Kapitel-4-

Erzählung

von  Imitologiker

Roman – Kapitel 4
Die zweite Konferenz –
Warum fliegen wir überhaupt?

Ein Jahr war seit der ersten Machbarkeitsstudie vergangen. Die Arbeitsgruppen hatten ihre ersten Ergebnisse vorgelegt. Triebwerke waren verbessert worden, Navigationsprogramme liefen zuverlässig und die ersten Konzepte für einen regelmäßigen Frachtdienst zwischen Erde und Mars lagen auf dem Tisch.
Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit einer einzigen Folie. Darauf stand nur ein Wort:
„Lithium.“
Im Saal wurde es still.
„Meine Damen und Herren“, begann er, „wir sind heute nicht hier, weil wir den Mars schön finden. Wir sind auch nicht hier, weil wir Astronauten spielen wollen. Wir sind hier wegen Lithium.“
Ein Unternehmer ergänzte: „Unsere Energiespeicher wachsen schneller als unsere Minen. Wenn wir nichts unternehmen, wird uns dieser Rohstoff ausgehen.“
Ein Raketeningenieur nickte. „Dann müssen wir eben größere Frachter bauen.“ Ein anderer fügte hinzu: „Und schnellere.“
Aus der hinteren Reihe meldete sich eine junge Biologin.
„Darf ich eine Frage stellen?“ „Bitte.“
„Warum sprechen wir immer davon, Millionen Tonnen Maschinen zu transportieren?“ „Weil Fabriken nun einmal groß sind“, antwortete der Ingenieur.
„Vielleicht müssen wir gar keine Fabriken transportieren.“
Ein leises Murmeln ging durch den Saal. „Was denn sonst?“ „Leben.“
Der Ingenieur lächelte höflich. „Mit Verlaub – aus Bakterien gewinnt man kein Lithium.“
„Noch nicht“, antwortete die Biologin. „Aber vielleicht lernen wir Organismen kennen, die Gestein verändern, Metalle anreichern oder unter Bedingungen arbeiten, an denen jede Maschine scheitert.“
Der Vorsitzende griff nicht ein. Er ließ die Diskussion laufen.
Ein Geologe meldete sich: „Auf dem Zwergplaneten Ceres vermuten wir große Vorkommen wasserhaltiger Minerale und wertvoller Rohstoffe. Vielleicht ist unser Blick zu lange nur auf den Mars gerichtet gewesen.“
„Ceres?“, fragte jemand. „Dieser Brocken zwischen Mars und Jupiter?“
„Ja“, sagte der Geologe. „Klein im Vergleich zu Planeten – aber vielleicht einer der interessantesten Orte unseres Sonnensystems.“
Der Unternehmer verschränkte die Arme. „Ich werde meine Raketen deshalb nicht verschrotten.“
Die Biologin lächelte. „Das verlangt auch niemand. Ohne Ihre Raketen kommt keine einzige Probe ins All. Aber vielleicht transportieren Ihre Raketen eines Tages etwas ganz anderes als Stahl.“
Zum ersten Mal nickte der Unternehmer langsam.
„Dann forschen Sie“, sagte er. „Beweisen Sie, dass Ihre Idee mehr ist als ein schöner Gedanke.“ Die Biologin antwortete ruhig: „Genau deshalb bin ich hier.“
Jahre später würde man diese Sitzung als den Tag bezeichnen, an dem zwei Forschungsrichtungen entstanden. Die eine baute immer größere Raumschiffe. Die andere begann zu fragen, was das Leben selbst im Weltall leisten konnte. Damals ahnte noch niemand, dass sich ihre Wege eines Tages auf Ceres wieder begegnen würden.


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