Die Mona Lisa ist winzig und die Menschentraube davor riesig. Damit die Menschentraube sich nicht zu nah an das Gemälde drängt, ist es eingezäunt. Ich habe mir die Mona Lisa deshalb nur aus der Ferne angesehen, von einer Bank aus. Ich meide drängelnde Menschenkörper.
Aber es ist egal, wie nah du rankommst. Du kannst die Subtilität des Lächelns bewundern. Dich persönlich angelächelt fühlen oder eifersüchtig auf deinen Nebenbuhler mit der Spiegelreflex sein, den sie statt deiner zu meinen scheint. Du kannst sie ignorieren, ihr die Zunge rausstrecken, vulgäre Handzeichen machen, ihr ein Liebesständchen bringen: Mona Lisa antwortet nicht. Die Kommunikation muss einseitig bleiben, weil ihr Urheber tot ist.
Die Autoren im Literaturforum leben. Aber sie wünschen sich ihre Texte tot. Natürlich sind einige bereit, Änderungen auszuführen, die ihnen von eifrigen Rezensenten vorgeschlagen werden. Das ist es nicht. Nicht alle halten ihre Werke für perfekt oder jenseits aller Kritik. Trotzdem wollen sie diese Texte behalten, für sich behalten. Sie wollen sich darin spiegeln und als Urheber erkannt werden. Wie das Gemälde der Mona Lisa im Louvre sollen die Texte im virtuellen Raum rumhängen und den Autor vor sich hinlächeln. Die Textfiguren bleiben unantastbar in der Hand des Autors. Dabei finde ich, dass ein Literaturforum die fantastische Möglichkeit bietet, die Texte miteinander sprechen zu lassen und sie so weiterzuentwickeln. Ich meine jetzt nicht die schlecht verholenen Schmähgedichtchen, die im Forum üblich sind.
Den Versuch einer zwischentextlichen Kommunikation habe ich dreimal gemacht, aber es hat sich nie ein längerer literarischer Dialog daraus entwickelt. Alle drei Mal folgte ich einer spontanen Inspiration. In allen drei Fällen inkorporierte ich eine Figur, an die der Erzähler oder das Lyrische Ich sich richtete. Keine dieser Figuren waren tätige, sprechende Figuren, sie wurden angesprochen, -geschrieben, -gebetet. Sie waren Wände gegen die jemand einen Ping-Pong-Ball spielt und ihn unverändert zurückbekommt, ein lebloses Phantasma. Das reizte mich. Ich schlüpfte hinein. Jemand hatte mir eine leblose Hülle vor die Nase gesetzt, ich hatte Lust ihr ein Eigenleben zu geben und mich auf eine Dynamik einzulassen. Ich schreibe gerne dynamisch, in Gesellschaft. Ich bin nur bedingt ein Typ fürs stille Kämmerlein. So wurde ich zu Maschinov, offensichtlich ein Russe, der seinen eigenen Namen halb Deutsch, halb international transkribierte, das konnte ich mir nicht aussuchen. Eine gewisse Comtesse S. richtete einen Brief in antiquiertem Deutsch an ihn und: ich ließ ihn antworten:
Liebste Comtesse S., Serenitas!
Sollte ich auch nur einen Bruchteil dessen verstehen, was sie mir in Ihrem Brief zu sagen gedachten, kann ich es auch nicht wissen; nicht einmal, ob ich der eigentliche Adressat ihres Briefes sei oder mich im Augenblick der Lektüre schlicht in der Phantasie ertränkte, ich könnte es sein; drängt es mich doch, Ihnen eine Replik zu übermitteln, erfüllt vom innigsten Verlangen, Ihr Leiden zu lindern. Bin ich doch einer dieser Erde Menschen, der Erlösung im Wort sucht, nicht in der Tat, dem Wort Tat ist, und dessen Seele keine Ruhe in der Beschaulichkeit rauschender Baumkronen und reißender Bäche fände!
Was reizte mich daran, ausgerechnet in diesen Maschinov hineinzuschlüpfen, den ein anderer Autor sich als Ping-Pong-Wand für seine Gedanken oder Gefühle ausgedacht hatte? Zunächst natürlich, die seltene Gelegenheit hochtrabende Sprache bis in den letzten Winkel auszukosten. Aber auch die im Brief vertretene Meinung, dass die Natur, das Konkrete, Anschauliche dem Gedanken und der Phantasie vorzuziehen sei und alles andere: schlechtes Handwerk. Diese Ansicht wurde damals, als es im Forum noch mehr um Ideen von Literatur, als um persönliche Gesinnungstexte ging, von den Vertretern der gebundenen Lyrik (Stichwort: Bebilderung) bis zu den Bukowski-Nachahmern unisono ins Forum geschrieben. Ein Grund, warum ich diese augenscheinlich unterschiedlichen Geschmacksgruppen immer schon als Variationen derselben Konvention sah, aber nicht der einzige. Also ließ ich Maschinov eine ganz andere Haltung einnehmen, eine, die auch die im Brief erläuterte Beziehung zu einem gewissen Andrej anders deutete, als es die Comtesse getan hatte und die nebenbei auch noch seinem Namen zuwiderlief.
Bitte erlauben Sie mir, zunächst ein für unsere Verbindung möglicherweise zu freimütiges Wort an Sie zu richten; schon befürchte ich, Sie damit zu beschämen, jedoch kann ich nicht umhin, anzumerken, dass Sie niemals einem Herren gestatten sollten, Sie beim Namen biche zu nennen! Es scheint mir, Andrej wollte Sie
damit nicht trösten, sondern, ich entschuldige mich vielmals, Sie alsbald verspeisen, als Gulasch, garniert mit Rotkohl und Klößen.
Une biche ist nämlich eine Hirschkuh und das fand ich nicht sehr schmeichelhaft für eine unter Weltschmerz oder an Magersucht leidende Comtesse. Nicht nur war dieser Andrej und die von ihm aus meiner Sicht manipulierte S. der Auffassung, das wahre Leben spiele sich abseits von Phantasie ab, er drängte sie dazu, ihre Phantasie und ihr Nachdenken als Krankheit anzunehmen, schloss also an das seltsame Narrativ an, dass alles Leben, dass nicht auf seine Dinglichkeit reduziert werden kann, Naturerscheinungen oder Fressen und Ficken, Nichtleben sei. Diese Entweder-oder-Mentalität sowie der autoritäre Zwang, mit der sie der zarten Comtesse S. übergestülpt wurde, ging mir auf die Nerven. für wen hält sich dieser Andrej und mit ihm alle selbsternannten Lebenskundigen eigentlich, wenn er einer Person nicht nur sagt, wie sie leben solle, nein, auch noch, was das echte Leben sei. Ich ließ meinen Maschinov also einen konkreten, vulgär anschaulichen Rat finden, freilich verpackt in gewählte Sprache:
Und in der Tat scheinen Sie Ihr zerbrechliches Dasein geradezu in seiner Bauchhöhle zu fristen, welch dunkler Raum, welch enge Welt! Es verwundert mich nicht im Geringsten, dass Sie unter seinem ständigen Einfluss erkrankten und sich, da Sie Ihre resignierten Worte in den Kosmos versandten, kaum noch zu rühren vermögen. Wie sollten Sie in einer derart misslichen Lage reüssieren? Doch gibt es Abhilfe, liebste S., ich versichere Ihnen, der Bauch eines Mannes, selbst eines großen Mannes wie Andrej, hat seine gräflichen Auswege, mögen Sie auch mit Strapazen verbunden sein, die ich Ihnen gerne ersparte. Machen Sie ihn ordentlich krank, Ihren Andrej, auf dass er sich Ihrer schon bald entledigen möge, denn sowie er sich an Ihrer Seele nährt, entzieht er Ihnen, wessen Sie zum Leben und Schreiben bedürfen, zehrt Sie aus bis auf die Knochen, während er sich an ihrem delikaten Geschmack zu laben beliebt. Fällt es Ihnen nicht ins Auge, wie er mit jedem Tag dicker und größer wird, dieweil Sie langsam dahinschwinden?
Oder in Worten aus der Gegenwart: Lass dich von dem selbstgefälligen, manipulativen Typen nicht gaslighten, der saugt dich aus und will dich unter seine Kontrolle bringen. Hör nicht auf sein scheinbar hilfreiches Gelaber, er tut nur so, als würde er es gut mir dir meinen, aber er meint nur sich selbst. Fuck seine falsch kümmerige Altväterlichkeit, die hast du nicht nötig. Du weißt selbst am besten, was gut für dich ist.
Die Seele, liebste Comtesse, ist ein unentdecktes Wesen, mag sie auch in jedem von uns lauern, so bricht sie uns doch auf den unterschiedlichsten Wegen hervor und kennt, seien Sie versichert, der Formen viele, niemals allerdings wird sie aus dem Nichts manufaktiert, kein noch so versierter Kunsthandwerker wird jemals vermögen, eine Form ohne Material zu stilisieren und das Material des Künstlers ist just nichts anderes als die Seele, an der er trägt! Lassen Sie diese aus sich fließen, gerade wie es Ihnen gefällt und kümmern Sie sich nicht um das traditionelle Handwerk, nicht um die Stimmen einer gierigen Leser- und Lehrerschar, bevor Sie nicht eins mit diesem Fluss geworden sind; ergießen Sie sich aus Andrejs Gedärmen hinaus in die Weiten der Freiheit und lassen Sie Ihre Seele jene Ausdrucksform finden, die ihr eigen ist!
Fürchten Sie sich nicht vor ihrer eigenen Macht und scheuen Sie sich nicht vor sich selbst, nicht vor anderen! Gehen Sie hinaus, entäußern Sie sich und lassen Sie sich lieben oder töten, doch sterben Sie in der endlosen Steppe Ihrer Seelenlandschaft, sterben Sie - gesund!
Mit den besten Wünschen zur baldigen Genesung,
ergebenst
Ihr
Maschinov
Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass sich aus diesem Brief von Maschinov an die Comtesse ein Wortgefecht hätte entwickeln können, in dem es ums nackte Leben und Weltanschauungen geht und wie die beiden zusammenhängen. Die drei Figuren hätten weiter ausgebaut werden können, das Ende offen bleiben. So viele Möglichkeiten gemeinsam, vielleicht sogar mit einem Gegner, lebendige Literatur zu machen.
Stattdessen bekam ich eine beleidigte PN mit den Worten "was soll das?". Der Autor schrieb mich als Autor an, statt die Comtesse antworten zu lassen. Einladung zum Spielen abgelehnt, Dynamik abgewürgt. Was bildete sich dieser Maschinov ein, mehr als eine Wand zu sein, vor deren Hintergrund man die Schöpfung des Autors betrachten kann, wie die Museumsbesucher die Mona Lisa.