Herr Rüdiger zählt neunzig Jahr
und nimmt sie nur statistisch wahr.
Er joggt tagtäglich seine Runde
und schafft noch locker eine Stunde.
Der Rudi ist nicht gern allein,
es dürfte wieder Liebe sein.
Er sucht im Netz sein neues Glück
und bald schon schreibt die Welt zurück.
Es flattert reichlich Post herein,
und Rudi freut sich ungemein.
Die Damen schreiben nah und fern,
und Rudi liest die Zeilen gern.
Sie möchten kommen, welch ein Glück!
Doch hält sie stets ein Pech zurück.
Mal fehlt der Sprit, mal platzt ein Rad,
mal braucht die Mutter ärztlich Rat.
Der Rudi hilft, so gut er kann,
und weist so manchen Euro an.
Als Dank kommt gleich ein Foto rein,
Bekleidung scheint dort knapp zu sein.
Zwei Damen kommen wirklich her,
und Rudi freut sich umso mehr.
Was dort geschieht, verrät er nie,
den Rest ergänzt die Fantasie.
Das Konto zeigt sich ziemlich leer,
doch Rudi nimmt es nicht so schwer.
Die Töchter dürfen nichts erfahr’n,
das möchte Rudi sich erspar’n.
Aus England schreibt ihm eine Frau,
die kennt sein Konterfei genau.
Sie findet Rudi äußerst fein
und schickt ihm dieses Lob hinein:
„Oh my dear“ – so liest Rudi hier,
„you are handsome“ – welch ein Pläsier!
Der Rudi liest und denkt sodann:
„Was fängt die bloß mit ‚handzahm‘ an?“
Denn Englisch kann er leider nicht,
so deutet er sich, was sie spricht.
Dann wird ihm „handsome“ doch erklärt:
Es heißt so viel wie schön, begehrt.
Da strahlt der Rudi, stolz und froh:
„Na bitte! Das gefällt mir so!“
Das Lob schmeichelt dem Rudi sehr,
davon vertrüge er gern mehr.
Er fühlt sich wieder jung und frei –
die Neunzig ist ihm einerlei.
Doch eines zeigt uns dieser Mann,
der selbst mit neunzig lieben kann:
Mag Rudi noch so handsome sein,
handzahm? Das fällt ihm niemals ein!
©Sigrun Al-Badri/ 2026

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