Wie hermetisch darf ein Gedicht sein?
Text
von Bergmann
Wie hermetisch darf ein Gedicht sein?
Ich zitiere ein Gedicht, ich will den Verfasser (noch) nicht ‚verraten‘. Das Gedicht ist nicht von mir. Ich nahm es zum Anlass, um über die Interpretation von Lyrik dem Autor des Gedichts auf seine Fragen zu antworten. Hier meine Gedanken:
noch nicht einmal tee trinken müssen
die wolken ziehen und darunter fehlt ganz einfach
die zeit
die glatte wasseroberfläche hält kurz
die luft an
ein alter tonkrug, graubraun vielleicht, der niemals
an der gang
zum brunnen denkt
Ihr Gedicht noch nicht einmal tee trinken müssen - ist sicher noch leicht verstehbar: Die Zeit steht still (und dann ist sie eben verschwunden), wer kennt nicht solche Momente, die mal wünschenswert sind, mal vielleicht auch langweilen, wenn sie im 'falschen' Moment eintreten. Der Himmel oben, das Wasser des Sees oder einer Pfütze unten; und dann der Krug, der sofort einen Menschen assoziiert, noch bevor er seine Personifikation zeigt - und mit dem Krug wird auf seine und unsere Zerbrechlichkeit hingelenkt; damit erzeugt das Gedicht eine Tiefe, die auf ein Ende hinweist, also auf das Dasein und die Wiederkehr und das Weiterwirken der Zeit ... bis hin zu unserem Tod oder wenigstens auf ein Ende mitten in unserem Leben oder wenigstens dieser Ruhe, die endet, das Ende einer beruhigenden Zeit ohne Zeit, das Ende einer tröstenden, heilenden Illusion, die hier nicht hinterfragt werden muss.
Ihr sehr schönes Gedicht ist ein Beispiel für machbare Deutbarkeit in einer gewissen Interpretationsbreite, die von vielen Lesern toleriert werden kann. Bei diesem Gedicht ist die Vorgeschichte, Situation und Befindlichkeit des Verfassers nicht wichtig. Das Gedicht 'erlaubt' viel Subjektivität, der Leser darf es sich selbst anziehen; ja, ich denke, mit dem Gedanken spielt vielleicht auch der Verfasser. Andererseits hat das Gedicht im Unterschied zu enigmatischen Gedichten eigentlich eine nur geringe Bedeutungs-Varianz. Aber das macht nichts, das ist kein notwendiges Kriterium für die Wertung - das einfachste Gedicht kann wunderbar schön und tief sein. Ihr Gedicht ist kein schwieriges Rätsel, die Bilder/Metaphern sind klar, und die Verschiebung zum Krug hin ist gut lesbar - wenn auch nicht für sehr junge und ungeübte Lyrikleser.
Wo werden die Grenzen der Deutbarkeit überschritten?
Schwieriger wird es, wenn die Bilder ungewohnt sind, wenn sie sogar fremd und überkomplex sein sollen, wenn das Gemeinte oder Gefühlte sich tarnt, noch schlimmer, wenn es sich so verkleidet, dass nur der Dichter selbst weiß warum, vielleicht weiß er's aber selber noch nicht einmal ... und dann wird so ein Gedicht hermetisch, es schließt sich nach außen ab. Dann ist der Deutende aber schon wieder frei, dann darf er das Gedicht als Spielmaterial sehen oder als hermeneutisches Mittel für seine (Selbst-)Erkenntnis, deren Bedeutungsraum er in freier Anlehnung an das Gedicht selber festlegen kann. (Anders der Philologe: der muss investigativ vorgehen, das Leben des Dichters einbeziehen, dessen Äußerungen im Zusammenhang mit dem Gedicht. Aber auch er, der Philologe, stößt an Grenzen, etwa bei Celan-Gedichten, die er unwissenschaftlich oder kreativ überschreitet.) Damit wird deutlich: Der Leser ist dann nicht nur ein Nachdichtender, sondern wird zum Weiterdichtenden. Alles gut, aber objektiv kaum oder lieber nicht bewertbar.
Daher sind z. B. einige (nicht alle) Barockgedichte, vor allem Sonette, so gut geeignet für den Schulgebrauch. Auch viele Gedichte des 19. Jahrhunderts. Auch mit dem Expressionismus lässt es sich schulisch noch gut leben. Mit der Dichtung nach 1945 wird es oft ziemlich schwierig. Zum Glück gibt es auch da viele Gedichte, die zu einem weitgehend konsensualen Unterrichtsergebnis taugen. Für die meisten Schüler sind solche Gedichte (auch Balladen) wichtig.
Mit den schwierigen/hermetischen Gedichten lohnt sich nicht die Leistungsüberprüfung in Klassenarbeiten und Klausuren; aber sie haben ihren großen Wert, um mit Schülern über die Funktion und die Grenzen der Deutung zu reflektieren - und: um mit ihnen kreativen Umgang zu erproben, eventuell sogar auf parodistischer Ebene. Interessant ist das Ausloten, inwieweit ein anspruchsvolles, hermetisches Gedicht eben nicht an die Grenzen des Unsinns stößt oder wie Sprachlosigkeit eben doch die einzige mögliche Sprache sein kann, wenn eben die vorhandenen Sprachmöglichkeiten für Erfahrungen nicht existieren, wenn der Dichter sprachschöpferisch wird, weil es anders (noch) nicht sagbar wird. Wie sogar mit Sprache Wirklichkeiten erzeugt werden, die (noch) nicht allgemeinverständlich sind.
Parallel dazu die naturwissenschaftlichen Modelle in der Physik ... Nils Bohr, Heisenberg, Schrödinger ... oder die Musik: Wagner > Schönberg > Stockhausen ... Quantenphysik ~ Atonalität ~ musique concrète ...
Zurück zur Lyrik und zum Leben. Wer versteht schon seine Kindheit wirklich? Und die Pubertät? Und spätere Phasen -? Die Lyrik (aber auch die erzählende Literatur) führt weg von den eindimensionalen Verständnissen, den Clichés, hin zu den Träumen, den Ahnungen, Vermutungen, zur Konsensproblematik, zum Problem, was real ist, und was das Surreale leisten kann, oder die Fiktion.
So gesehen ist die Auseinandersetzung mit der Lyrik Sprachschulung und Selbsterkenntnisprozess.
Klar, dass das pädagogisch sehr schwer umsetzbar ist.
Und die Begründung/Rechtfertigung des Lyrik- und Literaturunterrichts kann nur in learning by doing geschehen. So gesehen gehört das kreative Schreiben durchaus (in Maßen) in den Unterricht.
Im schulischen Alltag wurde ich als Lehrer dem, was ich hier ausführe, sicherlich eher selten gerecht. Allenfalls konnte ich mal mehr und mal weniger 'rüberbringen', dass ich die Poesie liebe, das Theater, die Oper, die Kunst, die Musik. Aber sowas zählt oft mehr als Worte. Wenn die Schüler denken: unser Deutschlehrer ist ja mit seiner Rainald-Goetz-Leidenschaft usw. voll durchgeknallt, dann war der Unterricht genau richtig.