Späte Gärten

Gedicht zum Thema Liebe, lieben

von  Saira

Es war keine Jugend mehr,
die ihnen entgegenkam.

 

Keine fiebernde Unvernunft.
Kein leichtfertiges Versprechen des Körpers.
Kein junges Herz,
das liebt,
weil es vom Verlust noch nichts weiß.

 

Es war etwas Seltenes.
Etwas, das erst wächst,
wenn zwei Menschen
mehr Abschiede als Aufbrüche in sich tragen.

 

Als hätten ihre Seelen
jahrelang in verschiedenen Dunkelheiten gelebt
und dennoch dieselbe Sprache bewahrt –
eine Sprache aus Sehnsucht,
Schweigen
und dem zitternden Mut,
noch einmal zu hoffen.

 

Sie fanden sich nicht zufällig.
Es war,
als hätte das Leben sie
durch all die Winter hindurch
umeinanderkreisen lassen,
bis ihre Einsamkeiten
endlich ineinander ausruhten.

 

Und plötzlich war da wieder dieses Zittern.
Dieses kaum erträgliche Glück,
wenn der Name des anderen
im eigenen Inneren aufleuchtet
wie ein warmes Fenster
in einem verlassenen Haus.

 

Sie erschraken beinahe darüber,
wie sehr ein Blick noch brennen konnte.
Wie eine einzige Berührung
den ganzen Körper mit Erinnerung fluten konnte –
mit Sommernächten,
die tief im Herzen weiteratmeten.

 

Denn ihre Sehnsucht
war mit der Zeit nicht kleiner geworden.
Nur stiller.
Und schwerer.

 

Früher liebte man
an der Oberfläche der Haut.
Jetzt liebten sie bis in jene verborgenen Räume,
in denen ihre Seelen
jahrzehntelang ihre Schatten abgelegt hatten.

 

Er strich ihr manchmal
nur eine Haarsträhne aus dem Gesicht,
und sie fühlte darin mehr Zärtlichkeit
als in allem,
was das Leben zuvor Liebe genannt hatte.

 

Wenn sie seine Hand hielt,
war es,
als würde sie einen Menschen berühren,
der nach langer Irrfahrt
endlich aufgehört hatte zu frieren.

 

Und er hielt ihre Hand,
als wäre sie zugleich
das Zerbrechlichste
und das Heimischste,
was ihm je begegnet war.

 

Ihre Liebe hatte nichts Lautes mehr.
Sie brauchte keine großen Gesten.
Keine Schwüre gegen die Zeit.

 

Sie war wie Kerzenlicht auf altem Holz.
Wie das leise Atmen eines Hauses in der Nacht.
Wie warmer Regen auf dürstender Erde.
Wie Musik,
die man nicht hört,
sondern plötzlich
im eigenen Herzen wiederfindet.

 

Und manchmal,
wenn sie schweigend nebeneinandersaßen,
spürten sie dieses unfassbare Wunder: 

 

Dass zwei müde Herzen
noch einmal jung werden konnten,
ohne ihre Narben zu verlieren.

 

Denn gerade die Risse in ihnen
ließen das Licht hinein.

Sie küssten sich nicht
wie Menschen, die glauben, unsterblich zu sein.
Sondern wie zwei hungrige Seelen,
die nach langen Wintern
zum ersten Mal wieder Wärme fanden.

 

Als hätten ihre Herzen
jahrelang im Dunkeln gelegen
und würden nun vorsichtig begreifen,
dass das Leben ihnen heimlich
doch noch einen Garten aufgehoben hatte –
still, spät blühend
und von jener zarten Schönheit,
die nur der Herbst hervorbringt.

 

Und in manchen Nächten
lag ihre Liebe zwischen ihnen
wie ein stilles Meer im Mondlicht –
tief, dunkel, grenzenlos ruhig
und voller Sterne unter der Oberfläche.

 

Dann hörten sie den Atem des anderen
und wussten:

 

Es gibt Begegnungen,
die geschehen zu spät für die Jugend –
aber genau zur richtigen Zeit
für die Seele.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




Anmerkung von Saira:

ein Langgedicht, das kürzer nicht sein sollte  :)

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