Erscheinung auf dem Radwanderweg

Gleichnis zum Thema Visionen/ Vorstellungen

von  eiskimo

Es war im frommen Burgund, auf einem der vielen Pilgerwege von Vézelay nach Santiago de Compostella, kurz hinter Saint Gengoux, da, wo es zum ökumenischen Jugend-Wallfahrtsort Taizé geht – dort genau traf ich sie, etwas verloren auf jenem Radwanderweg „Véloroute verte“, der da einsam zwischen den Weinbergen verläuft.
Ich sah sie schon von Weitem, hellgekleidet, blond, auf der einen Seite ein teures Handtäschchen, auf der anderen der champagnerfarbene  Rollkoffer, den sie da gekonnt vor sich her schob. Unwillkürlich hörte ich auf, in die Pedale zu treten. Klar, ich staunte!  In Erwartung meines Blickes ein diskretes Lächeln, ein makelloses Gesicht.
Ihr Outfit, ihr Parfum, das versetzte mich sofort weit weg:  Airport-Ambiente. Departure-Gate. Sie, das Top-Model, das zum nächsten Shooting düst, zum nächsten Set. Kurz: Eine Außerirdische.
Jedenfalls hatte diese Begegnung da auf dem Radweg so etwas von einer wundersamen Erscheinung – Madonna!
Tagelang hatte ich nur verschwitzte Radfahrer gesehen, ab und zu auch mal Pfadfinder mit Rucksack und Isomatte, abgewetzte  Pilgerfolklore – und jetzt... Sie!
Wäre es die Jungfrau Maria gewesen, züchtig in eine Kutte gehüllt, Mephisto-Wanderschuhe, verklärter Blick zum Himmel, da hätte ich natürlich angehalten, wäre vielleicht spontan auf die Knie gefallen, um ein paar persönliche Worte bittend .
Aber hier, hinter Saint Gengoux, kurz vor Taizé, das war nur eine Claudia Schiffer in jung! Teure Klamotten, perfekt gestylt, irgendwie unnahbar, mit souveräner Coolness und ihrem Trolley sozusagen als Symbol von Bedeutsamkeit.
Natürlich radelte ich stumm an ihr vorbei,  total desinteressiert tuend, stoisch.  Solche Frauen haben keine Mission. Sie können mir auf meinem Pilgerweg nicht weiterhelfen, dachte ich geringschätzig.
Aber dann schaute ich mich doch noch einmal nach ihr um, sah, wie sie weiter auf diesem einsamen Radweg irrlichtete, und – Lieber Gott! Sind deine Engel neuerdings von Dior aufgepeppt? Oder ist das vielleicht nur queere Verkleidung, vielleicht das kleine entscheidende Hindernis zur Wahrheit? 
Und ich bereute, dass ich mich von dieser teuren und allzu hübschen Maskerade hatte fehl leiten lassen . Inzwischen bin ich sogar noch weiter und sage: Wie dumm, wenn man nur wahrnimmt, was einem in den Kram passt!

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Kommentare zu diesem Text


 Létranger (27.08.21)
Wohin man sieht - in allen Richtungen - Kopfkino, sogar Openair .

Gruß Lé.

 eiskimo meinte dazu am 27.08.21:
Oh ja! Rollkoffer transportieren tolle Bilder!
LG
Eiskimo

 Dieter_Rotmund (27.08.21)
Gerne gelesen, aber:

Handtäschen - > Handtäschchen

"champagnerfarben" ist ein Adjektiv.

"Mephisto-Wanderschuhe" - was ist denn das?

Kommentar geändert am 27.08.2021 um 11:56 Uhr

 eiskimo antwortete darauf am 27.08.21:
Danke.
Besagte Schuhmarke liefert hochwertige und teure Wanderschuhe, sie sehen aber stets nach alte Frauen aus...

 AchterZwerg schrieb daraufhin am 28.08.21:
Wer nicht mal Mephisto kennt ... also werklisch! :D

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 28.08.21:
Die Toughen tragen Hanwag.

 AchterZwerg (28.08.21)
Also,
ich finde eine Madonna mit Rollkoffer super!
Darin kann sie die Sünden der Reuigen transportieen und hat es einfach leichter bis zur Fürbitte.
Mein Rat: Lass dir das patentiere, Eiskimo!

)

 eiskimo ergänzte dazu am 29.08.21:
Danke! Mich hat dieses Wesen auch total inspiriert.... leider erst im Nachhinein.
reuige Grüße
Eiskimo
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