Das Zeichen
Text
von atala
Vor uns liegt ausgebreitet das Meer. Ich liege auf einem Badetuch, Kevin sitzt neben mir auf einem Felsvorsprung. Er hält Ausschau nach Delfinen. In der Gegend seien schon welche gesichtet worden. Ich halte meine Hand an die Schläfe gegen die Sonne und blinzle über die glitzernde Oberfläche. Kleine Krauswellen und ein Containerschiff am Horizont sind alles, was ich sehe.
Ich beuge mich wieder über mein Buch. Ich lese von Undine, der mythischen Wasserfrau, die beschliesst, nicht mehr aus dem Wasser zu steigen. Die auf keinen Ruf mehr hört. Die sich weigert, zu singen. Die beschliesst auf ihre Seele zu verzichten, die ihr der Sage nach nur durch die Liebe zu einem Menschen zusteht.
Ich lese
Keinen Zauber nutzen, keine Tränen, kein Händeverschlingen, keine Schwüre, Bitten.
In mein Notizbuch schreibe ich: Die glitzernden Schuppen, die seidige Fischhaut. Diese Haut, die nur dazu da ist, um zu täuschen.
Ich winkte nicht; ich machte mit der Hand ein Zeichen für Ende.
Wie dieses Handzeichen aussieht? Mit dem Finger der Gurgel entlangfahren. Sich bekreuzigen. Mittelfinger ausstrecken.
Dann sind alle Wasser über die Ufer getreten
Mein Blick schwebt über mir und beobachtet mich von oben: wie ich im silberblauen Bikini am Meer liege, vertieft in ein Buch, während neben mir Kevin sitzt und die Wasserlinie nach den Tieren absucht. Ich frage mich, ob mein Oberteil meine Brüste etwas aneinanderdrückt und hebt, aber nicht zu sehr hochhebt, dass sie unnatürlich nach vorne ragen. Ich frage mich, ob das Lesen mir eine gewisse Aura gibt. Wie ich aussehe, wenn ich ins Buch schaue. Ob es Kevin gefällt. Mein konzentriertes, stilles Gesicht. Und dass das Buchcover farblich zu meinem Badetuch passt.
Die Frauen vorhin in der Konditorei, die uns Bitterorangen-Croissants über die Theke reichten, trugen eierschalenfarbene Hauben und Schürzen umgeschnürt. Die Männer, die Cappuccino auf Silbertabletts balancieren, sind in schwarzen Anzügen. Neben uns an den Tischen sitzen die Gäste mit übereinandergeschlagenen Beinen, hinter Zeitungen verborgen, ein Pudel an den Rocksaum geschmiegt.
Kevins Blick haftet an der Tasse, die der Kellner bringt. Er nickt ihm kurz zu, setzt dann für einen Schluck an und schaut einem Gast zu, der die grosse Zeitung umständlich umblättert. Ich denke daran, dass man uns wie selbstverständlich als Liebespaar wahrnimmt. Ob man uns für ein routiniertes oder für ein frisch verliebtes Paar hält. Und ich frage mich, ob wir uns an diesen Moment erinnern werden. Dass wir ein Stück von uns hierlassen und dass wir Jahre später, allein diesen Ort aufsuchen und daran denken, dass wir uns einmal gegenübergesessen sind.
Unsere klobigen Wanderschuhe hinterlassen Staub auf dem Steinboden vor dem Café, die Rucksäcke liegen auf einem Stuhl zwischen uns. Wir wandern heute zur Abtei San Fruttuoso. Das Kloster liegt zwischen Felsvorsprüngen in einer Bucht unter Pinienbäumen.
Der Aufstieg zur Gipfelkette ist steil. Obwohl der Pfad im Schatten unter Bäumen verläuft, schwitzen wir in der Hitze. Wir riechen die Erde und sind froh, um den sanften Wind. Beim Gehen denke ich an Busse tun. An Sünden, die wir mit jedem Schritt ablaufen. Ich versuche meine Erschöpfung zu überspielen. Kevin sieht man die Anstrengung nicht an. Am höchsten Punkt angekommen, öffnet sich der Blick aufs Meer. Ab hier geht der Weg steil nach unten. Ich lasse mir die Angst nicht anmerken, als wir uns an Seilen befestigen müssen und unter uns schlagen die Wellen an den Stein. Ich möchte eine kompakte, eine unverletzliche Hülle abbilden. Nach einer Abbiegung erblicke ich die weisse Kirche zwischen den Felsen.
Als wir vor der Abtei stehen, schlagen wir stumm ein Kreuz. Tasten auf die Stirn, die linke Schulter, rechte Schulter und zum Herzen. Wir wissen, dass das Kloster Piraten beherbergt hat und schon lange keine religiösen Handlungen mehr durchführt.
An der Bucht suchen wir einen Ort, an dem wir uns hinlegen, bis das Linienboot uns zurück zu den Ferienstädtchen bringt. Kevin erzählt, dass hier in 15 Meter Tiefe eine Bronzestatue versenkt wurde. Eine Christusstatue, deren ausgebreitete Arme zur Wasseroberfläche hin geöffnet sind. Ein Denkmal, das an umgekommene Taucher erinnert. Wir geben Cristo degli abissi in die Suchmaschine ein und sehen die Statue im dunklen Blau, umringt von einem Fischschwarm. Auf einem anderen Bild reinigt ein Taucher mit einem Spritzgerät die vergilbte Figur.
Ich erzähle Kevin nichts vom Kuss der Undine, der Meeresnixe. Sie ziehen den, der ihre Liebe verrät, mit sich ins Wasser und lassen ihn nicht mehr los.
Kevin springt plötzlich auf, zeigt mit dem Finger aufs Wasser und schreit: „Ein Delfin!“ Auch ich sehe für Sekundenbruchteile die Flosse aus dem Wasser ragen. Lange genug, um zu erkennen, dass der Schweif nicht fest war wie von einem Delfin, sondern rund und gezackt. Womöglich von einem grosser Fisch. Ich lasse ihm seine Freude und frage ihn später, als wir über die Wellen fahren.
„Glaubst du an Seeungeheuer?“
Kevin nestelt den Schlüssel heraus, schliesst mit ungeübten Bewegungen die schwere Tür auf. Wir spielen Beziehung. Treten in eine Wohnung, als lebten wir hier. An den Wänden Sprüche, die ein Zuhause vorgeben.
Als Kevin schläft, schaue ich ihn an und sage im Kopf einen Liebeszauber auf. Er soll von mir, wie von unsichtbaren Saugnäpfen, angezogen sein. Mich nie mehr ablegen können.
Kevin holt die Taucherbrille aus der Tasche und fragt mich, ob ich auch ins Wasser wolle. Seine nassen Haare tropfen auf mein Buch. Ich schaue kurz auf und schüttle den Kopf, später vielleicht.
Sein weisser Fuss ragt aus dem Wasser, dann wird er verschluckt. Ich hebe die Hand und mache ein Zeichen für Ende.
Alle Zitate: Undine geht, Ingeborg Bachmann