Hellglitzerndes bleu des stillen Hafens

Kurzgeschichte zum Thema Ewig/ Ewigkeit

von  RainerMScholz

Bevor ich dich um Hilfe anrufe, verrecke ich lieber bei 45° auf der Landstraße. Da kommt der Schienenersatzbus. Wo fahren sie denn hin.

Wo fahren Sie denn hin?“

Steht vorne dran.“

Was?“

Steht vorne dran.“

Wieviel?“

Egal. Steig ein.“

Äh, Danke.“

Voller Schurken und alter Tanten der Bus, wie es scheint, der sich ruckartig in Bewegung setzt, bevor ich einen Platz gefunden habe. Es ist bullenheiß. Keine Klimaanlage, durch die oberen Fensterschlitze kommt die brennende Hitze von den angrenzenden Feldern, die verkohlen, ausgelöscht die Ähren unter der glühenden Sonne. Vorbei an einem rotherzinfarktgesichtigen Teufel, an der verschrumpelten Großmutter, an der verzweifelten Mutter mit quengelndem Kind , an desinteressiert ins Freie Starrenden, ist hinten noch ein freier Platz. Der Busfahrer rast die Strecke entlang, dass der graue Asphalt an den Kotflügeln hochspritzt. In der Ferne kohlen Ofenschlote. Es stinkt nach vergälltem Kohl und altem Schweiß, billigem Deodorant und verhohlener Furcht. Der Mann fährt viel zu schnell.

Hey, Bulgare, du fährst viel zu schnell. Hallo, Herr Busfahrer.“

Die Passagiere halten sich an den abgewetzten Platzgriffen fest. Eine Oma weint still, ein Kind schreit, die Mutter presst die Hand auf seinen offenen Mund.

Ein Junge mir gegenüber: „Was guckst Du?“

Was?“

Ach, ist zu heiß.“

Deine Mutter.“

Was Du sagen?“

DeineMutter.“

Ist zu heiß, Arschloch.“

Ganz Deiner Meinung.“

Die flirrenden kahlen Buckel fliegen draußen vorbei. Die Sonne klirrt. Wir fahren zur Hölle. Alles Leben verkokelt zu schwarz und das Blut siedet, am Horizont fallen Windmühlen, und der Bulgare am Steuer gibt Gas, gibt Gas, noch mehr Gas, der Dieselmotor röhrt ohrenbetäubend, Qualm steigt am Heck auf, aber wir fahren, rasen die Landstraße entlang, fressen den Asphalt – wir machen die Welt kalt.

Oma, soll ich Ihnen beim Aussteigen behilflich sein?“

Was bildest Du Dir ein, junger Mann, das schaffe ich schon selber.“

Sie fällt aus dem Bus auf den Bürgersteig, drillt wütend ihren Rollator und die Bustür schließt sich schnaufend, sie bleibt im Getöse und im Rauch zurück. Eine Schwalbe macht noch keinen Bordstein.

Nächste Station: das brüllende Chaos, die kriechende rotblasige Lava, das verheerte Land. Da will ich hin.

Da will ich hin! An jenen Ort, an dem mich die rotierenden Flügelklingen der Klimaanlage zerhacken, fressen und auskotzen.

Komm doch her, Welt, wenn du `was willst!

Erst wenn es stockfinster ist, weiß man, wie hell es sein kann. Sieh in die gleißende Sonne, und dann schließe die Augenlider.

Der Bus rast weiter die Landstraße hinunter, brennendes Reifengummi fegt in die Weizenfelder, der Fahrer ist ein von Pusteln übersäter fetter Mann mit spitzen Hörnern am Schädel, dessen Hände das Lenkrad biegen. Alle schreien, aber es ist totenstill; das Sirren und Kreischen der blanken Felgen an den leblosen Leitplanken ist wie ein Konzert, das ich nie bis zum Ende erlebte.

Lass mich gehen, Schicksal, ich bin soweit, ich steige an der nächsten Halte aus und begrüße, was du für mich bereithälst.

Doch die Geschwindigkeit steigt, die Hitze nimmt zu, die Passagiere stieren aus den Fenstern, halten sich gegenseitig fest, und der Bus rollt, wie ein Jahrmarktskarussell, weiter und weiter, schrillend, klingelnd, kreischend.

Dann wird es Nacht. Die Lichter erlöschen, der Lärm verstummt. Eine Hand legt sich auf meine Schulter und eine Stimme sagt leise: Komm jetzt, lass uns gehen. Ich scheine zu Hause zu sein.

Unsicher steigen wir alle zusammen zaghaft aus und gehen in das unbekannte Land, das so vertraut ist. In dieser lieblich schweigenden Dunkelheit.



© Rainer M. Scholz



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 Aber (26.06.26, 20:39)
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