Kapitel-5-
Erzählung
von Imitologiker
Roman – Kapitel 5
Auf der ISS
Als Lea durch die Luftschleuse schwebte, vergaß sie für einen Augenblick ihren Auftrag. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie schwerelos.
Vorsichtig löste sie die Verriegelung ihres Raumanzuges. Mit einem leisen Zischen entwich der Überdruck. Sie schob den Helm nach hinten und atmete tief ein. Die Luft roch nach Metall, Kunststoff und einer Klimaanlage, die seit Jahren ununterbrochen arbeitete.
Ein Mitarbeiter von Space Corporation Medicare wartete bereits auf sie.
„Willkommen auf der ISS. Keine Zeit zum Staunen. Die Medikamentencontainer müssen in zwanzig Minuten im Shuttle sein. Sonst verpassen wir das Startfenster.“
Lea hatte sich das Leben im All anders vorgestellt. Sie hatte geglaubt, Astronauten würden häufig am Fenster stehen und auf die Erde blicken. Stattdessen begegnete sie Menschen, die arbeiteten wie in einer Fabrik – nur vierhundert Kilometer über der Erde.
Auf dem Weg zum Labor kamen sie an mehreren Forschungsmodulen vorbei. Hinter Glas arbeiteten Chemiker, Materialforscher und Biologen.
„Ich dachte, die ISS gehört der Raumfahrtbehörde“, sagte Lea.
„Die Station schon“, antwortete ihr Begleiter. „Aber die Laborplätze werden an Unternehmen und Forschungsinstitute vergeben. Die ISS ist längst eine Dachorganisation geworden – ein Wissenschaftspark im Weltraum.“
„Und Ihre Firma?“
„Wir stellen unter anderem Insulin her. Manche biologischen Prozesse und Kristallstrukturen gelingen in der Schwerelosigkeit besser als auf der Erde.“
Am Ende des Ganges wartete Amir bereits.
„Na, wie gefällt dir dein neuer Arbeitsplatz?“
Lea lächelte. „Ich glaube, ich hatte völlig falsche Vorstellungen. Das hier ist keine Raumstation mehr. Es ist ein Forschungszentrum.“
Gemeinsam betraten sie ihr Labor. Aquarien, kleine Bioreaktoren und Petrischalen schwebten sorgfältig gesichert in ihren Halterungen.
Amir schaltete eine Röntgenlampe aus.
„Versuch beendet?“, fragte Lea.
„Für heute.“
Beide betrachteten schweigend die Messwerte.
„Die zwanzigste Generation lebt noch immer.“
„Nicht nur“, sagte Amir. „Sie vermehrt sich stabil. Und ihre Widerstandskraft gegen die Strahlung ist erneut gestiegen. Da hat sich das Einbringen der zusätzlichen Genabschnitte gelohnt.“
Eine Weile beobachteten sie die winzigen Organismen in ihrem geschlossenen Aquarium.
Schließlich fragte Lea: „Warum bauen eigentlich alle immer größere Raketen?“
Amir lachte. „Weil man riesige Raketen fotografieren kann. Eine Petrischale schafft es auf kein Titelbild.“
„Vielleicht schicken wir eines Tages gar keine fertigen Fabriken ins All.“
„Sondern?“
„Den Anfang einer Fabrik. Ein lebendes System.“
Lea blickte aus dem Fenster auf die langsam vorbeiziehende Erde.
„Die Raketeningenieure werden glauben, wir wollten ihnen die Arbeit wegnehmen.“
„Dabei brauchen wir sie mehr denn je“, antwortete Amir. „Ohne ihre Raketen käme keine einzige Probe hierher.“
Lea nickte. „Vielleicht beginnt die Besiedlung des Sonnensystems nicht mit Stahl.“
„Sondern mit Leben.“
Noch ahnten die beiden nicht, dass aus genau solchen unscheinbaren Versuchen viele Jahre später ein Forschungszweig entstehen würde, der den Weg bis nach Ceres weisen sollte.