Probleme? Petronius Arbiter weiß Rat: (4) Sirupsüße Disneywelt.

Glosse

von  Willibald

Carl Knörrich schreibt:

Wir haben einen neunjährigen Enkel namens Ulrich. Wir sind “Omi/Opi”  väterlicherseits, mütterlicherseits gibt es das normale  “Oma/Opa”. Ulrich hat nun im Hause von Opa und Oma eine Sammlung von Mickey-Maus-Heften entdeckt und schmökert darin Stunden und Tage. Mir ist das gar nicht recht.

Viele Deutsche meiner Generation  sind schon vom  Kindesalter  an mit Disneys nahrhafter, aber zuckerhaltiger Milch gefüttert worden; für sie sind Mickey, Minnie und Donald, Dagobert, Tick, Trick und  Track  und wie sie alle heißen, Teil eines kollektiven Unterbewusstseins. In Anlehnung an die puritanische Vision der "Stadt auf dem Hügel" (“for wee must Consider that wee shall be as a City upon a Hill, the eies of all people are uppon us”; John Winthrop) machte sich Walt Disney daran, einen geschützten Bereich imaginativer Unschuld zu schaffen, ein feines Reich mit weißen Lattenzäunen und Apfelkuchen, in dem die Nachbarn nachbarschaftlich sind und die Amerikaner von Natur aus gut.

Seit Jahrzehnten hat sich in Disneyfilmen das Disney-Thema kaum verändert: Ein mutiger Held oder eine Heldin mit eingebautem moralischen Kompass macht sich auf den Weg, um das Böse zu bekämpfen und findet dabei innere Stärke und/oder Liebe.

Wie weit ist das doch von der amerikanischen Realität entfernt! Disney taucht die Realität in einen utopischen Sirup aus niedlichen, pelzigen Tieren und Happy Ends, keine echten menschlichen Reaktionen, keine Komplexität, vielmehr ein hartnäckig eigennütziger Optimismus und dazu eben das gar nicht mehr latente  Bild eines Amerikas, zu dem andere Nationen aufschauen. 

Es wäre gut, wenn Sie Opa und Oma und auch den Eltern von Ulrich nahelegen, auf diese Art der Wirklichkeitsverbrämung und Installation eines amerikanischen Ideals ganz zu verzichten oder doch dem Kleinen zu zeigen, wie weit die Realität von dieser Zuckerwelt entfernt ist.



Petronius Arbiter schreibt:

Nun auch hier will ich recht deutlich sagen, dass Ihre Meinung  kaum überzeugen kann. Welches Kind weiß nicht, dass Märchen Märchen sind? Und wenn Märchen das Gute predigen, ist dann das Gute nicht mehr gut? Außerdem muss ich gestehen, dass eine Figur des Disney-Kosmos wie Donald Duck mir schon als Knaben viel Spaß und auch Erkenntnis geliefert hat.

Zum einen ist er den Knabenneffen ziemlich unterlegen, denn sie können ihn immer wieder austricksen und unterminieren so die Autorität von Erwachsenen, machen dabei aber doch in ihrer Fürsorglichkeit und Gewandtheit klar, wie sehr sie ihre Erzieher schätzen – trotz aller Streiche, die sie ihnen spielen und trotz der Beschränktheit, welche die Erzieher aufweisen. Also keine mutigen Helden und Heldinnen. Im Schrank von Oma und Opa finden sich eben nicht so saccharinhaltige Figuren wie Mulan oder Mary Poppins oder Pocahontas.

Nein, die Donaldfigur ist zutiefst menschlich, fehlerbehaftet, aufbrausend, komisch, liebenswert. Das alles stiftet den kleinen Frieden, den die Generationen so nötig haben.

Ray Brandhorst kommentiert:
Ja, so ist es. Ray Bradbury ist nicht weit von der Wahrheit entfernt, wenn  er behauptet: "Disney befreit die Menschen zu ihrem besseren Selbst."

Walter Spielhahn kommentiert:
Brandhorst
Sind Donald und seine Neffen nicht Kannibalen? Zu Weihnachten essen sie Truthahn, verzehren also einen Artgenossen. Gar nicht gut.

Severin Wahrig kommentiert:
Spielhahn
Wieso Kannibalen? Die Ducks sind Enten und essen einen Truthahn.
Wir sind  als Menschen doch Säugetiere und essen Schweine, auch Säugetiere. Sind wir deshalb Kannibalen?
Nur wenn man seine eigene Art isst, dann ist man Kannibale.

Beate Schwarzer kommentiert:
Was mich einmal interessieren würde: Warum heißt Donald Duck überhaupt Duck, viele  andere Disneyfiguren tragen  deutsche Namen, wie Gustav Gans (Gladstone Gander), Franz Gans (Gus Goose), Klaas Klever (John Rockerduck) oder Rita Rührig (Emily Quackfaster). Und die viel  gerühmte Doktor Erika Theodolinde Fuchs nennt sich ja auch nicht Mrs. Fox. Und die Geräusche, die Carl Barks im Original englisch lettert, die sind auch eingedeutscht: KLOMP, PENG, MUH, TRAP, SCHNARCH, SOS, BIFF-BAFF, TRÖÖÖÖT, SCHNÜFF.
Ich kenne auch einen Alpenbesuch Donalds in der österreichischen Republik und da finden sich so schöne Lexeme wie  „Gfraaster, Glumpert, Schwammerl, Depp, heintztag, Tschuperl, Leiwand“.
Jessas, des is a Hetz!


Kommentare zu diesem Text


 LotharAtzert (20.05.21)
Lieber Willibald. (wann eigentlich genau?)
Das hat mir gut gefallen. Schade nur, daß "hoppel-galoppel" nicht erwähnt wird. Ich fand das damals als eines Aufschreis würdige Wortwahl für eine überstürzte Flucht von Vierfüßlern.

Ihr sehr ergebener Ätznatron

 Willibald meinte dazu am 20.05.21:
Oh wie fein!

Dann darf ich mich nicht lumpen lassen, auch auf die Gefahr hin, dass es überbordend wird: DUNK; SASS;WARK; FIFF; FUFF; GLUBB; HUST; SCHNAPP; TROPF; ÄCHZ; KRATZ; MAMPF; KLIRR; HUSCH; GAZONG; PLITSCH; SCHNARSCH.

Bewundert viel und nie gescholten sei diese Übersetzerin auf immerdar!

 Graeculus antwortete darauf am 20.05.21:
Unvergessen auch dies: Donald nimmt an einem Preisausschreiben um den besten Werbespruch teil. Er bzw. Frau Dr. Fuchs dichtet:
Wer keine weiche Birne hat,
Kauft harte Äpfel aus Halberstadt.

 Willibald schrieb daraufhin am 20.05.21:
Oder ein von den Neffen untergeschobenes Liebesgedicht an Tante D.: "Und Kartoffeln haben Augen/sind wie Deine anzuschaugen." In der Geschichte geht es um die Brieftaube Turbodüse.
Vale

Antwort geändert am 20.05.2021 um 19:34 Uhr

 Graeculus äußerte darauf am 20.05.21:
Tatsächlich: "anzuschaugen". Da habe ich schon als Kind gestutzt.

 Willibald ergänzte dazu am 20.05.21:
Eine schöne Geschichte. Ähnlich schön der Ritter im Eisenbeiss-Horizont und das dortige Süssholzraspeln.

Antwort geändert am 21.05.2021 um 10:29 Uhr
LARK_SABOTA (37)
(20.05.21)
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 Willibald meinte dazu am 20.05.21:
Liebe Geschwister Sabota,
das ist eine schwierige Problemlage, eine sehr schwierige. Da ist guter Rat teuer und keinesfalls schnell zu erteilen. Wie auch immer: Die Eloquenz des Schreibens spricht sowohl für einen feinen genetischen Code als auch für eine profunde Ausbildung.
Vielleicht weiss hier im Adressatenkreis schon einen ersten Rat?

 AchterZwerg (20.05.21)
Herrn Arbiter

Diesmal, verehrter Herr Arbiter, mangelt es ein wenig am wissenschaftlichen Beiprogramm.
Denn es geht in der Abenteuerreihe Mickeymäusischen Zuschnitts keineswegs um Sirup ./. Blutwurst, sondern um die Feinheiten Entenhausener Basissituationen, die auf uns alle übertragbar sind. Und keineswegs nur im Lande der Yanks!

Als Basislektüre empfehle ich das Werk eines gewissen Grobian Gans: "Die Ducks – Psychogramm einer Sippe, eine Analyse der Bewohner Entenhausens, darunter Dagobert Duck, Donald Duck, Tick, Trick und Track, Gustav Gans und andere."

Dieses Buch gilt zu Recht als bahnbrechendes Frühwerk des Donaldismus und seiner Folgen und wird viele Ihrer Fehleinschätzungen ad absurdum führen.
Von Sirup oder anderen Süßstoffen ist übrigens an keiner Stelle die Rede!

"Viele von Gans’ Thesen werden allerdings von der neueren donaldistischen Forschung als überholt gewertet." so die FAZ in ihrem heutigen Feuilleton, indes handelt es sich in diesem Standardwerk gleichzeitig um eine amüsante Satire auf die sog. kritische Theorie der Frankfurter Schule.

Haben Sie eigentlich in Bielefeld studiert? Das würde einiges erklären ...

 Willibald meinte dazu am 20.05.21:
Lieber 8.,

wir sind uns völlig einig, dass BarksFuchsDonald in keiner Weise in die Sirupzuckerwelt eingeschrieben werden darf, welche dieser leicht alliterierende Carl Knörrich anspricht. Die Ducksippe ist famos. Selbstmurmelnd.

Übrigens darf ich mit Freude versichern, dass das adornonahe Werk gleich bei Erscheinen in meinen Fundus wanderte und dass es Seitenknicke und Bleistiftanmerkungen zuhauf aufweist.

Mit kollegialen Kennergruss (*alliterier*) an den Kenner/ die Kennerin.

Die Bielefelder Usancen sind mir halbwegs bekannt.

Vale

Antwort geändert am 20.05.2021 um 21:05 Uhr
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