Unser Sohn, sein Autismus!

Kurzgeschichte zum Thema Behinderung

von  SKARA666

Unser Sohn, sein Autismus!

Es ist früh am morgen, das Radio spielt, der Kaffee ist heiß und ich sitze hier an meinem Laptop, schreibe was ich gerade denke. Zwischendrin schaue ich durch das Fenster in der Küche direkt auf den Berg und seinen Wald. Die Sonne geht gerade auf, es wird sicher ein schöner Tag, auch wenn ich weiß das er wieder mit vielen Fragen beginnt, viele davon versuchen wir als Eltern zu beantworten und es wird sicher wieder etwas ganz neues auf uns drauf zu kommen. Es dauert auch nicht lang, da höre ich schon das Getrappel meines Sohnes. Zielstrebig steigt er die Treppe hinab und setzt sich an den Tisch, sieht mich an und schweigt. Ich meinerseits wünsche ihm einen guten Morgen, streichel ihm über den Kopf und sehe nach seiner Windel. „Möchtest Du etwas trinken, etwas essen oder mir erst einmal einen gutem Morgen wünschen?“ frage ich ihn. „Nein“, sagt er, „keinen guten Morgen wünschen!“ Ein Schmunzeln macht sich in meinem Gesicht  breit. „Gut“ sage ich, „hier habe ich deinen Bananensaft und dein Brot, aber vorher wechseln wir die Windel.“ Gesagt, getan. Heute einmal ohne Protest. Nun sitzen wir wieder in der Küche und sind dabei das Frühstück zu genießen. Auf einmal steht er auf mit einem ganz kurzen „Fertig“ und setzt sich an den Computer, schaltet ihn ein und beginnt damit seine Lernprogramme laufen zu lassen. Ich  nehme mir mein Laptop und tue es ihm gleich, nur dass ich wieder mit meinem Text fortfahre. Es dauert nicht lang, bis mein Sohn wieder vor mir steht, er sieht mich an und ich schaue in seine Augen. Es sind die Augen eines sechsjährigen Kindes, doch es sind auch Augen die ganz genau wissen was sie wollen. Würde ich dies ignorieren, weiß ich, schlägt er seinen Kopf an die nächst gelegene Möglichkeit an, fängt an zu schreien, wirft sich zu Boden. Ihn aus dieser Situation wieder zu befreien, kann dauern und geht nur mit viel Ruhe. Wenn ich versuche ihn mit Schokolade oder mit einer anderen Süßigkeit von seinem Anliegen abzulenken, damit ich weiter schreiben kann, passiert das Gleiche, wenn nicht sogar noch schlimmer. Ich muss meine Arbeit liegen lassen und ihn ehrlich und liebevoll fragen. „Was möchtest du, was kann ich für dich tun?“ Er bewegt seine Hände, zeigt mir etwas das ich nicht verstehe. Also frage ich ihn wieder. „Kannst du mir erklären, was dass bedeutet?“ Mein Sohn nimmt mich an die Hand und führt mich zu seinem Computer. Und wieder etwas Neues. Zeichensprache für Taube und Sprachlose. Wieder macht mein Sohn dieses Handzeichen. „Gut“, sage ich, „gehen wir die Zeichen durch!“ Jetzt verstehe ich. Er will etwas zu knabbern und zu trinken, während er am PC sitzt. Ich mach ihm alles fertig und stelle es ihm hin, ein kleines „Danke“ folgt und reicht mir völlig aus.
Die Zeit vergeht, ich fühle mich kaputt, mach mir einen Kaffee und sitze nun wieder am Laptop, meine Frau an meiner Seite. Ihr Lächeln baut mich wieder auf. „Weißt du noch“, sage ich zu ihr,“wie unser Sohn auf einmal ankam und englisch mit uns sprach, dann russisch schrieb und sich in Mandarin versuchte?“ Die Sonne hat mittlerweile den ganzen Berg umarmt, der Blick aus dem Fenster wirkt sehr beruhigend, ich rede weiter ohne auf eine Antwort zu warten. „Wir sind jetzt bei der Zeichensprache angekommen, hab wieder was dazu gelernt. Noch immer sitzt er vor dem PC, aber ich glaube jetzt spielt er, sein lachen klingt zumindest danach.“ Meine Frau stellt sich neben mich und flüstert mir ins Ohr. „Willst du wissen warum er englisch spricht,“ fragt sie mich,“dass hat er mir gestern erklärt. Er findet die Sprache am schönsten!“ Ich atme tief durch und denke mir, natürlich, warum auch nicht. Er schreibt, er liest in vielen Sprachen, er ist gerade sechs geworden. Buchstaben, Zahlen und Farben, so findet er sich in seiner Welt zurecht.
Es gibt Eltern, die beneiden uns, aber doch nur weil sie es nicht wissen. Was ist Autismus? Natürlich kann man die Frage mit Fachbegriffen beantworten, aber sie beantwortet nicht, was der Autismus unseres Sohnes für uns bedeutet. Einfache Hygiene ist jedes mal ein Kampf, noch trägt er Windeln, weil diese für ihn Sicherheit bedeuten. Bis er endlich baden geht, können Stunden voller Diskussionen in sämtlichen Sprachen, bis hin zur Zeichensprache vergehen. Der Gang in die Kita ist ebenfalls nicht einfach. Ständig müssen wir darauf achten, dass er sich nicht selbst verletzt. Auch findet er sich im Straßenverkehr nicht allein zurecht. Urlaub ist für uns undenkbar, denn jede Form eines Tapetenwechsels wird von unserem Sohn nicht angenommen. Nichts davon tut er mit Absicht oder mutwillig, er lebt und denkt in ganz anderen Formen, für viele Menschen wirken diese befremdlich. Doch wir genießen jede Minute in der er zu uns kommt und sich einfach nur anlehnt, uns an seinem Leben teil haben lässt und vor allem auch Liebe schenkt. Wir mussten unser Leben komplett auf unseren Sohn einrichten, haben vieles aufgegeben, aber wir haben auch vieles gewonnen, vor allem gelernt. Es ist wie bei allen Eltern, wir lieben unseren Sohn und wollen das er eines Tages sicher, selbstsicher und mutig durch`s Leben gehen kann. Was wir uns wünschen? Das Autismus nicht nur eine Zahl ist, dessen Wert definierbar ist, denn das ist es nicht. Die Formen sind so vielfältig wie es eben auch Persönlichkeiten sind. Die Gesellschaft soll mutiger werden, sich mehr zutrauen, denn viele Autisten haben ganz besondere Talente, welche sicher mit einer Behinderung einher gehen, aber wenn man die Angst davor verliert, kann man nur gewinnen. Autisten sind keine Zahlen, es sind Persönlichkeiten die im Schatten der Gesellschaft verschwinden, dass muss aufhören.


Anmerkung von SKARA666:

Es ist nach Tatsachen, also bitte keine Rechtschreibbelehrungen oder Klugscheißerkommentare. Bitte verschont mich mit eingebildeter Intelligenz! Danke!

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Kommentare zu diesem Text

Wortfetzen (74)
(29.05.20)
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Wortfetzen (74) meinte dazu am 30.05.20:
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 SKARA666 antwortete darauf am 30.05.20:
Entschuldige bitte. Natürlich interessiert mich die meinung der Leser. Es eben nur so, daß ich nicht die Zeit habe, den ganzen tag am PC zu sitzen und gleich zu antworten.
Wortfetzen (74) schrieb daraufhin am 30.05.20:
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 juttavon (29.05.20)
Beeindruckend beschrieben! Vielen Dank fürs Teilen dieser wertvollen Erfahrungen.

HG Jutta

 SKARA666 äußerte darauf am 29.05.20:
Gerne!

 Dieter_Rotmund (30.05.20)
Es ist die Hölle. Gut beschrieben.

Ein Tatsachenbestand befreit übrigens nicht von der Pflicht, etwas sorgfältig zu machen. Ein Schreiner sagt ja auch nicht: "Der Tisch wackelt und hat Macken, aber er ist ja kein virtueller". Wenn ich das noch gnädigerweise anfügen dürfte, Danke.

Kommentar geändert am 30.05.2020 um 12:14 Uhr

 SKARA666 ergänzte dazu am 30.05.20:
Natürlich darfst Du das! Danke!

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 15.09.20:
Was ist das eigentlich, "eingebildete Intelligenz"?

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 17.11.20:
Hallo?

 Ralf_Renkking meinte dazu am 17.11.20:
z. B., dass Du glaubst, klug zu sein, ich es aber besser weiß. 😂

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 17.11.20:
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