Den Wettlauf des Wahnsinns stoppen

Essay zum Thema Menschenliebe/ Menschenhass

von  eiskimo

 

Der Karren sitzt fest, in mehrfacher Hinsicht blockiert. Die Mächtigen dieser Welt haben sich verrannt. Blindwütig-halsstarrig  verrannt. Ob da irgendein Retter in Sicht ist?

Nein. Es gibt heute keinen Rache bringenden 007, keinen Terror beseitigenden 008 oder die bedrohte Welt befreienden 009. Es gibt auch keine Bond-Girls, die es bis in die Schlafzimmer der Diktatoren schaffen, die tödliche Injektionsspritze im Handtäschchen versteckt.  Nein, die heutigen Tyrannen sitzen offenbar fest im Sattel – sie verfügen zu ihrem Schutz über multiple Sicherheitsvorkehrungen, von gepanzerten Fahrzeugen, unzerstörbaren Bunkern, Bodyguards bis hin zu Doppelgängern, die für sie Termine in besonders gefährdeter Umgebung wahrnehmen.

Indes: Was die Diktatoren dabei am meisten schützt, das ist die Angst, die Unterwürfigkeit oder die Passivität ihrer Bevölkerung, die über gleichgeschaltete Medien rund um die Uhr auf Linie gehalten wird – was zu denken und zu tun ist, wird in aller Klarheit und Konsequenz vorgegeben, schon in den Schulen, am Arbeitsplatz und zu Hause. Für Unwillige oder gar Abweichler gibt es Strafen, je nach Möglichkeit drastische, bewusst abschreckende oder – diskreter – den  „Selbstmord“.

Offener Widerstand ist unter diesen Umständen kaum möglich. Entscheidet der Diktator für Krieg, hat das Volk nicht nur die entsprechenden Rüstungsgüter zu produzieren, sondern auch die wehrfähigen Erwachsenen für den Kampf an der Front bereit zu stellen. Statt in Bildung, Kultur oder Umweltschutz investiert man - zack, zack ,  ins Militär.  Natürlich wird so eine Operation nicht Krieg genannt – es ist die „Verteidigung“ von Freiheit, der Kampf gegen „Terrorismus“ und /oder irregeleitete Fanatiker.

Gibt es für dieses alles lähmende Szenario, das aktuell so fatale Gültigkeit hat, keine Alternative?

Doch. Die Alternative heißt … Zweifel säen. 

Das klingt arm und im Vergleich zu der immensen Kriegsmaschinerie  fast lächerlich. Aber es ist die Waffe der scheinbar Ohnmächtigen.

Zweifel säen an der Allgegenwärtigkeit der Kontrolle genauso wie an der Entschlossenheit der Kontrolleure. Zweifel säen an den gleichgeschalteten Medien, die die in Abhängigkeit Gehaltenen beschallen – Zweifel säen an den vorgegebenen Fakten wie an den daraus abgeleiteten Maximen. Zweifel säen an der Stärke des Systems und der Kampfkraft seiner Truppen;  am Gehorsam der Einberufenen wie an der Kompetenz der Befehlshaber. Zweifel säen an den hinaus posaunten Erfolgen und der angeblichen Sinnhaftigkeit der Einsätze.

Und last but not least: Zweifel säen am Machtanspruch und der Autorität des Diktators. Ist er geistig zurechnungsfähig? Hat er ein nachvollziehbares, in sich stimmiges Konzept?  Oder irrlichtet er nur durch die Geschichte, irrationalen Ansprüchen folgend?

Er irrlichtet.  Dann sind alle Mittel recht, dem Zweifel auch Taten folgen zu lassen  – Hacken des staatlich kontrollierten  Internets, Einspielen „gefälschter“ Rundfunknachrichten,  Flugblätter, Mund zu Mund-Propaganda,  vielleicht sogar passiver Widerstand oder …. Flucht.

Was könnte  dem Diktator passieren?  Da das Zweifeln etwas Ansteckendes hat, da es zersetzend wirken wird, erodiert das System von innen. Schleichend. Langsam. Was dann zu hoffen ist: Es wird der Punkt erreicht, wo die Zweifel überwiegen,  wo aus Zweifel Misstrauen wird, aus Misstrauen Ablehnung und aus Ablehnung … Auflehnung. Plötzlich könnten sehr viele tatsächlich ihr scheinbar willenloses Erdulden überwinden.…

Kollaps.

 

Natürlich ist das Prinzip „Zweifel säen“ zweischneidig. Hier, beim unbehelligten Leser,  wird der Zweifel wohl umgedreht und sicher bezweifelt werden, dass in den beschriebenen Diktaturen die nötigen Informationen an die Menschen gelangen, um überhaupt jene Anstöße zu Zweifel und Misstrauen proaktiv zu geben. Und selbst bei ausreichendem Kenntnisstand, selbst bei Zugang zu allen entlarvenden Informationen …  käme es dann wirklich zu zersetzenden Reaktionen, die das irrlichtende System ernsthaft ins Wanken brächten?

Worüber es keinen Zweifel geben kann: Gibt es den Zweifel an der aktuellen Bedrohungslage nicht und regt sich weiterhin kein ernsthafter Widerstand, dann wird diese Ressourcen verschlingende Kriegsmaschinerie unverändert weiter toben, sie wird immer teurer und sie wird immer mehr Länder dieser Welt in Mitleidenschaft ziehen.



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Kommentare zu diesem Text


 rochusthal (26.09.26, 11:49)
Leider hat der Zweifel auch zur Zersetzung der Demokratie geführt, jener Demokratie, die auf die Diktatur folgte und deshalb auf die verirrten Menschen wie die Weiterführung der Diktatur wirkte: man glaubte nicht, sondern befolgte nicht gegebene Befehle. Der April 1945 und der September 2026 zeigen, dass in der Diktatur nicht nur der Diktator irrational ist, sondern auch die Diktierten. Sie glauben über die Niederlage hinaus an den Sieg des Bösen, das ihnen als das Gute eingeredet wurde. Aber das Böse kann nicht siegen und hat noch nie gesiegt und wird auch nie siegen. [Das ist auch nur eine Glaubensbotschaft. Leider.]

 Schtzngrrrrm (26.09.26, 12:33)
VON HOFFNUNG VERSPRECHE ICH MIR MEHR. ES BRAUCHT EINE VISION, DIE DIE MENSCHEN MUT UND HOFFNUNG SCHÖPFEN LÄSST, ALS EINZELNE UND ALS MENSCHHEIT, DIE NICHT GEGEN, SONDERN FÜR ETWAS ZUSAMMENHÄLT. 
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