Ich saß letzte Nacht vor meinem Spiegel und war mir sicher, aus meinen Augen würden Äste wachsen. Es war nicht ganz dunkel, in meinem Zimmer, mein Fernseher lief noch und projezierte ein flackerndes, blaues Licht an meine bunte Wand. Ich betastete die Äste mit zittrigen Händen und spürte dieses kribbeln in meinem Hals, was ich immer habe, wenn etwas schlimmes passiert, was ich mag, etwas Verbotenes, was mich glücklich macht. Adrenalin oder so. Ich versuchte erst, nicht in Panik zu geraten, ich versuchte, sie abzusägen. Mit einer Nagelpfeile die irgendeiner "Freundin" gehört, seit Monaten war niemand mehr hier und ich glaube, sie denkt öfter an ihre verlorene Nagelpfeile als an mich. Half nichts. Äste waren immer noch da. Ich versuchte sie abzubrechen, holte tief Luft, schloss meine blassen Hände fest um das dunkle Holz und war auf ein lautes Knacken gefasst, doch außer ein paar Spiltter, die sich in meine Haut gruben, war nichts geschehen. Verdammt. Ich wollte jemanden anrufen, ich wollte weinen und ich wollte Rat, selbst wenn er nutzlos sei, nutzloser Rat ist besser als schneidende Stille. Im Haus schliefen alle und selbst wenn nicht, sie hätten die Äste nicht gesehen und selbst wenn, sie hätten nicht.
Ich befahl mir zu schlafen, auf dem Rücken, wie auch sonst, und meine Wimpern schmiegten sich um das Holz und mein Herz schlug wie sonst auch und eigentlich war alles gut. Aufwachen war ein Kampf, ich tastete die Äste ab und meine Hand zuckte zurück denn es waren kleine, zarte Blätter daran. Ein Lächeln schob sich über meinen Mund. Wer hätte gedacht, ich würde einmal blühen. Stand auf, zog mich todesmutig an, Tshirt über den Kopf gezogen, Jeans, Socken zusammen gesucht, den Blick in den Spiegel sparte ich mir, hätte sowieso nichts gesehen, oder so. Frühstück war wie immer, willst du Toast? Ja. Kaffee? Ja, ohne Milch. Wie lange hast du heute Schule? Wie immer. Okay. Soll ich dich abholen? Ja. Meine Tasche war so schwer wie jeden Tag, Wolken am Himmel, keine Sonne aber auch kein Regen, aber Wind. Ich ging die selbe Straße zur Bahn entlang wie immer, starrte die anderen Bäume an, ja, die anderen ja, die. Ich saß in der Bahn und der Mann gegenüber las Zeitung und er faltete sie falsch aber es machte ihm nichts aus und ich dachte mir, was macht Menschen heutzutage noch was aus. Meine Blätter schienen seinen feinen Anzug entlang zu streichen, er hustete nur. Raucher. Und stieg aus. Ging in die Schule, letzte Reihe, am Fenster, hörte Musik, schrieb SMS (so gut es ging) sagte mir, heute fahre ich an den See, dachte mir, tue ich sowieso nicht.
Zuhause waren alle fort. Ich zählte die Blätter, es waren vier. Unglückszahl, dachte ich. Du spinnst, dachte ich. Etwas in dir, beginnt zu leben, dachte ich. Ich grinste. Lief durch die Wohnung, strich über die Möbel, ging barfuß, tat ich lange nicht, genoß den kalten Marmorboden, nahm meinen Schlüssel, meine Tasche, Musik, Zigaretten. Mein Fahrrad war staubig und voller Spinnweben, fahre lieber Bahn, weniger Verantwortung, weniger nachdenken müssen, weniger. Fuhr zum See, war stolz auf mich, die Äste waren bestimmt gut zwei zentimeter gewachsen, war stolz auf sie, war schön. Setzte mich an den See, das Gras war nass, hatte doch geregnet, legte mich hin, die Blätter malten Schatten auf mein Gesicht und ich sah eine Blüte und sie war weiß, und ich fragte mich, ob sie jemand schön fand. Es war windig, und ich bangte um meine Blätter, und im selben Moment dachte ich mir, ich bangte noch nie um mich oder etwas, das mit mir zutun hatte. Die Vögel flogen und waren quirlig und laute und flink und all das, was ich nie war und ich sah ihnen zu und dachte mir, sie werden nur vom Wind verfolgt und war froh drum, ihm nicht mehr zu lauschen, denn, er sprach sowieso nicht mehr von dir. Und ich war froh drum, den Wind tapsig durch meine Blätter schleichen zu fühlen. Vergaß die Zeit, sah die Sterne nicht, der Mond war schon lange tot und ich trauerte nicht, denn ich hatte verlernt zu trauern. Am nächsten Morgen hatte ich ein stattliches Blätterdach, und drei Blüten, ich strich mir die Blätter aus meinem Sichtfeld wie eine schöne Frau ihr Haar aus dem Gesicht strich und ich fühlte mich schön und ich fühlte.
Traf mich am Rhein mit Menschen und sie erzählten mir ihre Geschichte nicht, sie nahmen Abstand von meinem hölzernen Blick und ich dachte mir, sie haben sowieso keine Geschichte und ich dachte mir, angenehm. Die nächsten Tage verbrachte ich im Wald, lauschte dem Rauschen meiner Blätter, und denen der anderen, ja der anderen, und schwor mir nicht zur Autobahn zu schielen die ein paar Meter entfernt lag. Saß auf einem Baumstumpf, spürte den Schmerz und es war nicht meiner, und legte meinen ab, denn ich war es leid zu leiden und es war so einfach frei zu sein. Versank in meinen Blättern, die sich rot färbten, und fragte mich, ob sie sich schämten, und fragte mich, wie leer es sich anfühlen würde, würden sie abfallen. Ich vergrub mich in mir und ließ mich um mich herum wachsen, war eine undurchdringbare Mauer aus Holz und Blättern und weißen Blüten und versank im denken an nichts und niemanden.
Eine Hand, ein Windspiel, ein Klirren zwischen meinen Augen und ein Glitzern, ein Schimmern. Eine Hand die vorsichtig durch mein kreuz und quergewachsenes Ich greift und mich raus zog und mich in die Arme nahm und sang, und den Wind durch mich hindurch tosen ließ und das Klirren und Klingeln schön fand, und mich.
f a n d.