Eine Kindheit
Text zum Thema Kinder/ Kindheit
von Quoth
Gern denke ich an meine Kindheit zurück, obgleich sie unter einem Unstern stand. Aber was weiß das Kind von Zeitläuften und äußerer Geschichte? Es findet sich ab mit der Welt, in die es hineingeboren, wenn nicht -geworfen wird, ja es liebt sie, sofern man die leidenschaftliche Neugier, mit der es alles um sich her aufsaugt, als Liebe bezeichnen kann. Seine Möglichkeiten, Einfluss auszuüben sind so begrenzt, dass es seine Umwelt als notwendig und poetisch erlebt. Arm das Kind, dessen zärtlicher Optimismus brutal und blutvergießend in frühesten Jahren zerstört wird. So erging es mir nicht – glücklicherweise, kann ich sagen.
Friede und Sonnenschein lagen über der Stadt, in der ich meine ersten stolpernden Gehversuche machte an der Hand Emmis, der herzensguten Kinderfrau. Mit ihr spazierte ich die breite Allee vom Park zur Stadt hinauf, über der die ganze Woche tiefe Sonntagsstille lag. Doch fasste man an die Tür eines Geschäfts, so öffnete sie sich und eine freundliche alte Frau verkaufte frischen Fisch. An der roten Mauer des Gaswerks begegnete uns Herr Reimer, ein alter Herr von papierener Blässe und Zartheit, der immer einen schwarzen Zylinder trug. Welchen Kummer, welche Einsamkeit mochte er an der Sonne spazieren tragen? Höflich lüftete er den Zylinder, wenn wir ihn grüßten. Heute kommt es mir vor, als hätte ich in ihm den letzten Vertreter eines dahingegangenen und entschlafenen Jahrhunderts gekannt.
Emmi war in den Küchen und Kellern der Altstadt zu Hause, dort, wo die Waschlauge weißblau wie Magermilch durch die Kopfsteingosse floss. Aus den schwarzen Ärmeln von Emmis Mutter, einer kleinen dicken Frau, lugten rote und weiche Hände hervor, von denen ich mich gern herumstupsen, zergen und halten ließ. Emmis große Brüder waren „im Felde“, das konnte nicht weit sein. Ein bisschen weiter die Straße hinauf begannen die Felder und Wiesen schon, und auch ein anderes Rätsel war leicht gelöst: Emmis Vater nämlich wurde „vermisst“, und da es im Garten einen schönen Mist-, Kompost- oder Kommisshaufen gab, auf dem eine Kürbisranke wuchs, in deren trompetenförmigen Blüten die Bienen auf- und abstiegen, wusste ich, dass man ihn da finden würde (die Stiefel ragten noch aus der schwarzen Erde), und vielleicht, wenn man ihn bat oder einen Stiefel auszog und an der Fußsohle kitzelte, würde lachen und aufstehen.
Unsere Wohnung hatte einen großen halbkreisförmigen Balkon auf den Garten hinaus, den wir nicht betreten durften, weil er der bösen und geizigen Witwe gehörte, in deren Haus wir wohnten. Fern am Garten vorbei verlief die erwähnte Allee, deren Linden, so schien mir, genauso herzförmige Kronen wie Blätter hatten. Durch die Allee, die den klingenden Namen eines deutschen Kolonialsoldaten führte, kamen allwöchentlich mit Trommeln und Fanfaren die „Jungs“ gezogen, schneidige Burschen mit schneidigen Fahnen und Tönen ausstaffiert, denen ich in besinnungsloser Erregung vom Balkon herunter zum Kohlenplatz folgte.
Einer war unter ihnen, dessen Namen ich von Emmi gelernt hatte: Er hieß Kalli und war ein Lieber und Feiner, obgleich er dem Hosenmatz, der sich allzu fest an seine Fersen zu heften begann, eines Tages mit der langen, blitzenden Fanfare ins Ohr blies, dass ihm Hören und sehen verging. Seitdem war ich vorsichtiger, hielt respektvollen Abstand oder zog es vor, mit anderen gleichaltrigen Jungen zu s p i e l e n , was ich bewunderte. Zwar waren unsere Blechdosen keine Trommeln, unsere Papiertrichter keine Fanfaren; aber die Fähnchen, die wir schwenkten, waren von denen der „Jungs“ nur durch die Größe unterschieden. „Da liegen die, die an allem Schuld sind!“, erklärte Kalli mir, als die „Jungs“ einmal an einem Tor aus schwarzem Gusseisen vorbeimarschierten, hinter dem viele flache, rechteckige graue und grün bemooste Steine aufrecht standen, auf denen kleine Steine lagen. „Was bedeuten diese Steine?“, hatte ich Kalli gefragt. „Die werfen wir demnächst mal um. Warum soll man sich an böse Menschen erinnern?“
In den verbotenen Garten aber durften wir eines Tages doch. Da wurde nämlich eine Grube ausgehoben, die vorher mit Pflanzen, Pflaster oder Pfützen bedeckte Erde gab plötzlich ihr Inneres preis, aus dem schwarzen Mutterboden wanden sich fleischfarbene Regenwürmer und weiße, strampelnde Engerlinge hervor, von denen es hieß, dass Käfer aus ihnen werden könnten, und tief darunter trat goldgelber Kies zutage. Still standen wir um die Grube herum, die wir zu unserem Schutz beziehen sollten, damit nicht das Haus unser lebendiges Grab wurde. Dabei waren doch die Mauern des Hauses aus festem roten Stein, während die Wände der Grube morsch und weich waren, ständig fiel etwas heraus.
Weiße, aus Bettlaken genähte Rucksäcke auf dem Rücken, kauerten wir in der Wendel der Haustreppe, wenn die Sirene geheult hatte, bereit, uns notfalls schnellstens ins Erdloch zurückzuziehen. Der Nachrichtensprecher saß, ein rotes Plaid auf den Knien, beim dürftigen Licht einer Glühbirne in seinem braunen Rundfunkverschlag. „Ich wiederhole!“, sagte er, und ich warf meinen wie ein Marienkäfer gepunkteten Ball die Treppe hinunter und holte ihn wieder. In das Oberlicht der Haustür waren zwei geschnitzte Narrenkappen eingefügt. Die Decke der Eingangshalle war gewölbt und zartgrün gestrichen. Schaute ich empor, sah ich das zarte Grün, das auch ein Blau sein mochte, und den Umriss der beiden Narrenkappen. Dieses Bild hieß „Montag“, wie das Bild der goldrot von der Sonne durchschienenen Lider „Freitag“ hieß. Doch Herrn Reimer sagte ich nur „Guten Tag!“, und nicht „Guten Freitag!“ An der Haustür war der Briefkasten befestigt, durch dessen Messingklappe eines Tages der Brief fiel, der meine Mutter auf die Fensterbank neben der Treppe neben der Treppe warf. Dort saß sie und schluchzte, den geöffneten Brief in der Hand, während die Sonne hereinlachte und die Staubschicht auf den Scheiben in einen duftigen weißen Vorhang verwandelte.
Glitzernde Punkte zogen durch den blauen Kinderhimmel, das waren sie, die uns Keller und Erdloch zu zweiten Wohnungen machten, die Flieger (Männchen) und die Flugzeuge (Weibchen). Wie gering war der Unterschied zwischen dem Getöse des Gewitters, das uns aus den Betten scheuchte und zwang, die Stecker aus der Wand zu ziehen, und dem fernen Rollen des Angriffs! Ein roter Schimmer breitete sich am Nachthimmel aus wie ein unheimlicher Stopf- oder Fliegenpilz, und während es hieß: „Hamburg brennt!“, durfte ich mich an meine Mutter schmiegen und eine Geborgenheit genießen, die ich den feindlichen Vögeln nicht vergessen will.
Eines Tages blieb Emmi aus, und als sie kam, erkannte ich sie nicht wieder, weil ihr Gesicht entstellt und verkohlt war wie das des Lehrers Lämpel in „Max und Moritz“. Da ich sie mied, begann sie zu stricken, stumm und fast reglos saß sie Tage, Wochen und Monate auf einem Stuhl an der Wand, wollte mir manchmal einen Kuss aufdrücken, vor dem ich mich gruselte. Sie strickte und strickte, und als sie uns verließ, um einer anderen, rosiggesichtigen Platz zu machen, Hella, die mich auf den Arm nahm und herumtanzte mit mir, bis ich in ihre stürmischen Liebkosungen hoffnungslos kinderverliebt war, da ließ sie, Emmi, viele Paar warme Strümpfe zurück, in denen meine Füße noch manchen Winter lang die weiche und sorgende Liebe der versengten Frau genossen.
Die Erwachsenen führten indessen ihr geheimes, eigenes Leben, aus dem bisweilen ein Wort – „Lazarett“ – oder ein Ortsname – „Burgsteinfurt“ – vielsagen und zitternd herabsank. Wer war der laute und schwitzende Mann, der sich plötzlich, als gehöre er dazu, in der Wohnung breit machte und sogar den Balkon, auf dem ich spielte und die „Jungs“ erwartete, in Beschlag nahm? Freilich hatte er etwas mitgebracht, was mich mit ihm versöhnte, ein prächtiges Spielzeug: Krücken! Es waren Unterarmkrücken, deren Handgriffe ich mir unter die Achseln klemmte, und dann, mit hochgezogenem Fuß, „nahm“ ich die Treppe, aufwärts und abwärts und war stolz, es dem ehemals so schwungvoll-schlanken Käppiträger, der uns bisweilen besucht hatte und jetzt offenbar finster entschlossen war, bei uns zu bleiben, gleich zu tun.
Durch die Allee, wo das Kolonialwarengeschäft war, weil sie nach einem Kolonialsoldaten hieß, zogen keine „Jungs“, sondern fernher gereiste alte Männer und Frauen mit Kindern auf Bauernwagen, vor die Kühe gespannt waren. „Trecks“ hießen diese neuen Umzüge, sie waren weniger begeisternd als die „Jungs“, , man durfte ihnen nicht folgen, und es gab ja auch nichts zu sehen außer bleichen, starren Frauengesichtern unter wollenen Kopftüchern. Wenn sie anhielten, gingen wir hin uns brachten ihnen eine Milchkanne mit Erbsen- oder Kartoffelsuppe. „Elbing“, sagten die Leute von den Trecks, wenn man sie fragte, woher sie kämen, oder „Danzig“, „Liblau“, „Thorn“.
Noch viele sonntagsstille Tage gingen dahin. Herr Reimer spazierte unverdrossen die Allee hinauf und an der roten Mauer des Gaswerks vorbei hinunter zum See, wo das Denkmal Wilhelms des Großen (gab es wohl auch einen kleinen?) vom Gebüsch verschlungen wurde. Den Mann, der bei uns wohnte, lernte ich „Vati“ nennen, und er lehrte mich „Wurrrm“ zu sagen statt „Woam“. Fast jeden Tag verbrachte er auf dem Amt, einem großen düsteren Haus, über dessen Tür ein schwarzer Adler mit einer goldenen Krone prangte. So waren wir auch allein an dem Tag, als Tanks und Panzerspähwagen die Allee heraufrollten. Meine Mutter kniete am Balkonfenster zwischen ihren beiden kleinen Söhnen, während khakifarbene Besatzer marschierten, wo früher die „Jungs“, dann die Trecks gezogen waren. War jetzt alles zu Ende? Worauf mussten wir uns gefasst machen? So winzig klein erschienen die Fremden, dass man die Finger, wollte man ihre Größe angeben, vor dem Auge fast zusammenpressen musste. Als meine Mutter gar zu sehr weinte, sagte mein Bruder: „Aber du hast doch uns!“ Das Argument verschlug. Als sie Pistole und Fotoapparat an den Soldaten herausgab, der an die Tür geklopft hatte, war sie ruhig und gefasst. Das Radio hatte der Mann, den ich „Vati“ nannte, schon am Tag zuvor mit der Axt zerspalten, gerade als wolle er die alte ausgediente Seele dem Feind nicht in die Hände fallen lassen.
Wir Kinder aber liefen schon am nächsten Tag den abenteuerlich nach Sprit und Leder duftenden Fahrzeugen nach, aus denen es Schokolade und Rosinen hagelte. In riesigen Wülsten lagen Netze auf den Panzern, deren Rohre mit Schonern wie kranke Finger verhüllt waren. Was gab es süßeres als britische Panzer? Und was gab es Wilderes als die näselnde, schnarrende und jubelnde Kapelle wild berockter, -bestrumpfter und -bemützter Kriegsweiber? Golden zogen Leuchtkugeln über die plötzlich von Menschen wimmelnden Straßen dahin. Wo waren sie alle gewesen? Wo kamen sie alle her? Eines Tages brach unter der Allee ein Rohr, der unterspülte Boden öffnete sich und ein Bauernpferd, ein schwerer Kaltblüter, versank. Hunderte von Menschen beobachteten, wie ein englischer Kran den hilflos glotzenden Gaul herauszog, während ich durch die Beine strich, Kippen sammelte und hin und wieder einen Blick auf die Bergung erhaschte. Zitternd, mit flatternden Nüstern kam das Pferd auf mich zu und stolperte an mir vorbei. Wahrscheinlich bilde ich mir heute ein, dass ich in diesem Augenblick ahnte, einem Grab, in das ich hineingeboren worden war, entronnen zu sein, einem sonnenüberglänzten lebendigen Grab.