Sie sah das Meer –
nicht als Linie,
sondern als geöffneten Atem der Welt.
Etwas in ihr löste die Schwerkraft,
zog sie vorwärts,
als riefen die Wellen ihren Namen.
Schritte wurden zu Flügeln im Sand,
zu flüchtigen Zeichen
als wüsste etwas, wer sie ist.
Dann ließ sie zurück,
was sie gehalten hatte –
Enge und die müde Last ihrer Wege.
Barfuß trat sie
in das warme Gedächtnis der Erde,
wo jedes Korn ein Sonnenrest war.
Das Salz legte sich auf ihre Lippen
wie ein Versprechen,
das schon immer in ihr gewohnt hatte.
Und als sie fiel –
kein Sturz, ein Öffnen –
trug die Weite sie.
Tränen liefen,
nicht aus Schmerz,
der Körper gab frei.
Gedanken zerfielen
zu Vogelschwärmen aus Licht,
verstreuten sich im Wind,
kehrten nicht zurück.
Das Meer nahm sie nicht auf –
es erkannte sie.
Und irgendwo zwischen Welle und Atem
geschah es leise:
Dass sie nicht mehr suchte.
Dass sie wurde.
Weit.
Und ohne Rand.
©Sigrun Al-Badri/ 2026