Kabinendiebstahl
Kurzgeschichte zum Thema Sport
von Koreapeitsche
Ich studierte zu der Zeit bereits in Berlin, hielt mich zum Fußballspielen immer noch in Kiel auf. Derzeit kickte ich in der zweiten Mannschaft des Vereins. Immerhin eine Etage höher. An diesem Wochenende spielten wir bei einem Nachbarverein.
Als wir uns umzogen, rief ein Mannschaftskollege
„Wertsachen einsammeln?“
„Nein, brauchen wir nicht. Wir können abschließen!“
Deshalb sammelten wir die Wertsachen nicht ein. Spieler, Betreuer und Trainer verließen nacheinander die Kabine. Wir machten ein Warm-up auf dem Hauptplatz, auf dem gespielt werden sollte. Während des Warm-ups lief laut Musik aus den Platzlautsprechern, darunter ein Hit von den Red Hot Chili Peppers. Das kannte ich bisher nicht in dieser Spielklasse, und so hatte ich es mir insgeheim immer gewünscht.
Da wir uns in der Anfangsphase der Saison befanden, hatten wir eine Menge Ersatzspieler dabei. Es waren fünf Spieler, die zunächst draußen blieben.
Zum Spiel kamen Verwandte von mir vorbei, Onkel und Cousine, die aus Bayern angereist bei meinen Eltern ein paar Urlaubstage verbrachten. Sie standen in der Nähe des Sportheims und schauten von dort zu. Ich grüßte sie kurz in der Halbzeitpause.
Der Trainer informierte mich, dass ich Auswechselspieler sei und zur zweiten Halbzeit eingewechselt werde. Ich sollte auf jeden Fall 45 Minuten spielen. Während der ersten Halbzeit hielt ich mich ständig in der Nähe der Trainerbank auf. Es herrschte eine aufgeheizte Stimmung bei diesem Nachbarschaftsduell. Viele kannten sich persönlich. Auch die meisten Zuschauer waren mir bekannt. Die Rivalität war groß. Einige spielten etwas übermotiviert, doch im Großen und Ganzen verlief das Spiel fair.
Als wir zur Pause in die Kabine gingen, stellte der erste fest, dass ihm Wertsachen fehlten. Das kam schockartig. Daraufhin bemerkten weitere Spieler, dass Geld und Wertgegenstände entwendet wurden. Das erzeugte Stress der höchsten Kategorie. Als ich in mein Portmonee schaute, war ich mir nicht sicher, ob mir überhaupt Geld fehlte. Ich war am Vorabend in der Stadt unterwegs. Nach solchen Abenden verlor ich oft den Überblick über meine Finanzen.
Jedenfalls wurde absehbar, dass unsere Mannschaft systematisch bestohlen wurde. Die Aufregung war groß. Doch wir mussten noch die zweite Halbzeit absolvieren. Entsprechend fielen die Spielbesprechung und die Anweisungen für die zweite Halbzeit nur kurz aus. Ich sollte jetzt ins Spiel kommen.
Der Trainer gab uns einen aufmunternden Spruch mit auf den Weg. Dennoch verließ die Mannschaft mit teils gensenkten Häuptern die Kabine und betrat den Platz zur zweiten Halbzeit mit schlechter Laune. Ich hatte vom Trainer den Auftrag bekommen, in der Abwehr auf gewohnter Position zu spielen.
Während der folgenden 45 Minuten war der Kabinendiebstahl wie aus dem Gedächtnis gelöscht. Ich dachte nicht einziges Mal daran. Das Spiel endete 2:2. Der Vorgang mit den gestohlenen Wertsachen war erst wieder präsent, als wir nach dem Abpfiff und dem Sportgruß zurück zur Kabine gingen. In der Kabine sprachen wir nur wenig über das zurückliegende Spiel. Stattdessen gab es wegen der gestohlenen Wertsachen bald Streitgespräche, Vorwürfe, Verdächtigungen. Ich bildete mir ein, dass auch ich zu den Verdächtigen zählte, obwohl das niemand offen aussprach, denn ich kam erst zur zweiten Hälfte ins Spiel, und der Diebstahl konnte nur während der ersten 45 Minuten passiert sein. Nur die eingesetzten Spieler hatten ein Alibi.
Wir waren uns einig, dass niemand aus der Mannschaft sich an den Wertgegenständen im Umkleideraum vergriffen hat. Für einige war klar, dass die Täter nur aus dem Milieu des Gastgebervereins kommen konnten. Wahrscheinlich besaß jemand einen Zweitschlüssel oder ließ ein Duplikat beim Schlüsselservice anfertigen. Meiner Verwandtschaft erzählte ich nichts von dem Diebstahl.
Der Fall wurde nie aufgeklärt. Ich weiß nicht einmal, ob Anzeige erstattet wurde und wenn ja, was dabei herauskam. Wurde der Vorfall später im Kreis der beteiligten Spieler, Trainer und Betreuer angesprochen, kamen sofort Verstörung und Aggressionen auf. Daran wollte niemand gerne erinnert werden, so groß war die Enttäuschung. Obwohl ich nicht zu den Geschädigten gehörte, war auch ich enttäuscht. Als Teil der Mannschaft fühlte ich mich gleichermaßen betrogen.
In der Folgezeit wirkte der Vorfall dermaßen frustrierend, dass ich ein für alle Mal mit dem Kreisklassenfußball abschließen wollte. Es war vielleicht sogar ein unterbewusster Prozess. Nach dem Spieltag kam ich zwar noch ein paarmal zum Training und absolvierte ein weiteres Spiel. Doch ich entschied mich dazu, in nächster Zeit in Berlin zu bleiben und mich aufs Studium zu konzentrieren. Ich hatte viele Jahre ein schlechtes Magengefühl, wenn ich an die geraubten Wertsachen erinnert wurde.
Um es kurz zu machen: Das war im Prinzip das Ende meiner Fußballkarriere – dachte ich zumindest. Doch ich fing rund zehn Jahre später noch einmal mit dem Fußballspielen an, als ich komplett aus allem raus war. Da spielte längst niemand mehr aus meiner alten Mannschaft, die vom Kabinendiebstahl betroffen war, zumindest nicht in unserem alten Verein. Es brachte sogar wieder Spaß.