Spur aus Salz und Zeit

Gedicht zum Thema Melancholie

von  Saira

Der alte Seemann hieß Jakob,
und wenn der Abend ins Wasser sank,
saß er rauchend am Ufer,
das wettergegerbte Gesicht
dem fahlen Licht des Tages zugewandt.

 

Neben ihm stand ein Glas dunklen Rums,
in dem die Dämmerung langsam verblasste.
Dann zog er das Akkordeon aus seiner Kiste,
und seine raue Stimme stieg empor
wie eine Spur aus Salz und Zeit.

 

Sein treuer Kutter lag am Steg,
ein wenig schief, ein wenig müde,
doch in seinen Planken ruhte ein Lachen,
das ihm die Jahre nicht nahmen.

 

Fiete, sein grauer Hund, lag auf einer Decke,
den Kopf dicht bei Jakobs Stiefeln,
als höre er schon
die ersten Töne der Nacht.

 

Eine Möwe saß auf dem Mast,
kam mit dem Abend zurück.

 

Jakob spielte nicht für flüchtige Ohren.
Seine Lieder galten dem, was blieb.

 

Für die See,
die ihm die Hände aufriss
und zugleich die Seele öffnete.

 

Für die Wege aus Wasser,
die kein Mensch festhalten konnte
und in ihm weitergingen.

 

Und für Erna.
Sie wartete nicht mehr hinter einer Tür,
und doch war sie da –
in jeder Falte der Melodie,
die aufstieg
wie warmer Atem in kühler Nacht.

 

Manchmal lächelte er,
als säße sie neben ihm,
ihr Kleid streife den Steg,
als habe die Zeit
ihre Härte verloren.

 

Wenn die Dämmerung tiefer glitt
und das Wasser dunkler atmete,
trug jeder Ton ein fernes Glimmen,
als rühre er an verborgene Ufer.

 

Dann schwiegen selbst die Taue,
und fern über den Wellen
klang die Melodie weiter.

 

Die Sehnsucht war ihm kein Schmerz mehr,
sondern ein leiser Gefährte.

 

Und so saß Jakob am Wasser,
mit Fiete und der Möwe,
und spielte.

 

Nicht gegen das Vergangene,
sondern mit ihm.

 

Und als die Nacht sich senkte,
da war es ihm,
als lege sich eine Hand in seine,
kaum mehr als ein Atemzug.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026








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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (06.05.26, 11:30)
Hallo Sigi,
ein anmutiges Gedicht, das einlädt, in den Nachen der Sehnsucht zu steigen und mit dem alten Seemann zu träumen.

Liebe Grüße
Ekki

 Saira meinte dazu am 06.05.26 um 23:40:
Hallo Ekki,

„Nachen der Sehnsucht“ – was für ein wunderschönes Bild! Genau so habe ich Jakob empfunden: als jemanden, der nicht mehr gegen die Erinnerung rudert, sondern sich von ihr tragen lässt. 

Danke dir!

Liebe Grüße
Sigi

 Reliwette (06.05.26, 12:00)
Hallo, liebe Saira, diese Gefühle kann ich gut nachempfinden, weil ich früher mal in eine alte Burgruine geklettert bin und dort vor Mäusen und Ratten mit dem Akkordeon ein kleines Konzert in den Abendhimmel gespielt habe.
Aber niemand wusste, woher die Klänge kamen, denn der Weg zu meinem Platz war sehr versteckt.Damals war ich romantisch verrückt, aber dein Gedicht hat meine Erinnerungen geweckt.
Danke!
Reli

 Saira antwortete darauf am 06.05.26 um 23:42:
Lieber Reli,

dieses Bild von dir in der Burgruine, verborgen zwischen Mäusen, Ratten und Abendwind, mit dem Akkordeon in den Händen – das hat selbst etwas zutiefst Poetisches. 

Ich danke dir dafür.

Herzliche Grüße
Saira


P.S.: Was für ein Avatar! Sehe ich dich mit Beuys?

 AnneSeltmann (06.05.26, 15:25)
Hallo liebe Sigrun!


Dein Text trägt etwas sehr Seltenes in sich — diese stille, warme Melancholie, die nicht traurig macht, sondern tief berührt. Jakob wirkt, als gehöre er längst halb zur See, halb zur Erinnerung. Besonders schön ist, wie Erna nicht als Verlust erscheint, sondern als leise Gegenwart, die geblieben ist. Und dieser letzte Satz … der bleibt noch lange im Herzen.

Beim Lesen war es, als würde die Dämmerung selbst leiser werden.
Jakob sitzt nicht nur am Wasser — er sitzt zwischen Erinnerung und Ewigkeit. Man hört das Knarren des Kutters, riecht Salz und Rum, spürt Fietes stille Treue und sieht die Möwe wie einen alten Gedanken auf dem Mast.
Und Erna … sie ist in deinem Text nicht fort.
Sie lebt zwischen den Tönen seines Akkordeons, in dem Atem der Nacht und in jener zarten Stelle, an der Liebe stärker wird als Zeit.
Besonders berührt mich, dass Jakob nicht gegen die Sehnsucht kämpft. Er trägt sie wie ein warmes Licht durch die Dunkelheit. Das macht deinen Text so unglaublich menschlich und schön.
Am Ende hatte ich das Gefühl, selbst am Steg zu sitzen und diese leise Hand zu spüren, die sich in seine legt. Ganz vorsichtig. Ganz still.
Ein wunderschöner Text voller Seele. Hach...  <3


Liebe Grüße

Anne

 Moppel schrieb daraufhin am 06.05.26 um 18:24:
mir geht es wie Anne, Saira. Entführt in eine andere Welt, die doch so nah ist. Jakob hat akzeptiert und ist auf dem Weg... lG von M.

 Saira äußerte darauf am 06.05.26 um 23:44:
@Anne
Liebe Anne,

ich weiß gar nicht, was ich schöner finde – deinen Kommentar oder die Art, wie du zwischen den Zeilen gelesen hast. Dass du Erna nicht als Verlust, sondern als Gegenwart empfindest, ist für mich ein Geschenk. 


Danke für deine große Wärme und deine poetische Seele.

Herzliche Grüße
Sigrun
 
@Moppel
Du ahnst ja nicht, wie sehr mich dein Feedback ganz tief in meinem Inneren berührt und du weißt, warum das so ist.

Herzlichst
Saira

 AnneSeltmann ergänzte dazu am 07.05.26 um 06:09:
Gute Morgen liebe Sigrun!

Das freut mich sehr!

Ich bin nicht oft hier und kommentiere recht wenig, aber wenn mir etwas so sehr gefällt, dann lasse ich mir Zeit für den Text, lass ihn auf mich wirken und kommentiere dementsprechend.

Dein Lob an meinen Kommentar freut mich über alle Maßen!


Liebe Grüße

Anne

 Tula (06.05.26, 20:54)
Liebe Sigi
Vor mehr als 30 Jahren hoffte ich noch, irgendwie wie dieser Jakob zu enden. Aber nein, ich blieb Landratte. Schade. Aber die Melancholie blieb. Saudade eben ... 8-)

LG Tula

 Saira meinte dazu am 06.05.26 um 23:45:
Lieber Tula,

dein Kommentar hat selbst etwas von salziger Abendluft. Vielleicht bist du nie wirklich Landratte gewesen, sondern nur jemand, dessen Sehnsucht keinen Hafen gefunden hat. 

Ich danke dir für diese schöne Wort „Saudade“, dessen Bedeutung so viel beinhaltet.

Herzliche Grüße zu dir nach Portugal
Sigi

 plotzn (07.05.26, 09:11)
Servus Sigi,

das Bild, das Du von Jakob zeichnest, hat trotz aller Melancholie etwas Beruhingendes. Man fühlt sich in dem Text geborgen.

Liebe Grüße
Stefan

 Saira meinte dazu am 07.05.26 um 20:36:
Servus Stefan,

wie schön, dass Jakob dich ein bisschen in seine Welt hineinziehen konnte und dass, ohne nasse Füße zu bekommen.  :)

Melancholie darf ruhig ein bisschen kuschelig sein.

Herzliche Grüße
Sigi
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