Canossa

Erzählung zum Thema Abrechnung

von  Mutter

Wie benebelt suche ich mir meinen Weg zu Fuß. Laufe am Kanal entlang, überquere die Brücke rüber nach Kreuzberg. Und erst als ich vor Julias Haus stehe, wird mir klar, dass mich mein Weg nicht in meine Wohnung geführt hat.
Mein Bedürfnis ist, mich zu verkriechen. Meine Wunden zu lecken, von der Bildfläche zu verschwinden. Offenbar ist mein Unterbewusstsein da anderer Meinung. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, habe ich die Tür zum Hausflur aufgemacht, bin auf dem Weg nach drinnen. Oben, vor ihrer Haustür, zwinge ich mich dazu, zu klingeln. Sie hatte mir immer einen Türschlüssel von sich  geben wollen. Aus praktischen Gründen, falls sie sich mal ausschließen sollte, und als Vertrauens-Pfand. Von mir hatte sie einen Zugang zu meinem Leben eingefordert, jetzt sollte ich auch einen erhalten.
Ich lehnte ab. In dem blödsinnigen Versuch, mir meine Freiheit zu erhalten. Als hätte die Tatsache, dass ich ihren Schlüssel an meinem Bund habe, irgendeine Aussagekraft. Das habe ich damals nicht verstanden, mich gewehrt. Sie damit verletzt. Umso absurder, da ich mir ohnehin jederzeit Zugang zu allen Facetten ihres Lebens verschaffen konnte.
Die Tür öffnet sich, sie hat geweint. Schniefend fährt sie sich mit dem Handrücken über die Augen, lächelt schwach. Mich verlässt jeder Mut.
Gerade eben noch war ich entschlossen, ihr alles zu beichten, zu bereuen. Ihren Zorn über mich ergehen zu lassen, und im Zuge dessen vollständig auf sie einzugehen. Endlich, endlich vollständig aufzumachen und sie in mein Leben zu lassen.
Plötzlich bin ich unsicher. Weswegen weint sie? Vielleicht weiß sie schon alles – möglicherweise hat Gabi sie angerufen. Ganz kurz flackert Zorn in mir auf, droht, meinen ursprünglichen Plan zu ersticken. Meinen Gang nach Canossa umzuleiten, mich auf Abwege zu führen. Ich atme die Wut weg, lächele zurück.
‚Komm rein‘, sagt sie heiser, lässt die Tür einen Spalt offenstehen. Ich betrete den Flur, folge ihr ins Wohnzimmer.
Sie hockt sich im Schneidersitz auf die alte Couch, trägt die dicken, grauen Socken, die sie bei unserem ersten Mal anhatte. Die ganze Zeit im Bett hatte sie Socken an – eine Tatsache, die ich sie nie habe vergessen lassen. Immer wieder hatte ich sie damit aufgezogen, und ihr dabei nie gestanden, wie sehr mich seitdem diese weichen Socken anmachen. Ich schlucke trocken, betrachte sie, während ich mich ihr gegenüber in den harten Sessel setze.
‚Alles in Ordnung?‘, will ich wissen. Sie nickt, ich glaube ihr nicht. Eigentlich müsste ich aufstehen, zu ihr rübergehen. Die Kluft überwinden. Aber ich kann nicht - weiß nicht, wie. Fühle mich unbeholfen,  fehl am Platze.
‚Ich muss mit dir reden‘, beginne ich lahm. Sie sieht mich aus feuchten Augen an, nickt. Na los, scheint ihr Gesichtsausdruck zu sagen. Mach endlich, Jakob!
‚Da ist was gelaufen‘, sage ich. ‚Mit einer Frau‘, füge ich hinzu, nur für den Fall, sie könnte mich missverstehen. Julia sieht mich weiter an, antwortet nicht.
‚Hat mich letzte Woche mitgenommen, aus der Weißen Taube.‘ Ich zucke mit den Schultern. ‚Ich weiß auch nicht, mir ging’s absolut beschissen, und da ist das irgendwie passiert.‘ Bah, wie viele Millionen hatten genau diese Aussage schon vor mir getroffen. Ich wünschte, ich wäre innovativer, einfühlsamer – bin ich nicht. Dämlich bin ich.
‚Ich …‘ Komme ins Stocken. ‚Ich weiß nicht, was das war. Was da passiert ist. Seitdem trage ich das mit mir rum.‘
So, jetzt ist es raus – steht zwischen uns im Raum, macht es sich auf dem grünen Teppich bequem. Immer noch keine Reaktion von ihr.
‚Julia …‘ Ich hasse, wie jämmerlich ich mich anhöre.
‚Mick hat mit mir gesprochen‘, unterbricht sie mich. Mustert mich mit harten Augen.
Verdutzt frage ich: ‚Mick? Was meinst du?‘
‚Er hat mit mir über eure Agentur gesprochen. Über dieses Fight-Club-Ding.‘
Oh Shit. Das hatte ich jetzt nicht erwartet.
‚Was hat er dir erzählt?‘
Sie antwortet nicht, fragt stattdessen: ‚Warum hast du nie etwas gesagt? Wie kannst du so etwas vor mir geheim halten?‘ Ich will etwas entgegnen, aber sie lässt mich nicht, fährt fort: ‚Die Verletzungen neulich, die waren auch von eurem Projekt, oder?‘
Ich nicke geknickt. Will widersprechen, wage es nicht. ‚Projekt‘ klingt, als würden wir in unserer Freizeit Seifenkisten bauen.
‚Was ist da passiert?‘
‚Einer unserer Jungs ist ausgestiegen. Ich bin für ihn eingesprungen, habe mich um einen Kunden gekümmert.‘
‚Was heißt das, ein Kunde?‘
Fuck, wie viel hat ihr Mick erzählt? Beziehungsweise, wie viel hat er ihr nicht erzählt? Mein Hirn rotiert, versucht zu entscheiden, mit welchen Halbwahrheiten ich möglicherweise heil aus der Sache rauskomme. Eine gute Seite hatte das Ganze: Von Irina ist nicht mehr die Rede. Aber vielleicht kommen wir darauf noch zurück, wenn sie mir den Kopf gewaschen hat, denke ich lakonisch.
‚Okay, warte, ich fange von vorne an, in Ordnung?‘
‚Das wäre schön.‘ Die Art, wie sie die Lippen aufeinander presst verheißt nichts Gutes. Ich weiß, dass ich tief in der Scheiße stecke.
Also erzähle ich ihr alles. Von der ersten Idee, die Gabi uns unterbreitet hat, an die ich natürlich nicht geglaubt habe. Nicht geglaubt habe, dass da was draus wird. Von dem Treffen mit Eric – sie schmunzelt, als ich ihr sage, dass sie Eric mögen würde. Ganz kurz nur, es reicht nicht, um sie davon abzulenken, was das eigentliche Thema dieser Verhandlung ist: Mein Kopf!
Ich beschreibe, wie das ganze Ding angelaufen ist, wie sehr ich das Gefühl hatte, das ist nur so eine Spinnerei, die Gabi verfolgt. Bringe Juri als jemanden, der auch nicht das Gefühl hatte, da müsste man aussteigen oder die Notbremse ziehen. Sie nickt. Juri geht immer, denke ich, verkneife mir den schiefen Gesichtsausdruck. Den Streit mit ihr über den Russen kann ich jetzt eher nicht brauchen.
Als nächstes versuche ich, die Kurve zu bekommen. Erzähle ihr davon, wie uns Gabi das erste Mal die Umschläge in die Hand gedrückt hat. Wir haben mit der dämlichen Idee tatsächlich Geld gemacht. Erwarte ein Einsehen, dass man in der Situation unmöglich hätte aufhören können. Damit liege ich voll daneben.
‚Wie unglaublich dämlich! Gabi drückt euch illegale Kohle in die Hand, und ihr habt das Gefühl, damit ist alles klar? Das ist doch absolut bescheuert!‘
‚Illegal? Wieso das denn?‘, versuche ich mich  zu verteidigen, ahne aber schon, dass ich damit nicht weit komme.
‚Weil ihr so eine Scheiße nicht einfach aufziehen könnt. Das geht nicht.‘
Ich unterdrücke eine Trotz-Reaktion, frage nicht pampig: ‚Wieso nicht?‘ Ich weiß ja, dass sie recht hat.
‚Was ist mit den Mädchen?‘
Oh je. ‚Was meinst du?‘
‚Stell dich nicht blöd. Wie hat Mick das genannt? Irgendwas mit Pussy.‘
‚Pussy Deluxe.‘
Sie nickt, sagt nichts. Wartet auf eine Antwort auf ihre Frage.
‚Gabi hat das Ganze ausgeweitet. Ich fand die Idee dämlich.‘
‚Und was hast du gemacht? Ein bisschen mit den Augen gerollt, weil Gabi freidreht? Dagegen gemacht habt ihr ja wohl alle nichts.‘
‚Irgendwie ist das ein Selbstläufer geworden‘, sage ich mit leicht weinerlicher Stimme. ‚Da hat keiner uns ans Aussteigen gedacht. Nicht mal Juri.‘ Aber inzwischen funktioniert der magische Name nicht mehr. Unwillig schüttelt sie den Kopf. ‚Warum hast du mir nie etwas erzählt? Wir führen eine Beziehung, Jakob. Führen wir eine Beziehung?‘
Ich schlucke trocken, antworte nicht schnell genug. ‚Ja‘, sage ich heiser. Sie sieht nicht so aus, als ob sie mich überzeugend findet.
Während sie weiterhin meinen Blick mit ihren Augen gefangen hält, schüttelt sie traurig den Kopf. ‚Weißt du, dass du mir mit dieser Sache viel, viel mehr weh tust, als wenn du mit irgend so einer Schlampe rumvögelst?‘ Ich halte die harten Worte über Irina aus, obwohl es mich drängt,  ihr zu widersprechen. Weiß, dass das genau das Falsche wäre.
‚Warum?‘, frage ich, meine Stimme bricht. Jetzt habe ich wirklich Angst. Angst, sie zu verlieren.
‚Weil du mir zeigst, dass du mir nicht vertraust. Nicht zulässt, dass ich Teil deines Lebens bin. Du hast mich die ganze Zeit am langen Arm verhungern lassen, Jakob. Ich fühle mich wie der Windhund, der Runde um Runde hinter einer Illusion von Hase herjagt.‘ Ihre Stimme ist ganz weich geworden, und ich weiß, dass sie es ernst meint. Ich weiß, was gleich kommt.

Kommentare zu diesem Text

Georg (54)
(17.02.10)
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 Mutter meinte dazu am 17.02.10:
:)

Danke.
Und danke.
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