Lesen

Text

von  Bergmann

Nicht so sehr das Studium, aber die schulische Arbeit hat mir das Lesen angekränkelt, ohne es mir zu verderben, und doch, ich kann erst seit wenigen Jahren ein Buch lesen, ohne Anstreichungen und Randbemerkungen ... und ich falle immer mal wieder zurück, wie jetzt bei der Lektüre von Kim de l'Horizon, BLUTBUCHE. Erfolgreich lösen konnte ich mich aber vom wissenschaftlichen Sprach- und Analysiermodus. 

Wie gesagt, ich lese ungebrochen gern, und ich kann manchmal wieder ganz zurückfallen in die Lesehaltung und -stimmung des 12-jährigen Kindes, das ich mal war, etwa bei Goethes WILHELM MEISTER (beide Teile! Die Wanderjahre fand ich noch interessanter, moderner).

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Auf das Studium freute ich mich so sehr - aber dann war es bei Alma Mater so kalt, so nüchtern, so gelangweilt oft die Dozenten, so dass ich das Allermeiste an meinem Schreibtisch lernte. Peter Pütz war eine Ausnahme. 

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Christa Wolf erreichte mich spät - und zwar mit KASSANDRA. In den Studienjahren waren es folgende Autoren, die mich begeisterten (durcheinander): Büchner, der frühe Peter Handke (60er, 70er Jahre), Hartmut Lange (Hundsprozess/Herakles), Kleist (Michael Kohlhaas), Hesse (Glasperlenspiel), Bradbury, Lem, Sartre, Camus, ... die große, vielleicht größte Liebe: Kafka. Nein, die noch größere hatte ich schon mit 17: Thomas Mann. Vor ein paar Jahren las ich den Joseph-Roman, und das war eine der wunderbarsten Lektüren meines Lebens. Ich war auch in Schiller verknallt (Räuber), in Goethe (Werther), auch Plenzdorf!, ... viel später: Melville, Sarah Kane, in Thomas Bernhard verknalle ich mich immer wieder, zum Glück hat er so viel geschrieben, dass ich immer noch nicht alles gelesen habe (die 5 biografischen Erzählungen). Fast vergessen: Gottfried Benn (Gedichte). Heinrich Heine greife ich immer wieder auf. Der Dichter des Rheinischen Hausfreundes, Johann Peter Hebel, ... Arthur Miller, Tennessee Williams, Edward Albee, John Williams, Beckett, ... Horváth, Blechtrommel, Frisch und Dürrenmatt, Flaubert, Musil!, Bachmann, Kracht, Herrndorf, ... ich bin als Leser total polygam und divers ... Ich bremse mich, ich habe bestimmt wichtige Autoren vergessen, Borges ...! Eco ... Roth ... Traven ... Schnitzler ... Wedekind ... Céline ... Proust ... Wilde ... 

Und spät entdeckte ich das Theater, da war ich schon 38, als ich mit dem Schülertheater begann und in Bonn und Köln, Bochum und Wuppertal, Düsseldorf und Essen etc. in die Theater rannte und alles aufsog, was gespielt wurde, Shakespeare, O'Neill, Jelinek, Tschechow, Yasmina Reza, Handke, ... bis jetzt sah ich über 600 Stücke, dazu kommen noch alle die vielen Opern ... 

Zurück zum Ausgangspunkt: Ich bin durch die Schule und in der Schule durch Klassenkameraden angeregt worden zu vielem, aber schon als Kind durch die Bücherwelt meiner Großeltern, und ich entdeckte Micky Maus und Prinz Eisenherz, Tarzan und Sigurd ... Felix Dahn: Kampf um Rom, Ben Hur, Karl May, Quo vadis in meiner Kindheit, ich las auch Doktor Dolittle, Enid Blyton ... Und in der Uni sah ich nur einen Rahmen, in dem ich mich entwickelte und erkannte, dass ich nicht Wissenschaftler werden wollte. Das war mir zu öd. 

Schule und Uni haben ihren Dienst getan, der mich weiterbrachte - die Liebe zur Literatur und zum Lesen aber brachte ich schon mit von Anfang an. Und die trockene Lehre hat mir nichts verdorben, ich habe mir davon das angeeignet, was mich förderte, es ging mir um die reine eigene Lehre ohne jeden Verwendungszweck nach außen.

23.11.2022


 



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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (24.11.22, 01:16)
gut, dass dieser Unterschied mal erwähnt wird.
ich meine natürlich, von einem Lehrer, so sieht man, dass beide, dieselbe Hürde nehmen müssen.

Kommentar geändert am 24.11.2022 um 01:18 Uhr

 Bergmann meinte dazu am 24.11.22 um 15:13:
Aber es ist keine Hürde, auch keine Bremse, auch nicht beim Lesen selbst, sondern nur der kleine Schmerz der Erkenntnis, dass ich eben nicht mehr so lesen kann wie als Kind, das Versinken in der Illusionierung und Identifikation mit den Erzählfiguren geht nicht mehr so tief.

 AZU20 (24.11.22, 10:59)
Da ich Dich kenne, kann ich diesen Text gut nachvollziehen, Vor allem, was Theater und Oper angeht, ging ich denselben Weg. Immerhin, sämtlich Werke Hesses z.B.  stehen in meine Bücherregal. LG

 Bergmann antwortete darauf am 24.11.22 um 15:09:
Lieber Armin, da ich dich so lange schon kenne, nehme ich das Du gern an

 AlmaMarieSchneider (24.11.22, 11:23)
Für mich als Kind war Lesen immer eine Flucht in eine andere Welt. Ich habe einfach gelesen, was mir in die Finger kam. Schiller, Bachmann ja, heute noch meine Lieblinge.
Heute lese ich nicht mehr soo arg viel, aber immer etwas.
Ich muss nicht mehr flüchten sondern mich diesmal stellen.
Schöner Text, holt alte Erinnerungen hoch.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Bergmann schrieb daraufhin am 24.11.22 um 15:15:
Als Kind versank ich im Buch - jetzt kaum noch, aber: die Freude an der Sprache und Machart ist dafür immens gewachsen.

 Graeculus (24.11.22, 16:08)
Eine schöne autobiographische Skizze zu einer aussterbenden (?) Gewohnheit.

Kürzlich habe ich "Frau ohne Gewissen" nochmal gesehen, wobei mir an der Schlußszene einmal wieder bewußt geworden ist, welche kulturelle Bedeutung das Rauchen einmal hatte, und sei es nur in der kleinen Geste, jemandem Feuer zu geben.
Ist nicht jedermanns Sache, liegt auch nicht mehr im Trend der Zeit; aber ich merke es mir einmal als Idee.

 EkkehartMittelberg äußerte darauf am 24.11.22 um 17:47:
Hallo Uli,
dein Bericht beginnt mit dem Hinweis auf die beiden Teile von "Wilhelm Meister"
Auch meine Lektüre der Klassiker begann mit diesen Werken.
Zu dieser Zeit wollte sich mein Deutschlehrer nachdrücklich vom Kanon der Klassiker distanzieren und er verstieg sich zu der Behauptung, dass Goethe überholt sei.
Ich hielt dagegen und bekannte mich dazu, begeistert Wilhelm Meister zu lesen. Er wollte wissen, worum es denn inhaltlich in den Lehrjahren gehe. Als ich prompt antworten konnte, um den Konflikt von Pflicht und Neigung, war er konsterniert.
Ich denke, dass es selbst in den bildungsbeflissenen Fünfziger Jahren selten vorkam, dass zwei junge Menschen mit Vergnügen Wilhelm Meister lasen.

Beste Grüße
Ekki

 Bergmann ergänzte dazu am 25.11.22 um 13:17:
Wilhelm Meister las ich erst in diesem Jahr.
Im Studium orientierte ich mich nur an Auszügen, soweit überhaupt notwendig (etwa für Handkes "Falsche Bewegung"). 
Die Germanistik tat sich schwer mit den "Wanderjahren" und versuchte die vermeintlichen Schwächen des Romans Goethe Faulheit und Unlust zuzuschreiben. Faulheit und Unlust sind nachweisbar. Heute wirken die "Wanderjahre" (unfreiwillig oder nicht wirklich beabsichtigt) geradezu modern als Erzähl-Patchwork und Mixtur von Motiven.

 wa Bash (24.11.22, 20:06)
als ordentlicher Studierender, wie meiner einer war, verpasst man so viel Vorlesungen wie möglich, spart sich die Zeit und liest alles selbstständig, vorne wurde eeh das gleiche erzählt wie in den Büchern stand, da sollte man sich nichts vormachen. studieren bedeutet so oder so selbstständig zu lernen, wie sollte man sonst etwas davon verstehen, was man dort überhaupt liest?...

 Bergmann meinte dazu am 25.11.22 um 13:20:
Ich ging nur in Vorlesungen mit Neuwert, etwa in Philosophie über Russell/Whitehead, Principia Mathematica, und Wittgenstein Tractatus logico-philisophicus.
(Und natürlich in die Übungen, Pro- und Hauptseminare.)

 wa Bash meinte dazu am 25.11.22 um 17:32:
da gebe ich dir Recht, solcherlei Vorträge bieten einen weitaus besseren Mehrwert...
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