Erinnerungen an die Zeit meines Umzugs steigen auf: Damals habe ich mir die noch unbekannte Gegend verfügbar gemacht. Ein schönes Alleinsein- und Freiheitsgefühl war das. Und: Aufbruchstimmung! Heute: Ein sonniger Herbstmorgen. Ja, ich bin jemand, der sich auf eine Bank auf einem Friedhof setzt, ja, ich mag das.
Zu meinen Füßen kräuseln sich braune Blätterhäufchen über denen Wespen schweben. Dazwischen kleine, fast magentapinke Beeren, vielleicht von einer Esche. Tatsächlich sehe ich über mir typische tannenähnlichen Zweige. Unterwegs natürlich schön eine Kastanie als Handschmeichler aufgesammelt. Die grauweiße Stelle ist feucht, leicht rau und riecht süßlich. Ich habe den Impuls, sie mir an die Lippen zu halten, genau wie die dunkle rotbraune glatte Haut der Kastanie. Gespeicherte Erinnerungen dieses Gefühls auf den Lippen, aus der Kindheit, verleiten mich.
Kindheit, so fühlt es sich an, wenn ich allein für mich draußen unterwegs bin. Ich war vorhin ganz entzückt, als ein Eichhörnchen laut einen Baumstamm heraufwetzte und dann zweimal prüfend um diesen herum lugte, ob ich ihm wohl eine Gefahr werde. Und auf dem Friedhof war ein Rotkehlchen, das unbeirrt und vorwitzig in meine Richtung sah und laut rief. Gegen das dröhnende Kirchengeläute hatte es nur keine Chance. Es machte bei jedem Ruf eindn kleinen Knicks. Süß. Possierlich.
Die Natur um mich herum ist deutlich aufgeweckter als ich. Mein Kopf piekst leicht und ich sehe leicht verschwommen. Aber trotzdem fühle ich mich ein bisschen wie Schneewittchen und bin sehr dankbar für diesen freien friedlichen Sonntagmorgen.
Das sind keine Kleinigkeiten, die ich erlebe. Ich fühle mich ganz in der Welt.
Erst jetzt sehe ich, direkt mir gegenüber liegt ein leeres Grab. Eine quaderförmige schlichte Stelle, nur mir Gras bewachsen. Ob man das reservieren kann?
Aus den Augenwinkeln sehe ich eine Bewegung auf dem Boden, mir fällt ein kleiner runder Sonnenflecken ins Auge. Zufällig ist genau dort der Schatten meiner Hand, die unbewusst mit der Kastanie spielte und mich auf mein körperliches Dasein wieder aufmerksam machte. Toll, wie ich mich immer wieder selbst überrasche.
Ich wechsle, wie immer, hin und her zwischen der Außen- und Innenwahrnehnung.
Rascheln. Atmung. Kopfschmerzen. Verstopfte Nase. Ein herabsegelndes Blatt. Ein scharfer Vogelruf. Das Geräusch vom Harken von Laub. Irgendwo wird Ball gespielt. Meine Ohren schaffen es, die Geräusche zu Orten. Ohren, diese abgefahrenen Dinger. Wenn ich nicht wüsste, wo hier der Fußballplatz ist oder die Straße langgeht, ich könnte es ziemlich gut erlauschen.
Ich erfreue mich an dem Kontrast zwischen dem Blau meines Pullovers und der strahlenden rotbraunen Maserung der Kastanie in meinem Schoß. Endlich Pullover Wetter. Und der Geruch von feuchter Erde und Laub gefällt mir auch. Elstern schnattern laut und verhandeln irgendwas. Drei Rotkehlchen auf dem Weg agieren in einer für mich nicht nachvollziehbaren Weise miteinander. Gehopse und Gezeter, vergnügt wirkend. Ich sehe, wie sich eine Mücke auf meine linke Hand setzt und zwischen den kleinen blonden Haaren auf dem Handrücken einen Platz sucht, um ihren Rüssel zu platzieren. Ich überlege, sie machen zu lassen, so friedlich bin ich grad drauf. Lasse mich nicht stören.
Auf dem Rückweg, vorbei an einem Spielplatz, sitzt eine Frau im Sandkasten mit einem Kind. Eine irgendwie idyllische Szene, aber sie wirkt auch etwas traurig. Die Frau schaut zu mir auf, ich sehe sofort weg. Ich stelle mir vor, wie ich zu ihnen gehe und Hallo sage und einfach mal "eine Bekanntschaft mit jemandem aus der Nachbarschaft mache". Vielleicht bin ich irgendwann mal so eine Person.
Aber nicht heute. Die Sonne scheint mir warm auf den Rücken.
Ich komme zurück in die Stille meiner Wohnung. Nur der Kühlschrank brummt leise und die Uhren ticken. Auf mich warten eine Ibuprofen, Frühstück und ein Nickerchen.
Wie schön, dass ich genau dieses Leben führen darf.