wahrnehmen, was sonst kein anderer mitbekommt.
Bizarr und doch so realistisch mutet deine Geschichte an. Kinder werden von fremden Erwachsenen selten Wahrgenommen und wenn, dann oft als Störfaktor. Man hört ihnen nicht zu und wenn, dann nicht richtig. Das Ende...
Wirklich sehr eindringlich und gut, dein Text.

LG, Isaban

 Secretgardener meinte dazu am 28.02.07:
Ganz lieben Dank für Dein Lob, und die Empfehlung.
Genau das, was Du sagst, wollte ich erreichen. Die Kleine in ihrer bunten, kurvigen Welt, Lyrich (schöner Name ;) ) in seiner (oder ihrer, wer weiss) tristen, geradlinigen Welt, und wie die Kleine Lyrich etwas rüberzieht, unbeobachtet der Eltern. Etwas "schräg" sollte es auch werden, was die Kleine so macht.
Und das Ende...wer weiß, wer weiß :)
Liebe Grüße, Angelo.
shadowhunter (28)
(28.02.07)
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 Secretgardener antwortete darauf am 28.02.07:
Was so ein Maramba nicht alles auslösen kann. Ja, der feine Herr läßt sich auf Prosa ein, ein Hoch auf die neue Leichtigkeit :)
Hab´ lieben Dank für Deine Komplimente.
Da das Mädchen nicht viel sagt, muß das dann natürlich auch Gewicht haben.
Weiteres folgt. Hab da ne Idee mit nem Hund...nee, so ein Quatsch ;)
Liebe Grüße, der Opi.
(Antwort korrigiert am 28.02.2007)
Cosi (42)
(28.02.07)
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 Secretgardener schrieb daraufhin am 28.02.07:
Ja, das Gespür für die passende Atmopshäre war hier sehr wichtig, deswegen auch die vielen Überarbeitungen. Auch dieser leicht schräge Touch war mir wichtig.
Ich hab schon ne Idee für eine Erzählung mit einem Hund, der tatsächlich schräg ist :)
Liebe Grüße, Angelo.
haifischmaedchen (24)
(10.03.07)
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 Secretgardener äußerte darauf am 10.03.07:
Danke, darauf arbeitete ich mich auch hin, das war die Intention des Textes.
Ich hab´ das Bild im Kopf; süßes Kind übrigens :)
haifischmaedchen (24) ergänzte dazu am 10.03.07:
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The_black_Death (31)
(19.03.07)
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 Secretgardener meinte dazu am 19.03.07:
Hmm, warum Sie sich die Arme schneidet und warum im Winter steht doch im Text.
Ich finde, das Maß an Spannung angemessen. Es sollte ja auch keine sooo spannende Erzählung werden, mehr in Richtung Märchen/Poesie gehen, von daher finde ich es rund, auch den Schluß; wobei der ein, zwei minimale Veränderungen vertragen könnte.
Viele Grüße, Angelo.
herzviolett (17)
(24.03.07)
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 Secretgardener meinte dazu am 24.03.07:
Ja, manchmal erstickt man fast am Wort, kenn´ ich ;)
Aber hab´ Dank für das große Kompliment und die Empfehlungen.
Viele Grüße.

 theatralisch (13.06.08)
Klingt mir eher nach Bericht: "Erst kam Hacke und dann kam Beil." Kenne eine Geschichte, die ist so ähnlich, nur dass das Mädchen irgendwas aus nem Kreuzworträtsel nicht peilt und die Eltern das auch nicht raffen..
Ansonsten ist das wohl mindestens genauso unglaubwürdig wie irgendeine Seifenoper. Naja.

 Secretgardener meinte dazu am 13.06.08:
Unrealistisch, Seifenoper??? Du hast nicht verstanden um was es ging.
Und als Rachekommentar ziemlich armselig...

 theatralisch meinte dazu am 13.06.08:
Rachekommentar? Ich wüsste nicht, dass du jemals bei mir kommentiert hättest, sofern ich das mal auf diese Weise interpretieren darf. Wenn schon, geriet das wohl zu meinem oder deinem Leidwesen in Vergessenheit. Wahrscheinlich sollte man mich nicht unterschätzen und wenn ich mal kommentiere, dann mit vollem Herzblut und keiner Rechten im Repertoire. Also solltest du dich erst mal mit meiner Stellungnahme zufrieden geben.
Nun, du scheinst ernsthaftes Interesse an meiner Meinungsäußerung zu haben: es ist die Art wie du schreibst; es klingt mir wie gesagt eher nach Bericht und nach imitierter, ungewandter Komposition einzelner Wörter, die mutmaßlich imponierend sein sollen. Klar, Jedermann hat seine Anhänger; die stehen einem ja auch widerspruchslos zu; aber ich denke nicht, dass es dir genehm wäre, wenn eine kaltblütige Kritikersau über dein Geschreibe herziehen würde. Das krankt, um nicht zu sagen fundamental.

Mein voller Ernst übrigens.
HvidLiljer (35) meinte dazu am 13.06.08:
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 Secretgardener meinte dazu am 13.06.08:
Daß es sich für Dich wie ein "Bericht" liest, kommt wohl daher, daß er wenig Adjektive/ Stimmungen vorgibt.
Mutmaßlich imponierend??? Der Text hat so ziemlich nichts, was sprachlich imponierend sein sollte/ist - das ist nicht die Intention des Textes. Mir scheint auch, Du kennst "Maramba" nicht.
Und unterschätzen und ernsthaftes Interesse, wie kommst darauf?

 theatralisch meinte dazu am 13.06.08:
Ich: Kommentator
Du: Zu-Kommentierender

Jedenfalls spricht deine Kritikunfähigkeit für sich. Hier muss wohl alles gefallen, nicht wahr, und wenn man mal seine Meinung kundtun will, wird das Mäulchen unverzüglich mit Happihappi gestopft. Herzallerliebst.

 Secretgardener meinte dazu am 13.06.08:
Was? Kritikunfähig, wie kommst denn jetzt schon wieder darauf??? Ich hab´ DIr nur geantwortet wie der Text gedacht, geschrieben ist.
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