Romeo & Julia – die sanfte Fassung

Prosagedicht zum Thema Mystik

von  Saira

Zwischen Verona
und einem Morgen ohne Verheißung
lebte Julia,
ein Mädchen
mit einem Herzen
wie eine verriegelte Kapelle
nach der letzten Messe.

 

Darin glommen stille Kerzen,
doch niemand durfte ihnen nahekommen,
ohne sich an ihrer Wärme
zu verlieren.

 

Und Romeo
trug kein gewöhnliches Verlangen in sich.
In seiner Brust tobte ein dunkles Meer
aus ungesagten Sätzen,
das nachts gegen seine Rippen schlug,
bis selbst der Mond
nicht schlafen konnte.

 

Sie begegneten sich nicht.

 

Sie geschahen einander.

 

Wie zwei Sternschnuppen
aus verschiedenen Himmeln,
die dieselbe Finsternis
für einen einzigen Herzschlag
vergoldeten.

 

Romeo liebte nicht zuerst
Julias Schönheit.


Er liebte die Art,
wie ihre Verletzlichkeit atmete.
Wie sie schwieg,
als müssten ihre Empfindungen
erst durch Dornen wandern,
bevor sie ihren Mund erreichten.

 

Julia fürchtete Berührungen,
die festhalten wollten.

 

Doch Romeo näherte sich ihr
wie Schnee dem Wald –
lautlos,
behutsam,
mit geöffneten Händen
und einer Stimme,
die selbst zerbrochene Dinge
nicht erschütterte.

 

Ihre Worte hatten aufgehört,
bloße Sprache zu sein.
Sie wurden zu kleinen atmenden Wesen,
die sich zwischen ihren Seelen bargen
und dort leise weiterschliefen.

 

Julia las seine Briefe
oft mit geschlossenen Lidern,
damit seine Stimme darin
größer werden konnte
als die Nacht.

 

Manchmal glaubte sie sogar,
seine Sehnsucht läge neben ihr –
wie ein zweiter Atemzug
im Dunkel ihres Zimmers.

 

Romeo sprach mit ihr
in einer Zärtlichkeit
aus Sommerregen
und flirrenden Libellenflügeln.

 

Er nannte ihren Leib
niemals Leib.

 

Er nannte ihn
Lichtung.
Sternenufer.
Heimkehr.

 

Und allmählich begriff sie:
Zärtlichkeit bedeutete vielleicht,
vor einem Menschen
keine Mauern mehr tragen zu müssen.

 

In ihren Träumen
lagen sie an einem See,
dessen Wasser aussah,
als hätte der Himmel
sein Licht darin vergessen.

 

Das Gras neigte sich unter ihnen,
als wolle selbst die Erde
ihre Nähe
nicht stören.

 

Romeos Hände
glitten über Julias Haut
wie Mondlicht über schlafendes Land –
langsam,
staunend,
voll zärtlicher Ehrfurcht.

 

Und Julia küsste ihn,
als könne sie damit
jede Einsamkeit
aus seinem Leben trinken.

 

Sie wollten einander lieben,
bis ihre Namen
vom Wind
durch die Jahrhunderte getragen würden.

 

Doch das zwischen ihnen
war kein Mythos.

 

Es war ein letzter warmer Zufluchtsort
für zwei Seelen,
die viel zu lange
in der Kälte gelebt hatten.

 

Vielleicht war das
ihr wahres Geheimnis:

 

Nicht,
dass sie einander liebten.

 

Sondern dass keiner von beiden
dem anderen jemals wehtun wollte
in einer Welt,
die von Wunden lebte.

 

 

© Sigrun Al-Badri, 2026




Anmerkung von Saira:

Als leise Gegenwelt zu Shakespeares Tragik.

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Kommentare zu diesem Text


 franky (25.05.26, 10:38)
„lagen sie an einem See,
dessen Wasser aussah,
als hätte der Himmel
sein Licht darin vergessen.“
„Sie wollten einander lieben,
bis ihre Namen
vom Wind
durch die Jahrhunderte getragen würden.“
 
Hi liebe Sigi,
 
Wahnsinnig schöne Bilder,
sie bringen auch in mir 
einen Sternenhimmel zum leuchten.
 
Liebe Grüße von Franky

 EVdR (25.05.26, 11:25)
Wunderbare, schwebende Metaphern, die eine berührende Tiefe entfalten. 

Kein lautes Drama, sondern der leise Beschluss zweier Verwundeter, die Waffen voreinander niederzulegen. 

Ein hocheleganter, starker Text.
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