Würde ich jemals auswandern?

Essay

von  Quoth


Auswandern – was für ein Donnerwort! Wer auswandert, gehört zu denen, die in aller Armut die Hoffnung nicht verloren haben. „Irgendwo auf Erden muss es doch einen Platz geben, wo wir von unsrer Hände Arbeit leben können!“ So oder ähnlich spricht der verzweifelte und von Hunger und Armut niedergebrochene Mann zu seiner Frau, Mutter schon viel zu vieler Kinder. Mit Sack und Pack ziehen sie zum Hafen, wo ein Auswandererschiff ihrer wartet. Ja, es wartet – auf sie! Zum ersten Mal in ihrem Leben werden sie erwartet, und frohgemut besteigen sie das enge Holzgehäuse, durchleiden tapfer die lange Überfahrt – und kommen an in der Neuen Welt! Denn Amerika ist es, das am Ende einer Auswanderung steht, und zwar Nordamerika mit seinem dem unseren nahekommenden Klima. Welch ein bewegender Moment, wenn die Freiheitsstatue mit ihrer Dornenkrone am Horizont auftaucht! Die Zurückgebliebenen erhalten den ersten Brief: „Wir sitzen auf Ellis Island und lassen die Einwanderungsprozeduren über uns ergehen. Wir sind guten Mutes, für die Kinder wird gesorgt, sie haben satt zu essen und können den ganzen Tag mit anderen Einwandererkindern spielen.“ Aus den Auswanderern sind Einwanderer geworden. Die großen, vornehmen Vereinigten Staaten prüfen genau, wen sie hereinlassen. Es müssen zuversichtliche, arbeitswillige Menschen von gesunder Lebensauffassung sein. Zottelhaarige Landstreicher, geschlechtskranke Tagediebe, kurz: arbeitsscheues Gesindel wird zurückgewiesen. Soll es doch im alten Europa bleiben und dort zur weiteren Verlotterung der Sitten beitragen! Eines Tages dann stehen unsere Einwanderer in New York. Haben sie eine Adresse, an die sie sich wenden können? Ja, in einem Hochhaus im siebzehnten Stock wohnt eine gütige alte Frau, die hilft ihnen. Sie hat Verwandte draußen im Mittelwesten, wo meilenweit der fetteste Weizen wächst, dorthin schickt sie unsere Familie, die auf der Farm eines gewissen Mr. Kellogg zuerst nur arbeitet, sie nach seinem Tod aber übernimmt …

 

Werde ich auf diese Art und Weise jemals auswandern? Nie! Denn ich bin kein Bauer oder Bauernkind, und selbst als Bauernkind würde ich einen Beruf ergreifen wollen, der mit Lesen und Schreiben mehr zu tun hat als der moderne Bauernberuf. Gesetzt den Fall, ich werde auch nur Lehrer – welche Chancen habe ich dann in den USA? Ich werde in New York bleiben müssen, weil ich dort noch am ehesten Gelegenheit finde, einen privaten Deutschkurs oder etwas Ähnliches zu geben. Was für ein Hungerleiderleben käme auf mich zu! Meine Familie, falls ich eine hätte, würde bald nichts mehr zu beißen haben. Aus großen Augen würde der Hunger mich anschauen, wenn ich nach Hause käme, und um das nicht sehen zu müssen, würde ich zur Flasche greifen. Da wir nur noch ein billiges Loch statt einer Wohnung uns würden leisten können, würde ich in einem Armenviertel unter Huren und Schwarzen leben. Die eigene Frau müsste ich auf den Strich schicken, und meine heißgeliebte Tochter würde dem Vorbild ihrer Mutter schon mit vierzehn Jahren folgen. Wo hätte das ein Ende? In einer chinesischen Opiumhöhle? Nein, ich fürchte, meine Endstation wäre noch niedriger, noch schlimmer. Ihr Name wäre Sekte. Geheilt von unseren Lastern, würden wir dort in ekstatischen Gebeten unsere Verzweiflung betäuben und einem Tod in Lüge und Heuchelei entgegenvegetieren. Ist nicht die Sekte oft die letzte Ausrede der Hoffnungslosen? O, vielleicht würde ich als Lehrer dort sogar glänzende Beredsamkeit entwickeln und als hochbezahlter Erwecker durchs Land reisen! Karrieren aller Art und Güte sind in Amerika ebenso möglich wie wahrscheinlich. Deshalb, wenn ich es in Restdeutschland mit seinem gespaltenen Hirn eines Tages nicht mehr aushalte, o ja, dann werde ich auswandern ins Vaterland Poes, Whitmans, Emersons und Thoreaus.

Aber ich werde New York so schnell wie möglich hinter mir zurücklassen und die Westküste des Landes aufsuchen. Dort, wo die Golden-Gate-Bridge sich elegant und wehmütig durchs Abendrot schwingt, blüht mein Glück. Ich werde als begabtester Hauslehrer aller Zeiten in einer vornehmen Zeitung inserieren: „Nur ernstgemeinte Angebote bei bester Dotierung unter Chiffre soundso...“ Während ich auf die Angebote warte, trinke ich in einer herrlich blitzenden und glänzenden Bar ein paar cocktails. Der Barkeeper zwinkert mir zu, während er routiniert den shaker schüttelt – da bewegt sich der rote Vorhang hinter ihm, sein Gesicht verzerrt sich, der shaker entfällt seiner Hand und zerschellt, der keeper aber sinkt zu Boden und reißt den Vorhang mit sich herab, der mit einem Messer an seinen Rücken geheftet ist. Ich bin Zeuge, und auf Grund meiner Beschreibung des Täters, den ich im Spiegel gesehen habe, wird er gefasst. Auf meinen Wunsch stellt mir die Polizei ein Zeugnis aus: „Mr. Ironplight ist zur privatdetektivlichen Betätigung bestens geeignet.“ Unter den Angeboten befindet sich das eines Pressezaren namens Kane. Er will mir für monatlich zehntausend Dollar seine Kinder anvertrauen, darunter das reizende Töchterchen Eleanor. Heißt das den Bock zum Gärtner machen? Bin ich ein Abälard? Ist sie eine Héloise? Wir wollen es nicht hoffen. Bei der Vorstellung gefällt besonders mein unüberbietbar hochmütiges Auftreten, das die sofortige Verdoppelung des Salärs bewirkt. „Ach, Mr. Ironplight, Sie gefallen mir allzugut!“, seufzt der gramgebeugte Vater, „aber, aber, aber ...“ „Ich gehe.“ „Aber nein doch, ich will Sie ja nehmen, aber ...“ „Was kann ich noch für Sie tun?“ „Sehen Sie, in unserem Lande steht nichts so sehr in Blüte wie das Verbrechen! Wussten Sie das schon? Nein, Sie wussten es noch nicht, ich sehe es Ihnen an, Sie sind ein Mensch, der ans Gute im Menschen glaubt, wie es sich für einen ordentlichen Pädagogen gehört. Bei uns aber kommt aus Gründen, die man unter dem Begriff American Way of Life zusammenfasst, das Böse im Menschen besonders wirksam zur Geltung mit der Folge, dass ein reicher Mann wie ich schlaflose Nächte verbringt aus Angst, eins seiner Kinder könne gekidnappt und zum Hebel bösartigster Erpressung werden. Ich brauche deshalb einen Hauslehrer, der nicht nur ein glänzender Erzieher, sondern zugleich ein begabter Privatdetektiv ist.“ Man kann sich denken, dass ich auf diese Einlassung wie zufällig die Tasche meiner in Pfeffer und Salz gehaltenen Weste greife, ein Papier hervorziehe, es zerstreut, als wüsste ich nicht mehr, was es enthält, durchfliege und dem zitternden Vater reiche. Resultat: Mr. Ironplight wird von einem der reichsten Männer Amerikas umarmt, sein Salär in schwindelnde Höhe hinaufgeschraubt, kurz, sein Glück ist gemacht, und er ist heute, wenn ich recht informiert bin, mit Eleanor Kane vermählt und wohnt in der Burg Neuschwanstein, die gerade von Bayern auf einen Hügel bei Santa Monica verpflanzt wurde.



Anmerkung von Quoth:

Fantasien eines 16Jährigen Mitte der 50er Jahre.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (16.06.22, 12:14)
Eine dieser Fantasien muss ich angreifen. Nur weil der Protagonist nichts Anderes arbeiten möchte als "schreiben, ggf. Lehrer" sein, würde er Frau und Tochter
als Prostituierte arbeiten lassen. Würden die das wollen?
Aber ich glaube es hier mit häufiger Realität zu tun zu haben. Denkt man an frühere Auswanderungswellen, blieben viele auf der Strecke.
Interessanter Text, der viele Seiten beleuchtet.
LG
Alma Marie

 IsoldeEhrlich meinte dazu am 16.06.22 um 12:28:
Sehr viel Hochmut und Voreingenommenheit für einen Sechzehnjährigen.

Wie es auch als Lehrer hätte sein können (auch unter schwersten Bedingungen) hat Frank McCourt in 'Tis und Teacher Man beschrieben. Leicht war Auswanderung früher nie, aber wer wirklich arbeiten wollte, hat es auch geschafft.

Antwort geändert am 16.06.2022 um 12:32 Uhr

 Quoth antwortete darauf am 16.06.22 um 16:22:
Vielen Dank, AlmaMarie, für Kommentar und Empfehlung. Ja, Eduard Eisenpflicht fantasiert sich nur die extremen Verläufe zusammen, Scheitern oder Triumph, dass es auch die Mitte zwischen beidem gab, dürfte er geahnt haben. Gruß Quoth

 Quoth schrieb daraufhin am 16.06.22 um 16:29:
Hallo IsoldeEhrlich, ja ein besonders vorbildlicher Charakter war der jugendliche Autor leider nicht, und die Bücher von Frank McCourt erschienen 50 Jahre später ... Danke für den Kommentar! Quoth
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