Leben um jeden Preis?
Ein alter Mann liegt regungslos im Pflegeheim im Bett, er hatte einen Schlaganfall. Ist halbseitig gelähmt, wird künstlich ernährt. Nie mehr wird er sprechen können, schlucken, aufstehen. Alles Medizin-Mögliche wurde im Krankenhaus getan, um ihn am Leben zu erhalten. Wochenlang hing er an Maschinen. Nun sitzt seine Familie ratlos in dem stickigen Heim-Zimmer. Es tut unglaublich weh, den Vater, den Ehemann so zu sehen. Aber sie haben sich entschieden. Sie konnten und wollten ihn nicht gehen lassen.
Ich habe anders entschieden vor acht Monaten, als mein geliebter Mann in derselben Situation war. Mit notariell beglaubigter Vollmacht, Patientenverfügung, die unserer Tochter und mir als Bevollmächtigten die letzte Entscheidung zuwies. Nicht den Ärzten. Mein geliebter Mann hat genug gelitten in Krankenhäusern, wo man ihn mit seiner schweren Epilepsie schon als Jugendlicher den Medizinstudenten als Anschauungsobjekt vorführte. Entwürdigend. Nein, nie wieder würde er der Macht von Ärzten ausgeliefert sein!
Schon als ich in die Uniklinik komme, hat man dir entgegen der Patientenverfügung eine Magensonde gelegt. Angeblich wegen der Tabletten. Du signalisierst mir, brummst ( sprechen kannst du nicht), dass du das nicht willst. Hast dir schon den Bauch blutig gekratzt. Darum hat man dich fixiert. Ich sitze an deinem Bett, sehe es und fühle Wut in mir aufsteigen. Sage zur Schwester: Nehmen Sie meinem Mann die Fesseln ab. Sofort! Zickig antwortet sie: Das geht nicht, wenn niemand aufpasst. Und ich weine vor Zorn und Ohnmacht, denn ich weiß, wenn ich gehe, wird sie ihn wieder fixieren.
Ich kann nicht mehr schlafen. Habe immer das Bild vor mir. Nicht mal meinem Hund würde ich das antun. Ich muss was handeln!
Am dritten Tag lass ich den Oberarzt kommen. Empöre mich: Ich gehe davon aus, dass Sie die Patientenverfügung gelesen haben. Warum handeln Sie nicht danach? Weil ich eine Verantwortung als Arzt habe, sagt er selbstbewusst. Ich grinse höhnisch, zücke eiskalt mein Handy wie eine Waffe und bitte unsere Tochter : Hier, ruf mal den Anwalt an. Das Spiel mach ich nicht mit. Nummer ist eingespeichert.
MEIN Mann würde in diesem Machtkampf nicht der Verlierer sein. Und wenn es mich den Rest meines Besitzes kosten würde. Der Arzt lenkt ein: Naja, die Patientenverfügung ist ja eindeutig. Dann machen wir jetzt alles ab und geben Morphium.
Ein Gott hat Erbarmen. Die schwere Lungenentzündung und meine Weigerung, dich an eine Herz-Lungen-Maschine anzuschließen, erlösen dich schon nach drei Stunden.
Friedlich gehst du. Dein fiebriger Kuss liegt noch auf meinen Lippen. Dein Blick voller Liebe und Dankbarkeit schlummert in meiner Seele.
Die alte Nachbarin erzählt mir früh morgens von ihrem Mann. Verzweifelt, ratlos, hilflos. Er liegt jetzt im Koma. Wie soll das denn noch alles werden? jammert sie.
Ich muss an dich denken. Ich schaue in die Bäume und schweige. Ich hatte es dir versprochen. Und ich halte meine Versprechen.