Kapitel-2-
Erzählung
von Imitologiker
Roman – Kapitel 2
Hans bekommt eine neue Aufgabe
Donnerstag. Hans nannte diesen Tag insgeheim den 'Donner-Tag'. Nicht wegen des Wetters, sondern wegen Frau Kapitän Janeway. Wenn sie Unterricht hatte, donnerte ihre Stimme meistens schon vor der ersten Aufgabe durch den Klassenraum.
Die Tür öffnete sich. Janeway trat ein, legte einen Stapel versiegelter Umschläge auf den Tisch und wartete, bis es vollkommen still war.
„Guten Morgen. Heute übernehmen Sie einen Routineauftrag. Drei Frachter sollen sicher von der Erde zum Mars gelangen. Eigentlich kann dabei nichts schiefgehen.“
Hans beugte sich zu seinem Nachbarn. „Immer wenn sie 'Routine' sagt, endet der Tag im Chaos.“
„Herr Hans“, sagte Janeway trocken, „wenn Sie Ihre Prophezeiungen beendet haben, beginnen wir mit dem Briefing.“
Ein unterdrücktes Lachen ging durch die Klasse.
„Vereinzelt wurden kleine Piratengruppen gemeldet“, fuhr Janeway fort. „Meist fliegen sie in alten Rettungsbooten. Werden sie unterschätzt, übernehmen sie die Sauerstoffversorgung. Also: aufmerksam bleiben. Und nun – Mast- und Schotbruch.“
Hans verdrehte innerlich die Augen. Schon wieder einer ihrer Ausflüge in die Geschichte. Endlich durfte er den Umschlag öffnen.
FUNKER.
„Na toll“, murmelte er. „Schon wieder hin und her laufen.“
Die Simulation begann erstaunlich ruhig. Auf dem Bildschirm glitten die Frachter durchs All. Von Piraten war nichts zu sehen.
Dann erschien ein schwerer Kreuzer.
„Sie verletzen unsere Hoheitszone! Drehen Sie sofort um!“
„Unbegründete Behauptung. Kurs wird beibehalten.“
Jetzt begann Hans zu rennen. Nachricht entgegennehmen. Zeitcode eintragen. Zur Brücke laufen. Antwort holen. Wieder zurück. Bald überschlugen sich die Meldungen.
„Geschütz eins feuerbereit!“
„Torpedorohre fluten!“
„Schuss vor den Bug!“
Dann riss Janeway den nächsten Umschlag auf und reichte ihn Hans.
„Erster Treffer. Seitenruder beschädigt.“
Von diesem Augenblick an schien alles gleichzeitig zu geschehen. Die Eskorte erwiderte das Feuer. Der Gegner ebenfalls. Schließlich hielt Hans einen letzten Umschlag in der Hand.
„Alle Mann in die Rettungskapseln.“
Auf dem Monitor verschwand der ganze Konvoi in einem grellen Feuerball.
Hans saß nun allein in seiner Rettungskapsel. Fast automatisch schrieb er den letzten Funkeintrag:
„Mayday. Volltreffer. Verlassen den Raumer.“
Er wartete. Die Stunden vergingen.
Endlich erschien eine Patrouille.
„Warum kommt ihr erst jetzt? Vor zwölf Stunden hätte ich euch gebraucht!“
Der Pilot schüttelte den Kopf. „Wir haben deinen Funkspruch sofort erhalten. Kaltstart. Ich bin sogar die Treppe gelaufen, weil der Fahrstuhl ausgefallen war.“
„Aber mein Zeitmesser sagt: zwölf Stunden zu spät!“
Der Pilot nickte ruhig.
„Für dich zwölf Stunden. Für uns keine Minute. Wir sind so schnell gekommen, wie es in unserer Welt möglich war.“
Zum ersten Mal fehlten Hans die Worte.
Als die Pausenglocke läutete, dachte er nicht mehr über Frau Janeways Strenge nach. Er dachte nur noch an den Satz des Piloten. Vielleicht konnte man alles richtig machen – und trotzdem zu spät kommen. Genau diese Frage nahm er mit auf den Pausenhof.