Holle verdient Geld

Erzählung

von  Quoth

Eine Welle von Empörung lief durch die Steinstraße. Dem Opel Olympia von Herrn Schmitz waren die Reifen durchstochen worden. Und nicht nur das. Auch der crèmefarbene Lack des linken Kotflügels war zerkratzt. Heute würde man bei einem solchen Schadensfall die Schultern zucken, aber damals, kurz nach der Währungsreform?! Es war nicht irgendein Auto, sondern das erste ernst zu nehmende seiner Art. Zwar rätselten alle, woher Herr Schmitz das Geld hatte, denn er war nur Buchhalter in der Schuhwichsefabrik am Bahnhof, er hatte eine sehr anspruchsvolle und schicke Frau und drei Kinder. Der tückische Rolli war sein jüngster, und dann waren da noch Volker und Erdmute. Auch mein Vater war empört, und meine Mutter sprach von Vandalismus. Was war das Motiv? Da konnte es nur eines geben: Neid! Auch Holle regte sich auf: „Typen wie die, die das gemacht haben, sollte man teeren und federn!“, und er deutete an, dass kein Steinstraßenbewohner der Täter gewesen sein konnte: „Wir sind doch alle stolz, dass endlich in unserer Straße ein anständiges Auto steht und nicht nur Rostlauben aus der Vorkriegszeit, Dreiradkarren von Goliath und Plastikbomber von Lloyd! Nein, das kann nur jemand aus der Seefeldstraße gewesen sein! Den Feiglingen aus der Seefeldstraße traue ich alles zu!“ Und er rief uns zusammen und sagte: „Leute, wir müssen uns schlagkräftiger organisieren! Wir müssen die Steinstraße sauber halten! Hat jemand Vorschläge?“ Rolli sprang sofort auf und rief: „Das sagt mein Vater auch! Wozu sind die Edelsteine gut, wenn sie nicht auch etwas nützen?“ Edelsteine hatten wir unsere Bande getauft. „Ich wäre bereit, nachts Streife zu gehen.“ „Da mach ich nicht mit! Würden meine Eltern mir nie erlauben!“, sagte Kris, der sonst immer damit angab, was er alles durfte, rauchen z.B. „Heimlich aus dem Fenster steigen!“ Der Vorschlag kam von mir, obgleich ich das nie gewagt hätte. Mein Vater hatte eine deftige Handschrift. Der kleine Ruffke sagte: „Ich geh mit dir, Holle! Allein trau ich mich nicht. Vielleicht, wenn die Straßenbeleuchtung kommt.“ „Wenn die kommt, brauchen wir nicht mehr Streife zu gehen. Bei Licht trauen sich die Seefelder nicht her.“

Am nächsten Tag stand der Vorfall in der Zeitung. Die Kriminalpolizei hatte festgestellt, dass die Einstiche in die Reifen von einem Wehrmachtmesser stammen mussten, dem Infanteriemesser 42. Herr Schmitz brachte sein verschandeltes Auto in die Werkstatt. Da hatten sie den passenden Lack nicht, beige hätte beschissen ausgesehen, da entschied sich Rollis Vater, beide Kotflügel schwarz spritzen zu lassen. „Sieht sogar noch besser aus!“ Holle ging mit dem kleinen Ruffke, der ständig sabbelte, zwei Stunden, mal früher, mal später im Dunkeln Streife. Mein Vater verglich sie mit Don Quichotte und Sancho Pansa.

„Woher hast du die tollen Stiefel?“ Richtige Cowboystiefel hatte Holle sich gekauft, auf die er mordsmäßig stolz war. „Jetzt sehe ich aus wie Billy Jenkins!“ Ich besuchte ihn in dem Schuppen, in dem er die Bretter stapelte, aus denen wir uns Höhlen bauten, außerdem alles mögliche Werkzeug und Weckgläser voller Schrauben und Muttern. Und Kanister voll Karbolineum. Karin kam rein und sagte Holle, er solle Koks aus dem Keller holen. Holle verschwand. Ich war immer etwas verlegen, wenn ich mit Karin allein war; sie war kein Mädchen mehr, sondern ein Tienedscher, so nannte man Backfische neuerdings. „Hast du deine Zunge verschluckt?“, frotzelte sie dann, nahm mich bei den Schultern und kitzelte mich durch. „Geh doch auch mit Streife!“, sagte sie. „Rollis Vater lässt ordentlich was dafür springen. Und wenn er nichts mehr springen lässt, dann haben wir doch noch dies!“ Sie nahm ein unscheinbares, aber ziemlich spitzes Messer mit Holzgriff vom obersten Regal. Es hatte in einer schwarzen Scheide gesteckt. „Papa hat es Holle zu seinem 11. geschenkt. Er hat es aus dem Krieg mitgebracht. Er nannte es seinen Grabendolch.“



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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (11.01.23, 12:29)
Für den Schwarzmarkt war Holle noch nicht alt genug.
LG
Ekki

 Quoth meinte dazu am 12.01.23 um 07:28:
Den bediente sein Vater! Vielen Dank für Lektüre und Empfehlung mit Kommentar.

 AlmaMarieSchneider (21.01.23, 00:34)
Dieser "Grabendolch"? Holle wird doch nicht selbst????
Nein, das glaube ich nicht, der doch nicht.

Einfach toll und spannend erzählt, lieber Quoth

Herzlichst
Alma Marie

 Quoth antwortete darauf am 21.01.23 um 17:50:
Vielen Dank für Lob und Auszeichnung, AlmaMarie. Gruß Quoth
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