Walnussschiffchen

Gedanke zum Thema Ferne

von  tastifix

Das Walnussschiffchen

Am Tage zuvor war ich zur Bootsmesse gewesen und hatte dort einige riesige Luxusyachten bestaunt. Leider durfte man sie nicht besichtigen. Deren wertvolle Inneneinrichtung hätte Schaden nehmen können. Ganz offensichtlich gibt es weitaus mehr extrem reiche Leute, die sich ein solches Kreuzfahrtschiff leisten können, als ich angenommen hatte.
Doch auch die Schiffe mittlerer Größe und selbst die kleinsten Yachten verdienten Beachtung. Sie alle waren äußert praktisch und obendrein urgemütlich eingerichtet. Ich sah mich einfach  nicht satt an diesen schwimmenden kleinen Häusern und wäre am liebsten direkt in See gestochen. Seufz!

Unwillkürlich dachte ich an die Weihnachtsfeste in meiner Kindheit zurück. Mir fielen die damals von mir so sehr geliebten Walnüsse ein. Ich besuchte die „Boot“ und dachte an Walnüsse? Wieso das denn bloß?
Als Kind hatte ich sie mit wahrer Begeisterung säuberlich zu Hälften geknackt, um dann winzigkleine Segelschiffchen aus ihnen zu basteln. Als Masten dienten Streichhölzer. Flicken von Papiertaschentüchern wurden zu Minisegeln. Dann ließ ich Wasser ins Waschbecken laufen und die niedlichen Schiffchen darin schaukeln. Es herrschte ein ordentlicher Seegang. Am Rande des Beckens brachen sich Wellen von mindestens 5mm Höhe. Doch die kleinen Boote hielten sich tapfer und durchschnitten mit ihrem Kiel die Wogen, ohne zu kentern.

In der Nacht darauf träumte ich einen wunderschönen Traum:
Ich stand in einem Yachthafen und genoss den Anblick der schicken Luxusliner. Plötzlich entdeckte ich es: Zwischen all den blitzenden Schiffskörpern mogelte sich ein braunes Etwas durch. Es entpuppte sich doch wirklich als eines meiner Walnussbötchen, das meine Phantasie in eine kleine Yacht verwandelt hatte. Der Wind blähte mit aller Kraft das Segel und blies so mein Traumschiff sicher bis zur Anlegestelle. Sein Äußeres unterschied sich auffallend von dem der modernen „Kameraden“ und erregte großes Aufsehen bei den Seglern. Deren eigene, doch sehr viel schnittigeren Yachten waren vergessen. Stattdessen bestaunten alle fasziniert dieses kleine braune Etwas.
Begeistert betrachtete ich es. „Meins!“, dachte ich glücklich. Zum zweiten Male in meinem Leben hatte es mit einem einzigen Blähen seines Segels mein Herz im Sturm erobert. Freudig  schritt ich über die kleine Gangway und betrat das Walnussschiffchen. Stolz sah ich mich um. Ich atmete tief durch. Ja, genau so hatte ich es mir vorgestellt. Die ganze Einrichtung war in dunkelbraunem Holz gehalten, die Sitzecke mit hübschem Polster bezogen. Vor den Fenstern hingen farblich dazu passende nostalgische Vorhänge. Das war die Gemütlichkeit, die ich liebte. Ja, das war meine Welt. Die Welt, in der ich alles Andere vergaß..
Ich zog den Vorhang zurück und schaute neugierig durch das Fenster. Es gab den Blick frei bis zur Hafenausfahrt und ließ das weite Meer erahnen. Dieser Tag war sonnenüberflutet. Das Bild, das sich mir bot, war wunderschön. Die blitzenden Strahlen der Sonne ließen das leicht bewegte Wasser glitzern wie eine Strasse aus Diamanten.

Das Herz ging mir auf. Jetzt hielt mich nichts mehr. Das Fernweh hatte von mir Besitz genommen. Auf dieser Diamantenstraße wollte ich in die Weite des scheinbar unendlichen Ozeans hinaus segeln. Durch die leise vor sich hin plätschernden Wellen zu mir noch unbekannten Zielen. Das Wasserrauschen des Meeres beruhigte mich. Ja, auf dieser Reise fände ich endlich Frieden.
Was würde ich erleben?
Wohin würde es mich treiben??
Entrückt sah ich vor mich hin. Erst nach einigen Minuten fand ich wieder in die Wirklichkeit zurück, hob den Kopf und blickte in das Gesicht meines Gegenübers. In das Gesicht des Mannes, der all diese Gefühle und Gedanken mit mir teilte.
Dessen war ich mir sicher.

Ohne ihn wäre alles nur halb so schön.





















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Kommentare zu diesem Text


 Triton (30.01.05)
Eine nette kleine Geschichte, die in mir die Erinnerung wachrief, als Kind selber Walnussschiffchen gebaut zu haben. Auch wenn ich das heute nicht mehr tue, bin ich aber immer noch bemüht, eine Walnuss auf diese Art zu öffnen, daß 2 Hälften entstehe, lächel. LG Triton

 tastifix meinte dazu am 30.01.05:
Hallo, Triton!

Vielen Dank für Deinen netten Kommentar.
Ich persönlich mag besonders die kleineren, gemütlichen Yachten. Nicht so sehr die riesigen, schwimmenden Schlösser, die ich auf der Boot auch zu Gesicht bekommen habe.

Gruss
Gaby-tastifix
Symphonie (73) antwortete darauf am 08.02.05:
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 tastifix schrieb daraufhin am 08.02.05:
Hallo, Ela!

Dieses Schiffchen gondelt noch heute durch meinen Traum.
Ich freu`mich, dass dir die kleine Geschichte gefallen hat.

Lieben Gruss
Deine gaby

 Dieter_Rotmund (25.02.20)
Achja, die boot düsseldorf, da wäre ich auch gerne mal hin.

"ein braunes Etwas" - das würde ich ändern, das weckt unpassende Assoziationen.

Inhaltlich und handwerklich bis zu Mitte gut, dann sehr verplappert und zu Schluss leider auch noch kitschig.
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