Ein Dreimalhoch

Sonett zum Thema Leid

von  Quoth

Auf eine Winzigkeit, die, tausendfach verleugnet,
gerade schwingt die Keul‘ in Schwarzertodmanier,
ein Virus, das wir uns selbstherrlich angeeignet,
es lebte stillvergnügt in einem Fledertier.

Jetzt mordet‘s hemmungslos, dringt ein in jede Feste,
zerstört die Lungen, Nieren und auch Herz und Hirn,
in Hütten wütet es, verschont auch nicht Paläste,
die Wissenschaft schlägt sich verzweifelt vor die Stirn.

Doch ist der Mensch nicht selbst schon längst sein ärgster Feind,
der maßlos beutet aus den blauen Erdenball,
der tödlich ihn erhitzt, mit Fluten überschwemmt?

Als letztes Warnsignal das Virus jetzt erscheint,
das uns erretten kann vor allzu tiefem Fall
und unsrer Hybris sich mit Macht entgegenstemmt.


Anmerkung von Quoth:

Im Andenken an einen großen Dichter des Barock

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Kommentare zu diesem Text


 Willibald (25.09.20)
Was sind wir Menschen doch? Ein Peinhaus grimmer Schmerzen.

 Quoth meinte dazu am 25.09.20:
War es nicht ein Wohnhaus, Willibald? Mein Lieblingssonett von Gryphius sind "Die Thränen des Vaterlands", ebenfalls in erhaben über alle Not hinwegschreitenden Alexandrinern. Ich habe fünf Empfehlungen für den Text bekommen, bedanke mich herzlich bei allen Empfehlern und bei Noch, die mich gewählt hat. Gruß Quoth

 Willibald antwortete darauf am 26.09.20:
Lieber Quoth, es sollte eine Variation werden: Wohnhaus, Beinhaus, Peinhaus. Und damit auch auf die selbstgemachte Pein eingehen, die dein famoses Sonett thematisiert.
Beste Grüße
ww

Antwort geändert am 26.09.2020 um 12:45 Uhr

 Regina (26.09.20)
Die Frage ist, Warum handelt die Menschheit als Kollektiv so selbstmörderisch?

 Quoth schrieb daraufhin am 26.09.20:
Sicherlich auch deshalb, Regina, weil sie als Kollektiv gar nicht handeln kann, sondern weil ihr Tun immer von Partialinteressen diktiert wird. Die UN sind doch nur ein Schatten ihrer selbst oder sogar eine Ruine. Zu wirklich gemeinschaftlichem Handeln werden wir uns, wenn überhaupt je, wahrscheinlich erst aufraffen, wenn es zu spät ist. FfF macht Hoffnung. Das wäre meine Antwort auf Deine Frage.
Mit Dank für die Empfehlung! Quoth

Antwort geändert am 26.09.2020 um 11:42 Uhr

 Ralf_Renkking (26.09.20)
"zerstört die Lungen, Milz sowie auch Herz und Hirn", sonst wirst Du in diesem Vers der Zäsur des barocken Alexandriners lt. Opitz nicht gerecht.
Apropos Andenken und Alexandriner, Gryphius beste Zeit war mit "Threnen des Vatterlandes", einem Gedicht aus dem Lissaer Zyklus allerdings noch längst nicht angebrochen, ich bevorzuge sein Sonett "Mitternacht". Sowohl dies als auch z. B. "Die Hölle" verdeutlichen, dass Opitzens Einfluss auf ihn völlig überbewertet wird, schon der Lissaer Zyklus orientierte sich an den Vorgaben des Johannes Plavius und Gryphius später intensivierte Bekanntschaft zu Hoffmannswaldau wird ihr übriges zu seiner Entwicklung beigetragen haben. Hoffmannswaldau hatte Gryphius ohnehin voraus, die beiden Frühbarocker Opitz und Plavius persönlich kennengelernt zu haben.
Ciao

 Quoth äußerte darauf am 26.09.20:
Hallo Ralf, Du hast völlig Recht, da stolpert der Vers. Aber warum gefällt er mir trotzdem? Weil von Zerstörung die Rede ist, und da darf er stolpern, das erzwingt Aufmerksamkeit. Finde ich. Und zu perfekte Formerfüllung kann leicht langweilig werden. Ich liebe den Alexandriner, seit ich ihn auf französischen Bühnen gehört habe. Über die Einflüsse auf Gryphius kennst Du Dich besser aus als ich! Herzlich Quoth

 Dieter Wal (26.09.20)
Eine überaus positive Sicht auf das Virus. Bemühe mich, es zu überleben. Hoffen wir, dass möglichst jeder Mensch davon verschont bleibt und alles unternimmt, dass dem sich so verhält.

 Quoth ergänzte dazu am 26.09.20:
Hallo Dieter, Du verwöhnst mich mit Empfehlungen! Vielen Dank dafür. Eine positive Sicht auf das Virus? Nein, aber vielen Katastrophen kann man Gutes abgewinnen, und sei es auch nur, dass sie noch größeren Katastrophen vorbeugen. Gruß Quoth
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