Klassentreffen, Jahrgang 67

Text

von  Nanna

Klassentreffen, Jahrgang 67

Vielleicht klappt’s, dass ich’s zu ein, zwei Texten bring,
wenn ich hör, wie es mit allen weiterging.
Meine Neugier, sie ist nicht besonders groß,
ich galt immer nur als Brillenschlange bloß.

Polly kaut natürlich still an ihrem Zopf.
Hat sie immer noch die Weltreise im Kopf?
Früher blieb ihr diese Möglichkeit verwehrt;
später wollte ihr Gemahl nicht, dass sie fährt.

Ich denke an die kleine Bar,
wo ich schon lange nicht mehr war.
Dort einen Whisky oder mehr …
Hier steht mir jetzt schon alles quer!

Patricks Punkband hat nicht lange existiert;
etwas Ähnliches hat er nie mehr probiert.
Heute lebt er als ein Spießer dumpf und satt
wie sein Vater, den er so verachtet hat.

Mona, die mit vierzehn schon mit Männern schlief,
fand die Spinner aus der Klasse primitiv.
O, Verwunderung! Wir staunten immer sehr:
Wo hat Mona nur ihr vieles Westgeld her?

Ich denke an die kleine Bar,
wo ich schon lange nicht mehr war.
Dort einen Whisky oder mehr …
Hier steht mir jetzt schon alles quer!

Thomas F. hockt da und tut sich selber leid.
Über Ungarn war der Fluchtweg ihm zu weit.
Also rannte Thomas in den Stacheldraht.
Er bekommt bis heute Rente für die Tat.

Grit ist wie zu Schülerzeiten schwer verliebt,
glaubt noch immer dran, dass es den Einen gibt.
Fünfmal trat sie tapfer vor den Traualtar
und sah fünfmal, dass ihr Typ ein Weichei war.

Ich denke an die kleine Bar,
wo ich schon lange nicht mehr war.
Dort einen Whisky oder mehr …
Hier steht mir jetzt schon alles quer!

Ist Andreas noch mit Umweltschutz befasst?
Dafür stand er oft mit einem Bein im Knast
und erweckte bei der Stasi helle Wut.
Heimlich hab ich ihn bewundert für den Mut.

Schon die ganze Zeit hält mich sein Lächeln fest
und er flüstert: Komm, wir schenken uns den Rest!
Mein Herz jubelt, mein Verstand ist wie verhext,
aber das ist Stoff für einen nächsten Text.

Ich denke an die kleine Bar,
wo ich schon lange nicht mehr war.
Dort einen Whisky oder mehr …
Hier steht mir jetzt schon alles quer!



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Kommentare zu diesem Text


 Saira (03.04.26, 20:58)
Liebe Nanna,

was für ein herrlich schräges Wiedersehen! Diese Mischung aus leiser Ironie, leichtem Fremdschämen und dem stillen „Bin ich froh, dass ich nicht die Einzige bin, bei der nichts so lief wie geplant“ hast du wunderbar getroffen.

Besonders stark finde ich, wie du diese kleinen Biografien in wenigen Zeilen so treffend skizzierst. Das hat etwas von einem liebevollen, aber sehr wachen Blick auf das, was aus uns allen geworden ist. Nicht bösartig, aber auch nicht verklärt. Genau die richtige Mischung.

Und dann dieser Running Gag mit der kleinen Bar – großartig. Ich glaube, jede*r, der schon einmal bei einem Klassentreffen war (oder nur daran gedacht hat), weiß genau, warum sie so wichtig ist.

Am schönsten ist aber der leise Dreh am Ende: plötzlich kein bloßes Beobachten mehr, sondern ein Moment, der nach vorne weist. Da wird aus dem Rückblick fast so etwas wie eine zweite Chance oder zumindest eine gute Geschichte.

Kurz gesagt: Ich würde sofort mitkommen. In die Bar. Und auch zum nächsten Text.  :)

Herzliche Grüße
Saira

 Nanna meinte dazu am 03.04.26 um 21:40:
Das alles hab ich nur Second Hand von meiner Freundin. Ich selbst war bei dem Klassentreffen gar nicht dabei. Die Geschichten sollen aber angeblich echt sein. Bis auf Andreas', die hab ich erfunden. 
Liebe Grüße 
Nanna
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