Der Junge Missionar - zweites Treffen
Skizze zum Thema Andere Welten
von Augustus
Der junge Missionar, den ich letztens kennenlernte und mit dem ich bereits ein Treffen hinter mir hatte, wollte mich diesmal direkt zur Zentrale einladen. Er schrieb: „Ich würde dich gerne einladen, in den Stadtteil nach C… zu kommen, dann lernst du auch die anderen kennen.“
Ich dagegen wollte, dass wir uns wieder im Café treffen – an einem öffentlichen Ort – und antwortete: „Gott hat dich zu mir geschickt und nicht die anderen.“ Ein geschickter Zug von mir, weil er klarstellt, dass er sich stets nach mir zu richten hat und die anderen überhaupt nicht dazu auserwählt wurden, mit mir in Kontakt zu treten.
„Amen“, antwortete er und war einverstanden, sich mit mir im Café zu treffen.
An besagtem Tag merkte ich erst richtig, welche Energie ein zutiefst gläubiger Mensch in sich trägt und nach außen ausstrahlt – vorausgesetzt, es geht um sein Lieblingsthema. Wir begrüßten uns und ich sagte: „Das Café ist diesmal gut belebt. Man spürt regelrecht die Atmosphäre des Turms zu Babel, weil die vielen Gespräche ein ganz eigenes, unverständliches Summen erzeugen.“ Er verstand die Anspielung und war amüsiert. Bevor wir zu neuen biblischen Themen übergingen, fragte er mich, was ich aus dem letzten Treffen mitgenommen habe. Ich fasste die Punkte zusammen, die der Leser bereits aus dem vorherigen Text kennt. Er war erstaunt, wie viel ich noch wusste.
Ich merkte an, dass ich es seltsam fand, dass die „Braut“ oder „Mutter“ – also die Braut Gottes und die Mutter der Menschheit, stellvertretend in der Gestalt Evas – so selten in der Bibel erwähnt wird. Ich fragte ihn: „Liegt das daran, dass die Bibel ausschließlich von Männern verfasst wurde?“
„Nein“, antwortete er. „Die Mutter wird an anderen Stellen der Bibel explizit erwähnt; die katholische Kirche ignoriert diese Belege einfach. Aber gut, da du mehr über die Mutter erfahren willst – was übrigens eines meiner Lieblingsthemen ist –, lass uns das heute dann vertiefen.“
Ich nickte: „Dann mal los.“
Er nahm Stift und Block zur Hand und notierte „Mann“ und „Frau“ sowie einige Tierarten: Fisch, Vogel, Lamm – und auf meinen Wunsch hin die Spinne.
„Wieso eine Spinne?“, fragte er.
Daraufhin erzählte ich ihm meine Erlebnisse mit den Spinnen, die dem Leser bereits bekannt sind.
„Du erkennst“, sagte er überzeugt, „dass jedes Lebewesen zwingend von einem Vater und einer Mutter abstammen muss.“
Ich stimmte ihm vordergründig zu, obwohl mir biologische Ausnahmen geläufig waren – wie etwa der Plattwurm, der sich bei fehlendem Partner selbst befruchten kann, oder bestimmte Schneckenarten. Doch ich wollte ihm nicht gleich den Wind aus den Segeln nehmen.
Er fuhr fort und zeigte mir anhand verschiedener Bibelstellen Bezüge zur „Mutter“, die über das gesamte Buch verstreut waren.
Ich fragte: „Warum macht man es so kompliziert und verteilt zusammenhängende Gedanken über etliche Abschnitte, anstatt den Sinn direkt zusammenhängend darzustellen?“
Er lachte: „Die Bibel soll eben nicht jeder verstehen. Sondern nur die Auserwählten – die Kinder Gottes.“
„Wer genau sind die Kinder Gottes?“, hakte ich nach, um seine theologische Deutung zu prüfen.
Seine Erklärung lautete im Wesentlichen so. Die Kinder Gottes seien einst Engel im Himmelreich gewesen, frei von jedem Leid. Die Schlange, getarnt als Satan, habe Eva verführt; Adam, der eigentlich treu und standhaft zu Gott stand, aß schließlich aus Liebe zu Eva ebenfalls von der Frucht der Erkenntnis, um ihr Schicksal zu teilen, und wurde verbannt. Gott habe die Erde als Strafe für die Sünden im Himmel geschaffen. Die Erde sei also ein Gefängnis. Jeder erhalte hier eine zweite Chance. Jesus sei herabgesandt worden, um den Menschen zu zeigen, dass Gott sie trotz ihrer Verfehlungen liebt. Wer diese Chance verstreichen lässt, landet letztlich in der Hölle bei Satan. Wer an Jesus glaubt und das Passahfest feiert, der wird erlöst und kommt in den Himmel.
„Ich soll mich hier auf Erden also wie ein Verbrecher fühlen“, folgerte ich, „der im Himmel eine schwere Tat begangen hat und nun die Bewährung nutzt?“
„Genauso ist es“, erwiderte er mit durchdringendem Blick. „Wir haben im Himmel so schwer gegen Gott gesündigt, dass wir den Tod verdient hätten. Weil er uns aber liebt, vergibt er uns, sofern wir den wahren Pfad der Bibel beschreiten.“ Sein dogmatischer Blick ruhte auf mir.
Ich setzte an: „Ein bedeutender mittelalterlicher Denker formulierte einst folgendes Gedankenexperiment – wobei ich im Grunde selbst der Urheber bin und dies im verschwieg. Als er nach seinem Tod vor das göttliche Gericht trat, das über Himmel oder Hölle entscheiden sollte, stellte er Gott und Satan eine Aufgabe: „Wer von euch beiden als Erster bis zur letzten Zahl der Unendlichkeit zählt, erhält meine Seele.“
Er brauchte einen Moment, um die Logik hinter diesem Bild zu erfassen, gefangen in seinen festen Denkmustern.
„Das heißt, keiner von beiden schafft es?“, fragte er zögernd.
„Exakt. Genau das heißt es.“
Er ging nicht weiter darauf ein, und wir ließen den Gedanken so stehen. Stattdessen bekräftigte er, dass alle Menschen – ob weise oder ungebildet – gefallene Wesen seien, die auf der Erde Buße tun müssten.
„Aber“, warf ich ein, „bei Milliarden von Menschen auf der Erde muss es dort oben ja ziemlich übel zugehen.“
Er reagierte rasch intuitiv und antwortete: „Gottes Reich ist so unermesslich wie das Universum. Eine Milliarde gefallener Engel ist im Verhältnis dazu verschwindend gering.“
Ich ließ das unkommentiert, dachte mir aber, wenn sein Reich dem Universum gleicht und derart viele Seelen fasst, welche Dimensionen muss diese Engelsschar dann erst insgesamt haben?
„Übrigens“, fuhr ich fort, „lässt sich diese Logik genauso gut umkehren.“
„Wie meinst du das?“
„Nehmen wir an, wir kommen nicht aus dem Himmel als Verbrecher auf die Erde, sondern aus der Hölle – weil wir dort Gutes getan haben, was dem Teufel missfiel. Er verbannt die Unverbesserlichen auf die Erde und gibt ihnen die Chance, böse zu werden, um sich für die Hölle zu qualifizieren. Diejenigen, die standhaft gut bleiben, steigen am Ende in den Himmel auf. Nach diesem Prinzip wären wir Verbannte, die sich gegen das Böse aufgelehnt haben.“
„Mir gefällt der Gedanke dennoch besser, ursprünglich aus dem Himmel zu stammen und dorthin zurückkehren zu können“, entgegnete er.
Ich stellte fest, dass beide Konstrukte äquivalent gleichwertig nebeneinanderstehen können. Wäre die Bibel exakt nach diesem umgekehrten Muster verfasst, würde er sie vermutlich mit derselben Inbrunst verteidigen wie seine jetzige Lehre.
Diese Erkenntnis ließ mich plötzlich nicht nur die Bibel anders sehen, sondern ihn selbst, der vor mir saß. Er hätte dieselben Ansichten, dieselben Argumente und dieselben Überzeugungen; er wäre unverändert, selbst wenn die Bibel völlig anders aufgebaut wäre – in seinen Augen jedoch genauso wahr wie die jetzige.
Wenn der Leser dies einmal begriffen hat, wird er die Welt, in der er lebt, möglicherweise mit ganz anderen Augen sehen, mit Augen, die ihm eine äquivalente Welt malen, in der die Menschen um ihn herum genauso handeln, denken und fühlen würden, wie heute, auch wenn diese Welt sich von der unseren grundlegend aber äquivalent unterscheiden würde.