Die Schönheit der Perfektion

Text

von  Bergmann

In

Klasse 10B des St. Michael-Gymnasiums Bad Münstereifel inszeniert mit ihrem Klassenlehrer Ulrich Bergmann „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder.

 

Nach einer nicht gerade berauschenden Premiere mit vielen Patzern und Texthängern, die den ersten Akt fast total in den Sand setzten, steigerte sich die 10B, von ihrem Lehrer liebevoll und zugleich kritisch als „Ensemble der verpeilten Talente“ bezeichnet, zu einer nicht mehr für möglich gehaltenen Leistung.

„Die Premiere lief so gut wie eine sehr schwache Generalprobe. Na ja. Immerhin. Ich hatte Schlimmeres erwartet. Die letzte Durchlaufprobe war ja die reinste Katastrophe. Immer wieder fehlten in den Proben die Schauspieler, weil sie ihre Berufstätigkeit primär sahen. Die Schule ist zweitrangig geworden. Meine Schüler arbeiten hauptsächlich für Geld. Is so! ... Jedenfalls: Die Souffleusen leisteten Schwerstarbeit. Das änderte sich dann, jetzt sind sie fast arbeitslos." 

 

In der zweiten Aufführung am Freitag zeigten die Schüler, dass das so nicht stimmt. Die zweite Aufführung war die Geburt des Idealismus. Jetzt klappte alles. Alles. Fast alles. Also eigentlich klappte alles. Bergmann war begeistert: „Ja. So habe ich mir das Stück vorgestellt“, sagte er.  

 


 

Erster Akt

 

„Der Hahn!“, sagt B., „ich höre den Hahnschrei! Die Technikerinnen haben’s geschafft. Gut. Ah, da ist Anne. Sie spricht gut. Schön laut. Selbstbewusst. Mann, bin ich froh, dass die zur rechten Zeit wieder gesund wurde. Gut, wie sie da auftritt. So eine zierliche Person. Aber sehr präsent. Die hält den ganzen Ersten Akt zusammen. Schön ihr mimischer Kommentar – ich liebe diese Stelle, wo Mrs. Gibbs mit Myrtl Bohnen rupft, da mimt Anne richtig intelligent rein. – Exakte Beleuchtungs-Wechsel. Das gefällt mir. Heute klappt alles. Vor zwei Jahren, als wir CURRYWURST MIT POMMES spielten, war Jamila total verpeilt, aber jetzt haut ja alles hin! Und Katharina kriegt auch alles auf die Reihe. In der Premiere vor zwei Tagen fehlte das Buch mit allen Zahlen für die Beleuchtung, aber jetzt ist alles auf seinem Platz und die beiden arbeiten mit einer erstaunlichen Ruhe, fast möchte ich sagen Routine. 

Jetzt tritt Kyra auf. Wahnsinn! Wie die spielt! Sie ist voll in die Rolle reingekrochen! Ich bin begeistert. Sie hat ihre Rolle voll ausgestaltet. Klare Sprache. Mimik absolut passend. Alle Sätze richtig intoniert. Manchmal sieht man da schon, wie Kyra in dreißig Jahren sein wird. Sie hat sich mit ihrer Rolle wirklich auseinandergesetzt. 

Dr. Gibbs. Was für eine Steigerung. Florian spielt auf einmal tatsächlich den Ehemann seiner Frau in Wilder’s Stück. Sie führt, sie relativiert ihn, sie macht das gut. Aber er hält mit. Gute Szene. 

Jan spielt ernst. Das macht er gut. 

Da! Nelly. Die Anwesenheit ihres Clans stört sie überhaupt nicht. Sie spielt völlig unverkrollt. Hält voll drauf.  Nelly war vielleicht die erste, die über ihre Rolle nachdachte und sie dann voll ausspielte. Eine energische Mutter. Huch, da lächelt sie verbotenerweise über sich selbst. Vorbei… Das pantomimische Spiel! Sehr abwechslungsreich! 

Da kommt Laura, endlich zieht sie ihre dumme Kuh voll energisch auf die Bühne – von einem gigantischen Muh begleitet, das so nur Caro herausbringt. Da steht die Kuh. Dr. Gibbs fasst mit allzu zärtlicher Hand nach ihr, greift aber irgendwie über die Kuh ins Leere… Naja, er hat keine Erfahrungen mit Kühen. Ich wüsste zu gern, was Florian nebenberuflich so macht, vielleicht hat die Handbewegung damit zu tun.

Da läuft Paul zum Frühstück in die Stube! Idealbesetzung! Schön sitzt er da auf seinem Stuhl in der Familie – auch als Toter, wo er mit ernster Mine dreinblickt – da sieht er dann viel älter aus. 

Rebecca – so ein süßes Biest! Petra spielt diese leicht hysteroide Rolle perfekt, bis ins Kleinste durchdacht, immer wieder ärgert sie ihren größeren Bruder mit Händen und Füßen. Sie hätte eine gute Emily sein können, denke ich. 

Emily! Da kommt Maija. Schöne, mädchenhafte Haltung! Noch nicht ganz verlernt. Steckt vielleicht in jeder Frau drin, diese naive Tour, mit der sie uns Männer bezirzen. Die 10B hat ja bekanntermaßen eine ganze Reihe hübscher und ausdrucksstarker Mädchen. Bin froh, dass wir so eine Emily-Palette bieten können. Sie sind auch alle vier gut verteilt auf die drei Akte. Felicitas gefiel mir bei der Premiere auch sehr gut. Obwohl sie fast nie geprobt hatte. Aber das Zusammenspiel mit David stimmte. Maija ist aber heute überraschend süß. Hat sich in den Proben zurückgehalten. Aber jetzt ist der Schmelz da, den ich mir wünschte. Wunderbare Zöpfchen. Die haben was. 

Oh, Simon als Mr. Webb, ßeimen sprrricht den Äkzent gerrrade rrrichtig, nicht zu stark und nicht zu wenig, ich wurde in der Pause sogar gefragt, ob er Deutscher ist. Ein sehr präsenter Mr. Webb! Groß und sehr väterlich. Voller Humor. Starke Stimme. Tritt groß auf. Perfekt.

Jetzt baut sich der Chor auf – monatelang das größte Sorgenkind unseres Theaterprojekts. Aber schon bei der Generalprobe zeigte sich, dass der Chor das Potential hatte, zu einem Schmuckstück unserer Inszenierung zu werden. Und so ist es nun auch! Jetzt, wo der Chor das Lied richtig schön singen kann, macht auch der Einfall, zu Beginn ganz schräg zu singen, Sinn. Ich freue mich schon auf die nächste Aufführung, wenn dann der Chor wieder singt. Tom dirigiert endlich – und die Leiter davor mit George und Emily macht sich auch gut. Sehr gut gefallen mir die schnellen und fließenden Szenenwechsel. Davids „Pssst!“ kam wunderbar und es entstand eine authentische Verliebtheits-Atmosphäre. Überhaupt sind die Leiter-Szenen sehr stimmungsvoll. Warren – Graf Trenz steht die Uniform richtig gut, sie hält ihn gut zusammen! – fügt sich gut ins Spiel ein und ich bin nun zufrieden mit ihm. 

 

Zweiter Akt

 

Corinna und Natascha setzen die Idee des doppelten Spielleiters überzeugend um.  Corinna fällt fast vom Tisch, so sehr setzt die Rivalin ihr zu. Jetzt wird beim Umeinandergehen die Idee des circulus vitiosus versinnlicht. Sie sprechen beide keck, etwas forsch und frech. Thornton Wilder hätte seine Freude an unseren vier Spielleitern gehabt! Auch theoretisch ist das stimmig! 

Veronika gibt eine ernstere Mrs. Webb als Nelly, sie wirkt jetzt echter als in den Proben, auch die sanfte Herzlichkeit wird nun spürbar, die ich mir immer wünschte. Gutes stilles Spiel. Nur die Zeitung gefällt mir nicht, da war das pantomimische Halten einer imaginären Zeitung besser und stückgemäßer. 

Serena-Carolenes kurzer Auftritt hat Schwung. Das Muh der Kuh müsste an der Stelle ein anderer übernehmen. Ich finde, wenn die Kuh kommt, muss immer ein Muh mitkommen. 

 

Jetzt die Szene Mrs. und Mr. Gibbs. Das läuft gut. Kyra bietet hier sprachliche und gestische Kabinettstückchen, Florian hält gut mit und hat auch seine starken Stellen in dieser Szene – zum Beispiel, wenn er in den Toast beißt. 

Simon und David agieren grandios in der Szene ganz unter Männern, während Spielleiterin Natascha im Hintergrund gähnend ßeimens Ratschläge kommentiert, ein trefflicher Einfall – es ist erstaunlich, wie so junge Leute das vorwegnehmen können, was sie vielleicht nur mit anderen Worten selber mal sagen werden. Vielleicht hat der ein oder andere heute doch erkannt, wie sehr dieses Stück ihn selbst in archetypischen Situationen spiegelt, und wie das alles in uns angelegt erscheint. Wir verstehen die Liebe ja auch schon, bevor wir sie wirklich erfahren, die Trennung vor der Trennung, den Tod vor dem Tod. Das ist eine geheimnisvolle Idee dieses Stücks…  

Die Szene vor und in der Eisdiele gehört zu den stimmungsvollsten des Stücks, finde ich. Wir sehen eine wunderbare Emily, erst in ihrer mädchenhaften Frische bei der Verabschiedung von den Freundinnen, dann im Gespräch, wo sie George kritisiert und gekonnt in Weinen ausbricht (bitte noch drei Sekunden länger schmollen!), schließlich schmilzt sie dahin mit schmachtenden Blicken, als George ihr seine unbedingte Liebe erklärt. Ob David voll schnallt, was George da sagt? Egal, er macht das gut, der Junge strahlt gut, hat enorm viel Charme, wenn er dabei unbefangen bleibt. Ich wünschte mir die Unterhaltung beim Eisessen allerdings etwas langsamer gespielt, damit die Atmosphäre der Ewigkeitsliebe noch dichter wird.  

Auch ein Bravourstück ist Corinnas Auftritt als Platt sprechende Bedienung in der Eisdiele (eigentlich Drugstore). 

 

Die Hochzeit bietet eine Reihe hübscher slapstickartiger Events: Die drei Buben treten gewaltig auf. Und können variieren! (Johannes: „Du Stecher!“). Sehr gut gefallen mir die symmetrisch angelegten Unterhaltungen: George mit Kyra die hier ein weiteres Mal brilliert! Auch ihr Weinen ist perfekt gespielt. Hier könnte David, der seine Rolle im Ganzen hyper performiert, noch etwas ernsthafter spielen. Simon wirkt als betreuender Vater sehr stark im Spotlight der Vereinigungsszene. 

Die Hochzeit! Eva (tolles outfit!). Katharina März als Mrs. Soames bietet Komödiantisches vom Feinsten – sie zeigt, wie man aus einer kleinen Rolle etwas Tolles machen kann. Das zeigt auch Sandra, wenn sie dem Hochzeitspaar ein Beinchen stellt und die Rosenblüten verächtlich auf und hinter das Paar wirft. 

Dann der Kuss – wunderbar! Aber Natascha darf nicht so schnell durch das Paar schreiten, bitte warten! Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Dann erst. 

 

Dritter Akt

 

Die Musik in der Übergangspause zum dritten Akt ist fein gewählt: „Ruska“ von APOCALYPTICA passt ideal zum Stück. Überhaupt gefällt mir die sparsam eingesetzte Musik. (Allerdings leicht störend in der Stille des Friedhofs ein elektronischer Handy-Gesang – aus dem Jenseits?) Die Bühnenwirkung mit den auf den Stühlen ganz in Weiß sitzenden Toten ist optimal (m. E. bringt die Nebelmaschine nicht so viel und könnte von mir aus auch fehlen). Die Toten sind in kurzer Zeit ausgezeichnet geschminkt. Das allmähliche Auftreten der Toten, das von Zuschauern der Premiere gelobt wurde, finde ich besser (auch dramentheoretisch angemessener). 

In dieser stillen Szene stören hin und wieder Geräusche und Unterhaltungen im Kellerflur. Schön dagegen der an der Tür ins Freie nach innen sich wölbende wehende schwarze Vorhang! (Nicht ganz so schön sieht eine dort auf dem Boden liegende leere Plastikflasche aus.)

Eva und Aude spielen mit schönem Ernst. Aude, unser Gast aus der Bretagne, spricht gut ihre Rolle als Jolina Stoddard. Eine Französin mit einem akzentfreien H! 

Die Trauergemeinde tritt gut auf – ich sähe nur gern ein paar schwarze Schirme mehr. 

Marie ist eine wunderbar ruhige und intensiv auftretende Emily, sie strahlt Ernst aus, sie spielt alles sehr genau, artikuliert die Worte in einem weiten Spektrum – von leiser Trauer bis hin zur pathetischen Gebärde. Herausragend. Wenn sie dem Grab entsteigt, entsteht eine großartige Stimmung – noch ein Weiß kommt hinzu, Weiß ist in manchen Kulturen die Farbe des Todes, bei uns sie ist die Farbe des Festes, der Reinheit. Marie trägt, wie schon Kristina ein tolles Brautkleid. Die Toten schauen gut in unsere Welt hinein, sie sprechen in neutraler Stimmungslage. Tom hat hier seinen besten Part. Noch einmal räsonniert der Pessimist und wird von Kyra zurechtgewiesen. 

Last, not least: Lukas. Ich bin beeindruckt von seinem Spiel als Spielleiter im dritten Akt. Das ist eine souveräne Leistung. Die Stimmlage, die zwischen einem gewissen Pathos der Lebensbejahung, gleichzeitig einer vollkommenen Distanz und einer leichten Melancholie hin und her schweben muss, trifft Lukas voll. Mit gemessenen Schritten misst er noch einmal den ganzen Raum des Theaters aus, den Raum der Welt. 

 

-




Anmerkung von Bergmann:

Ein paar Daten: 
Das Stück dauert mit der knapp 15-minütigen Pause nach dem ersten Akt und der kurzen Umbau- und Schmink-Pause nach dem zweiten Akt – jeder Akt dauert ungefähr eine halbe Stunde – insgesamt 110 Minuten. Das ist absolut abendfüllend. 
Einnahmen: Zur Premiere 315 € (der Theaterkeller war brechend voll, Herr Neft, der Schulleiter, hätte da nicht kommen dürfen; bei der 2. Aufführung 300 € (hier waren die regulären Plätze fast alle besetzt). Die nächsten Aufführungen: Kommenden Dienstag, Donnerstag und Samstag im Theaterkeller des St. Michael-Gymnasiums  

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (25.11.22, 14:13)
In diese Perfektion wurde ich regelrecht hinein gezogen, stand plötzlich auf auf der Bühne. Ich hätte vermutlich die einzige Kritik bekommen.

Herzlichst
Alma Marie

 Bergmann meinte dazu am 25.11.22 um 22:22:
Kritik adelt!

 EkkehartMittelberg (25.11.22, 20:21)
Hallo Uli,

ein Text zum Miterleben. Man sollte die Perfektion als Zielvorgabe haben. Die dann nicht ganz vollkommene Wirklichkeit ist sehr schön.

Liebe Grüße
Ekki

 Bergmann antwortete darauf am 25.11.22 um 22:28:
Thornton Wilder gelang mit OUR TOWN eines der charmantesten und bezauberndsten Stücke der Theaterliteratur, es ist das Wunder der Einfachheit, die hier zu großer existentieller Tiefe führt. 
Ob das Stück zu heutigen Lebensweisen und -wegen passt, ist allerdings die Frage. Aber wenn man das Stück mit den üblichen Verfremdungen des derzeitigen Regietheaters aufführt, ist die Wirkung zerstört. 
Andererseits muss ich mir heute die Frage stellen, ob das Stück nicht schon in der Zeit, als es entstand, Verklärung war.  

 Dieter_Rotmund (26.11.22, 17:09)
Sorry, aber so sehen keine Artikel im Kölner Stadtanzeiger aus.

 Bergmann schrieb daraufhin am 26.11.22 um 20:02:
Da hast du recht. Ich ändere den Beginn.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram