Kapitel-6-
Erzählung
von Imitologiker
Roman – Kapitel 6
Die Weltraum-Imker
Der Arbeitstag auf der ISS war beendet. Die letzten Messwerte waren gespeichert, die Röntgenlampen ausgeschaltet und die Versuchskammern verriegelt.
Wie fast jeden Abend trafen sich einige Wissenschaftler im großen Verbindungsknoten der Station. Dort gab es keine Geräte, keine Monitore und keine Vorträge. Nur einen weichen Ball, der in der Schwerelosigkeit langsam durch den Raum glitt.
„Beach-Ball!“, rief Amir.
Lea verfehlte den Ball gleich beim ersten Versuch. Gelächter erfüllte das Modul.
„Du bist wirklich zum ersten Mal hier oben“, meinte einer der Kollegen.
„Sieht man das so deutlich?“
„Spätestens beim Beach-Ball.“
Der Ball schwebte weiter. Niemand musste rennen. Jeder drehte sich langsam in der Luft, stieß sich leicht von einer Wand ab und spielte weiter.
„Wie laufen eure Ameisen?“, fragte Amir.
„Sie sammeln inzwischen Eisenoxid erstaunlich zuverlässig“, antwortete ein Kollege. „Leider überstehen sie den Röntgentunnel immer noch nicht.“
Lea nickte. „Unsere Bärtierchen sind genau das Gegenteil. Die Strahlung macht ihnen kaum noch etwas aus. Aber sie interessieren sich nicht für Mineralien.“
„Und die Nanobots?“, fragte jemand.
„Die finden ihre Nährlösung schneller als je zuvor“, sagte eine Kollegin lachend. „Leider finden sie sonst nichts.“
Der Ball wechselte den Besitzer. Niemand sprach von Fehlschlägen. Jeder erzählte einfach vom kleinen Fortschritt des Tages.
Nach einer Weile sagte Amir: „Eigentlich bauen wir doch alle am selben Lebewesen.“
„Wie meinst du das?“
„Die Ameisen bringen den Sammeltrieb mit. Die Bärtierchen überleben fast alles. Die Nanobots zeigen uns, wie autonome Orientierung funktionieren könnte. Wir suchen weder Ameisen noch Bärtierchen. Wir suchen etwas völlig Neues.“
Für einen Augenblick wurde es still.
Ein Kollege fing den Ball auf, grinste und warf ihn gemächlich weiter.
„Ja, ja … da werden wir wohl alle noch Weltraum-Imker.“
Alle lachten.
Niemand erklärte den Witz. Niemand schrieb den Ausdruck auf.
Doch von diesem Abend an sprach auf der ISS jeder nur noch von den 'Weltraum-Imkern', wenn die Biologen gemeint waren.
Lea blickte durch das Fenster auf die langsam vorbeiziehende Erde.
„Glaubst du wirklich, dass so etwas einmal funktionieren wird?“
Amir zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Aber jede große Idee beginnt damit, dass jemand über sie lacht.“
Der Ball schwebte lautlos weiter. Draußen zog die Erde unter ihnen vorbei. Weit entfernt tagten auf der Erde die Raketeningenieure über größere Triebwerke und schwerere Frachter. Hier oben dachte niemand an große Raketen. Hier träumte man davon, eines Tages einen Schuhkarton voller kleiner Lebewesen auf einen Asteroiden zu setzen – und ihnen bei der Arbeit zuzusehen.
Noch wusste niemand, ob dieser Traum jemals Wirklichkeit werden würde. Aber an diesem Abend hatten die Biologen ihren Namen gefunden.