bildschirmgedichte

Text zum Thema Schreiben

von  Bergmann



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gefunden und kommentiert von Ulrich Bergmann



Inhalt

Carmina (Jaccolo) - darkjoghurt - Muninn - Ravna - Alpha - beneelim (alois5) - AlmaMarieSchneider - Vaga - Malinia (LunAe) - Marla

Interludium: Kritik der reinen Literatur
Jovan Jovanovic - mondenkind - DressedinBlack - Bergmann - Elén (mica)
Exkurs: Kommentarkultur
bratmiez - Caterina (Lyrine) - conejo
Intermezzo: Und das Sonett?
Lucy E. Dation - scalidoro - Elias - locido - RenéKain
Auszeit: Tira mi su!
mondenkind - beneelim (alois5) - Muninn - Shagreen - theatralisch - octave - Isaban - tausendschön - Owald - Ludwig Janssen - Werner Weimar-Mazur (W-M/wepunkt/mmazzurro) - Cantalurp (Julia Trompeter)
Postludium: Ein weiteres Manifest




Kleines Vorwort

In dieser Anthologie stelle ich Bildschirm-Gedichte vor. Es handelt sich um Lyriker der Literaturseite www.keinverlag.de, deren Gedichte thematisch oder sprachlich innovativ sind, Witz und Ideen zeigen, meisterlich gestaltet sind, interessante Metaphern enthalten oder einen besonderen Ton haben. Darunter sind auch einige Sonette und Gedichte in älterer Manier.

Natürlich kann meine Auswahl nicht beanspruchen, ein gültiger Reader der besten Gedichte der Literaturseite zu sein – ich habe ja längst nicht alle Gedichte lesen können. Trotzdem entsteht hier so etwas wie eine kommentierte Anthologie. 


DIAMANTENSCHAUM

Jaccolo


sichtlich blind


in meim kopf
gibt’s a wanderkartn
mit an haufa weg drauf

i halt’s vasteckt
weil d’weg sichtlich
unwegsam sind

i renn liaba blind
übern tatsachnasphalt

weil i
a realist bin

Erst vor wenigen Tagen entdeckte ich jaccolo. Er ist 43 Jahre alt und schreibt ganz verschiedene Gedichte in je unterschiedlicher sprachlicher Manier. „Die Gedichte in Mundart sind grandios, sie erinnern mich an die logische Schärfe Erich Frieds, sind aber bildreicher.“, schrieb ich auf seine Seite. Ich halte die Mundartgedichte für seine besten, sie sind viel kraftvoller als seine anderen. Vielleicht denkt jaccolo vom Dialekt her punktgenauer und kommt im Bayerischen viel besser zur Prägnanz des Logischen, das den Leser frappiert, als in seinen anderen Gedichten. jaccolo liebt das literarische Paradoxon und die Antithese, die Dialektik, das zeigt schon der Titel des Gedichts „sichtlich blind“. Heimlich korrespondiert das vordergründig so lustig scheinende Gedicht mit der Position des Lyrikers, des Künstlers, der eine ganz anders kartierte Welt im Kopf hat und der vermeintlichen Realität der ersten Ordnung andere Realitäten gegenüberstellt.

Antithetisch gebaut ist auch das folgende Gedicht:


s fernsehkastl

so a fernsehkastl
is wia a wunder

oiwei
wenns d eischaltst
schaugd di s lebn o

oiwei
wenns d neischaugst
schaltst dei lebn aus


Das „wunder“ ironisiert die schreckliche Metamorphose des alltäglichen Eskapismus (in der letzten Strophe).

Dem „fernsehkastl“ folgt das „hirnkastl“, jetzt geht es tiefer in uns hinein: Das lyrische Ich fragt sich gespielt naiv, wie das Gehirn eines Singvogels funktioniert – anders gesagt: Selbstreflexion scheitert wie die Frage nach dem Sinn unseres gesamten Seins. Bewusstsein ist nur eine Chimäre. Wir sind nur höhere Tiere, nichts weiter.


s hirnkastl

manchmoi kommt mir
mei hirnkastl
wia a ramschladl vor

i wühl
wia varruckt drin rum
und suach nach am ton

nix kommt

i frag mi
wia die amsl des macht
die draußn singt


Poetischer – im Sinne sinnlich verbildlichter Gedanken – sind die beiden folgenden Gedichte:


winta hamma ?

d wiesn
schaugd a weng oid aus
in da fruah

da see
hod nix zum beißn
er derf nur ab und zua
an himmi schlucka

s radl wundert se a
es draht
sicher durch

wenn s so weida geht
kann se da winta
wenna no reischneid
nimma an sich selba erinnern

Dieses ‚Wintergedicht’ lässt sich am besten ins Hochdeutsche setzen und verlöre dann kaum seine Kraft. Die sanfte Ironie, wie die unvollendete Natur mit sich selbst redet – obwohl wir doch aus den anderen Gedichten wissen, dass Selbstreflexion zum Scheitern verurteilt ist – steigt vom Grund des unverfrorenen Sees bis hinauf zum Himmel, der kleine See schluckt den großen Himmel, das Diesseits vereinnahmt das Jenseits, wir projizieren unsere geistige Nahrung… und so wird das Sollipsistische oder einfach nur das Subjektive unserer Existenz in grotesker Weise deutlich. Und zum Schluss wird der potentielle Alzheimer der Jahreszeit, die gar nicht recht geboren wurde, zum Bild der Unfähigkeit aller Selbsterkenntnis. Das ist einfach wunderbar gemacht.

Noch perspektivistischer ist das Gedicht, das ich hier zum Schluss zeige:


regnbognforelln

de oan sagn
des
de andern sagn
des andere

de oan ham recht
de andern s große wort

s geht
durch mi durch
wia vo oam ufer
zum andern

manchmoi bleibt wos hänga

de forelln wissn s


Offenbar hängt das lyrische Ich mitten in der Luft, es schwebt über dem Fluss und ist lieber Teil der unbewussten Natur, mit der es sich versteht, als Teilnehmer des geistigen Diskurses unserer Zeit. Er versteht davon nur wenig, sagt er, hier rein da raus, aber das ist nur ein Spiel – das lyrische Ich ist nicht so naiv, wie es tut! Die Forellen als Zeugen der Skepsis zu benennen, ist eine heftige Verurteilung der Möglichkeiten und Ergebnisse menschlichen Denkens.

So gesehen sind jaccolos Mundartgedichte Gedankengedichte – die Hauptthemen sind Erkenntnis, Selbsterkenntnis, insgesamt: Skepsis gegenüber der Kultur und daher Sehnsucht nach einer einfacheren Harmonie, für die die Natur als Bild (weniger sie selbst im eigentlichen Sinn) steht.

Nachtrag 16.4.2007:

Noch nie war mir das Bayerische derart sympathisch wie in deinen Gedichten. Da ist es eine starke Sprache und sensibel zugleich. Auch bei Karl Valentin ist mir das Bayerische nicht so nah gekommen. Und auch die besten bayerischen Kabarettisten von heute schaffen nicht diese Dichte und die wunderbare Aufhebung des Derben, das jedem Dialekt innewohnt, wie deine besten Mundartgedichte. Sie entwickeln eine unglaubliche Zartheit und Leichtigkeit, ohne an Tiefe zu verlieren. Dem Dialekt verdankt sich die Kraft und die Bildprägnanz nicht allein, es liegt vielleicht tatsächlich auch daran, dass du im Bayerischen von innen heraus das Wesentliche so leicht sagen kannst, dass es zugleich auf engstem Raum Tiefe gewinnt.



EDELPLASTE

darkjoghurt


Lyrik ist ein weites Feld. Schwer zu sagen, wo es anfängt, wo es aufhört. Wo ist die Grenze zur Prosa, wenn der Begriff der an Metrum und Reim „gebundenen Sprache“ sich schon längst aufgelöst hat? So gesehen haben wir die verschiedensten Lyrik-Kulturen: Streng gefurchte Sonett-Beete (allerdings flocht noch keiner hier einen Sonett-Kranz…), brav und manchmal kühn gereimte Strophengedichte in starker Anlehnung an frühere Epochen, vor allem Romantik und spätromantische Metaphorik zur Zeit des Realismus (über 100 Jahre zurückliegend!), aber auch angelehnt an die Zeit des Symbolismus, die Rilke-Zeit, und immer wieder auch den Gedichten des Expressionismus verwandt – und dann gibt es die immer noch waghalsigen Onomatopoeten (Klangdichter, manchmal neigt jovan.j dazu), die Autoren neuer konkreter Poesie – und es gibt viele viele prose poems (Prosagedichte), die oft identisch mit inneren Monologen sind, lange und kurze, oder aber ganz freie Texte, die sich gar nicht richtig bestimmen lassen in dem weiten Feld, sie sind eine Art Feldrandgewächse.


an regentagen ruhig mal gefühle zeigen

"Ich lass Dich nicht im Regen stehen -" flüsterte ich ihm in die Handbremse - "ich lass dich nicht alleine." Dann trug ich das Fahrrad behutsam in mein Büro. Liebe.

Ach, diese drei Zeilen (mit Titel) sind für mich ein Gedicht, da werden Zeilen zu Versen. Sie reimen sich nicht, sie haben kein Metrum, kaum einen regelmäßigen Rhythmus – aber eine wunderbar neue Metaphorik, die über das Gedicht (über das metaphorische Ding, das Fahrrad) hinauswächst. Zu Beginn ist das Subjekt der Zuneigung ein Objekt, aber schnell wächst das scheinbar Nüchterne ins Bild: „Ich lass dich nicht im Regen stehen“ ist doppeldeutig – das wird immer deutlicher, wenn man weiterliest: „… flüsterte ich ihm in die Handbremse“ – hier wird die Handbremse zum Ohr der Geliebten. Der Liebende wendet sich an ihr Herz, an ihre Seele. Oder ist es noch viel mehr als das? Er stellt die Geliebte nicht einfach ab, er überlässt sie nicht der klaglos zu erleidenden Einsamkeit, er verlässt sie nicht, sondern er spricht so zärtlich mit ihr, dass der Leser geneigt sein könnte, es gehe im Büro vielleicht sogar um eine intimere Fortsetzung der Liebe. Klar, Ironie der Distanz schwingt mit. Liebe ist so direkt heute kaum noch sagbar, ohne Authentizität zu verlieren. Rückwirkend wird das Wetter, der Regentag, zu einem seelischen Begriff: Gemeint sind kommunikative Situation, Stimmung und Gemüt. Die existentialistische Ebene wird mit dem Satz erreicht: „ich lass dich nicht alleine.“ Diese neue Formulierung des Beginns ist viel mehr als eine deutende Variation. Mit dem letzten, elliptischen, Satz („Liebe.“) werden die nüchternen Worte endgültig zum subtil ironischen Liebesgedicht oder gar zu einem Gedicht über Liebesgedichte!
Das ist toll gemacht.
Sagt mir nicht, der junge Dichter habe das so gar nicht intendiert – es ist völlig egal, was er dachte, wichtig ist, was ich lese! Und sagt mir nicht, ich wollte euch mit dieser Analyse verarschen – das würde ich nie tun, denn dann würde ich mich ja selbst betrügen.


Muninn

mind un_T_er spoons

Gedicht zum Thema Erwachen

Hornkehricht ums Aug
aurora nun / night over now
Goldtaler fischelnd
im dark grey -
Wolkenmeer has spoken
der blackbird und broken
sein Blick
bei meiner Seel
fand sich nicht ein -
in welcher Hand der Loeffel zu halten sei:
graute wieder das Hirnhaelftenorigami.


Muninns Gedicht ist vielleicht eine geni(T)alische kleine Ungeheuerlichkeit – jedenfalls habe ich zwei Interpretationen, eine brave und eine nicht so brave, und da die weitergehende Interpretation die interessantere und wichtigere ist, falls in sich schlüssig, ziehe ich natürlich die originellere Bedeutung vor:

Ich habe den Titel auf meiner Seite: Geist unter Löffeln – da ist ja klar, das steht in der Nähe der Phrase „Land unter“. Jedenfalls steht der Geist unter dem Löffel, und egal, was der Löffel hier bedeutet, der Löffel ist der Verursacher oder das Ergebnis einer Art von Blackout. Schon diese Austauschbarkeit von Ursache und Wirkung macht dieses Gedicht zu einem ganz modernen, zu einem dialektischen. Was war zuerst da: Die Henne oder das Ei? Der Löffel oder der Blackout? Worum geht es? Es geht um die Unterlegenheit des Geistes, um seine Schwäche angesichts einer stärkeren Macht.

Aber langsam. Zurück zum Beginn!

„Hornkehricht ums Aug“ – da wacht einer auf. „aurora nun / night over now“ – der Tag beginnt, die Nacht ist vorbei. Das lyrische Ich ist noch nicht wach, es sucht sein Bewusstsein („Goldtaler“) ziemlich unbeholfen („fischelnd“) im Morgengrau („dark grey“), noch ganz müde, noch wirken die unklaren Träume („Wolkenmeer“) in dem Erwachenden nach – da war ihm ein schwarzer Vogel erschienen, dessen Blick nun gebrochen ist, „blackbird“ ist vielleicht eine Metapher für das Bewusstsein oder das Über-Ich, das ihm sagt, was nun zu tun sei: „in welcher Hand der Loeffel zu halten sei:“, aber da überfällt den nur scheinbar Erwachenden erneute Müdigkeit, es „graute wieder das Hirnhaelftenorigami“ – die schönere Pizza ist das Hirn mit Traumorigami, das Es siegt, es will den Loeffel, den Morgenständer, nicht halten… Offenes Ende!

Erstes Fazit: Mir gefällt die Leichtigkeit im Gebrauch der Metaphorik, ihre Polyvalenz, die Einfachheit der alltäglichen Situation, die sehr komplex in ihren Aspekten beleuchtet und überhöht wird, die sprachliche Originalität und Präsenz im Heute.

Zweites Fazit: Kein Liebesgedicht, aber es kann eins werden, der Tag ist noch lang!


TAGSCHLÄFERIN

Ich stelle heute Ravna vor, eine kraftvoll formulierende Lyrikerin. Ihre sehr dichten Texte sind subtil in ihrer Sprache und in den literarischen Kontexten, in denen die Inhalte stehen. Trotz aller Klarheit in solchen Bezügen bergen und entfalten die Gedichte eine weitgreifende Polyvalenz. Es sind Gedichte mit existentiellem Kern. Ravna ist noch jung – wenn sie so weiterschreibt, werden ihre Gedichte immer (ge)wichtiger. Ich halte sie für ein großes Talent. Ravna, 1986 geboren, von Beruf Studentin und z. Z. „tätig als Tagschläferin“, kommt aus Berlin. Sie bezeichnet sich selbst als „intelligent, schön, atemberaubend, [eine] egoistisch motivierte altruistin.“


von den rabenklippen

I

das schlafverschleierte meer
ist mir zur heimat geworden.

meine ulmen und ebereschen
brauchen keine wurzeln mehr.

an die grenzen rudernd
finde ich keinen horizont.

dies ist mein winterblau.


II

das jahr zählt kalte tage heim
in meiner bitterung geboren.

das holz hat kerben geschlagen,
schon trägt die zeit tiefe wurzeln.

rettungslos alles rudern, rufen,
fernblick stößt an engere wände.

dies ist mein sommerblau.

Dieses Diptychon gefällt mir gleich, aber beim zweiten Lesen noch besser. Ich wage es kaum zu deuten – der erste Teil endet im „winterblau“, dabei ‚erzählen’ die Verse zunächst vom Gelingen einer Suche: Ich habe Heimat gefunden. Aber es ist keine Heimat, wie die meisten sie suchen. Dem hier Suchenden wird ein schlafverschleiertes Meer zur Heimat – das ist ein Bild für das Unbewusste und die Nichterkenntnis. Gleich danach heißt es: „meine ulmen und ebereschen / brauchen keine wurzeln mehr“ – der  Angekommene wird wie seine Bäume selber keine Wurzeln mehr brauchen, könnte man denken. Aber es ist noch anders: Er hält es nicht aus im Unbewussten und will weiter, rudert an die Grenzen und findet keinen Horizont – ich denke, das ist ein Bild für das Prozessuale unseres Lebens, für die Rastlosigkeit und Heimatlosigkeit. So klar und schön wie Winterblau ist Erkenntnisunmöglichkeit.
Der zweite Teil endet mit den Worten: „dies ist mein sommerblau“ – aber das Leben ist hart: „das jahr zählt kalte tage heim“ – wortspielerisch wird heimzählen auf Heimat rückbezogen. Immer deutlicher wird: Das Leben ist kein Spiel ohne Grenzen, ich bin „in meiner bitterung geboren“. Anfangs dachte ich, dass das lyrische Ich aus der Perspektive Jesu Christi spricht: Ich bin der vom Leben Gekreuzigte (imitatio Christi). Der letzte Vers erschien mir wie eine Einbildung – dass ich noch verschont bin von Tod und Enge. Aber: In der erneuten Spiegelung zum ersten Teil schlägt nun die Zeit Wurzeln, findet Heimat, die ist begrenzt, irgendwann wird der Zeitbaum sterben. Zeitlosigkeit gewinnen wir nur im Vorwärtsschreiten, in der Transzendierung aller Wurzeln. Aber auch das scheitert: „rettungslos alles rudern, rufen, / fernblick stößt an engere wände.“ Es gibt nichts, was wir erkennen könnten: Keinen Lebenssinn, der gegeben wäre, es gibt keinen Gott, es gibt nur den Sinn, den wir selbst setzen – vielleicht ist diese Einsamkeit die conditio sine qua non für die Freiheit, die mich wärmt: „dies ist mein sommerblau.“


Maria Aegyptiaca

asche gewordenes nimbusfeuer
rankt noch an deinem haupt
im tod erst gibt der wolf
gibt erst das tier sich auf
47 verbrannte jahre
an drei broten gezählt
maria und dein vermartertes

Das Gedicht bezieht sich auf das burned out des Heiligenscheins, Maria verbraucht - dann das Thema des Todes, wieder Endzeit, hier das Ende der animalischen Lebenskraft - dann kommt das Wort: verbrannt, jetzt bezogen auf menschliches Leben, ein Bezug zum biblischen Brot (und eventuell zur Trinität) wird hergestellt, die 47 Jahre beziehen sich auf die Heiligenlegende der Maria Aegyptiaca. Im siebten Vers zeigt sich ein lyrisches Ich, das sich einem allgemeinen Du zuwendet - jetzt wird unser Leben bezogen auf ein heiliges. Dein Leben ist vermartert, vielleicht eine Anspielung auf Christi Nachfolge. Das Gedicht überwindet jedoch die theologische Dimension.

Anmerkung:
Maria Aegyptiaca, Maria v. Ägypten, Heilige und Büßerin.

Nachdem sie aus Neugierde Pilger nach Jerusalem begleitet hatte, wurde Maria von einer unsichtbaren Macht daran gehindert, die heilige Stätte zu betreten. Durch ein Marienbild bewegt, wurde sie sich ihrer Sündhaftigkeit bewusst. Von drei Münzen, die ihr ein Unbekannter geschenkt hatte, kaufte sie drei Brote und zog sich in die Wildnis jenseits des Jordan zurück. Maria lebte dort ein Leben in strenger Buße, bis sie nach siebenundvierzig Jahren, vollkommen mit Haaren bedeckt, von dem Mönch Zosimus gefunden wurde. Nachdem sie die Kommunion empfangen hatte, bat sie den frommen Mann, nach einem Jahr wiederzukommen. Nach Ablauf dieser Zeit suchte sie der Mönch auf und fand sie tot am Boden liegend, neben ihr die Bitte in den Sand geritzt, dass man sie begraben möge.
Einer anderen Version nach hielt Maria Aegyptiaca einen Brief in der Hand, in dem die Bitte stand und ihr bis dahin unbekannter Name dem Mönch mitgeteilt wurde. Während Zosimus noch überlegte, kam ein Löwe und grub mit seinen Pranken das Grab für die Büßerin. Attribute der Heiligen sind drei Brote und ein Fellkleid.

(K. KUNZE, Studien zur Legende der hl. M. im dt. Sprachgebiet, Berlin 1969.)


ALPHABETISMUS

Die Lyrik, die ich heute vorstelle, bildet keine besondere Stilgruppe, und nur zufällig fangen die Pseudonyme der Autoren mit A an. Sie gehören nur insofern zusammen, als sie alle zu modernen Lyrismen in ziemlich kleinen prose poems neigen, zu starken, manchmal grotesken und absurd erscheinenden Bildern.

Alpha, *1984, Studentin. Eine frische literarische Stimme mit tausend Themen in vielen Formen - auf der Suche nach sich selbst und der Antwort auf die Frage, ob es Sinn gibt, was Sinn macht. Noch der leichteste Text wiegt viel. Das Kleinste wird beobachtet und in größeren Zusammenhängen gesehen, und das Schwere wird ganz sanft oder scheinbar unbefangen mit Worten, Bildern und Formen gefesselt. Ich lese die Folge der wachen, intelligenten, ernsten, albernen, spielerischen, ironischen, humorvollen, tanzenden und tänzelnden Texte mit Neugier. „sie ist eine meisterin der minimierung und eine instanz des destruktiven - und so wehrt sie sich erfolgreich gegen die entwicklung, die andere neben ihr und vielleicht sogar wegen ihr vollziehen: vom prägnanten, entfaltbaren kurztext, wo ihr kaum jemand etwas vormacht, hin zur leichten, ausgewogenen dampfhammerprosa, nach der sie sich sehnt“, schreibt eldude.

Augenmerk

Ich habe immer Block und Stift
Mit ins Bett genommen.
Dachte, ich könne mich hoch schlafen.

Ist aber nichts draus geworden.
Als ich mich eines Nachts zur Seite drehte,
Hab ich mir den Stift ins Auge gerammt.

Da entdeckte ich meine Ader
Fürs Wesentliche.

An diesem Gedicht besticht mich die wunderbare Mehrdeutigkeit des Beginns: Das weibliche lyrische Ich will sich selbst steigern, will schreiben, Werke aus sich heraus erschaffen – dieser Akt von Selbstfindung und Transzendenz des Ichs wird selbstironisch konnotiert mit der ersehnten und erlebten Sexualität mit Männern, aber in diesen Versen schläft die junge Frau mit sich selbst, und mit sich selbst kann sie nicht Karriere machen, im Gegenteil, sie verletzt sich nur selbst und nimmt sich das halbe Augenlicht. Das erinnert an Ödipus, der sich blendet, weil er sich für seine Blindheit in der Selbsterkenntnis bestraft. In den Versen erkennt das lyrische Ich noch rechtzeitig, worauf es ankommt: Die Ader fürs Wesentliche – auch dies ein Wortspiel: Alpha entdeckt die Ader wie einen unterirdischen Schatz, den sie jetzt hebt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass bald auch ihr Werk mit Block und Stift (noch besser) gelingt.   

*    *    *

alois5 (beneelim), *1976 geboren, kommt aus Oberösterreich – er nennt sich „spaziergänger am strand.“ Seine Texte werden immer kühner in den Wortbildern – stellenweise haben sie noch viel Mystisches, Sentiment und große Gesten, aber das gehört wohl zu ihm. Unter der Milchstraße macht er’s nicht, er ist eine denkende, schreibende Zitadelle, ein Bildersäufer, Sternenkegler, er will der ganze Himmel sein, die ganze Welt - das Unendliche ist ihm nicht groß genug, das All zu wenig, er umarmt mehr als alles, sich selbst, er säuft sich leer in seinen Bildern - und so ist es gut.

Schräglichtfluchten

Aus Wolken tönt fiebernde Nacht
Ich sitze am Ufer der Welt
Windversiegelt, zum Schattenbehang
Schweigend befahnen mir Blicke
Das Niemand

Und Niemand auch, der
Mich längsseits des Lebens führt
Und lang zählt mein Auge
Die Stunde, aus der ich
Mich schnitze, beidhändig
Und ins Ablicht hinaus,
Ende und Sturm

Versilbt sich das Schweigen

„Schräglichtfluten“ ist ein Gedicht, das die Balance hält zwischen dem großen Gefühl und der rationalen Gestaltung. In dem Gedicht geht es um Erkennen (Licht), Erwarten („Ich sitze am Ufer der Welt“), Aufbruch (die ganze zweite Strophe!) und Erwachen und Erkennen („Versilbt sich das Schweigen“).
In der ersten Strophe erkennt das lyrische Ich, dass es allein ist, dass es einiges aushält in der Welt, der es sich aussetzt („Windversiegelt“). Es liegt noch die ganze Welt vor ihm (Ufer). Die Natur kommt zu ihm („Aus Wolken tönt fiebernde Nacht“), sie ist schon erlebtes Leben, sie ist aber vielmehr noch Spiegelung der eigenen Innenwelt. Die Blicke, die das suchende Ich „befahnen“ (zu Begriffen führen), kommen (dialektisch) von innen und außen: Es gibt nichts und niemanden („Das Niemand“), der mir sagt, wo es lang geht.
Dieses Schweigen wird aber im letzten Vers überwunden: Aus der Selbsterkenntnis entsteht Sprache. Lange sah der Suchende sich bei seiner prometheischen Menschwerdung zu („lang zählt mein Auge / Die Stunde“). Er erschafft („schnitzt“) sich selbst, „beidhändig“, also mit ganzem Bemühen, er ist sein eigener Gott und Schöpfer. Nicht leicht zu verstehen ist die Lichtmetaphorik zum Schluss. Das lyrische Ich erschafft sich „ins Ablicht hinaus“, wo „Ende und Sturm“ sind. Nicht alles wird gelingen, die Erkenntnis bleibt begrenzt („Ablicht“), Widrigkeiten im Leben und  schwere Probleme („Sturm“) und zuletzt der Tod („Ende“) setzen Grenzen. Aber das Wesentliche gelingt, das anfänglich so Unverstandene, nicht Sagbare „Versilbt sich“, wird Wort. Eines der schönsten und besten Gedichte, das ich kenne!

*    *    *

AlmaMarieSchneider, *1952 geboren, Projektmanagerin aus Bayern.

Kopfbesteck

Es muss ein Loch geben
Ein Loch im Kopf
Nach oben
Von dort wird er gefüttert
Mit kleinen Löffeln
Er muss eine Lizenz haben
Damit er denken darf
Mit der Messerschneide
Stets nach unten
Nur das Aufgabeln
Das bekommt ihm nicht
Dann will er durch die Wand

Das ist bildliches Philosophieren! Ein durchaus politisches Gedicht ist das. Man kann es auch allgemeiner lesen, oder sogar als Witz, aber ich denke, die Bilder sind so geistvoll und prägnant, dass es noch tiefer geht. Der Titel verweist zwar auf einen gewissen Selbstkannibalismus, wenigstens auf Selbstverletzung – aber schlüssiger ist folgende Deutung: Andere bedienen sich meines Kopfes, füttern und mästen ihn, nutzen ihn aus („Aufgabeln“) …
„Es muss ein Loch geben…“ – das klingt fast heiter. Aber dann wird es ernst. Nicht ich steuere mich, sondern mir wird in kleinen Portionen eingetrichtert, was ich denken soll (Eltern, Schule, Kirche, Staat…). Dann wird der Kopf zugelassen (volljährig, examiniert: Abitur, Lehre, Studium, Ausbildung…). Richtig scharf wird das Gedicht nach der Mittelachse, wo der zugelassene Kopf denken darf: Ein Messer sticht von oben hinein – das ist vieldeutig: Dieses Messer lenkt und bestraft, es schneidet heraus, was von oben gesehen falsch denkt. Wenn die Korrektur aber zu stark wird, wenn die Schmerzen des Verbietens unerträglich werden, dann meldet sich zuletzt der unprogrammierte Teil des Gehirns und rebelliert – allerdings nicht besonders erfolgreich. Nur zusammen können wir die Wand einzurennen, die das Denken gefangen hält. Es geht Alma Marie Schneider letztlich um diesen Prozess der Selbsterkenntnis: Wehre dich früher, organisiert euch, ehe es zu spät ist! – Ich wünschte, ich könnte so ein wunderbares Gedicht schreiben!


ZEREBRALE SINNLICHKEIT

Vaga

Irritation.


Durch mein offenes Fenster fließt Rot hinaus ins Grün.
Wind greift mir ins Haar.
Ich gleite über das Sims, rette mit mir alle Farben ins Freie.
Regenstriche verwässern das Bild.

Mit einer seltsamen Angst,
dass ich eines Tages
mich selbst nicht mehr deuten,
meine eigene Metaphorik nicht mehr entlarven kann,
erwache ich.

Dieses Gedicht beschreibt die Verunsicherung des erwachten lyrischen Ichs, das sich im Traum auflöste und mit der Außenwelt verschmolz – es ist fraglich, ob es sich hier um eine Angst oder einen Wunsch handelt. Vielleicht beides. Die Identität gerät einerseits in Gefahr, wenn ich die geschützte Innenwelt verlasse – andererseits muss ich aus mir herausgehen, um meine Identität und mein Selbstbewusstsein zu erproben und zu festigen. Das lyrische Ich ist in diesem Gedicht eine Frau, die von der Natur („Grün“) angezogen wird, es zieht sie hinaus, sie wird durch den Wind verführt, durch innere Erwartungen, die sich draußen erfüllen könnten. Die Vermutung liegt nahe, die Verse als ein kaum verschlüsseltes Liebesgedicht zu begreifen – zumal der Frau „Rot“ zugeordnet wird, das können die Haare sein, in die ein männlicher Wind der Anziehung greift, aber noch lieber sehe ich ein rotes, verlangendes Herz, zu dem das Fließen besser passt. Die Liebe ist ein Wagnis, das diese woman in red träumerisch einzugehen scheint: „Ich gleite über das Sims,…“ Interessant ist die folgende Formulierung: Ich „rette mit mir alle Farben ins Freie“ – sie verliert sich also nicht, sie behält ihre Identität, obwohl das „Bild“, ihre Erscheinung vom Regen verändert wird; die „Regenstriche“ streichen die Person nur optisch durch. Das lyrische Ich bleibt also bei sich, auch wenn es nach außen geht. –
Die im Traum erlebte Sicherheit wird in der Realität des Wachseins gebrochen und vollkommen in Frage gestellt: Die Wirklichkeit macht Angst, und das reale Bewusstsein erscheint zerbrechlich, wenn sich das lyrische Ich fragt, ob es sich „eines Tages“ – wenn es das Wagnis eingehen wird – verliert, sich selbst nicht mehr versteht, noch nicht einmal im Bild. Es verliert die „eigene Metaphorik“, das Selbstverständnis.
Das Gedicht verarbeitet den Traum einer Frau, die Neues sucht, vielleicht Liebe, aber noch vor dem großen Wagnis zurückschreckt, auf das Neue zuzugehen. Schön ist die Mehrdeutigkeit, die zum Schluss erreicht wird: Das rote Herz verlangt Einswerdung mit der Natur, es will mit sich selbst und der Umwelt harmonisch leben, ob es sich nun um die Liebe zu einem anderen Menschen handelt, einen beruflichen Aufbruch oder die nie endende Suche nach sich selbst.     

Die Dichterin dieser Verse ist Vaga (Vagabundin), *1949. Sie kommt aus Niedersachsen. Sie bezeichnet sich als Beobachterin und Rastlose und meint: „Nichts beglaubigt das Wahre außer: Es ist. … Ich möchte in allen Sprachen schweigen können.“

zwischen Tuch und Haut.

in den Froststürmen
wenn wir wieder Mäntel brauchen
gleitest du mir
zwischen Tuch und Haut
weitab aller Winterängste

noch steht die Lerche
zittrig über uns
im blassblauen Dämmerlicht

In dem Gedicht „zwischen Tuch und Haut.“ wird das im ersten Gedicht nur implizit vorhandene Du direkt angesprochen. Das lyrische Ich beginnt mit dem verallgemeinernden „wir“ und bezieht uns so mit ein. Wir brauchen Wärme gegen die Kälte der Zeit oder einer Situation – die Froststürme stehen hier für harte Widrigkeiten, für existentielle Befindlichkeiten, in denen wir einsam sind. Das Winterbild bezieht sich hier zugleich auf den Beginn einer Liebe. Die große Nähe („gleitest mir zwischen Tuch und Haut“) ist noch primär körperlich, vermag aber schon Einsamkeit oder Schutzlosigkeit zu verdrängen. – In der zweiten Strophe wird klar, dass Frühling und Sommer, Aufblühen und Reifung, noch ausstehen. Der zarte, unsichere Beginn der Liebe wird in einem prägnanten Naturbild beschrieben: Der zarte Singvogel, der die Seelenverbindung der beiden Liebenden repräsentiert, fliegt unsicher im unklaren Licht der Frühe. Blassblau malt hier wie bei Trakl eine noch kalte, beängstigende Nähe zum Tod dieser Liebe, aber das „noch“ verheißt die Möglichkeit des Gelingens. 


täglich. Mein Brot.
Manifest zum Thema Abgrenzung

keinFluss zerstöre mir
das GradeAusgebet
mein Ja ist Amen nur
wenn ich es will
hängt nicht mehr kläglich
hinter meinen Bitten
schon auf der Zunge Grund
[im Knie noch Splitterholz]
geschehe Wille mir
nie wieder weil er soll

Das dritte Gedicht wendet sich wieder der Ich-Stärke zu. Dieses Ich will Souveränität, will keinen falschen Einfluss („kEinFluss“); keinen Fluss (kein Zerfließen, vgl. „Irritation“), sondern Festigkeit. Dieses Ich will geradeaus gehen, nicht mehr beten (Ausgebet = Gebet aus, es verbittet sich Bitten und Beten). Es sagt nicht mehr Ja und Amen zu dem, was es soll, sondern es sagt nur Ja zu dem, was es will. Das Ja in der früheren Abhängigkeit war so verinnerlicht, dass es „schon auf der Zunge Grund“ lag, bevor es gesprochen wurde, es war zu schwach: „[im Knie noch Splitterholz]“. Fazit: Es geschehe nur sein Wille, nicht das, was geschehen soll.
Das Gedicht lehnt sich an die biblische Sprache an, am Schluss klingt das Vaterunser durch. Es ist ein Gebet, das sich aufhebt und zum Manifest der eigenen Mündigkeit wird.   

Glaszeit.

malst mir Blässe ins Gesicht
und hochkant sitze ich dir Akt
mein Hals ist eigenwillig lang
verrückt der Rücken
bis zur Nackensteife

ein Kälteschweif
streicht über meine Brust
zieht mir das Weiche aus der Haut
Gebrechen mischt
sich ins Szenarium
Glas schlägt mir an die Stirn

der Rahmen ist die Welt
die mich umgibt
Glas fällt aus meiner Hand
auf glatten kalten Boden

die Füße ungelenk
im Wasserspiegel
verharre ich
zum Aquarell verwischt
entzieht sich
uns die Kunst der Stunde.

Im letzten Gedicht sieht sich das lyrische Ich wieder im Bild. Das lyrische Ich, das von einem Du gemalt (nur blass, also unzutreffend interpretiert, begriffen, verstanden, definiert) wird, wird hier gnadenlos verdinglicht: Es wird zu einem Bild, das später aufgehängt wird, und in diesem Bild erstarrt das gemalte Ich, ist darin gefangen – auch hier ist die Korrespondenz zum Biblischen denkbar: Du sollst dir kein Bildnis machen…! Schon beim Mal-Akt sind die Zwänge genannt: Das Ich muss stillsitzen in widernatürlicher Haltung („verrückt der Rücken bis zur Nackensteife“), in dieser gezwungenen Zuwendung an das Du wird der „Hals eigenwillig lang“, das deutet vielleicht die unterdrückte Gegenwehr an. In der zweiten Strophe wird das Ich abgeriegelt vom Du und der Welt: Das kalte Glas wird aufs Aquarellbild gelegt, ein gläserner Käfig entsteht, Seelenverhärtung ist die Folge („… zieht mir das Weiche aus der Haut“), das Denken wird behindert („Glas schlägt mir an die Stirn“).
Überraschend ist die Wendung in der vierten Strophe: Das verdinglichte Ich hält sein Bild selbst in der Hand – das ist ein toller Einfall! Dieses Ich durchschaut seine Situation und zerschlägt das Bild, das sich das Du von ihm machte, und befreit sich so. Es betrachtet sich schließlich selbst („im Wasserspiegel“) – aber es wird wieder zum Bild! Es verharrt, nun frei, vor diesem Bild und erkennt, das eigene Bild ist verwischt, wahre  Selbsterkenntnis ist nicht möglich – dieser Gedanke wird im „wir“ verallgemeinert, im verwischten Bild „entzieht sich / uns die Kunst der Stunde“. Die Erkenntnis, dass Selbsterkenntnis mit keiner Kunst möglich ist, führt zur Angst im ersten Gedicht zurück: „…dass ich eines Tages / mich selbst nicht mehr deuten, / meine eigene Metaphorik nicht mehr entlarven kann“.

Es gibt nicht viele Gedichte von dieser zerebralen Schönheit im sinnlichen Gewand so genauer und wohl komponierter Metaphorik.


HERZKOMATÖS

LunAe
(Malinia), Mondin mit dem kleinen Satelliten e, wurde 1981 geboren und stammt aus Thüringen. Sie befindet sich in der Ausbildung, bezeichnet sich als „Kindfrau, natürlich aus Belieben … am liebsten würde ich mein herz neben deines legen.“ – und dieser Gedanke spricht aus vielen ihrer Texte mit innovierten Form-Ideen. Ihre lyrischen und dramatisch-monologischen Verse, Worte und Reden fallen leicht im weiten Bogen in die Tiefe der Seele. Ich lese sie gern:

[cutting]
                Groteske zum Thema vergangene Liebe

am Frühstückstisch nahm er
das Messer in die Rechte
und schnitt die Kopfhaut
sich vom Schädel
sie sollte ihn in Unschuld malen

Rückblende

auf Knien ist sie ihm gefolgt
dabei hatte er sie doch
nicht mal in Gedanken

Frage:

                                            befindet sich
                            das schlechte Gewissen
                                  in dem Hirnbereich,
                                      welcher auch für
                              die Gefühle zuständig
                                      ist, oder eher...

Gegenwart

das kalte Messer liegt gut
an ihrer Zunge an, und schneidet
langsam, mit Genuß
wendet sich ihm nicht
teilt seinen Blick
mit einem Lächeln schluckt sie

sich

Das ist ein subtiles Gedicht - mir gefällt die Schärfe des Skalpells, das die Bilder, Fragen und Ellipsen einer Überschneidung zu zweit in die Hirnhaut des Lesers ritzt.
LunAe nennt das Gedicht über das Scheitern einer ungleichen Liebe eine Groteske, damit meint sie ihre absichtlich übertreibenden Erkenntnis-Bilder, die Situationen in der schmerzlichen Beziehung sind reale Erlebnisse des lyrischen Ichs. Schon zu Beginn steht der Zweifel der liebenden Frau: Er demonstriert Unschuld, indem er ihr seine unverhüllten Gedanken zeigt, seine Worte – nicht aber sein Herz, was in der dritten Strophe („Frage“) deutlicher wird: Sie verdächtigt ihn der Untreue („das schlechte Gewissen“) und wirft ihm vor, er trenne seine Lust von Herz und Verstand – während sie sich ihm unterwerfend hingab: „… auf Knien ist sie ihm gefolgt“, obwohl er sie schon nicht mehr „in Gedanken“ hatte.
Die letzte Strophe („Gegenwart“) knüpft mit dem Messerbild an die erste an und demonstriert die schmerzliche (vielleicht wirklich groteske) Konsequenz ihrer unbedingten Liebe: Sie (hier schon elliptisch!) „wendet sich ihm nicht / teilt seinen Blick“, lässt zu, dass er ihr die Zunge abschneidet, die Sprache nimmt, die Gegenwehr. Sie ist kaum noch da, während sie ihn anschaut und wissend in seinem Blick vergeht: „mit einem Lächeln schluckt sie / sich“ – sie muss ‚schlucken’, sie kann nicht anders, sie liebt den, der sie nicht mit dem Herzen liebt. Der Schluss ist ambivalent: Das liebende lyrische Ich vergeht hier körperlich und verliert sich in einem doppelten Sinn: In bewusstloser Lust und gewusstem Schmerz.

wohl so
Gedanke zum Thema Augenblick

erzähl mir von den tagen höre es
hing nur noch ein ahnen lieb versuche

im gehen zu kommen mit den augen
spiele blindsein auf dem boden kein moos

mehr übrig für ein ohr mittag gab es
eingelegtes von gestern liegt dein rest

schwer sagt man kamille sei wohltuend
dein zucken geht vorbei mit dem nächsten

Auch in diesem Gedicht reflektiert ein weibliches lyrisches Ich über die Liebe. Der Titel verrät zwei Dinge: Es ist gut so – es ist aber nur vielleicht so… Sie beschwört das geliebte Du, vielleicht in einem Selbstgespräch: Erzähl mir deine Liebe, höre auf dein Inneres! Höre es! „es / hing nur noch ein ahnen, lieb“ oder: „…von den tagen … hing nur noch ein ahnen…“ – unsere Liebe verblasst. „lieb, versuche / im gehen zu kommen mit den augen / spiele blindsein…“ – Komm im Gehen, komm mit den Augen, vergeh! verschmilz mit mir! Sie will seelische und körperliche Vereinigung. Lass dich fallen, sei blind, verlier dich und die Realität, damit wir umso inniger zusammen sind. Dann ist es egal, dass „auf dem boden kein moos“ ist zum Liegen.    Das auffälligste Stilmittel dieses Gedichts ist neben den Ellipsen die grammatische und semantische Überschneidung von Worten in dicht ineinander gehakten Versen.
Die zweite Gedichthälfte beginnt offensichtlich elliptisch, vielleicht ergänzt der Leser so: habe „mehr übrig für ein ohr“ – hör mir zu! Erwidere meine Liebe! Ich habe nur „eingelegtes von gestern“, nur meine Erinnerung an dich, ein Restessen, „dein rest“ macht mich nicht satt. So wenig wie Kamille, ein zu mildes Mittel. Wenn die Liebende sagt: „dein zucken geht vorbei mit dem nächsten“, will sie die ganze Liebe des Geliebten – allerdings provoziert die Formulierung, dass das lyrische Ich hier vielleicht auch an die Erregungen eines anderen Geliebten denkt: Ja, „… am liebsten würde ich mein herz neben deines legen.“ Damit schließt sich der Kreis.

*      *      *

Marla wurde 1983 geboren. Sie nennt sich „verspielt“ und „Sockendiebin“. Ihre aphoristische Selbstbeschreibung ist ein Gedicht: „Ich stehe über. / Feile mich.“
Ich denke, sie will in liebender Ergänzung verlieren, was stört, vielleicht ihre Wildheit, ungebändigte Kraft; sie will sich formen, auch als Lyrikerin.

Die äußerste Perversion [Ego a go go]

Das Grübchen, da, wo dein Hals
zur Schulter wird, da möcht ich mir
eine Bank hinstellen und die Aussicht
auf dein Ohr genießen.

Hey, okay,
eigentlich würd es mir reichen,
dort meine Nase reinzustecken.
Ich will dich nur riechen.

Aber sag doch,
wird sie deinen Kindern eine gute Mutter sein?
Wird sie gut für dich kochen und deine Socken falten?

Weil, wenn ja:
Dann soll sie das Grübchen haben.
Aber ich bin sicher,
dass sie es nicht mal bemerken wird.

Welche Perversion meint der Titel? Das Gedicht beginnt mit einer Zartheit, mit der die seelische Nähe von Liebenden beschrieben wird. Der Liebende will die Geliebte immer anschauen, er mag sie, und will ihr dann noch näher kommen. Wenn er seine Nase in ihr Ohr stecken will, will er sie ganz – aber offenbar will er zunächst nur ihren Körper: „Ich will dich nur riechen.“
Denn er fragt sich – wird sie nach älteren Maßstäben eine gute Mutter sein, eine gute Ehefrau?
Sie ist sich ihrer Schönheit und ihrer Wirkung auf das liebende lyrische Ich gar nicht bewusst – und in dieser Selbstlosigkeit gefällt ihm die Geliebte. Diese Idylle wirkt schön pervers. Die Perversion liegt weniger im Auseinanderfallen von Rolle (Mutter, Ehefrau) und Sein (fraglose Liebe), sondern vielmehr darin, wie dieses egoistische Ich denkt und dass es von der vollkommen gedachten Geliebten alles will, einseitige Befriedigung in Pflicht und Neigung – Ego a go go. 


Ohne

Bleib doch,

wenn ich einsame.

Und sag, was bleibt,

wenn ich einsame und mir
Wolken um die Finger spinne.

Es friert, und was bleibt mir -

Für der Nacht Verweilen
hab ich die guten Ohrringe
gesteckt und mich lackiert.

Was bleibt, was bleibt -

Das Blauviolett meiner Finger
werde ich den Wolken regnen.
Dann sollen sie sehen,
was sie davon haben.

Was bleibt;

Nach all dem und
vor allem und
nach dem, was kommt
bin ich noch
herzkomatös.

Wie problematisch die Liebe sein kann, zeigt auch dieses Gedicht: „Ohne“ benennt fehlende Liebe, Einsamkeit. Das lyrische Ich trauert: „Und sag, was bleibt, / wenn ich einsame und mir /  Wolken um die Finger spinne“ – es redet sich selbst an und erkennt, dass es den Verlust kompensiert mit einem Gespinst aus Erinnerungen und Träumen. Es macht sich nur für die Nacht schön – absurd. Die in der Einsamkeit blau gefrorenen Finger wird sie abweinen – in Zorn und Selbstmitleid. Die Verse gehen zuletzt über in Hoffnungslosigkeit: Das lyrische Ich kann nicht mehr, es sieht keine Zukunft, es sieht nur die Wiederkehr des Leids. Immer hämmert die Frage: „Was bleibt“… Der Schmerz des Verlusts! Das Herz ist gelähmt („herzkomatös“).



Interludium: Zur Kritik der reinen Literatur

Keine Bojen auf hoher See,
nur Sterne... und Schwerkraft


Jeder hat seine Art zu schreiben, er gibt sich selbst die Regeln. Der Schreiber ist beim Schreiben allein. Er geht von sich aus und von der Welt. Der Autor macht sich im Erzählen kollektiv. Anders gesagt: Das Kollektive geht durch ihn hindurch - das ist dann gelungene Literatur.
Es ist die Crux vieler, nicht nur junger Autoren, dass sie allzu oft Tagebuchtexte schreiben, Weltschmerzmonologe, und darin ihren  Beziehungsjammer ausgießen. In manchen Fällen geht das gut, nämlich wenn die Texte ins Allgemeine streben. Dafür ist eine gute Sprache Voraussetzung und die Abstraktion vom eigenen Ich in einem allgemein gültigen lyrischen oder epischen Ich, also durch Gestaltung, die von mir selbst weitgehend ab-sieht.

Was mir bei talentierten Schreibern oft fehlt, ist der narrative Kern (die Fabel, wie Brecht sagte) und eine echte erzählerische Ausgestaltung. Ich glaube, diese Autoren verweigern das Erzählen nicht aus künstlerischen Gründen, sondern aus Trägheit. Diese Trägheit heißt: Ich. Oder sie heißt: Ich und mein Weltbild. Es ist nicht die Angst, das Erzählte könnte an Authentizität verlieren, sondern Mangel an Mut. Es ist so leicht und bequem, im Ich-Tümpel zu baden. Es ist aber unmöglich, in so einem Tümpel ins Meer hinauszuschwimmen.

Das Format der Literaturforen im Internet (der Text soll möglichst Bildschirmgröße haben) und eine zu große Abhängigkeit von Kommentaren - beides führt leicht zur Erstickung einer schriftstellerischen Entwicklung. So haben wir auf der einen Seite die larmoyanten bis selbstverliebten Monologisten, auf der anderen Seite die Tempo- und Tageslyriker, die lyrischen Auskotzer und die Wiedergänger vom lyrischen Stuhl... Ich will sagen, es wäre besser, manche Polyskriptoren würden nicht alles und nicht immer publizieren. 

Selbstdisziplin ist eine wichtige Voraussetzung für eine schriftstellerische Entwicklung, dazu gehört natürlich Geduld und das Aushalten des Scheiterns. Vor allem braucht der Schreibende auch Kenntnisse in Grammatik, er muss über einen ausgedehnten Wortschatz verfügen, dichterische Formen und Stile kennen, um nicht im Sumpf des Epigonalen stecken zu bleiben. Und er muss Mut haben, sich seines eigenen Stils zu bedienen, den er in mühseliger Arbeit vielleicht erschaffen kann.

Ich rede - das dürfte klar sein - nicht vom Texter just for fun (davon haben wir viel zuviel), sondern von dem Schreiber, dem es wirklich um Literatur geht und der nicht das lesen oder schreiben will, was er ohnehin schon kennt: Die Befindlichkeiten von ungezügelten Jammerlappen, die ihre Ich-Probleme zum Maßstab ihrer Weltbetrachtung machen und darauf hoffen, dass ihre Fans ihnen jedesmal zujubeln, wenn sie ein Ei gelegt haben.

Leider erstreckt sich meine Kritik partiell auch auf die nach meiner Kenntnis besten Autoren (die ich in dieser Kolumne bespreche). Es ist daher nicht falsch, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass Literaturforen im Internet nicht die einzige Plattform sein darf, wenn ich mich  weiterentwickeln und nicht stagnieren will.



„MEIN TITEL BIN I !“

Eskapistische Sprachspiele

Jovan Jovanovic, *4.4.1949 in Jugoslawien, heimatloser Künstler in Augsburg, ist einer der eigenartigsten Lyriker in Deutschland. Seine Texte, die nicht in jedem Fall eindeutig der Lyrik zuzurechnen sind, leben sehr stark vom Monolog eines lyrischen Ichs, das im leidenschaftlichen Dialogspiel mit der Sprache steht: „i hab denker als beruf angegeben und tätigkeit als gedankenbeobachter-“, sagt Jovan, „(und übrigens MEIN TITEL BIN I!“

Ich traf Jovan im Mai 2006 in Artern, wo der auch zu tiefer Melancholie neigende Mann vital und temperamentvoll in einer Lesung mit anderen Autoren der Internet-Community www.keinverlag.de auftrat. Später telefonierte ich oft mit ihm über seine Texte, die er manisch schreibt, im Internet veröffentlicht, dann wieder verwirft, ändert, kürzt, aufteilt, neu schreibt. Ich traf Jovan mit seiner Lebensfreundin, der Künstlerin Ute Illig, Ende 2006 in Köln. Wieder ging es hauptsächlich um das ernste Spiel mit der Sprache, um die Suche nach Heimat im geistigen Raum. Eigenartig, Jovan ist in der deutschen Sprache nicht zu Hause, hier hat er nicht die Heimat, wie ich sie habe, er ist nicht mit unserer Sprache aufgewachsen, er ist stark geprägt von der Grammatik und dem Geist der serbischen Sprache, die er auch in seinen deutschen Texten nie ganz verlässt – aber er geht virtuos mit dieser Heimatlosigkeit um.

Sein Spiel in und mit der (deutschen) Sprache scheint ernst und heiter zugleich. Jovan weiß genau, dass die Unvollkommenheiten, die grammatischen und stilistischen Fehler (gemessen am Normativen) einen eigenen Charme entwickeln, eine eigene Atmosphäre, einen Witz, der durch das Abweichen von der Sprachnorm entsteht, automatisch, und doch nicht ungewollt: Jovans Verfahren ist eine halb bewusste, halb unbewusste Verfremdung, die durch Sprache zwangsläufig immer entsteht, wenn wir Wirklichkeit abzubilden versuchen.

Jovans indirekte Didaktik seiner Lyrik, dem Dekonstruktivismus nicht unähnlich, arbeitet geradezu waghalsig mit Implikaturen in seltener Verdichtung. Zu der komplexen Mixtur von Implikaturen (spezielle Fälle dessen, dass ein Sprecher, hier das lyrische Ich, etwas anderes meint als er formuliert) und Ellipsen (absichtliche und unabsichtliche Auslassungen) kommt noch eine oft wechselhafte und indifferente Metaphorik hinzu. Die Gedichte klingen oft wie gestotterte Bilder und schizophrene Dialoge in sich selbst. Es ist unklar, inwieweit diese philosophischen Sprechversuche bewusst sind und welche Intention sie tragen oder verfolgen.

Der in der deutschen Sprache beheimatete Leser liest Jovans Gedichte rekonstruierend, das heißt, er stellt einen Sinn her, der einer normalen Sprachform entspräche – dies gilt ja für das Lesen von Dichtung generell. Jovans Texte können auch als musikalische Tautologien aufgefasst werden, anders formuliert: Als absolute Musik, und zwar sowohl auf der lautlichen wie auf der semantischen Ebene (was es – allerdings in ganz anderer Art – schon im Dadaismus gab).

Ich habe zwei Gedichte ausgewählt, die deutlich über Jovans durchschnittlicher Verständlichkeit liegen, also nicht absolute Wortmusik sind, sondern eine  Sprachverliebtheit zeigen, die nach meiner Auffassung mit Jovans Narzissmus in eins fällt. Dieser Narzissmus entspringt Jovans Heimatlosigkeit und seinem nicht eben leichten Wesen. Er liebt vermutlich andere Menschen entweder zu sehr – und dann schießt seine Liebe über sie hinweg und an ihnen vorbei – oder zu wenig, weil er sich selbst suchen muss und nur im Spiel mit der Sprache findet. Jovans Sprach-Spiele sind eskapistische Handlungen, um überhaupt leben zu können. Er ist darin unsicher wie ein Kind, das immer wieder sein Spiel zerstört oder verliert.

Hier nun die beiden wunderbaren Gedichte, die ich in einen Sinn-Zusammenhang stelle:

..ja aber was mach ich jetzt gerade?! (ja ich denke.. ja was sonst!
hey du bist so süß!

(och!

(ja dann komm näher!

ja das wir spielen MIT BUCHSTABEN

(ja du schmeißt eine buchstabe ins eck
(ich schmeiß.. ins ander eck!

(du spuckst mir buchstabe ins mund
(ich mir aus

du nehmst buchstabe auf hand
aufkleben
ich nehme mir andere buchstabe
ins fluss

und dann wir nehmen alle buchstaben (von hier
wieder
ins fluss (..von wo sollten eigentlich kommen

Offenbar fordert das lyrische Ich (so gut wie identisch mit Jovan) eine geliebte Freundin, die sich wundert („och!“ – was machst du denn da?) oder enttäuscht ist („och!“ – das ist aber doof, dass du nichts mit mir machen willst) auf, näher zu kommen und mit ihm zu spielen. Wenn sie sich mit seinen Gedanken (seinem Künstlertum, seiner Literatur) befasst, versteht sie ihn besser. Aber kommt sie ihm dadurch wirklich näher? Kaum.
Jovan bezieht die Geliebte – oder ist es sogar der Leser? – in sein Spiel mit Buchstaben ein (in sein Gedicht). Allerdings bleibt jeder mit seinem Text in seiner Ecke (Vers 4f.) und geht mit dem Text anders um („du … ins mund“ – „ich … aus“), die Kommunikation ist lokalisiert (mund), aber nicht harmonisch, das Miteinander führt zu keinem gemeinsamen Ergebnis. Im Gegenteil: Es entstehen zwei Texte: Sie klebt die Buchstaben (Wörter, Gedanken…) auf ihre Hand – er trägt sie in den Fluss. Sie bezieht also das Wort auf sich selbst, er kann mit dieser Relation nichts anfangen und gibt die Buchstaben, die Wörter, wieder zurück in den Fluss, wo sie eigentlich herkommen. Sie versucht Sprache auf ihr Leben zu beziehen – und er widerruft seinen Text, sein Gedicht, er verwirft die pragmatische Verwendung der Sprache und damit letztlich seine Gedanken, auf jeden Fall das Zusammenspiel mit der Geliebten, vielleicht sogar sich selbst. Jovan gibt die Wörter ihrem Ursprung zurück, dem Fluss des Lebens, von dem er sich nicht tragen lässt. Der Grund wird nicht genannt.

Während die Metaphorik aber noch plausibel erscheint (Buchstabenspiel als Zusammenspiel von Ich und Du – als Geliebte oder als Relation Autor – Leser), ist die Implikatur, was das lyrische Ich mit dem Scheitern des Spiels wirklich meint, mehrdeutig. Es kann gemeint sein, dass Sprache als Erkenntnismittel grundsätzlich versagt – dann natürlich auch in der Verständigung zwischen Mann und Frau oder Autor und Leser. es kann aber auch bedeuten, dass das lyrische Ich (Jovan) für sich bleiben will, weil es nicht wirklich mit einem Du zusammenleben kann. Extrem ist die Deutung, dass das lyrische Ich sich selbst nicht versteht und (somit) auch den anderen nicht. Das andere Extrem ist die Deutung, dass er nur mit der Sprache, mit sich und dem Du spielt. Beide Extreme berühren sich in der Sinnlosigkeit.

So gesehen sind Jovans Gedichte – so leicht und scheinbar heiter, witzig und lustig sie zunächst wirken – Ausdruck der Verzweiflung: Ich finde keine Heimat, auch nicht in der Sprache, ich finde mich selbst nicht, auch nicht den anderen, außer vielleicht in der wortlosen Liebe. Aber die gibt es streng genommen auch nicht. Das „wir“ am Schluss funktioniert nur in der Beendigung einer kurzfristigen, absurden Gemeinsamkeit.

Formales:
Die offenen Klammern scheinen gliedernde Funktion zu haben – hier unterscheiden sie ich und du. Die Klammer im letzten Vers ist dann schwer zu deuten – sie signalisiert vielleicht den Wechsel vom „wir“ zum ich, der Fluss ist die Ecke des lyrischen Ichs.
Die kleinen grammatischen Abweichungen machen das Gedicht prägnanter, elementarer, einfacher – es ist die Vermeidung einer differenzierenden Genauigkeit, die das lyrische Ich ohnehin nicht für möglich hält.
Fehler wie „nehmst“, „ins mund“ oder falsche Wortstellungen erzeugen die raffiniert naive, primitive (also elementare) Erscheinung – das Gedicht als Konzept – und erzwingen die Rekonstruktion, also Deutung des Gedichts. Das steht im bewussten Widerspruch zu der Erkenntnis der sprachlichen Sinnlosigkeit; andererseits demonstriert das Gedicht als gestotterte Philosophie die Ohnmacht der Sprache. Die Ohnmacht der Sprache ist die Ohnmacht des Lebens.


.. ja aber was mach ich jetzt gerade?! (ja ich denke.. ja was sonst!
(und ja klar

es folgt fortsetzung ..und hier und jetzt
wo sonst und wann

(ja sehr danke an meine lieben kollegen und
(daß i es nicht allein

(..sonst hätt i

und so.. ja klar
es fortsetzen mit denken und mit

SONST

.. i habs heute.. ja um acht
den teppich ausgestaubt
(ja ging es sogar mit.. aber egal.. hauptsach
(i bleibe beim sache
(denken und es einpacken ..ja genau

(und was machen dann mit dem zeug

(ja es auspacken.. und das was bleibt übrig
(ja wenn was ja dann
(packung

(ja schön mit liebe und mit 
(gedacht/ 

(ausgedacht

Das zweite Gedicht wirkt wie eine Fortsetzung des ersten (Vers 1) – oder wie eine andere Version. Das lyrische Ich ist (nun wieder) allein. Es reflektiert über sich selbst und das, was es tut: Schreiben.
Gleich zu Beginn wird das Tautologische der ganzen Situation formuliert: „wo sonst“, „und wann“ (= wann sonst). Was soll ich sonst tun, wenn nicht schreiben, wenn ich hier in diesem Leben bin! – Es folgen Ellipsen, es wird nicht klar, warum und worauf Jovan anspielt, wenn er seine „lieben Kollegen“ nennt. Wahrscheinlich spielt er auf ihre Zweifel an seinen für die meisten so unverständlichen Gedichten an, oder darauf, dass sie ihm vorhalten, nicht nur er („daß i es nicht allein“) schreibt. Es folgt die Andeutung einer Antwort in Gedanken („.. sonst hätt i / und so.. ja klar / es fortsetzen mit denken und mit /“): Er nimmt den Vorwurf vorweg, seine Gedichte seien nicht genügend klar, weil nicht durchdacht. Er unterdrückt dann die Vertiefung seiner Antwort, die in dem elliptischen „SONST“ (mit Rückgriff auf den Beginn des Gedichts - was sonst?) angedeutet liegt, weil er auf eine leichter verständliche Erklärung kommt – nämlich einen (ironischen) Hinweis auf seinen praktischen Verstand beim Teppichklopfen, der hier im Zusammenhang mit dem Schreiben Bedeutung gewinnt: Das lyrische Ich wirkt hier polemisch, denn mit dem bloßen Handwerk kommt der Dichter nicht weit; Jovan bricht mitten im Wort ab: „ja ging es sogar mit..“ und kommt zur Sache zurück, um die es ihm allein geht: Denken einpacken – das ist Dichten. Selbstironisch könnte das Folgende sein: Was bleibt übrig beim Denken auspacken? Die Packung selbst! Also das Wie der Gedanken, nicht das Was. Jetzt deutlicher polemisch kommt Jovan zu dem Gedanken zurück, den er im ersten Gedicht behandelte: „(ja schön mit liebe und mit / (gedacht/ / (ausgedacht“ – das heißt: Ihr schreibt gedankenvoll über die Liebe, aber alles was ihr denkt, ist nur ausgedacht oder schon längst gedacht, nichts Neues, und ohnehin formuliert ihr keine Wahrheit, wie auch ich nicht, denn es gibt keine Wahrheit, es gibt keinen Sinn, es gibt nur das Wie, das ich als Dichter der Absurdität des Seins entgegenhalte.


LASZIVE IRRUNGEN

mondenkind
, *1974, nennt sich „Walnussschalen-Piratin“ und „Gedanken-Hippie“. Mehr weiß ich nicht von ihr. Egal. Hier sind zwei kraftvolle Gedichte.

„Verschweigen“ scheint kein Beziehungsgedicht zu sein, die Verse gehen nach innen, der Blick „herbstet“ (in der ersten Strophe), wirkt matt und müde, will schlafen, bleibt aber wach, geradezu nervös, wie das Flügelflattern einer Motte, mehr im Verborgenen, Dunkeln, und wenn ich die zweite Strophe betrachte, geht es um sinnliche Mühelosigkeit, der Körper ist wach, erregbar, vielleicht aber auch nur eins mit der Natur, die ganze Dingwelt ist erotisierend – bis das große Aber kommt: „mein Spiegelbild regnet / tropft / seitenverkehrt / hinter die Stirn“: Selbstreflexion – das Ich verschluckt sich, ist betäubt, schließlich sogar verwundet oder erregt (was dasselbe sein kann): „und rot rinnt mir / ein weiterer Abend / über das Kinn“: Eine rote Zeit der Liebe oder das Blut der Wunde, das von innen nach außen fließt. Es bleibt unbewusst: „der November / schweigt“. Das Schlussbild mit den Disteln, die auf den Schultern wachsen, scheint die Wunde zu bestätigen, Abwehr einer neuen Verletzung.     

Verschweigen

Mein Blick herbstet
lasziv
im mottigen
Liderschlag

während
Finger so mühelos
über nackte
Kastanienhäute
streifen

mein Spiegelbild regnet
tropft

seitenverkehrt
hinter die Stirn

und rot rinnt mir
ein weiterer Abend
über das  Kinn

der November
schweigt

bald bald werden
auf meinen Schultern
Disteln blühn


Im nächsten Gedicht läuft das Ich, das ich mir als Eisblock vorstellen kann, weil es zuletzt schmilzt, vor der Sonne weg, weg vor den Angriffen brandiger Zungen, zu heftiger Liebe. Aber es hält der Verführung durch „das lodernde Wort“ nicht stand: „ich renne … ich fliehe / stolpernd … dann schmelze ich“. Das Ich ergibt sich und verliert sich sogar: „ein letztes Mal / nenne ich mich / beim Namen“. Im Unterschied zum „Verschweigen“ wird in diesem Gedicht die Wunde als Liebe angenommen, der Verlust des Ichs wird zum Gewinn im Wir.
 

Brennend

Sonnenstrahlen
stürzen in Strömen
über mein lichterlohes
Haar

ich renne
fliehe vor
leckend lachenden
brandigen Zungen

zu laut flüstern sie
das lodernde Wort
in meine Stirn

tanzen johlend
auf den Synapsen
meines Wahnsinns

ich fliehe
stolpernd

schlage
tiefe Bannkreise
in meine flammenden
Schritte

doch längst schon
längst sinkt mein
sandiger Blick

und salziges Nass
staubt mir
von den Wangen

ein letztes Mal
nenne ich mich
beim Namen

dann schmelze ich

*    *    *

Dressedinblack, *1984, aus Salzburg, sieht sich „verloren“ und beschreibt sich geheimnisvoll als „Mätresse und Muse“. Auch sie widmet sich dem Thema der Liebe: „österreichischem volkssport fröhnend. einmal mehr macht es mich kopf verlierend. was ist schöner als dieses gewirr?“ Ich weiß nicht, was soll das bedeuten…

„Minuit“ ist Mitternacht: Stunde der Reflexion, Ich-Zeit. Den ersten Teil des Diptychons nennt sie „Erreur“ – Irrtum; den zweiten Teil „Résumé, inéluctable“ –  kurzer Abriss, unvermeidlich. Der erste Irrtum besteht darin, sagt das Ich, sich mit falschem Glück („Honigblüten“) zu überfressen; die Gier nach Liebe führt zu ungewollter „Übelkeit“. Der zweite Irrtum ist es, dem Kind in sich selbst zu sehr nachzugeben, dem Spieltrieb, dem Trieb, allerdings ist dies in unserer biologischen Konstitution nun mal so angelegt: „(Selbstläufer)“.  Der dritte Irrtum ist der schlimmste: Das Ich schlachtet seinen Verstand. Es heilt („Ich trockne“) die nässende Wunde – aber das Herz, die Liebeswunde, blutet weiter.

Das „Résumé, inéluctable“ kehrt den Verwundungsprozess um. Das blutende Herz spielt (liebt) weiter: „Ich stelle die Uhr zurück…“ Der Liebesautomatismus  (Selbstläufer) ist jetzt ein Verdrängungsprozess: „(vergessen, empfinden, vergessen)“. Zuletzt lockt wieder der „Honig. Klebrig. Süß -“ Die Liebesfalle.


Minuit

(I) Erreur

Jetzt voller Honigblüten
Dann voll von flauem Gefühl im Bauch
(verdorbenes Ein) Verständnis, un-
gegeben, Übelkeit

Das Kind in mir sehnt sich nach dir
(Selbstläufer)

Ich ziehe dem Verstand die Haut ab
Ich trockne sämtliche Nässe am Leib
Herz (ausgeklammert(


(II) Résumé, inéluctable

Es ist schon seit Anbeginn zwei Minuten
zu spät
Am Ende bleibt zu viel (Z.)
Ich stelle die Uhr zurück und spiele weiter

(vergessen, empfinden, vergessen)

Tötet doch das Kind!
Es spricht (nicht) mehr.
Ich komme nach

Honig. Klebrig. Süß -


Das  Diptychon „Irrlicht. Wir“ thematisiert nun auch die Verlorenheit des Einzelnen in der Leere des Seins. Das Wir im Titel meint diesmal kein Paar in Liebe, sondern die Gleichheit aller Individuen – wir alle sind gemeint.
I. Es gibt zwar keine Grenze für unser Denken, aber wir finden auch keinen Halt: „Wir sind wie Räume ohne Wände.“ Außer uns ist die Leere, ihr einen Sinn zu geben, ist sinnlos: Irrlicht. Es gibt keinen Sinn, kein Fundament, auf dem wir stehen, die Welt, unser Sein ist bodenlos. Die Sinnlosigkeit hat keinen höheren Sinn: „Der Schnee liegt tot.“ Wenn das lyrische Ich nach dem Grund seines Gegenübers fragt, so ist dies eine Scheinfrage – es gibt keinen Grund, es gibt also auch keine Liebe: „lass mich. / Sieh.“ Sieh ein, dass es, letztlich, sinnlos ist.
II. Ich bin verloren, der Faden der Ariadne sichert nicht meinen Weg. Im erkennenden Lachen will sich das Ich retten – aber auch dies gelingt nicht: „Die Stimme bricht mir. / Nicht nur, aber auch.“ Der letzte Vers legitimiert ein wenig die Hoffnung – Irrlicht.


Irrlicht. Wir.

I

Wir sind wie Räume ohne Wände.
Ich stoße mir den Kopf
an der lauten Leere, dem Bodenlosen.
Der Schnee liegt tot.

Wir sind wie Fässer ohne Boden.
Zeig mir deinen Grund und lass mich.
Sieh.


II

Wie nichts anderes irre ich
Theseus gleich nach dem Faden:
dieser fliegt mit den Schwingen
der Unmöglichkeiten davon.

Dorthin, wo alles begann.
Sag mir doch, wo ist das gewesen?

Ein letzter, bescheidener Wunsch:
Das Sehnen möchte fallen und
zerschellen:
mit dem Klang meines Lachens.

Die Stimme bricht mir.
Nicht nur, aber auch.



au’äumst’s au’äumte

Bergmann
, *6.4.1945 in Halle an der Saale, Deutsches Reich, später Sowjetische Besatzungszone (Sachsen-Anhalt), dann Deutsche Demokratische Republik (Bezirk Halle), 1955 Übersiedelung in den Westen: Flüchtlingslager Loccum in Niedersachsen, Bonn am Rhein (Bundeshauptstadt bis 2000, seither „Bundesstadt“), 1956 Bad Godesberg, 1958 Bonn, 1959 Neuenbürg an der Enz, 1962: Birkenfeld in Württemberg, 1964-1966: Bundeswehr (Luftwaffe) in Roth bei Nürnberg, Leipheim bei Ulm und Erding bei München; 1966 Bonn - Bad Godesberg, 1974 Wachtberg-Villip (Kreis Siegburg), 1978: Bonn – Friesdorf, 1980: Bonn – Plittersdorf, 1992 Remagen-Oberwinter, seit 2004 Bonn – Bad Godesberg. – Abitur 1969, Studium an der Uni Bonn: Germanistik und Geschichte; Verwaltungsangestellter im Bundesministerium für Verteidigung, in der Deutschen Forschungsgemeinschaft und im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft; 1989-1991 Studium der evangelischen Theologie; Lehrer am St.-Michael-Gymnasium Bad Münstereifel. – Schreibt seit 1988 Lyrik, seit 1996 erzählende Prosa. Auch als Kritiker hat er sich einen Namen gemacht. Bergmann über die Internet-Dichter: „Je mehr sie schreiben, umso weniger sagen sie.“

Die Daten zum äußeren Leben Bergmanns deuten auf eine komplexe Persönlichkeit hin, die sich besonders deutlich in den Gedichten zeigt. Bergmann hält sich für einen miserablen Lyriker. Aber es ist an der Zeit, das Gegenteil zu beweisen.


au’

m’agst’n au’m’eer?
doch’n äumen mal’n
fahl’n äume r’al’n
au’schwer’m aum’n’eer

äumst’n’s au’äumte
leben’s’schlaf
i’m aum di’ni traf
au’äumst’s au’äumte

Das Gedicht „au’“ zeigt Bergmann in der vordersten Reihe der avantgardistischen Dichter; es beweist übrigens eine gewisse Nähe zu Jovan Jovanovic, allerdings ist Bergmanns Lyrik weit weniger spielerisch und viel rationaler – wenn auch durchaus konkurrenzfähig in der neologistischen Gestaltung. Das zweistrophige, metrisch streng geformte Gedicht hat umarmende Reime. Die Verdichtung der Gedanken und Gefühle ist nicht zu steigern, es sei denn durch Wortlosigkeit. Bergmann sagt mir immer wieder unter zwei Augen: „Die besten Gedichte sind die ungeschriebenen.“ Vielleicht lässt sich dieser selbstkritische Kommentar auch als Seitenhieb auf viele Internet-Lyriker konnotieren. 

„au’“ bedeutet „Tr-au-m“ und zugleich Schmerz („au-a“ oder „au’“) – aber es ist kein Albtraum gemeint, sondern der Erkenntnisschmerz, der sich im Traum und in der lyrischen Traumdeutung vollzieht. – Die Frage „m’agst’n au’m’eer?“ ist nur schwer zu interpretieren: Naheliegend ist die Lesart: „Magst du auch Meer“ (oder „mehr“?), aber die semantische Apostrophe (…’…) zwingt den Leser zur Dechiffrierung der Polyvalenz, die der fast hermetischen Sprache innewohnt: „m’“ kann zum Titel gehören – Bergmann strebt die innige Verbindung von Titel und Gedicht an, er will die Einheit von Thema und Thematisierung, die Auflösung des lyrischen Ichs im Über-Ich des Autors, im Über-Wir des Universums; „m’“ verwandelt sich hier in das Wohlgefühl gelingender Traumarbeit,  „’agst“ kann „sagst“, „’n“ kann „in“ oder „und“ oder „denn“ bedeuten, und „au’“ weist vielleicht auf den Erkenntnisschmerz hin („au!“), der für das Verständnis der Lyrik Bergmanns so wesentlich ist: Dieser Lyriker macht es dem Leser nicht leicht. Ich versuche nun die zweite Deutung des ersten Verses: Mmmh!, m-agst den-n au-ch (du) m-ich (nun) (m)ehr? Oder die dritte Deutung (schon im Hinblick auf den gesamten Kontext): Mmmh, s-agst (du) au(ch)  (a)m (m)eer? Anders formuliert: Empfindest du auch die süße Melancholie, wenn du allein am Meer stehst? - Ich will den Leser nicht zu sehr mit der philologischen Diagnose dieser lingua nova quälen und schlage hier eine Übertragung des epochalen Gedichts ins derzeit noch gültige Neuhochdeutsch vor:

Traum

du sagst dein traum war leer?
und doch – den träumen malen
die fahlen räume des realen
aus schwerem schaum ein meer

du träumst nur das versäumte
des lebens in den schlaf
in jedem traum der dich nicht traf
versäumst du das geträumte

Natürlich kann diese Deutung nur als eine unter vielen (streng genommen: unendlich vielen) Interpretationen gelten, die nur in der Summe eine Annäherung an das ergibt, was das Gedicht in seiner ungedeuteten Form enthält. Damit wird nichts Geringeres behauptet als die Undeutbarkeit der Unendlichkeit. Bergmann bürdet dem Leser eine Sisyphos-Arbeit beim verstehenden (richtiger: nachschaffenden) Lesen auf, deren Antizipation dem Dichter in den neun (nicht acht!) Versen gelang. Anders gesagt: Dieses Gedicht enthält alle denkbaren (möglichen) Gedichte, die noch geschrieben werden könn(t)en. Und das ist viel! - Bergmann über sich: „Je weniger ich schreibe, umso mehr sage ich.“


SUCHE MIT WORTEN NACH WORTEN

Andrea Miesenböck
, 1978 geboren, nennt sich Elèn (früher Andrea, elijah, mica) und kommt aus Oberösterreich (Österreich). Andreas Wahlspruch: „Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.“ (Ernest Hemingway) Die junge Dichterin, eine Verehrerin Ingeborg Bachmanns (insbesondere ihres Romans „Malina“), schreibt seit wenigen Jahren ernsthaft literarische Texte. In der erzählenden Prosa liegt ihre Stärke, sie schreibt komplexe innere Monologe, die sich teils mit anderen literarischen Gattungen überschneiden. Es gibt dramatische Dialoge, szenische Skizzen, lyrische Einschübe, ins Essayistische gehende Reflexionen. Eigenartig changieren die Texte zwischen den Extremen von Komik und Tragik. Einige ihrer Gedichte zeigen, dass sie in der Lyrik so stark ist wie in der Prosa.
Andreas Themen: Die Schwere der Welt, der Sinn oder die Leere des Lebens, der Liebe, der Literatur. Tiefe Skepsis ist ein Motor ihres Schreibens. Sie sucht mit Worten nach Worten. Und doch gelingen immer wieder Texte, in denen indirekt ein leises Ja zum Leben aufscheint, wenn die Tragik des Lebens – unsere Sterblichkeit und unser oft vergebliches Mühen um Sinn und gegenseitige Liebe – umkippt ins  Komische. Dann gewinnen ihre auf Tiefe angelegten Texte eine schwebende, tanzende Leichtigkeit – wie ihre Sprache, die sich durch die Kraft einfacher Bilder und stilistische Vielfalt auszeichnet.

Heimgesucht.

In dunklen Höfen
geht die Zeit,
am schwarzen Haken
hängt das Leinen,
im Bug des Windes
liegt ein Wort-

er spricht
er sprach

die Möwe kreischt,
erbricht
und stürzt-

verrückt ins Licht.

Der Titel dieses existentialistischen Gedichts kann doppelt gelesen werden: Als Suche des in den Versen ungenannten lyrischen Ichs nach Heimat – oder als Heimsuchung, als schlimmes  Getroffenwerden. Ich denke, es ist der in der Zeit liegende Tod, der von vornherein als unsere Heimat feststeht, gesucht und gefunden wird. Unsere Wohnungen auf der Erde sind dunkle Höfe, fast schon wie Särge, so dass unser Leben wie eine langsame Bestattung vor sich geht – „am schwarzen Haken / hängt das Leinen“, das Laken, das Totentuch, auf das wir schon zu Lebzeiten gebettet sind. In den Höfen der Mietshäuser trocknen die Laken für das Bett, in dem wir zeugen, gebären, geboren werden und sterben, von Anfang an zum Tode bestimmt. Das Bett wird zum Grab. Aber nicht nur die Körper sind vergänglich – auch die Sprache ist der Zeit und der Veränderung ausgesetzt: „im Bug des Windes / liegt ein Wort-“, das eine Gegenwart hat („er spricht“) und Vergangenheit wird („er sprach“). Spricht und sprach hier der Wind, ein Bild der Zeit, spricht und sprach sich hier ein Gedanke aus? Die Menschenwelt liegt im Wind der Zeit – wie die Möwe, die in ihrer Sprache das Leben nur spiegelt, tautologisiert. Sie scheitert („erbricht“: zerbricht), verliert ihr ‚Wort’ an den Wind und stürzt; der kleine Gedankenstrich kennzeichnet wie im sechsten Vers Abbruch und Ende der Sinnsuche. Wie die Möwe, das bewusstlose Tier, werden wir verrückt in unserem Streben nach Leben, nach Licht, nach Sinn, der nicht existiert, der Motte und dem Falter gleich. So wird unsere Suche zur Sucht, die wir kaum durchschauen, nie beherrschen. 

*

Hier ein kleines Gedicht mit eingeklammertem Titel. Der Untertitel „Tagebuch“ verdeutlicht präsentisch das Gedankliche einer gewesenen oder zukünftigen Begegnung mit einem Du, das verletzt, erschöpft und müde sich nur anlehnen will ans Ich. Aber das Ich weist so eine ungleiche und unechte Liebe ab. Mir gefällt die Leichtigkeit und die Kraft der kleinen Worte. Es ließe sich noch einiges über den „schiefen wundkegel / des lichts“ sagen, über das Herbsten und auch über die denkbare Doppeldeutigkeit der „liebe“ im letzten Vers, doch ich lasse es bei dieser knappen Deutung. 

[..]

Tagebuch


aus dem
schiefen wundkegel
des lichts heraus

herbstest du heimlich
über meine schulter

und ich sage:

geh zum sterben
nach draussen

liebe.

Leicht kommt auch das folgende Gedicht daher, das Andrea eine Predigt nennt, die aber nie und nimmer eine sein kann, zu subjektiv, zu ich-orientiert ist hier die Sprache, zu schwingend in jambischen Schritten das Metrum; zuletzt trippelt sogar noch ein kleiner Reim.

Sonntag. Ein Gedicht und ein Butterbrot: Liebe.
Predigt

Ich dachte mir, ich würde reisen
- und legte meine kleine Schiene
von mir zu Dir; und legte einen Farbverlauf
ganz wild und buntverliebt
in Deine Stadt

ein Frühling lag
mit seinen breiten Hüften
in einem Becken aus Tumult und Leben

ich dachte mir ich würde reisen
und stahl die Zeit aus
Kaffeesätzen
weil wir Poeten sind und ein Gedicht
und uns’re Welt

der Himmel lag prophetenhaft
in seiner blauen Kuhle
- wie grünen Rotz zog ich den weißen Flieder
in meine Stirn hinauf; ich drehte mich am Absatz um
und schnippte mit dem Finger
und lachte mich zu Dir und wollt’ schon laufen

da wacht’ ich auf und kotzte unverblümt
in einen grauen Fetzenhaufen.

Das lyrische Ich ist heiter gestimmt und macht sich auf die bunt geplante Reise zu einem Du. Die Stadt, in der der Gesuchte lebt, ist seine Welt, die das Ich verstehen will. Ich will zu dir, könnte man auch ganz einfach sagen. Aber die Autorin will hier mit den Worten spielen und mit ihnen tanzen. Ein Frühling, verführerisch wie ein Weib, lockt das lyrische Ich in die Liebe oder auch ins Leben hinein. In der dritten Strophe wird der idyllische Reiseplan wiederholt, und nun wird deutlicher, dass der Plan nur eine schöne Idee ist, eine gestohlene Vorstellung – es fehlt die Tat. Der Dichter ist ein Dieb der Realität und erzeugt so eine neue. Das lyrische Ich sieht sich als Dichter und selbst schon als ein Gedicht und eine Welt, „uns’re Welt“. Das ist vermessen, und so eine Reise kann nur scheitern… Die Dichterin will natürlich nicht das Dichten widerlegen, sondern die falsche Idylle einer unwahren Dichtung, die mit dem Leben nichts zu tun hat, die nicht echt ist, die uns nur einlullt in eine vorgestellte heile Welt, die sich vulgäre Auguren beim Kaffeetrinken aus dem Kaffeesatz unseres unbedeutenden Alltags lesen. In der vierten Strophe will das dichtende lyrische Ich den Himmel stürmen, der wie der Frühling verführerisch über ihm leuchtet, es rotzt sich die Natur ins Hirn und will sich mit einem Fingerschnipp  zum Du hinüber zaubern – da platzt der Traum! Das träumende Ich steht vor einem grauen Fetzenhaufen, vor seinen untauglichen Konzepten, die Pläne waren nichts wert, und so geht es ihm schlecht. Das Kotzen verbildlicht den derben Erkenntnisschmerz, und das passt gut zu der falschen Idylle im Kopf.


EXKURS: KOMMENTARKULT



(Text von mica)

Kommentar von Elias: Einer von Deinen kraftvollen, gefühlsklaren Texten, lebenszugewandt und nicht unaggressiv, was durchaus einem Anlass geschuldet sein könnte und wenn nicht, ist es allemal interessant, ihn zu konstruieren. Man fühlt sich nach dem Lesen erfrischt und denkt - sh... ich sollte einfach mal was tun. Er gefällt mir. Beste Grüße Elias

mica meinte dazu: danke,
lg Andrea

Kommentar von Bergmann: Mir kommt es so wie eine Selbstabrechnung vor. Also eher Verzweiflung. Obwohl ich in der besten Stimmung bin, als ich das las. Ich bin von diesem Text verwirrt.

mica meinte dazu: Die ganze Schreiberei ist am Ende eine Selbstabrechnung, die in der Gleichung für den Betroffenen ja doch nur ein Minus ergibt, - wenn man am Leben misst und die Zeit als Maßstab nimmt: wie verschwenderisch gehen wir doch um mit ihr, der Zeit, der Königin aller Völker. Wie eigensinnig mögen wir uns doch verlieren in Trivialitäten, und doch ist es der einzige Trost zu wissen, dass wir uns nicht unterscheiden, dass wir uns nicht im geringsten bewusst sind darüber, allesamt verklärte Trödler zu sein. Nur manchmal ein Aufblitzen, ein flüchtiges Zusammenzucken ob unserer eigenen Unzulänglichkeit, die wir kaschieren mit Tand und Grübelei, kompensieren mit diversen Rechenaufgaben, wie zum Beispiel: Schreiben. - Ich brauche keine Protagonisten, ich brauche keine Figuren: Ich lese hinter Häuser und Mäntel, ich lese aus deinem Suppentopf eine letzte Armut und ich buchstabiere deine letzte Dividende auf hebräisch. - Eine Selbstabrechnung, - du bist ein spürsinniger Mensch; es ist eine Selbstabrechnung, ja.
Im Vergleich zu anderen Texten verzweifelt hier nichts. Ein unbeschwerter Text.
Hab Dank fürs Lesen,
lg, andrea

Bergmann antwortete darauf: Gut, der Text mag unbeschwert (geschrieben) sein, aber im Angesicht seiner Aussagen könnte ein Erkennender verzweifeln, wenn er nicht trotzdem das Leben liebt.
Und natürlich unterscheide ich Autor (du) - Erzähler, Adressat - Leser (ich).
Wie gesagt, mir geht es gut in meiner augenblicklichen Zeit, aber morgen, übermorgen, und am Ende der Zeit? Wenn mein Vorhang zugeht, seh ich dann noch ein Stück, geht das ohne Publikum, oder ist der Vorhang tief in mir, und löst sich auf zu nichts?
Wenn ich tot bin, darf ich nicht mehr klagen über Tand und alle vanitas, weil ich dann nicht mehr kann.

mica schrieb daraufhin: Wo ist das Ende der Zeit?
Wenn mein Vorhang zugeht, tut das nichts zur Sache. Ich stehe auf beiden Seiten. Heute gestern morgen. - Das Leben, die Zeit ist simultan. Ich bin heute gestern und gestern morgen und wenn ich schlafe, träume ich rückwärts und atme quer.
Nichts ist da, wo schon immer was war. Die ganze Zeit.
Ich gehe davon aus, dass ich niemals tot bin. Nur körperlos. Im stofflichen Sinn.
Wie willst Du wissen was Du kannst oder nicht kannst, wenn Du tot bist? - Es gibt Tote, die können mit Voranschreiten der Zeit immer mehr, dringen mit jedem Tag tiefer in uns. -
Natürlich nur Spekulation und: "Ein weites Feld…" :)
sei gegrüßt.

Bergmann äußerte darauf: Natürlich ist auch meine Annahme nur eine Annahme. Klar. Wenn es anders ist, als ich denke, werde ich mich (oder das was ich sein werde) wundern. So entsteht die Idee von Himmel und Hölle.

mica ergänzte dazu: …und dem Fegefeuer. Dort kannst du mich besuchen kommen und mir was Schönes mitbringen. - Lass uns ein Wunder erwarten.

Bergmann meinte dazu: Ein weiter Weg für mich, denn ich muss erst runter in den Himmel, dann weiter runter in die Vorhölle und noch einmal bergab (ganz gegen meine Art) in die Hölle. Ich bring dir Licht von oben mit, damit du deine Flammen erkennst.

mica meinte dazu: Ein schönes Bild. Ich habs vor Augen: Amigo, wie du, Pilgerer, daherschlurfst mit deiner frommen Joppe und ganz entzündeten Augenrändern und roter Bindehaut, - vom Sternstaub und den vielen gleißenden Heiligenscheinen. Und während wir plaudern, kommt Reinhold Messner daher und drängt sich in unser Gespräch, der Flegel, weil er unbedingt wissen will, wie’s da oben ist auf dem Berg, den er noch nicht bestiegen hat. Man kann ihm den Neid vom Gesicht ablesen...
:)

Bergmann meinte dazu: Ich bin nicht fromm, es gibt noch eine Höhe über der Höhe, über dem Himmel, über den Heiligen, das ist die Negation der Negation der Hölle, da wohnen die Dialektiker des Seins, die Umgreifer des ganzen metaphysischen Raums. Und weißt du, warum ich so gewiss bin, dass ich dazu gehöre? Weil ich jetzt schon immer ein bisschen schwebe, wenn ich gehe, wenn man meine Schwebe noch Gehen nennen kann, wenn dieses Gehen nicht schon Fliegen ist, oder so eine Art Schwebe des Schwebens. Ich bin oft ein so sublimer Stoff, dass ich ins Vierdimensionale auslaufe, dann bilde ich eine Haut, die ausreicht, das ganze Universum zu umhüllen, und stehe gleichzeitig trotzdem in der Welt, ganz fest. Auch das ist Dialektik.
Tja, so ist das. Schon hier auf KV spüre ich dieses Umhüllungspotential, das ich habe. Und so umhülle ich dich auch, nenn’s Umarmung: Ein gutes neues Jahr dir!


DIE FARBEN DER MELANCHOLIE

Janet Klemm - bratmiez
- wurde 1976 geboren. Sie kommt aus Sachsen. Ihre besten Texte sind Filets öllos auf Teflon gebraten - das letzte Miau zergeht auf den Lippen meiner Ohren ------------------> und zwar meine ich das auch für ihre Wahnsinns-Vertonungen eigener und fremder Texte! ... Ich mag die Art, wie Präsenz aus ihnen strahlt, ich mag die Ebenen zwischen aufgesetzt und zart, „ich mag den Sonnenschein, der aus deinem Herz spricht, und mag den Regen, der ganz leis darüber bricht!“ (Verse von Cantalurp)

Janet ist gelernte und immertreue Bürgerin der DDD DDD RRR, in ihrer Ostbrust schlägt ein gigantisches neosozialistisches Herz. Ihr Gerechtigkeitssinn steht über allen historischen Zuständen. Sie ist wissensdurstig und sehr engagiert in der Vermittlung von Wissen. Sie ist sprachverliebt und schreibsüchtig. In ihren Texten verwendet sie gern liedhafte Formen und Stimmungen. Politik, Alltag, Idylle, Katzenliebe, Liebe zum Leben, die kleinen Dinge, alle möglichen Moden, Unstimmigkeiten, Beziehungen, Verletzung in der Liebe, - das alles und noch viel mehr sind ihre Themen, und nur der Zackenbarsch übertrifft sie hier noch an Vielfalt. Aber dafür ist Janet poetischer. Sie ist eine der großen, immerjugendlichen Sängerinnen im Buchstabengebiet. Mal sind ihre Texte (Lieder, Gedichte, Prosaminiaturen, innere Monologe, Essays, Kolumnen…) ganz traditionell geschrieben, mal wieder ganz zeitgemäß, wenn auch nicht unbedingt experimentell, immer aber interessant gemacht.

Ich wähle nur ein einziges Gedicht aus ihrem großen Werkverzeichnis – aber das mit Bedacht! Janet nennt es ein „Lied zum Thema Weltschmerz“, ich sehe es auch als ein Gedicht ohne Liedcharakter. In den drei Minuten, von denen dieses liedhaft-balladeske Gedicht ‚erzählt’, ereignen sich drei Szenen über die Stationen Er – Sie – Es, oder über das Leben, oder über die Identität eines lyrischen Ichs, das sich erst in der mittleren Strophe nennt und in der letzten offenbart.

Für mich ist es eines der schönsten Gedichte, die ich kenne. Ich weiß nicht, ob es auf alle so stark wirkt wie auf mich. Dieses Gedicht kann ich innerlich mitsingen, ich kann es umsetzen in kleine dramatische Szenen, ich sehe eine junge Frau vor mir, wie sie staunend durch die Stadt geht, und das ist nichts anderes als ihre Lebensreise! Es ist Klage und Lob des Lebens in der Stimmung einer heiteren Melancholie, die nur ganz zum Schluss auch dunkel erscheint – mit dem Ausstieg ist keine finale Handlung gemeint, sondern nur ein innerlicher Ausstieg aus einem Lebens-Szenario, ein Umsteigen in ein anderes, wo die Sonne wieder scheint.


Drei Minuten

da steht dieser typ in der straßenbahn
löst ein kreuzworträtsel
schreibt alles groß
und hund mit dt
HUNDT
haha
die kleinen freuden des alltags
das dt sieht so merkwürdig aus
ich steig´ aus

(doch der typ macht sich gar nichts daraus)


da steht diese frau an der ecke
hält die hände auf
schaut mich von unten an
hab sie
vor lachen
übersehen
ich muß gehen
haha
und weiß nicht mal wohin

(weiß nicht mal wohin?)


da steht dieses kind vor dem spiegel
mit meinem alten gesicht
und ich streck’ ihm die zunge ’raus
weil ich lache
haha
und dann denke ich mir so
irgendwann macht man sich nichts mehr draus
wenn die sonne nicht scheint
steig’ ich aus
wenn die sonne nicht scheint

(ist es aus) .......(ist es aus)


da steht dieser typ:
In dieser Strophe wird ein Mann nur benutzt, um sich der eigenen Freude an der Sprache und über die Sprachfähigkeit lachend bewusst zu werden: „haha“. Dieses Lachen kehrt in jeder Strophe wieder, aber nicht streng an der gleichen Stelle, und trotzdem wirkt es wie ein Kehrreim, ein Kehrreim wachsender Erkenntnis. „dieser typ“ kümmert sich nicht um das lyrische Ich, das im ganzen Gedicht mit sich beschäftigt ist, beobachtend durch den Alltag geht – ars contemplativa.

da steht diese frau:
Eine Bettlerin, an der das immer noch lachende lyrische Ich im Übermut der Sorglosigkeit vorbeigeht – aber auf einmal schlägt das bisher so leichte Gedicht in Ernst um und wird schwer: Sie erkennt, dass sie nicht weiß, wohin sie will, und echohaft wiederholt sie die anfänglich sorglos geäußerte Unwissenheit. Da möchte ich dieses „haha“ beim Lesen im letzten Laut sterben lassen. Das ist toll gemacht, wie diese Ich-Suche von außen nach innen geht und sich um eine Mittelachse dreht (wie Rilkes „Panther“).

da steht dieses kind:
Während der Mann in der ersten Strophe zur Spiegelung des Ichs benutzt wurde, schaut das Ich nun in den Spiegel, es kommt zu sich selbst. Es ist eigentlich schon erwachsen, sieht sich aber gern noch als Kind und streckt dem alten Gesicht die Zunge heraus, es verlacht sich selbst. Aber dieses dritte „haha“ kann nicht mehr so naiv herauskommen wie in der ersten Strophe, es ist auch kein halbes Lachen wie in der zweiten, sondern jetzt nur noch ein gespieltes Lachen, kein echtes. Es folgt die Reflexion – und nun geht das lyrische Ich im Allgemeinen („man“) auf, es wird erwachsen: Nimm dein Alter an, nimm dich an, wie du bist! Und akzeptiere auch schwerere Lebenssituationen („wenn die sonne nicht scheint“) und akzeptiere auch den letzten Zustand – wenn dein Leben zu Ende geht: Die eingeklammerte, wiederholte letzte Erkenntnis ist bestimmt ganz leise, in der Wiederholung liegt eine kleine Traurigkeit darüber, dass kindliche Verdrängung nicht mehr funktioniert. Das Leben ist so wunderbar, dass ich nicht sterben will, aber weil ich weiß, dass ich sterbe, wird mir das Wunder meines Lebens erst bewusst. 

Ich wiederhole: Dies ist eines der schönsten Gedichte, die ich kenne.


DIE ORDNUNG DES ABSURDEN

Lyrine
(Caterina) ist eine Lyrikerin von großer Begabung. Sie schreibt fast manisch Tag für Tag neue Gedichte, zunehmend auch Prosa. Die meisten ihrer Gedichte weisen Reim und Metrum auf, oft in Sonetten, aber es gibt auch immer wieder moderner geschriebene  Gedichte, in denen sie ihre Welterfahrung und ihr eigenes Leben verarbeitet, teils  allgemeingültig, teils auch sehr subjektiv, so dass es nicht leicht ist, ihr Ich von einem allgemeinen lyrischen Ich zu unterscheiden.

Lyrine war Richterin. Auch der Dichter urteilt.

Lyrine ist eine Meisterin der leisen und hochgeladenen Metaphorik, es gibt immer wieder ganz neue Bilder. Ich glaube, in den Gedichten will sie das Bisschen Sinn unseres Lebens festhalten, ihm wenigstens eine Form geben. Nie gleitet sie ins Zynische, auch nicht dann, wenn sie klagt und elegische Ordnungen des Absurden erfindet, um es aushalten zu können.


Und halte den Schmerz!

Ich habe am Morgen ein Kindchen geboren.
Am Nachmittag hat es schon nicht mehr geschnauft.
Und kurz danach hab ich die Beine verloren.
Da hab ich mir tiefblaue Schuhe gekauft.

Ich habe dem Leben ein Häuschen errichtet
und in seinen Trümmern nach Zahngold gewühlt.
Dann habe ich mich einer Liebe verpflichtet,
die hatte ein Holzbein. Ich hab es gefühlt.

Ich sah meine Schiffe im Hafen versinken
und kroch über’s Wasser dem Sonnenschein zu.
Und irgendwer schlug in die Zunge mir Klinken.
Ich scheuche den Zorn, wenn ich denk: Ja, auch du.

Ich habe die Haut von der Stirne gezogen.
Der Wind war die Salbe. Er floh mit dem Schmerz.
Ich hab mich geschämt und gelacht und gelogen.
Und du liebst den Tiefsinn? Dann such ihn im Scherz!

Die vier mal vier Verse arbeiten mit Bildern tiefer Gegensätze, die den Sinn kaum verbergen. Das lyrische Ich ist eine Frau. In der ersten Strophe verliert sie ihr am Morgen geborenes Kind; vielleicht ist das Kind hier ein Gedanke, eine Idee, ein Ordnungsversuch, der schon bald nicht mehr taugt oder aufhört Sinn zu haben. – Gleich darauf verliert sie ihre Beine, sie kann nicht mehr gehen, ihre Lebensreise ist unmöglich geworden, und doch kauft sie sich tiefblaue Schuhe (eine Anspielung an Himmel und Meer, an ein anderes Laufen – nicht auf der Erde), weil sie leben will. Die Gründe für die Verluste werden nicht genannt, sie liegen wohl im Leben selbst.

Sie will heimisch werden in ihrem Leben auf dieser Erde. Aber das Haus geht in Trümmern, sie verliert jede materielle Sicherheit, in ihrer Armut sucht sie nach dem letzten Rest, der ihr bleibt (Zahngold). – Auch eine andere Heimat, in der Liebe, gelingt nicht. Sie heiratet einen Mann, dessen Nähe sie nie spürt. Er ist spröde wie Holz, unfähig zur Leidenschaft, ein seelischer Krüppel.

Ähnlich wie der Verlust der Beine ist das Versinken der Schiffe – ihrer Pläne für ein Leben weit weg von hier. Wenn die materiellen Grundlagen fehlen, sind auch die ideellen Entfaltungsmöglichkeiten reduziert, und so kriecht sie übers Wasser zur Sonne: Das ist ein unüberbrückbarer Gegensatz, ein Oxymoron: Immer absurder, sinnentleerter wird das Leben, immer geistiger, verinnerlichter, virtueller. Es fehlen die konkreten, äußeren Entsprechungen. – Wieder trifft sie einen Menschen, der will sie verstehen, der will ihr mit Klinken den Mund öffnen wie eine Tür, aber sie ist unrettbar skeptisch: Auch du wirst mich verraten, verletzen. Den Zorn darüber vertreibt sie in Gedanken, bevor er wahr wird – aber das ist so widersinnig wie vergebens.

In der letzten Strophe zieht sie sich die Haut von der Stirn – sie gibt ihr Denken und Fühlen vollkommen nackt dem Wind hin, sie will Antwort, will aufgehen in einem Sinnganzen, jenseits der Menschen, die sie enttäuschten. Der Wind ist ihre Salbe, aber es bleibt eine Wunde, die immer schmerzt, eine Wunde der Erkenntnis, dass es keinen Sinn gibt im Leben. Das lyrische Ich schämt sich seiner Lügen in der Konstruktion von Sinn, es lacht sich aus, es lacht aus Verzweiflung und ruft sich – wie dir, dem Leser – zu: Es gibt keinen tieferen Sinn, es sei denn, du kannst dein Leben begreifen als eine schmerzenden Laune der sinnlosen Natur, des sinnlosen Zufalls.

Diesen Schmerz der Erkenntnis will sie festhalten.
 
*

Gibt es denn wenigstens im Dichten noch einen Sinn?, fragt sich Lyrine. Nein und Ja.
Ja: Ich schreibe mein Herz in Worten auf und schieße es wie ein zerknülltes Papier als Kugel in die Welt. Ungesagt bleibt die Wirkung: Wen trifft es, wer öffnet das Herz? Ja: Ich erbreche mein Leid (Knebelsterne) in Worten, ich bleibe nicht stumm – aber das ist schon alles. Punkt. Ich habe nichts davon.
Nein: Mein Dichten war nur das Rotzen – und jetzt wisch ich mir mein verrotztes Gesicht an der Realität ab, an der Hauswand einer nur vorgestellten Heimat, die mich nicht birgt. Nein: Ich komme nicht hinein in eine Welt, die mich wärmt. Ich bleibe draußen.


Punkt

Also machst du ein Gedicht.
Du schreibst: Ich knülle mein Herz
in die Realität. Und: Ich kotze mir die Knebelsterne
aus dem Mund.
Ja. Punkt.
Und dann ziehst du dein Gesicht
an der Hauswand entlang.
Draußen.


FROSTMUND


Ich stelle die Lyrikerin conejo vor, eine „stu-dent-in“ aus Niedersachsen, 1985 geboren. Ihr Wahlspruch: „Pies... Para qué los quiero si tengo alas pa’ volar”
(Frida Kahlo)

Drei Gedichte. Natürlich sind es wieder Liebesgedichte, oder Gedichte zur Klärung der Verhältnisse im Verhältnis - was sonst bei so einer jungen Frau… Aber so gut gemacht, dass es sich lohnt, diese Lyrik zu lesen.

herz,

dem tag schnitt ich mit einer schere
gewöhnlich eines andren zwecks in sein
pfirsichweisses fleisch die scham trug er
im nacken nur wie aufbegehrend
kam ein schwall von morgenrot in mein
gesicht besprenkelt fragte ich wo
bist du nur gewesen

Im ersten Gedicht („herz“) geht es gleich um ein Hauptthema der Liebe: Um das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz. Zu Beginn schneidet das weibliche lyrische Ich das Thema an, um das es ihr geht: Die junge Frau schneidet die zarte Haut der Zeit auf wie einen Pfirsich, um sie wie eine Frucht zu genießen - die Zeit wird im nächsten Bild zum Mann, dessen Scham (Körperseele) die junge Frau nur im Nacken findet, sie kommt nicht richtig an ihn heran, er ist zu, sie sieht ihn nur von hinten, er wendet sich ihr nicht zu. Sie aber wird rot, sie ist heiß von ihm, heiß auf ihn, ein Beginn (morgenrot), aber nur „besprenkelt“, noch nicht ganz vom Feuer erfasst, sie sieht nur den Nacken, hat aber nicht den Begehrten, den sie zuletzt fragt: „wo bist du nur gewesen“ - war er weg, war er gar nicht richtig da? War alles nur ein Traum? Ein kurzes, aufflackerndes Begehren? So vermute ich. Schön wird dieser Traum oder Wunsch im Realen mit dem (gedachten oder gesagten) Vorwurf pointiert: Du bist nicht da. Ich kann dich nicht erreichen.       


du sagst lochfrass
Gedanke

Bums. Bums bums bums. So hoert es sich immer an, wenn ich
durch dein Herz falle und zwischen deinen Fuessen lande.  Du sagst
das laege am Lochfrass in dir. Du sagst auch Seele, deine Seele
sei ganz zerfranst. Ich stelle mir dann immer deine Schmerzen vor wie
einen Fleischwolf und glaube dir jedes einzelne Wort aus dem
Mund mit meinen Haenden.  Ich weiss ueberhaupt gar nicht, wie ich
mich anfuehle, wenn ich nicht nach dir fasse. Doch nach nichts
griff ich lieber. Wenn sich deine Hand kurz vergisst und mir das Haar
streicht im Vorbeifuehlen, dann. Weiss ich wieder, wohin mit mir.
Ich  hab  mich schon  ganz wund  an dir  geklettert,  doch kaum  werd  ich
deiner Knoechel muede, nie, deiner Brust. So hab ich dich  wenigstens
-|unter meinen Fingernaegeln|- ganz fuer mich allein.

Auch dieses Gedicht ist eine kleine Elegie: Gleich zu Beginn wird das Bedauern klar: Er will nicht ihr Herz, sondern nur ihren Körper. Sie fällt bei ihm durch. „Bums. Bums bums bums.“ Das ist Herzschlag und Liebesakt. Auch „Lochfrass“ ist so ein ambivalentes Wort: Er bleibt im Hochgefühl des sexuellen Reizes leer, auch danach. Sie glaubt ihm jedes Wort aus dem Mund mit ihren Händen, sie muss klauben und glauben, sie verlangt Erklärung und muss raten, rätseln, deuten - er gibt sich nicht preis. Und so weiß sie nicht, wie sie bei ihm ankommt, wie er sie findet, auch die Berührung verrät ihr nichts. „Doch nach nichts griff ich lieber.“ Das zeigt ihre Hoffnungslosigkeit. Sie freut sich über das geringste Entgegenkommen, aber sie weiß: Wenn er sie streichelt, bedeutet es nichts - jedenfalls nicht für sie. Wunderbar ist das Bild: „Ich hab mich schon ganz wund an dir geklettert…“ Sie hat sich wund geliebt an ihm, sie verletzt sich in dieser Liebe, im verzweifelten Verstehenwollen, in der Suche nach ihm, seinem Herz, seiner Seele. Der Schluss ist wieder Resignation. Sie bleibt in ihrer Liebe zu ihm mit sich selbst allein.
     
absehbar

wie algen klebt dein haar gruen an der stirn
oliv durchwebt - die farbe deines blicks
du sprichst mir asche.
dein frostmund kuesst mir still
die risse meines brechenden genicks

(ich wuensch mich schlafend unter deine lider
ganz nah am blau dort flechte ich mein nest
ich halt auch still.
ganz still halt ich den atem
in meinen weissen katzenhaenden fest)

du dichtest nebel um die fuesse meiner liebe
schreibst  ferse an die knie meiner welt
ich merke wie
das ”wir” in deiner stimme
aus deinen wolken auf den ruecken faellt

es ist wie qualvoll langsames erwachen
halb | da. mein herz schlaeft heute aus
kuess einmal nur noch
meine (gelben) augen
dann stuerz ich mich aus deinem blau heraus.

Wir verstehen nun auch das dritte Gedicht ganz leicht: „du sprichst mir asche“ … „dein frostmund“: Er gibt ihr keine Liebe, nach der sie sich sehnt, er will oder kann keine Gegenliebe geben. Und daran geht sie zugrunde, er bricht ihr das Genick, und er weiß es, er küsst ja sogar ihre tödliche Wunde.
In der zweiten Strophe wieder ihre Sehnsucht - sie muss trotzdem lieben. Sie setzt das aber schon in Klammern, so klein ist ihre Hoffnung.
Dritte Strophe: Diese Liebe kann nicht laufen, sie wird stolpern, die Beine dieser Liebe sind blind. Er bleibt in seinen Wolken, in seiner Welt, und das Wir fällt auf den Rücken wie ein Käfer, der nicht laufen kann.
Am Ende steht ihr Erkenntnisschmerz, sie ist erschöpft, wird krank (gelbe Augen) und resigniert, will ihn verlassen, weil sie muss.

Schwer zu sagen, welches der drei Gedichte das schönste ist. Mir gefallen alle drei. Ich wünsche mir, dass sie den Weg in eine überregionale Lyrik-Anthologie finden.


INTERMEZZO: UND DAS SONETT?

Eira:
Gedanken, Gefühle sind formlos. Doch gibt der Autor ihnen nicht schon eine Form, indem er sie zu Papier bringt? Egal, ob der Text, das Gedicht auf den ersten Blick eine Form hat oder nicht? Und sind Gefühle wie Liebe, Geborgenheit, Wut, Hass, Trauer, Verzweiflung... heute wirklich komplizierter als früher? Wenn ein Autor eine Form als passend für die Gedanken und Gefühle des lyrischen Ichs ansieht, warum sollte er sie dann nicht verwenden?

Bergmann:
Ich denke, die Gefühle selbst sind wohl seit eh und je gleich. Aber die Bedingungen, in denen heute Gefühle erzeugt werden, sind wesentlich komplexer als noch vor ein paar Jahrzehnten: Die Weltbilder sind weitgehend zusammengebrochen, der wandlungsfähige, verführerische Kapitalismus (sein vornehmer Name: Marktwirtschaft) ist vielleicht das einzige Weltbild neben den Religionen, das bei denen, die glauben, ungebrochen ist. Jedem Autor seine Form! Ich meine nur, Sonette sind äußerst problematisch, sie holpern, stocken oder platzen.

Alex:
Die alten Weltbilder sind zusammengebrochen, d.h. nicht, dass es keine mehr gibt, die uns beeinflussen. Auch kann ich nicht zustimmen, dass Gefühle heute komplexer erzeugt werden, sie sind immer noch Orientierungspunkte, die wir brauchen und immer noch genauso einfach zu beeinflussen, erzeugen, etc. Du müsstest da schon ein Beispiel geben. Form oder keine, das Sonett hat so lange durchgehalten, ich sehe keinen Grund, warum es veraltet sein sollte.

Bergmann:
Je komplexer die Lebensumstände, desto komplexer die Gefühle. Die sehr einfache Sonettform wird dieser Komplexität nicht gerecht. Trotzdem gelingen in Ausnahmefällen immer wieder Sonette, die (in geeigneten Bildern) trotzdem die Komplexität unserer Zeit andeuten.

TiLeo:
Zuerst einmal geb ich dir Recht. Bin ebenfalls der Meinung, dass die Kunst beim Dichten nicht länger nur darin liegt, feste Formen gekonnt zu verwenden. Das war einmal und das war nicht schlecht. Die Kunst beim Dichten scheint mir, die individuelle Form eigenen Gedanken zu finden, die dem Text innewohnende Struktur. Das kann, nur um das mal zu sagen, auch heut noch in Form von Sonetten und ähnlich starren Gattungen geschehen. Muss aber nicht. …
Bei moderner Lyrik, die oft hermetisch und vielfach verschlüsselt ist, greifen keine klassischen Interpretationen. Es besteht tatsächlich ständig die Gefahr, der Leser könnte vom Dichter an der Nase herum geführt werden. Wie schließt man so etwas in Zukunft aus? Welche Maßstäbe legt man an, wenn die alten versagen? Die Antwort auf diese Frage ist, meiner Meinung nach, entscheidend, für die Art unseres Umgangs mit moderner Lyrik und Lyrik im Allgemeinen.

Bergmann: Ja. - Dass der Leser vom Dichter an der Nase herumgeführt wird, finde ich nicht schlimm, weil der Leser das Gedicht beim Lesen selbst (neu) erschafft.

DerSteinchenwerfer:
Du wirst gernhardts abrechnung mit dem sonett (in sonett-form; welch augenzwinkernde spitzbübigkeit) kennen. ich erlaube mir dennoch, sie hier für die kommentar-verfolger anzuhängen:

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, daß so’n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.
(Robert Gernhardt)

ich meine, dass die form der auflösen kann, welcher sie beherrscht. die moderne lyrik krankt gelegentlich daran, dass aus der not eine tugend gemacht wird und das metrische und sprachliche unvermögen zur stilistischen absicht erklärt wird. gernhardt wird sonette mögen. die form engt nicht nur ein, beschränkt nicht nur die möglichkeiten, sie lässt auch (durch das restriktive) möglichkeiten des sagens erst sichtbar werden. die form kann also schreibhilfe sein. darüber hinaus vermag struktur die kontrolle durch den verstand zu umgehen. nicht-semantische elemente schaffen mechanische verankerungen im gedächtnis. deswegen wirken traditionelle formen weiter – nahezu zauberformelhaft. diese wirkungen kann man schreibend nutzen … oder auf andere wirkungen setzen. immer aber wird man rhetorische figuren verwenden. die verzweifelte suche nach neuem lässt lyrik dann aber oft episch werden bzw. ins dadaistische protestieren abgleiten. das könnte ein beleg dafür sein, dass die formenlehre der lyrik eine recht abgeschlossene und damit ausgereizte theorie darstellt. hier bin ich mir nicht sicher. einerseits sehe ich weiterentwicklungsversuche oft als rückschritt (überzüchtung bringt krankheiten hervor) und wenig überzeugend, andrerseits wäre es überaus faszinierend, wenn am lyrik-himmel doch noch einmal rhetorische figuren auftauchen, die es noch nicht gab. ich bleibe gespannt und nutze derweil das zur verfügung stehende handwerkszeug.

Bergmann:
Gernhardts MATERIALIEN ZU EINER KRITIK DER BEKANNTESTEN GEDICHTFORM ITALIENISCHEN URSPRUNGS… Lieber Werfer, ich bleibe auch neugierig auf Neues in alten und neuen Formen. Nichts gegen trotzdem gelungene Sonette.

argot:
Ich glaube ja, dass auch „Verfall“ von Trakl sich auf seine Form bezieht,
dass sie das Gitter ist, um das das Lebende sich schwankend, zitternd, rankt.
Da ist ein Widerspruch. Da’s von Verfallen spricht und sich doch dem verdankt,
was wir Struktur und festes Versmaß nennen. Man sieht im Lied den Unterschied

aus Form und Inhalt auftun sich wie eine Kluft, wie auch in „Kokain“.
Benns Ich-Zerfall? Die Form fällt nicht – fällt NICHT. Ein braver Reim, ein braves Maß,
da hebt sich zähneklappernd Ironie hinauf, Vergeblichkeit. Das saß.
Und wirkt auch jetzt noch tief, viel tiefer doch als Räusche, die Durchformung fliehn.

Ich glaube auch, was auch der Werfer glaubt: am Zwang der Form gebären sich
Gedanken, Wörter, Wendung, neuer Ton und festrer, stimmigerer Klang.
Er schlägt den Schatz von ferneren Vokabeln auf. Er zwingt zur Suche mich.
Die freie Form ist auch nicht frei. Oft bleibt es eng, inzüchtelnd klamm und bang:

nur fällt’s kaum auf. Der Inzest des schnell Hingepfuschten bleibt verkürzt und roh,
ein jeder kann so schreiben, dass es wirre wirkt. Herzlichst grüßt: argot

Bergmann:
Parbleu! Was für ein gelungenes und tiefes, in Langverse ausuferndes, überschwemmendes, seine Form leicht sprengendes Sonett! Chapeau!
Hier mein (klassisches) Gegen-Sonett:

tönchen
nur für dich

du schepperst immer weiter bis zuletzt
hast dir dein überleben frech erlaubt
ich habe aber nie an dich geglaubt
du klingst schon jetzt so blutleer so vergrätzt

wie ein museum bist du tot vernetzt
du weißt was jeder weiß - und überhaupt
du taugst nicht für das neue so verstaubt
du wirst von allen schmieden überschätzt

von deinen klempnern in den tod gehetzt
so fest geschraubt und künstlich aufgesetzt
hast du den inhalt an die form verpetzt

in eng gesetzten versen lebt kein jetzt
wie im japanischen theater – no!
nun ruhe sanft du künstlicher argot!


argot:
Läutchen
Dein gedenkend

Ich finde nicht, dass wir „komplexer“ sind.
Ein jeder vom Geläut ja noch als Kind
und gleich naiv und gleich erstaunt beginnt.
Ein jeder bald sein kleines Weltbild spinnt,
auch zusieht, dass es hält und nicht verrinnt:
er hält es rein, da er auf Stetes sinnt,
das nicht verwirrt und macht ihm argen Wind,
er liebt es häuslich, heimlig, lauschig, lind.
Ganz gleich ob hohe Schicht, ob im Gesind:
das Hirn ist immer leicht und schwer und minnt.

Ein Wort nur noch zu jener steilen Meinung,
die Kunst müsst gleichsam wie ein Spiegel sein
zur kakophonen Außenwelt, dem Schrei’n
und Brüll’n der großhoch ragenden Verneinung,

die modernd die Moderne ist. Das Wirren,
der lodernde Triumph des Kapitals,
des wissenschaftlichen Kalküls. - Ich mal’s
mir anders aus und glaub, dass sie sich irren.

Die Kunst sei wie ein Gegenbild, dem schlechten
Geschwätz der Außenwelt nun den Versuch
des guten Sprechens an den Rand zu flechten.

Dies ist, was Bachmann - und nicht Bergmann - meinte.
Ein sanftes Widerwort. Ein kleines Buch.
Vergebliches, das um sein Scheitern weinte.

Und im Beweinen vielleicht sanft gewinnt.

Bergmann:
Wir werden uns nicht einig und werden wahrscheinlich immer und ewig dieselben Argumente an den Kopf werfen:

Aus Spaß wird sonettiert von Zeit zu Zeit.
Mit Dichtung hat das manchmal Ähnlichkeit.

(Lothar Klünner, 18. April 1995, in: Lothar Klünner/Klaus M. Rarisch & al., Hieb- & stichfest. Streitsonette. Meiendorfer Druck No. 40, Robert Wohlleben Verlag, Hamburg 1996. - Ich empfehle die entsprechende Internetseite wärmstens, falls du sie noch nicht kennst!)

Ein Schriftsteller, der auch gern Sonette schreibt, ist HEL = Herbert Laschet, Berlin. Wenn unser Sonett-Sialog noch eine Weile andauert, werde ich ihn noch ins Spiel bringen - und mich gezwungen sehen, aus Spaß am Handwerk noch ein paar Sonette zu schreiben, obwohl ich überhaupt kein Lyriker bin.
Auch in dem Punkt, dass „wir nicht komplexer“ sind, werden wir uns nicht einigen. Trotz aller Konstanten in der Geschichte und im Hinblick auf die menschliche Psyche musst du doch sehen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse - und damit die privaten - sich verändert haben, vielgestaltiger geworden sind.
An der Form des Sonetts haben auch Expressionisten nach dem 1. Weltkrieg noch festgehalten und sie belebt. Das sehe ich. Aber solche Sonette sind eben vor allem der Versuch, enttäuschte Sehnsucht wenigstens in der Form auszugleichen.
Gib zu, dass die Autoren dieser Internetseite vor allem aus handwerklicher Sprach-Lust Sonette schreiben, nicht aber weil es ihnen um das Wesentliche im Gehalt oder in der formalen Weiterentwicklung der Lyrik geht. Und die (berechtigte) Kritik an formlos-beliebigen schwachen Gedichten ist eine Ausrede zugunsten einer Mastkur des Sonett-Plädoyers... stimmts?
Mit Bachmann in einem Vers genannt zu werden, scheint mich zu ehren, ist aber natürlich nur ein (alliteratives) Wortspiel, reine Rhetorik, eine der typischen Fallen des Sonetts, das eben klingen will und oft nur Klang sein kann. Auch das ist schon viel.
Ich drohe hiermit ein neues Kampfsonett gegen das Sonett an, ein Suizidalsonett... aus reiner Lust am Spiel.

argot:
Mach! Mach! (Ich antworte dann auch ausführlicher in Prosa...)

Bergmann:
suizidalsonett
für argot

ich bin so nett und habe sieben leben
die reime sind mein täglich brot
ein’ feste form mein strenger code
so will ich mich mit euch verweben

so kann ich immer höher streben
mein metrum wird nie rot
ich habe keine not
an alten schemata zu kleben

nun soll ich mich ergeben!
man wirft mit kot!
die wörter beben!

ach sapperlot!
bin eben



darkjoghurt:
Hm... Gegen das Sonett zu protestieren scheint mir als Bordsteiner ja ebenso unsinnig, wie in den Himmel zu schreien: Es möge aufhören zu regnen. Aber ich habe im Wesentlichen auch keine Ahnung von literarischer Formenlehre und zudem wirst Du von mir kaum Sonette befürchten müssen. Was mir mehr auffiel war dieser eine Seitengedanke in dem Text (oder gehört es etwa zu dem Hauptgedanken und ist die Basis für die weitere Kritik? - ist es am Ende der Hauptgedanke?) - Du schreibst:

“Das passt nicht mehr zu den komplizierteren Gedanken, Gefühlen, Sichten und Gesichten von heute [...]“

Sind sie denn wirklich komplizierter, die Gedanken, Gefühle, Sichten, Gesichte? Einige Aspekte sind unserer Post-Alles-Verknurpselung zu verdanken möglicherweise, aber - alle? Ist der Problemsud nicht im Großen und Ganzen eher unverändert geblieben? -

Bergmann:
Die existentiellen Probleme sind wahrscheinlich alle archetypisch, also zeitlos.
Allerdings gibt es heute Proble - durch Zivilisation, Technik, Wissenschaft... - , die es früher nicht gab, und so gibt es ethische Probleme, die neu sind, etwa Genozid à la Hitler, oder durch die Gentechnik hervorgerufene Fragen, ...
Wichtiger aber: Die Sprache ist immer eine andere, in jeder Generation verständigt man sich anders.
Das Sonett ist einerseits eine starke Form, sie wird also weiterleben, - aber die Sprache darin ist nur schwer anzupassen.
Alles in allem: Vielleicht ist der Streit ums Sonett ein halber Scheinstreit. Anders gesagt: Das Sonett gibt e heute unter vielen Formen weiterhin, es ist aber nicht mehr so wichtig.
Ich schreibe hin und wieder ein Sonett - das Wichtigste aber lieber in Prosatexten, auch Gedichte sind problematisch. Nur ist das jetzt meine ganz eigene Entscheidung.

Cantalurp:

In einem jeden Leben gibt es Energien;
bei manchen Menschen sanft,
sie werden angediehen
der Zartheit, Mitgelebten, Mitgedenken.

Doch immer wieder sehe ich auf Hinterbänken
ernannte Spötter, selbst, so durch und durch,
wie ungebratne Schnitzel inniglich,
und eigentlich ganz gänzlich in sich selbst verstrickt.

Das ist die JUGEND, die im Stimmbruch tönt,
die hinter Eitermilchfassaden,
sich selber unerkannt und ungeliebt,

KUNST laut tönt. Und einfach nichts versteht.
Drum denke, Argot, für die Spötter
kommt manchmal selbst der Spott zu spät.

Bergmann:
wenn ich zur jugend gehöre, will ich gern zu spät kommen!
das ist wieder einmal die list der geschichte, oder die eigenartige dialektik des kampfs gegen das sonett: mit jedem spott wachsen dem sonett zwei neue köpfe... was nun? was tun?

argot:
Glückwunsch! Ein gelungen zusammengerkabeltes Sonett, das Du da abgeliefert hast! Die Enge der Form hast Du gut dargestellt durch die streng eingehaltene Schematik des abba abba, in Verbindung mit dem klanglich wenig attraktiven „-etzt“-Reim, der sich uns ganze 4x in die Ohren einschabt.
Die Terzette erscheinen mir sprachlich abwechslungsreicher und besser gesetzt, namentlich das „geschraubt“, das sich mit dem Klempnertum verschaltet (irgendwie schreit Klempner doch geradezu nach einer Binnenassonanz mit verplempern oder so...) und den b-Reim der Quartette wiederaufnimmt, hat es mir schwerlichst angetan.
An dieser sprachlich so schönen Klempner-Stelle wirst Du aber argumentativ brüchig - vielleicht Selbstabbildung: der Inhalt vertiriliert sich zu Gunsten der Form -, indem Du sagst, das Sonett würde von seinen Machern umgebracht und erwürgt... während doch Dein Argument eher das wäre, dass das Sonett an sich schon ein Leichenteil und längstens tot ist und eher von den Machern künstlich ins Leben gefrankensteint wird: wer nicht zum Zauberer taugt, wird eben unausweichlich zum Nekromanten.
Wirklich süß und beinahe mit dem neuen Vokalismus sich wie ein Hoffnungsstrahl eröffnend die beiden letzten Zeilen... dass Du das Nô-Theater hereinbringt und mit der englischen Verneinung in eins bringst - famos.
Nô ist allerdings eine alte Form, deren anhängliches Festhalten von seiten der Japaner uns Westlern wohl seltsam anmuten muss. Die meisten Muttersprachler verstehen schon die alte Sprache nicht und können der Handlung kaum folgen, es ist no-rmal, dass während einer Vorstellung ein wenig geschlafen wird.
Wer versuchen will, Nô zu verstehen, sollte sich vorstellen, dass da schon Tote sprechen und immer wieder, verfangen in ihrem alten Sein, über ihr ehemaliges Leben reflektieren.
Und labernde Leichen - das passt ja sehr gut zu Deiner These. Ich hüte mich: Chapeau!
Auf einer Sänfte ruhend,
argot

Cantalurp:
Argot, mon petit fleur du poäme!
Ich vermute, dir sind da ein paar Assoziationsketten durchgeburnt - abgefaahrner Scheiß, Alder. Bin reichlich angeeiert, wat Bier und so, werde die Fährte morgen weiter entlang schnüffeln, mich des elenktischen Gegenlogos - im Äther aufschwellender Wortkaskaden (Verb folgt): Nun, du spürst es, wir tragen uns auf - wir tragen es ab. Es ist keine Kohle. Was ist es? Im schaurigen Tal der Nacht grüßt C.

argot:
Oha, oha - Du zeihst mich also der knopsenden Stilblütelei und des Schachtelhalmsatzes? Hm, schuldig im Sinne der Anklage. Ich habe es zu sehr einfach so vor mich hingeschrieben. Gekaudert. Aber übermäßig assoziiert habe ich eigentlich nicht, zumindest im engeren Sinne des Wortes nicht. Dass ich no im Sinne des Nô-Theaters lese, ist doch recht naheliegend, zumal in der vereinfachten Hepburn-Umschrift es meistens ohnedies No geschrieben wird.
Cheers, your tiny-winy flower of evil
a.

Bergmann @argot:
mit der brüchigen stelle hast du recht - und daran kannst du erkennen, dass ich das sonett ja ganz gern habe, die form überlebt auch bei mir, ich lese gern sonette (wenn sie einigermaßen fließen und klingen).
ich habe 2003 in bonn einen der besten meister des nô-theaters erlebt - in der bundeskunsthalle. das theater hatte auf jeden fall den reiz, den auch beste sonette haben. natürlich ist unsere westliche lebensweise oft nicht geeignet, ruhigere, meditativere kunst zu betrachten, uns fehlt die zeit. so gesehen, lieber argot, komme ich, der das sonett neckt, weil er es im grunde seines kunstherzens (!) liebt, zuletzt zu einer doch viel positiveren beurteilung. - es scheint kv sehr ähnlich zu sein: auf den ersten blick flach. dann tun sich tiefen auf. kaum hat man sich an diese tiefen gewöhnt, tun sich wieder ozeanisch weite untiefen auf, und da säuft so manches paddelboot ab bis auf den grund.

darkjoghurt:
Das waren noch Zeiten... *seufz*


DURCHGEZOGENE GRÜSSE

Eine Diskussion mit Lucy E. Dation über Jovan Jovanovic


Es geht um die Lyrik von Jovan Jovanovic. Der kleine Schlagabtausch zwischen mir und Lucy entzündete sich an dem nachstehenden Text. Die Leser können den Wechselgesang der beiden Kommentatoren als eine andere Form der Interpretation verstehen. Aber nun medias in res:

ja hats schon länger gedauert bis i mir flügeln.. UND JETZ ENDLICH FLIEG I ! ..ja falls nötig is

ja seit schon lange zeit flieg i sehr oft
auch wenn i auf meine flügeln
irgendwie vergesse

..ABER WAS SOLL MAN MACHEN!
JA WENN SOLCHEN ZEITEN

..JA IMMER FÜR FLUG BEREIT!  SONST  WIRD MAN  SELBER  ARSCHLOCH ODER SPIESSER ODER NUR ALS LEICHE

..JA SUPER! JA JETZ GEHEN WIR WEITER!

mit flügeln fliegt man besser 
..und mit werbungsslogan ja usf


Bergmann: Das ist wieder ein wunderbares realmetaphorisches Selbstgespräch.

Lucy.E.Dation: Bitte, Bergmann, lass mich nicht dumm sterben: Zeige mir die Metaphern auf, erläutere sie mir und versuche wenigstens, mir das in deinen Augen "Wunderbare" daran nahe zu bringen. Ansonsten ist das nämlich nur eine nichtssagende Ergebenheitsadresse á la "Gern gelesen, gefällt mir, kann ich nachfühlen". Wunderbar, ehrlich. Hast du es eigentlich schon empfohlen?
Ich sehe darin nichts, als die radebrechende Mitteilung, dass das lyrIch sich von Arschlöchern umzingelt fühlt und lieber die Fliege machen will, als selbst ein Arschloch zu werden. Wirklich sehr beeindruckend und so gar nicht weinerlich und selbstgerecht. Deine Urteile, lieber Bergmann, sind mir - bei allem Respekt - doch eher suspekt, deine Arroganz in nichts anderem als Überheblichkeit begründet.
Erkläre ich jeden Haufen zur Kunst, erscheinen meine eigenen Ausscheidungen um so glänzender. Das Einzige, was ich fürchten muss, ist Könnerschaft, also diskreditiere ich die schnell zur zwangsneurotischen Spießerschaft und habe dann ja auch die Mediokren und die Nichtskönner auf meiner Seite. So wird man aber lediglich zur Hure der Anspruchslosigkeit und außerdem ist das eine Generation zu alt. Nichts für ungut, wir leben in zwei Welten, es sei denn, ich erkennte nicht, dass ihr beiden hier lediglich die ganz große Verarsche durchzieht. Aber selbst wenn, dann ist die Nummer nicht witzig genug.

Bergmann: Ach, Lucius, nicht jedes Gedicht muss diese tiefe Tiefe haben.
Lies zu jovan.j bitte meine Kolumne "Mein Titel bin i" (Lyrik 8; 9.3.2007) und   Thesen zu Augsburg , Jovan nannte sich früher augsburg.de
Der Hinweis auf Generationenunterschiede (typisch für deine und jüngere Generationen, die in solchen Etikettierungen oft genug hängenbleiben) ist irrelevant. An Modernität lässt es ja gerade deine Altersklasse auf KV fehlen, zumal viele Identität zu erhaschen trachten, indem sie sich über Zeitmodisches definieren.

Lucy.E.Dation: Ich stelle also fest, lieber Bergmann, dass du auf meine Fragen und Bitten nicht eingehst. ich will keine alten Kolumnen lesen, ich wollte deine Einschätzung belegt haben, dass es sich hier um ein "wunderbares realmetaphorisches Selbstgespräch" handelt.
Mein oder dein Alter tut nichts zur Sache, auch junge Menschen können sich die hoffnungslos veralteten Maxime der Moderne zu eigen machen. Und falls "meine Altersklasse" es tatsächlich an Modernität fehlen ließe, wäre das kein schlechtes Zeichen, denn kontemporär ist sie schon lange nicht mehr, die Moderne, mindestens seit einer Generation nicht mehr.
Sicher, es ist nicht progressiv, zeitmodisch zu sein. Idealerweise wäre man seiner Zeit voraus. Wer ihr aber hinterher hinkt, der hat diesen Anspruch eben noch deutlicher verfehlt, als die, die gerade mal Anschluss haben. Aber lass uns nicht theoretisieren. Deiner Meinung nach habe ich hier ja nicht den Durchblick, daher lass mich doch bitte an deiner Weisheit teilhaben: Erkläre dich!
Skeptische Grüße
Lucy

Bergmann: Ich bin nicht weise, Lucy.
Mir gefallen solche Texte von Jovan, die man als Leser selber sozusagen konstituieren muss. Eigentlich gilt das für jedes Gedicht ohnehin.
Auch die Angst vor der Verspießung ist ja ironisches Spiel.
Jovan baut eine Atmosphäre auf, die mich zum (erkennenden) Lachen bringt. Jovan zitiert Alltagssprache, zitiert auch deine Generation, die oft deshalb so lächerlich wirkt, weil sie so gern verspießert und sich dann fragt: Oh, bin ich jetzt tatsäch-? Und dann alles tut, um der längst inhalierten Verspießerung wieder zu entgehen: Man trennt sich, man hat schon mit Ende 20 zwei MidlifeKrisen hinter sich, man studiert BWL bis zum Kotzen und bringt nichts zustande außer einer widerlichen Proskynese im Dienst des Kapitalismus, den man ja als Droge für den eigenen Hedonismus der allerbilligsten Art braucht. Viele wirken wie loriotische Abziehbildchen von grotesker Anpassung an alles und jede Idiotie unserer Zeit. Postmodernismus ist nur die Dufterinnerung an die heutige Mentalität, sich selbst anzubieten wie Wühlware im Kinderschlussverkauf.
Demgegenüber wirken Jovans Gedichte wie in unsere Zeit übersetzte franziskanische Gesänge.

Lucy.E.Dation: Hallo Bergmann, dir gefallen Gedichte, die du selbst verfassen musst? Warum überrascht mich das jetzt nicht? Ist nicht alles, was nach Scharlatanerie stinkt, idealerweise mit "ironischem Spiel" bemäntelt, um die Haut zu retten? Obwohl, zum Lachen bringt Jovan mich auch, nur eben nicht, weil es witzig wäre, sondern eben lächerlich. Alltagssprache? Nach welcher Dosis? Noch einmal: Meine Generation? Spießertum? Unterwürfige Diener des Kapitalismus nur um die eigene Lust zu stillen? Anpassung an alles und jede Idiotie unsrerer Zeit, vielleicht also auch "Huren der Anspruchslosigkeit", so wie ich dich schmähte? Und dem steht nun Jovan gegenüber, der Idiot als Vorsänger und die postmodernistischen Nutten antworten im Refrain?
Chapeau, Bergmann, mit Worten hast du fein geklingelt, nur leider sagen sie mir nichts. Und das ist es für mich, ein wahres Nichts, das eben jeder Halbgebildete locker zu Alles stilisieren kann, solange man nur willens ist, das Publikum zum Künstler zu machen, also jene allseits befahrbaren Grabbeltischfotzen aus den 1-Euro-Läden, die zwar von Kerouac noch nie etwas gehört haben, aber von seiner verbilligten Volksausgabe besungen werden. Ich möchte dir daher zurufen: Beat it, Bergmann, also rein generationsmäßig, u no.
Durchgezogene Grüße
Lucy

Bergmann: Fein geantwortet, Lucius, das will ich dir lassen! So eine Schreibe gefällt mir, da ist Seele drin, da wird mal Engagement spürbar, da wächst du weit heraus aus allen Generationen. Mir gefällt dein Schlusswort.
Und nun lies trotzdem noch meine beiden Texte über Jovan Jovanovic, der ein kleiner Scharlatan nur im Sinne einer Prise Salz ist, so wie die allermeisten Künstler sich würzen. Er schreibt mal richtig gute Texte, mal weniger gute, oft kopiert er sich auch unvorteilhaft selbst. Ich ermuntere dich, Ducy Lotion: Versuche, Jovan - und überhaupt belletristische Literatur - mit meinen Augen zu lesen, dann verstehst du mehr und du lebst ganz bestimmt auch besser, weil dir die Welt, gesehen durch meine Augen, besser gefällt. Aber auch dann, wenn du das nicht tust, weil du nicht willst oder nicht kannst, Lucy the Hype: Hdgdl! cu


TOLL VERKIRSCHT

scalidoro
wurde 1952 geboren. Er ist von Beruf Segeltuchnäher und zur Zeit tätig als Windblick. scalidoro kommt aus Oberösterreich. Über sich selbst schreibt er: „Lyrik und Philosophie sind mir Erlebnisbereiche, die ich immer wieder gerne aufsuche.“

Mondnacht. Ein Bericht

Der Wald, er hatte sich mit Dunkelheiten vollgesogen,
darüber war ein Blinkgeschehen durch die Nacht gezogen,
indes der Mond, gewichtig voll, die Straßen silbrig ausgespült,

als aus dem Dickicht brach das Aufgewühlt
des Kauzes, dessen Fühlen sich entmauert,
wie etwas, das zu sehr in sich gekauert.

Und also
schrie es
schrie und schrie.

Die Nacht schien tollverkirscht und seltsam lang
und drängte doch ins Endiche, zum Übergang,
der sich als stumme Frage ins Gefieder baute.

Es dämmerte. Der Kauz ergraute.

Schon der Titel enthält einen Widerspruch: Eine Mondnacht ist a priori ein romantischer Begriff, ein Bericht dagegen so sachlich, dass das folgende Gedicht ironisch eingefärbt erscheint. Aber tatsächlich wird die zu erwartende Romantik einer Mondnacht permanent durch sachliche Vergleiche in Frage gestellt: Der Wald wird zu einem aktiven Schwamm. Er saugt Dunkelheiten - die Pluralisierung der Nacht entmachtet ein wenig die Schwärze, die ins Physikalische verschoben wird. Die Sterne werden zum Blinkgeschehen - das assoziiert die Lichter der Großstadt, Autoverkehr und Blinkanlagen der Reklamen. Jetzt wird der Mond aktiv, voll und schwer reinigt er die Straßen mit seinem Licht, das er wie Silber in die Straßen gießt.
Nach dieser optischen Äußerlichkeit folgt in der zweiten Strophe die Innerlichkeit: Ein Kauz ist aufgewühlt, seine Gefühle entmauern sich, das Aufgestaute bricht aus ihm heraus. Er schreit es hinaus in die Nacht - im Schutz der Dunkelheiten… Diese Strophe verliert ihre metrische Form, der Schrei hat nur sich selbst zum Reim. Natürlich drängt sich die Frage auf, ob sich hinter dem Kauz eine menschliche Stimme verbirgt. Vielleicht nicht. Denn zu distanziert bleibt der Bericht. Ja, ein wenig ist das schon auch ein Bericht. Das Imperfekt lässt das Nachtgeschehen geschichtlich erscheinen. Insbesondere in der letzten Strophe ergibt sich die Ironisierung des Vorgangs von ganz allein: Die Nacht schien tollverkirscht, vergiftet also, die Zeit dehnt sich zum Leiden am Nichts, das der Kauz so komisch repräsentiert. Oder zum Leiden an sich selbst, an der Einsamkeit. Nichts ist hier romantisch. Das Bericht-Gedicht entromantisiert die Nachtmetaphorik. Übrigens sind die Dunkelheiten nun wieder zum Singular geschrumpft, zur einfachen Nacht, die sich selbst nicht mag, sie will sterben, damit der Tag wieder leben kann. Ein lebensbejahendes Gedicht! Zwar bleibt immer noch die Frage, der Schrei, doch der ist nun stumm geworden, das nächtliche Leid ist überwunden, verdrängt, der Kauz wird grau und unbedeutend. Ein seelisches Gedicht. Ein Seelendrama im Bild des Waldes. Vielleicht sind wir dann doch gemeint. Leben heißt verdrängen, überwinden. Vielleicht aber auch nicht, dann verdrängt sich im Kreislauf von Tag und Nacht die Zeit und hebt sich und die Welt auf, und so wird dann alles ganz leicht. Die Inhalte dieser Wörterdämmerung werden ganz leicht und schweben davon wie die Nacht und der Mond und das Silber. Ist doch klar: Wenn du unendlich viel Zeit hast, merkst du gar nicht mehr, dass du überhaupt Zeit hast. Aber der Dichter hat die Nacht vor den Tag gesetzt. Und die nächste Nacht kommt bestimmt. So gliedert sich die Zeit selbst, damit sie überhaupt etwas sein kann. Und so verwandelt sich das verbale Nocturne in Philosophie. Der Kauz ist ein philosophisches Chamäleon, das mich an Lewis Carolls Cheshirekatze erinnert. Die Realitäten schweben hin und her, wenn die Wörter dämmern. Oder sich erinnern. Der Morgenstern ist nicht weit…   

Ich habe lange schon nicht mehr so ein gelungenes Gedicht gelesen! Handwerklich überzeugend, voller Witz die ironische Vertiefung, eine Vertiefung banaler Romantik bis zum Umkippen ins Absurd-Ironische. Wirklich toll gemacht! 


ALS OB DIE WELT EIN FALLEN IST

Elias
, 1954 geboren, Wissenschaftler in Thüringen, ist ein wichtiger Kommentator und feinsinniger Kommunikator, vermutlich oft auch hinter den Kulissen. Er ist ein Motivator und kluger Kritiker - und zudem ein sehr beachtenswerter Lyriker, vor allem in seinen letzten Gedichten! Sein großes Thema ist das Fragen nach dem Sinn unseres so kurzen Lebens:
„mitunter befrag ich die schmale Lücke zwischen Leben und Tod . ganz leise ... frage mich . ob ich im Glück wirklich sterben will . und es streicht ein Singen . über mich, ein Gefühl . wie von Messerklingen . …“
Das sind wunderbare Verse, die Messerklingen erinnern mich an ein Gedicht von Alma Maria Schneider, sind mir selber nah.
„für einen Moment werde ich still . schau voller Neugier durch jene Tür . will . am Entsetzen vorbei in den Raum . der sich zwischen die Wahrheiten legt . dort, wo ein müßiger Traum . die großen Dinge bewegt . …“
Verse eines Suchenden, der schon weiß, dass er vieles gefunden hat, für das es sich lohnt zu leben.

Drei seiner schönsten Gedichte will ich vorstellen, ein Liebesgedicht, wo die Semantik der Worte zu tanzen scheint, ein zweifelndes und ein elegisches Gedicht.

Roter Mohn

wir lagen im roten Mohn
einen Sommermund lang
legten den Stolz
und die Lippen
ins raschelnde Korn

ein Falke schrie hoch
wir hörten ihn kaum
er schrie
er sah wohl
am Feldsaum die Einsamkeit

wir lagen im blauen Klang
gefiederter Wünsche
wir hörten das Wispern der Fische
im Teich
sie ahnten den Winter

tranken aus unseren Augen die Gier
und legten statt dessen
Liebe hinein

wir wußten noch nicht
dass alles vergeht

einen Sommermund lang

Dieses Gedicht ist allerdings gar nicht so leicht, wie die ersten zwei Verse zu sein scheinen: „wir lagen im roten Mohn“. Der Rausch der Liebe in den Blumen am Rand eines Kornfelds dauert nur kurz, „einen Sommermund lang“, was im Schlussvers des Gedichts wiederholt wird. Das ist nicht der ganze Sommer, sondern nur der Moment einer geglückten Begegnung, die Dauer und Flüchtigkeit eines Kusses. Die Liebenden verlieren alle Scham voreinander und reden nur noch mit ihren Körpern, sie sprechen nicht (sondern „legten den Stolz | und die Lippen | ins raschelnde Korn“).
Sie nehmen den Falken über ihnen nicht wahr - eine ähnliche Idee hatte Bert Brecht in seinem Liebesgedicht „Erinnerung an die Marianne A.“, da ist es eine Wolke - den Liebenden fehlt die objektivierende Perspektive für ihre Liebe. Der scharf beobachtende Falke erkennt, was die Liebenden in ihrem Rausch nicht sehen: Ihre Einsamkeit zu zweit. Allerdings ist das nur die Vermutung eines über dem Wir stehenden lyrischen Ichs, das vor allem in nächsten Strophen ein immer klareres Bewusstsein entwickelt.

In der Rückschau erkennt das lyrische Ich in der Wir-Form: Die Liebenden befanden sich „im blauen Klang | gefiederter Wünsche“, sie sehnten sich nach einer Liebe ohne Einsamkeit, die sie nicht verwirklichen konnten. In der Stummheit der wispernden Fische spiegelt sich die Unsicherheit der Sehnsüchtigen, die den Tod ihrer Liebe („Winter“) ahnen. Sie erlebten nur den Schein der Liebe, ihre Begierden, und sie  glaubten sich glücklich in ihrer Unwissenheit in der Berührung des Sommermunds.
Das Gedicht greift diese Liebe nicht an, es stellt nur fest, wie es ist, wenn zwei sich lieben. Vielleicht lässt sich im Bild des roten Mohns auch unser ganzes Leben sehen: „alles vergeht“. Unser Leben ist ein kurzer Rausch, in den wir unsere ganze Lust  hineinlegen. Was sonst? Es ist, wie es ist. 

„sine tempore“ - ohne Zeit - spielt schon mit dem Titel auf die Zeitlosigkeit, auf Knappheit der Lebenszeit an. Auch hier tritt das lyrische Ich im Wir auf, es reflektiert eine fremde Person (jemand) und meint sich darin selbst. Es philosophiert mit der Gewissheit eines Sokrates (Ich weiß, dass ich nichts weiß): „es ist eben“ so, wie es ist: Wir versuchen in der Dunkelheit unseres Seins („im Mondlicht“) das Leben zu erkennen (Augenwäsche), unser Hirn ist ein „bedachtes Holzgebälk aus | Sehnsüchtelei“ - wir erkennen das Motiv des „Roten Mohns“ wieder: Das Leben als Sehnsucht und Selbsttäuschung. Während wir es (oder uns) suchen, verrinnt die Zeit hinter unserem Rücken („das leise Mahlen der Zeit“), wir sind wehrlos und können nicht fliehen. Wo Engel Flügel haben, haben wir nichts.
Da hat „jemand“ „Kerzen der Eigenliebe ans Fenster | gestellt…“ - es reicht nur zur Darstellung der Selbstliebe, und der Mut zum Leben und zur Wahrheit ist klein, er ist „an den Kanten der Lippen“, er kommt nicht von innen, bleibt Lippenbekenntnis.

Die Sprache fehlt („das heisere Röcheln der Gräte | im Worthals“), alles Artikulierte bleibt naiv - und zuletzt steht Sprachskepsis: Wer nicht sprechen kann, denkt nicht, der ist tot - oder er spielt wie ein Kind im Unbewussten. Das Ende des Gedichts ist hart: In der Knappheit unserer Lebenszeit (sine tempore) gelingt uns nur ein heiseres Stottern von Gedanken, die noch gar keine sind oder werden können.   
       
sine tempore

es ist eben
dass da jemand seine Augen
        im Mondlicht wäscht
bedachtes Holzgebälk aus
        Sehnsüchtelei
das leise Mahlen der Zeit
        im geflügelten Nacken

Kerzen der Eigenliebe ans Fenster gestellt
            Mut an den Kanten der Lippen
das heisere Röcheln der Gräte
            im Worthals, naiv

wir nannten es Sprache
        in lichten Stunden Tod
            oder Spiel



Amsel im Schnee

als ob die Welt ein Fallen ist
fällst du mit mir?

als ob die Welt ein Krallen ist
an Schindeln alter Dächer

vor ihrem Körper schon
war jenes Lied und vor dem Lied
verzückter Ton und Note

vergeht nicht

fall und krall
und deck mich zu


Das Gedicht „Amsel im Schnee“ formuliert den Niedergang im Lebensprozess - allerdings noch in der Unbestimmtheit des Als-ob. Im konjunktivischen Satzgefüge wird das Prädikat bewusst indikativisch gesetzt. „fällst du mit mir?“ ist entweder eine rhetorische Frage oder eine Bitte, eine Hoffnung: Selbst im Untergang will das einsame Ich nicht einsam bleiben.
Lebensgesetz: Welt will leben („Krallen“), will Sinn und Bezug haben. Es ist absurd und paradox, und doch sinnvoll, wenn sogar das Große (die Welt) sich am Einzelnen festhält, es ist die Umkehrung des pars pro toto. Absurd: An Schindeln alter Dächer ist kein Halt.
„jenes Lied“ besteht ohne die Welt, es benötigt sie nicht, es ist ohne die Welt schon „verzückter Ton und Note“ - auch die Gefühle (verzückt) sind in den Ideen als Möglichkeiten angelegt bzw. sie sind nur in unserer Einbildung. Das Lied „vergeht nicht“.

Fazit: Fall und krall - lebe mit mir! „und deck mich zu“ ist ambivalent: Überlebe mich oder deck mich mit dir zusammen zu, wenn wir schlafen, wenn wir sterben. Vielleicht ist aber auch das Lied angesprochen, das den Schöpfer - das lyrische Ich - überlebt.
Dieses Gedicht verbindet die Motive der Einsamkeit und der Werkidee. Es erinnert mich mit dem Lied, das ohne uns ist (oder wir in ihm) an Hölderlins wunderbares Gedicht „An die Parzen“.


ZWEI HIMMEL

locido
  wurde 1987 geboren. Er sei „von Beruf Opportunist und tätig als Konsole im Zentrum der Macht“, schreibt der Thüringer. Er schrieb gestern eins der schönsten Gedichte:

übermut

weil der himmel
unter mich gefallen ist

und wir bonbonpapier
vom rummel stahlen
gemeinsam
wenn du noch erinnerst

ach wenn
ich könnte
ich liefe und liefe da
am meer entlang
und rauf und runter würde

mich
im sand
im eis
vergraben sterben da

Meine ersten Gedanken waren gestern:
Starker Beginn - und starke Fortsetzung ...  eines der ganz großartigen Gedichte hier!
Es beginnt mit den himmlischen Ideen, den Wünschen, Hoffnungen, mit der Utopie - aber sofort in der Erkenntnis: Nein. Der Himmel fällt unter mich - jetzt muss ich selber Himmel sein. (Das ist ein toller Gedanke!)
Dann kommt der Weg zum Ende, am Ende der Tod. Sehnsucht nach einem Spieltod. (Wieder eine ganz tolle Idee!)

Ich füge heute nur Weniges hinzu:
Jetzt steht der Schreiber der Verse über seinem Himmel und blättert zwei Zeiten auf: Erst die Vergangenheit, späte Kindheit oder Jugend, und es erscheint ein naiv empfundenes kleines Paradies, ein kleiner Himmel des Zusammenseins, mitten in der Welt! Dieser Himmel entsteht aus fast nichts - aus Bonbonpapier! Vor allem aus Gedanken und dem Zusammensein mit einer Geliebten oder einem Freund. - Dann folgt eine Vorstellung, eine Sehnsucht wird aufgeblättert: Der Strand des Meeres wird zur paradiesischen Lebensstrecke, die sich wiederholen soll, zum Augenblicke will ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!: So ein Sterben ist das! Ich deute das Eingegraben sein in Sand und Eis als Geborgenheit - der wärmende, schützende Sand am Rand der Ufer aller Ufer, wo die Zeit in den Gezeiten sich aufhebt, oder im Eis, wo das Sein eingefroren ist, das Glück wird aufgehoben im transparenten Schatzkästlein... 

Aber ach, das Leben ist nicht so einfach! Da sind Winde und Berge und weite Ebenen und andere Widerstände von innen und außen. Aber auch da liegen Paradiese!

Schauen wir zuletzt auf den Titel: Übermut - ! Da nimmt sich der Dichter von Anfang an zurück. Er weiß, dass schon das Verlangen nach Glücksewigkeit unsinnig ist. Wir sterben mitten im Leben, wenn wir so ein totales Paradies finden - den wahren Himmel müssen wir auf Erden erleben!


HIER UND HIER UND HIER

ReneKain
wurde 1987 geboren. Er ist Student aus Thüringen. Über sich selbst schreibt er: „Und dann fiel auf einmal der Himmel um / Ich lachte und war blind / Und war wieder ein Kind /Im Mutterleib wild und stumm / Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen / Und griffen und liefen.“ (Inge Müller)

das nest

ich bin der
der in den schrank steigen wird
dreihundertzweiundsiebzig jahre
dauert mein schlaf wenn
ich nicht wiederkomme
wundert euch nicht fragt nicht
nach dem fieber ich glaube nicht
an das fieber ich glaube an die rinden
hinter denen ich sitzen werde
anderswo an lethes strand
wurzle ich mit dunklem durst
um den mund ich werde
die götter bestehlen
und das ichsagen lernen
hier und hier
und hier

Ein starkes Gedicht! Mir gefallen die vielen evozierten Konnotationen, Assoziationen, vor allem zu Beginn: Ich bin, der ich war, der ich sein werde... das sind göttliche Attribute! Aber der Schrank ist der Schrein, der Sarg. Ich bin göttlich, und ich bin sterblich. Das ist unser modernes Selbstbild als allgemeines Menschenbild. Der Autor ironisiert diese Selbstcharakterisierung, der Gestorbene bleibt im Gedächtnis, er spielt mit dem Gedanken der Wiederauferstehung, unwillkürlich fällt mir Barbarossa ein, Jesus Christus natürlich auch... Ich glaube nicht, sagt er dann, ich glaube nicht an so ein Fieber, so einen Wahn, ich glaube nur an das Holz meines Sarges, an den Schrank aus Baum. Jetzt folgt die Metamorphose, nicht die Auferstehung, sondern in 372 Jahren wächst vielleicht aus der Asche in der Erde ein neuer Baum, alles verwandelt sich an Lethes Strand, der da unten in der Erde ist, wo ich Durst nach Leben habe, der Durst ist ja nur eine Projektion der Lebenden, die nicht sterben wollen - mich besticht die Atmosphäre dieser numinosen Mystik.

„die götter bestehlen | und das ichsagen lernen“

Jetzt wird klar, es geht um ein Sterben im Leben, es geht um die Selbstgeburt! Ich will sein wie die Götter, ich will Schöpfer werden, Schöpfer meiner selbst! Aber ich will es

„hier und hier und hier“

Ich will souverän sein, nicht nur in mir selbst, ich will nicht in einer festen Heimat stagnieren, sondern ich will überall wachsen und erwachsen sein. - Stark!


AUSZEIT: TIRA MI SU !

Ein kleines Mani-Fest über den Zusammenhang von Literatur und Leben

Alles Interpretieren ist letztlich Unterstellung, selbst Fiktion, Metaphysik. Es gibt allenfalls subjektiv für wahr gehaltene Realität (ein metaphysischer Akt), vielleicht auch noch intersubjektiv geglaubte.
Panta rhei!
Schreiben als Luststeigerung oder Lastminderung - bei mir überwiegt die Lust. Es gibt allerdings auch Texte, die wollen geschrieben sein, und ich fühle mich wohler, wenn sie geschrieben sind. Solche Texte helfen mir beim Formulieren, also in der Entstehung, Erkenntnisse zu gewinnen. Interessanterweise gelingt das auch, wenn ich einfach nur mit der Sprache spiele - und das Spiel (mal mehr, mal weniger) auf mich beziehe.
Ich misstraue aber der Sprache und halte nicht allzu viel von meinen literarisch gewonnenen Erkenntnissen, als Schreiber oder Leser. Mir scheint, als sei alles Schreiben immer wieder nur selbstbezüglich, Literatur schreibt über sich, nicht so sehr über das Leben. Im sprachlichen Text entsteht Welt durch Sprache und bleibt sprachliche Welt. Ich will die psychischen Wirkungen solcher Erschaffungen auf mich und mein Leben nicht abstreiten. Sie sind jedoch gering. Ja, ich bin ein Gefangener meiner ästhetischen Sinne. Ich suche gar nicht nach Wahrheit über mir, ich will Schönheit, also Wahrheit in mir.
Das ist meine Religion: Das sprachliche Kunstwerk. Ich empfinde Lust in der geistigen Konzentration der lebendigen Welt in Worten, Bildern, Tönen.
Und ich genieße die Minuten, in denen ich eine kulinarische Bockwurst mit Senf aus Bautzen esse, oder Spargel oder Wiener Schnitzel oder Braten à la Chateaubriand oder Tiramisu...! Tiramisu, zieh mich hoch! Ich liebe das Zusammensein mit Menschen: Das Gespräch mit ihnen. Ich liebe mich selbst, mein Alleinsein. Und ich liebe die Liebe. Die Liebe als metaphysischen und real existierenden Akt! Ich liebe es, geliebt zu werden. Ich liebe es, eine Frau zu lieben, meine Freunde, meinen Sohn... Was fehlt noch? Ja, ich liebe die Arbeit, die gesellschaftliche, also meinen Beruf! Ich liebe die Zeit, die mir auf Erden bleibt. 
Ich bin ein Hedonist.


BUNTGEMALTE SCHULTERBLÄTTER

mondenkind
wurde 1974 geboren. Sie ist neuerdings von Beruf Gezeiten-Beauftragte und tätig als Gedanken-Hippie aus Baden-Württemberg.

Entkörpert

Es irrt ein Seufzen
nach der Lunge
die nicht mehr ist

sie brach leise
im Kampf

Als du gingst, verfing sich ein Stück meiner Haut in
deinem Schweigen. Eine Weile wies sie mir den Weg
deiner festen Schritte in verräterisch bleicher Spur.
Doch sie kam nie zurück.

[Fege
Eisenfarbiges
von weißen Kacheln]

Ich habe mir die Knochen blankgewaschen. Rot hat
mir noch nie gut zu Gesicht gestanden. Nun sehe
ich Wachstumsfugen und fühle mich erinnert,
irgendwie. Würde gerne noch einmal
darüberstreichen. Doch mir fehlt, mir fehlen -

[-es waren zu viele meiner Fingerabdrücke
zu viele Handspuren zu viele
auf deinen Lippen deinen Lidern deinen deinen

habe sie leer habe sie habe sie weggetastet --]

Schlafe fortan auf dem bloßen Rückgrat. Ein
Zerbrechen mit meinen buntgemalten
Schulterblättern geschient.

...

[Es verfiebert sich.]

ich esse nicht mehr

mir fehlt das Herz
das hungert

Mir hat dieses etwas seltsame Gedicht sofort gefallen. Ich weiß aber nicht, was es ist, was mich sofort zu dieser Bildersprache hinzog. Der erste Vers ist ja eigentlich eine Unmöglichkeit: „Es irrt ein Seufzen…“ Da fällt die Larmoyance mit der Tür in meine Augen. Aber dann kommt der überraschende K(n)ick, „.. Es irrt … nach der Lunge“, das personifizierte Seufzen sucht verzweifelt Luft, um Seufzen zu sein, aber das scheitert, weil die Lunge „nicht mehr ist“, denn „sie brach leise | im Kampf“.
Der Beginn ist expressionistisch - die Klage wird ins Unermessliche getrieben, sie erstickt, bevor sie werden kann, sie bleibt unartikuliert und unerhört. Ich denke an den stummen „Schrei“ von Edvard Munch.

Was ist geschehen? Was für ein Kampf zerstörte dieses Ich, das nicht klagen, nicht atmen, nicht leben kann? „Als du gingst,…“ Aha, Trennung! Das liebende Ich kann ohne sein Du nicht mehr leben. Bei der Trennung „verfing sich“ das verlassene Ich mit einem Stück Haut im Schweigen des Du. Dieses Bild unterstreicht die Totalität der Trennung: Nichts blieb beim Du, die Haut, der Rand des Ichs, fiel aus dem Schweigen des Geliebten, aus der entleerten Beziehung. Nur Erinnerung blieb, es bleibt eine Wunde und ein Fetzen Hoffnung auf Rückkehr - doch die festen Schritte des Geliebten gehen einen anderen Weg, „in verräterisch bleicher Spur“: Die Körpersprache des Geliebten sagt alles: Ich bin nicht mehr für dich da, ich gehe weg von dir: Seine Schritte sind fest, entschlossen geht er weg von mir, so jedenfalls erlebt es dieses leidende Ich.

Der Tod der Liebe zeigt sich von Anfang in starken Bildern der Entkörperung, die  weiter fortschreitet: Eingeschoben folgt nun eine Handlung, die eine Reinigung  meint: Ich „Fege Eisenfarbiges von weißen Kacheln“ - hier repräsentiert die Dingwelt die Wunde: Der Rost ist der Schorf, der von der Haut gelöst wird, den weißen Kacheln. Weiß meint den früheren reinen Zustand der Unversehrtheit der Liebe.

Jetzt härter: „Ich habe mir die Knochen blankgewaschen“ - das deutet auf eine schmerzliche Trauerarbeit hin. Daran wächst die Trauernde. Aber sie hat es noch nicht ganz geschafft, sie sucht immer wieder die Wunde, also die Verbindung zum Geliebten… „Doch mir fehlt, mir fehlen -“, sie kann es gar nicht sagen, sind es die Gefühle der Liebe, auf die die tastenden Fingerkuppen im zweiten Einschub hinweisen? Zu oft berührte sie die Male der verlorenen Liebe, sie zerrieb sich in dieser Trauer, scheuerte sich blank bis auf die Knochen, ihr fehlen die Berührungen auf der Haut des Geliebten, die sie bei sich selbst weggetastet hat. Sie hat sich bis auf ihr Rückgrat aufgerieben.

Entkörperung.

Die Wirbel sind von buntgemalten Schulterblättern geschient - ein schwieriges Bild, ein Kreuz ergibt das, ein buntes Wundenkreuz in allen Rottönen. Es ist gemalt, ein gestalteter Schmerz. Es ist ein selten wahres Bild der Trauer. 

Zuletzt: Fieber des Restkörpers, der nicht mehr essen kann, es fehlt der Mund zum Küssen, es fehlt das Herz zum Lieben, das hungert.

Das Gedicht beschreibt in konsequenten Bildern die Leere einer Liebenden im Verlassensein, das Totsein in der Eiszeit des Verlusts, in der Dulosigkeit eines zerbrochenen Ichs. Am Körper spüren wir unsere Seele. In der Leere des Seins sind wir also entseelt.


IM NAMEN DES STURMS

beneelim
(alois5) wurde 1976 geboren, kommt aus Oberösterreich.
Über sich selbst schreibt er:

Noch immer
Mit unbeirrt offenen Armen
Schöne Stolze vom Nil
Trittst du aus den Höhlen hervor
Dein Auge voll Kühnheit
Dein goldener Leib ohne Scham

Du weißt um die Gräber
So hast du Kraft zu verschenken
An mich
Für den Aufbruch ins Morgen

Diesem immer noch ziemlich jungen Mann liegt eine mystische Schreibweise im Blut seiner Feder - das zeigt schon die Selbstcharakterisierung, in der er sich oder seine Gedanken in eine ferne Welt seiner Sehnsucht versetzt, wo er die schöne Stolze trifft, die Unerreichbare, deren kostbaren Leib er will, und in dieser goldenen unio mystica erhofft er sich die Neugeburt, den Aufbruch in die Zukunft. Wer ist diese Muse? Es handelt sich ganz offensichtlich nicht um eine konkrete Person, eine Frau im Jetzt des oberösterreichischen Alltags. Ist es eine abstrakte Muse, vielleicht die Literatur, eine Göttin der Kunst, eine künstliche Göttin, ergo die Projektion einer Muse? Ich denke, letztlich ist dieses anfeuernde Selbstgespräch nichts anderes als die schreibende Selbstbegattung, ein Schöpfungsakt des Ichs mit dem Ich…! 

Das Gedicht „anodos“ (griechisch Aufstieg, Weg zur Erleuchtung, ein Begriff in Platons „Politeia“) verweist wieder in die Ferne. Aber hier geht es nicht um eine ferne Geliebte. Aber es geht wieder um Sehnsucht und Suche, es geht um die Suche nach Erkenntnis und Geburt ins wahre Leben - das wird deutlich in der vierten Strophe des balladesk klingenden, sehr rhythmischen Gedichts - liedhaft beschwört es dieses Suchen und Ringen um Wahrheit in numinosen Bildern. Die Kinder - das sind wir. Die ohne Erkenntnis sind, sind unbewusst, sind nicht erwachsen, sind Kinder. Sie graben  nach dem prometheischen Feuer wie nach Erz, nach dem apollinischen Licht der Erkenntnis. Sie suchen den Fremden, den Anderen, den Täufer des Tages. Diese Begrifflichkeit erinnert an die Bilderwelt in Nietzsches Buch „Also sprach Zarathustra“. Es geht um die Taufe des Tages - der Tag ist das bewusste Erleben des Lichts, die Selbstvergewisserung des Seins, also die eigene Taufe durch Erkenntnis.

anodos

wenn der sturm kommt
in den ecken, in den staubigen
ecken
ringt die kinderschar
leise unter dem dach ihrer hände
um feuer

die türen die türen
malt sie rot in den schatten
mit fingern die
haben wir gestickt
von dem nass unsrer köpfe

die türen,
die schweren
die kammern,
die dunklen

lasst sie graben -
nach feuer, und tiefer
nach klingendem licht
nach dem fremden,
der heißt:
der täufer des tages

am anfang war nichts,
als die hand
und der zitternde schoß
und das haar das
sich sträubt in der
sinkenden stille

wenn die kinder
die offenen münder
die trockenen zungen
hinauf an das dunkel führen
und die luft
ihren tausendsten tag
in den plüschigen kerkern
abgestanden hat

wenn die traurigen augen
dem schrei ihrer täuschung
erliegen
steht der himmel
fällt der himmel
von wolken und asche und
licht und von
allen diesen namen
die sich verheimlichten

am anfang, am ende
im namen des sturms
trägt der tod
das kleid eines kindes

er war zu laut für das geschäft
einer fröhlichen welt
in den kammern,
den dunklen
barst das dach vieler hände

Wer aber ist dieser Fremde, der andere, der Täufer? Ist es die Welt, in die sich die Kinder begeben, wir, die wir unser Sein gestalten. Ist unser Täufer also die Arbeit, durch die wir erst werden? Oder der in der vorletzten Strophe genannte Tod, der uns unser Sein überhaupt erst bewusst macht?

Wie ist die Lage zu Beginn? In den ersten beiden Strophen wird die Geborgenheit der Kinderwelt bedroht - durch Sturm. Übersetzen wir diese Kinderhände, die sich vor Gefahr schützen, in eine erwachsene Welt, dann ist es unser untergehender Schöpfungsbegriff, der im Sturm der Ereignisse (Weltkriege, ökologische Selbstzerstörung, Hitler, Stalin, Mao) zerbirst. Es ist unmöglich, den Mutterleib ins postuterale Leben fortzusetzen oder zu wiederholen. Das Feuer, das alles rot macht, ist das Zeichen dieser prometheischen Erkenntnis: Wir sind allein. Das Feuer dringt zu uns vor. Leid macht uns erkennen. Fast hermetisch die zweite Strophe: Das Nass unserer Köpfe ist unser Hirn, mit dem wir unsere Schöpfungsfinger, Technik und  Kunst bilden, also Instrumente schaffen, mit deren Hilfe wir die roten Türen, die Gefahren, uns vom Leib halten und verdrängen (malt sie rot in den schatten).

Am Anfang war nichts: Nur das Gefühl der Geborgenheit, aber um uns herum das Dunkel, Nichtwissen, Unbewusstheit. Wir trinken und atmen im Schoß unserer Mütter und Familien (in plüschigen kerkern). Die unwissenden Augen sind traurig im Anblick der großen Täuschung (oder Enttäuschung): Wir haben keine Heimat, über uns der geglaubte Himmel fällt herunter, Asche und Licht - zerstörter Glauben und  Erkennen  der Nüchternheit des Seins.

Von Anfang an begleitet uns der Tod, aber erst spät merken wir seinen Griff. Wenn wir den Tod begreifen, ist es schon zu spät - der Sturm, das Leben oder die Gewissheit des Todes wirft uns zurück in die Kammer der Dunkelheit. Der Tod bettet  uns im Namen des Lebens. Wir wissen nichts. Je mehr wir das erkennen, umso mehr birst das Dach unserer Hände, mit denen wir uns nur für kurze Zeit ein fröhliches Leben bauten.     


ROTALGEN UND NESSELWUNDEN

Muninn
, 1973 geboren, von Beruf Botanicus im Hortus Conclusus, kommt aus Bayern (Deutschland). Über sich selbst schreibt er:

„Zen-Schüler: Ich habe gehört, es gebe etwas, das keinen Namen hat. Es ist noch nicht geboren; es wird nicht sterben, wenn der Körper stirbt. Wenn das Weltall verbrennt, wird es davon nicht berührt sein. Was ist das für ein Ding? Meister: Ein Sesambrötchen.“

Man sieht schon an diesem Motto in der Selbstvorstellung: Muninn hat einen Humor der leicht hintergründigen Art. Das zeigen auch viele seiner Gedichte. Ich stelle heute zwei Gedichte vor. Das erste ist so ein humorvolles und zugleich hintergründiges und ernstes Gedicht, das zweite ist ernst und hat doch auch Humor, wenigstens im letzten Vers.


Das Faerben der Wellen mit Schweroel und Bitumen

Wo  stehen wir bei Parkbepflanzungen
ist es das gleiche Gruen
das an uns vorueberzieht zu angezogener
Farbblindheit ins Rotalgenland oder
nur mal schnell einen Korken gehen lassen
fuers Kommen Sehen ja nichts weiter sagen wollen nur
danke ja ich bin da und du bist dort und
so fort am Mooshorizont in der Lachgassphaere
mit den Blaettchen tauchend - wir sind viele
und so voll {…}- Phaenomen Troll (Erstarrungstracht)
klebt der Ausdruck an dieser Blindgeburt
zu Tastgebautem: Augen / Nase / Mund
und  dann ins Schwaermerstadium geschluepft
bis die Brandung das Genick erbrach

Dieses Gedicht rechnet schon im Titel mit der Künstlichkeit der Realität im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit ab. Die Wellen des Wassers färben – das ist natürlich (noch) eine Übertreibung oder ein Bild, in dem wir den Tourismus unserer Tage wiedererkennen. Aber das Grün unserer Natur können wir immerhin schon gentechnisch bei Tomaten im Treibhaus verstärken. Die Wälder kommen später dran, wenn sie nicht vorher tatsächlich gestorben sind und nur in ein paar Museen überleben, in Pflanzenzoos oder sogenannten Naturparks. Die Rede ist hier von der großen Matrix, die wir zu erschaffen im Begriff sind, mehr nolens als volens. Rotalgenland: Die aus dem Gleichgewicht gebrachte Natur. Danach folgt die Beliebigkeit unserer Beziehungen, ich bin hier, du dort. Beziehungslosigkeit. Mooshorizont: Es wird kühl in unserer Gesellschaft im Schatten unseres aufgenordeten Egoismus. Lachgassphäre verweist auf das Niedermachen politischen Aufbegehrens. Wir erstarren zu Witzfiguren oder komischen Märchenwesen, wir fallen selbst aus der Realität. Diese Blindgeburt – das sind wir selbst und alle von uns (re)produzierte Wirklichkeit. Mann kann auch sagen: Wir begehen Selbstmord, wenn wir so weitermachen. Wir betrügen uns im Salto mortale unseres Selbstbetrugs (Schwärmerstadium) – aber es gibt eine letzte Wirklichkeit, die wir nicht beherrschen, und die bricht uns das Genick: Zum Schluss wird das Bild der (gefärbten) Wellen wieder aufgegriffen. Liegt es in der Natur der Natur, sich selbst umzubringen? Ja, es ist nur die extremere Formulierung für die Metamorphose Pflanze Menschheit. Wenn wir uns selbst zurücknehmen, wächst über uns etwas anderes. Das ist der Natur egal, sie hat kein Gewissen. Wir auch nicht. 

Nesselwerk

Zwölf Flügel öffnen dir
den Spalt ins gesiebte
Bewusstsein lassen
den Faden außen vor

Pflücke hechel und spinne
an sechsen und stumme
dir ins Lied für sechse
die Zahl weist dir den Weg

An dreien wirst du
dein Fleisch verlieren
zu dreien wird dir Schuld
bestellt und Hohn

Zwölf Flügel öffnen dir
im Scheitern das Hier
und Jetzt warfst ihnen über 
das Brennende - das Tragende.

Einer behielt den Fuß in der Tür.

Was ist überhaupt das Thema dieses hier und da in gewagten Verssprüngen daherkommenden Gedichts mit dem Bild des Brennnesselgestrüpps? Ich entscheide mich für die Selbstfindung, Selbsterkenntnis. Zwölf Flügel verbildlichen den Willen, dich selbst zu erkennen, einzudringen in dein eigenes Geheimnis, deine Fähigkeiten, Möglichkeiten: Das gesiebte Bewusstsein ist meine geordnete Seele. Du hast zwölf Flügel, aber du musst den Weg zu dir finden, ehe du zu dir fliegen kannst. Arbeite an deiner Kraft (pflücke, hechel und spinne): Wähle aus, entscheide dich, streng dich an, säume nicht zu sehr, spute dich, eh es zu spät ist, eh du dein Leben verpasst, weil du dein Ich verpasst hast. Vielleicht ist jeder Weg (Faden) richtig zur Selbsteinfädelung und zum Spinnen deiner Welt, du du erschaffst. Du hast mehrere Flügel (Möglichkeiten), diesen Weg zu gehen, den Flug nach oben, zu dir zu finden. Aber der Weg ist hart und tut weh: Per aspera ad astra. Du wirst Kraft verlieren (Fleisch) und wirst älter, du musst handeln und das heißt notwendigerweise: Schuldig werden. Dir erwächst Widerstand durch andere – bis hin zum Hohn wirst du verspottet werden. (Dein Leben gleicht der Passion Jesu Christi.) Aber du kannst dir dabei auch ein Beinchen stellen und ins Ziel stolpern, anders gesehen, du nimmst dich nie ganz an, immer nur vorläufig, du behältst dir die Flucht weg von dir vor... Ein sehr kluges Gedicht zur Problematik der Selbstverwirklichung, finde ich. Nirgends in dem Gedicht wird etwas versprochen. Ob sich mein Flug zu mir selbst lohnt, wird nicht gesagt. Der Leser aber wird es sinnvollerweise annnehmen und muss sich überraschen lassen, was er in sich findet. Selbsterkenntnis tut weh, Brennnesseln brennen. Aber es gibt schlimmere Schmerzen. Die Nesselwunden sind gering und vergehen mit der Zeit, wenn du dich an dich gewöhnst. Dann aber spring in den nächsten Brennnesselbusch!


LYRIKER ALLER LÄNDER, VEREINIGT EUCH! 

Shagreen
, 1972 geboren, ist von Beruf Dipl.-Ing. für Mikroelektronik/Mikrosystemtechnik und zurzeit tätig als Programmierer.

„Es muß aber eine Gesellschaft geben, die die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu handwerken, nachmittags zu dichten, abends Sport zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Handwerker, Dichter, Sportler oder Kritiker zu werden.“
[Marx/Engels sinngemäß, Deutsche Ideologie, MEW 3, 33]

"Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information." [Houellebecq, "Ausweitung der Kampfzone"]

Shagreens Texte beziehen sich auf eine Welt, die verändert werden muss, weil sie so, wie sie (kapitalistisch) funktioniert, uns verletzt und viele von uns, die dem wilden System nicht gewachsen sind, krank macht. Die Worte von Marx/Engels, die er seinen Texten voranstellt, fordern die Einheit von Vernunft und Leben, den Weg in ein von Menschen gemachtes Paradies des gerechten Lebens zu gehen – daher auch der Bezug zum Lukas-Evangelium: Die Realutopie liegt in eurer Hand! – Die folgenden lyrischen Zeilen, „Wir im God Mode“, bestärken sehr subtil diese Intention.   

Wir im God Mode

Monolog
Conti/Loch/nuität

Musik

Erste Stimme:
"Yeah, I feel you too
Feel, those things you do
In your eyes I see a fire that burns
To free the you
That’s wanting through..."

Bewusstseinsveränderung...geht das auch ohne Drogen?
Nicht immer, manchmal braucht es auch Werbung
Aber eine die sich von selbst verbietet
Die nicht den Absatz einer Ware fördert
Kurz:
VERSCHWINDE VON HIER

Also:
Lass die Worte im Kopf kreisen
Lass die Worte Wurzeln schlagen
Greif zu
Und vor allem
Greif an!

Und Patrick,
Ganz cool
Lass Dich nicht durch die rote Farbe verwirren
Da steht: EXIT
Der grüne Ausgang ist es, der in die Videothek führt

Du seufzt...Warum?

...

Du bist nicht religiös?!
Nein?!
Die Religion war der Seufzer der bedrängten Kreatur,
das Gemüt einer herzlosen Welt,
wie sie der Geist geistloser Zustände war.
Sie war das Opium des Volkes.

Und heute?

Ach das ist ganz individuell; manche schreiben Gedichte, lesen Bücher, hören Musik, schauen Filme...

Arbeiten?

Das...tun sie alle.

(Zeit vergeht?)

Habe ich Dir schon von dem 83’er Debütalbum von Metallica erzählt. "Kill ’Em All" ist eine Kampfansage...

Zweite Stimme unterbrechend:
"That’s right
Let’s dance!"


["Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es berechnen könnte. Auch wird man nicht sagen: Siehe hier! Oder dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch."
Lukas 17, 20-24]


Das Gedicht beginnt monologisch, eine Ich-Stimme spricht zu einem Du, das es sucht, mit dem es eine erste private Stufe der Solidarität erreichen will – offenbar in der leicht rauschhaften Atmosphäre einer Disco – eigentlich keine ideale Voraussetzung für ein Gespräch über gesellschaftliche Fragen. Das Gedicht endet mit den Worten, die das angesprochene Du zum suchenden Ich spricht: „Let’s dance!“ Das ist der Rahmen.
Deutlich wird, dass das Gegenüber in seiner Welt, wie sie ist, bleiben will. Es will tanzen, nicht denken, Eskapismus nach innen, zusammen mit einem Du, einem Verbündeten des eigenen naiven egozentrischen Systems… Wir sind doch alle Ptolemäer geblieben, lassen die Menschen um uns drehen wie die Erde die Sonne…

Conti/Loch/nuität – Wortspielerei mit Hintersinn: Conti – Autoreifen, Loch, Nächtlichkeit. Nachtfahrt des Ich, Panne. Kontinuität gibt es nicht. Das witzige Loch, eine Anspielung auf den Sprung von der Quantität zur Qualität im Sinne Marx? Nein. Hier eher Unterbrechung des inneren Monologs, der sanften Ich-Umnachtung durch Musik, die ins Hirn knallt. Offenbar gibt es hier ein übergeordnetes Ich, eine Art Über-Ich, wie sich bald herausstellt, das die Welt als Disco sieht. Es beobachtet die Stimmen, ein Ich und ein Du.

Das Ich schreit in der Sprache der Konsumwelt: „Yeah, I feel you, too…“ Ist das Ich-Sprache? Nein. Maskensprache! Weiter: „In your eyes I see a fire that burns To free you That’s wanting through…“ Tja, schön wär’s, wenn so ein Feuer ein politisches wäre, aber es ist wahrscheinlich ganz privatistisch gemeint: Glühende Sehnsucht nach Freiheit im Rausch als Rückzug von den gesellschaftlichen Widersprüchen.
Das monologisierende Ich unterbricht die Kontinuität des Ich-Rauschs und kommentiert den eskapistischen Rückzug und ruft:

VERSCHWINDE VON HIER … Greif an!

Aber wer soll und wer will das hören? Ruft sich das Über-Ich das selber zu?
Schwer zu deuten die nächsten Zeilen: Wer ist Patrick? Das Über-Ich dieses Gedichts? Oder sagt es zu einem anderen Ich in Gedanken mitfühlungsvoll: Bleib cool! Rot verwirrt. Was ist mit rot gemeint? Ein Gefühlszustand? Nimm den grünen Ausgang in die Videothek. Aber die ganze Welt ist eine Videothek, deswegen das Seufzen.
Mitfühlend fragt es (sich) weiter: Du bist nicht religiös? Und dann das große Zitat vom Opium des Volks… Die Frage also, ob wir alle eskapieren in dieser Gesellschaft, in diesem Leben: in diese Disco, in diese Musik, in diesen Tanz … und in die Arbeit! Ich brauche Geld fürs Opium, ich brauche Opium!

Und nichts ändert sich – Zeit vergeht unspürbar, Stillstand. Wenn ich nicht mehr in der Zeit stehe, lebe ich nicht mehr, bin tot. Wie hier in dieser Disco. Alle reden von der Musik. Wir nicht? Doch. Das geht leichter. Reden wir über Musik! „Let’s dance!“, sagt die zweite Stimme. Genau! Das ist noch besser als Reden. Komm, Ptolemäus, tanz mit! Lass den Quatsch mit deiner Grübelei. Gier ist das Paradies! Nicht dort in deiner grauen Theorie.

Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Wer sagt das denn? Du nicht. Ich auch nicht. Keiner sagt das. Ich bin schon glücklich, wenn ich tanze, das genügt mir. Lass die Worte im Kopf tanzen, lass sie Wurzeln schlagen in deinen Träumen – du Eskapist!


KOMMUNIKA(T)ZE

theatralisch
, 1988 geboren, kommt aus Berlin. Sie schreibt: „Ich mag: Schreiben und Liebe. (Letztes Amüsement anstelle der Abberufung.) Ich mag nicht: Die Welt. (Vermutlich wäre ‚alles andere’ zu rigoros und demzufolge zu phrasenhaft.) Ich legitimiere: Menschen, die mir huldigen, und manches Tier.“


Wenn ich nur wüsst, wo ich steh: Ob am Abgrund oder doch im Tal?

War zu oft auf der falschen Seite,

sah Türen fliegen wie Fliegen;

wurde bezichtigt des Betrugs -

und nun sitz ich hier -

in meinem Revier:

Nicht Alcatraz und längst nicht Vegas.

Die Typen sind zuchtlos hier,

die Frauen tragen Schuhe mit Stahlkappen,

das ist  es dann also: Mein Revier.

Wer weiß, wie lang; die meinten ja,

ich würd hier noch verschmoren wie Gummi.

Soll ich denen glauben oder nett sein?

Zu den Typen und Frauen, zu mir selbst.

Zukunft oder abhaun?

Draußen wartet die Wüste und mein Grab

- es ist schon vorbestellt;

das ist besser als jeder Lottogewinn:

Ein Bett, das dann für immer ist,

und nicht nur für eine Nacht;

das kann dir schon mal den Atem verschlagen.

Und wer den Witz verstanden hat: Der versteht auch das Gedicht.

[Danke für alles.]


Das Gedicht zeigt das Duale im Leben. Nah liegt das Verderben am Wohlsein, das Scheitern am Erfolg, der Tod im Leben… Was Einstein über das Licht sagte, dass es zugleich Welle und Teilchen (Korpuskel) ist, mal das eine, mal das andere, sagt dieses Gedicht in zwei Sprachen: Der Alltagsjargon ist derart elaboriert, dass er hin und wieder umkippt in Poesie. Die Sprache ist mal Korpuskel, ganz gegenständlich, realistisch, grob, aber genau - mal Welle, also Bild und Idee, unscharf, aber in dieser Unschärfe umso genauer. Und dieses Wechselspiel funktioniert in dem Gedicht sehr wirkungsvoll. Leicht fließt das Vulgäre in den poetischen Bildern - oder auch umgekehrt. 

Die Dichterin begibt sich in die Niederungen des Lebens (sie spielt sie wohl nur gedanklich durch) und nennt den Strich ihr Revier - und zugleich ist das Revier, auf anderer Ebene gelesen, das Leben überhaupt. Der Strich als Metapher, die all-tägliche Prostitution, die wir leisten müssen, im Namen unseres Über-Ichs oder im Interesse eines zu sehr domestizierten Es. Der Lohn liegt zwischen den beiden Extremen: Alcatraz und Las Vegas, zwischen Armut in schuldiger Gefangenschaft und hohlem Reichtum.

Die Gesellschaft des lyrischen Strichs ist hart: „Die Typen sind zuchtlos hier“ - die Männer unerzogen, gemein, derb, unverschämt. Die Frauen, die konkurrierenden ‚Kolleginnen’ sind rein äußerlich. Das Leben ist hier reduziert auf den sexuellen Trieb und Betrieb. Wie lange kannst du so leben?, fragt das sich prostituierende Ich. Unterwerfen? Taktieren? Weitermachen und auf eine kleine Karriere in diesem Betrieb hoffen („Zukunft“) - oder abhaun?

Völlig desillusioniert wird die Gefangenschaft im Leben, wie es ist, gesehen: „Draußen wartet die Wüste und mein Grab - es ist schon vorbestellt“. Es gibt keine Hoffnung. Wüste und Grab sind Bilder für die Leere des Lebens, das Unbefriedigtsein im Äußerlichen, Verdursten, Vertrocknen. Das Grab ist ja schon diese Wüste. Ein anderes Grab ist dann der Tod, der erlösende. Lottogewinn wird diese Erlösung sarkastisch genannt, „Ein Bett, das dann für immer ist, und nicht nur für eine Nacht“ - diese Nacht ist unser Leben.
Mir gefällt die poetische Bildlichkeit im umgangssprachlichen Bewusstseinsstrom sehr, das ist einfach gekonnt gemacht. Die letzten drei Verse können entfallen, finde ich. Der kommunikative Kamikaze braucht kein Feedback. Die frustrierte und leicht suizidale Kommunikation des lyrischen Ichs mit sich selbst endet folgerichtig im Begriff der Nacht. 



N8 HALL

octave, *1986, Baden-Württemberg.
Eine starke poetische Stimme in Lyrik und Prosa. In der Prosa: Bestechende Sprachbeherrschung und der ergiebige Versuch, vergangene Zeiten als Gegenwartsträume zur Deutung unserer Zeit in neuen Kleidern gehen zu lassen. In der Lyrik: Kühner, freier - überraschendere Bilder.


Impression Notturno

Unter Bäumen schläft es sich leicht. Mit dem Skizzenbuch in der Hand, im hohen Schatten der Disteln. Etwas schillert im Licht. Der Rauschsüchtige. Sie haben sein Haus gefunden, ein Haus für Gehängte, das er verbarrikadierte.
Noch flüstern die Früchte des Baumes neben der Tür und ein Hermelin zittert ängstlich vorbei. Blumensterne wehen bunt. Eine Ziegenhirtin kämmt ihr rotes Haar und schaut zu den Wolken hinauf. Ein gestreifter Fesselballon schwebt vorüber und der schwarze Abglanz eines Menschen winkt ihr entgegen, in der Ferne. Aus Schindeln und sonnigen Gassen steigt der Geruch nach Gewitter und überzieht auch den Hain des Schläfers. Vom aufkommenden Wind wanken die Bergamotten, die Gräser roten Klees regen sich wie ein Harfenspiel.

Zu müde, um zu lächeln, zu dunkel, hat der Schlafende seine Arme weit von seiner Brust gestreckt, wie einer, den nichts mehr hält, den nichts mehr schmerzt. Sein Haar liegt feucht und verschwitzt im Grün.
Der Rauschsüchtige aus ligurischen Tälern mit der glitzernden Seidenweste am Körper hat einen Fuß ins Paradies gesetzt. Er kehrt nicht wieder.

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Ich lese octave schon lange. Immer wieder gelingen ihr in der Einfachheit der Worte, Sätze und Verse komplexe Inhalte und große poetische Wirkungen.

Der Titel – ein Mixtum aus Deutsch, Französisch oder Englisch (Impression) mit Italienisch (Notturno) – bezeichnet ein Nachtstück.
Es beginnt mit dem Bild eines in Harmonie mit seinen Gedanken Schlafenden, er liegt in der freien Natur unter Bäumen. Aber schon tritt im Traum der „Rauschsüchtige“ auf, eine rätselhafte Figur, Hüter der Gehängten. Er hat sich in seinem Haus verbarrikadiert. Drinnen brennt Licht. Die Stimmung ist hoch romantisch, gespenstisch, das erinnert an die Kulisse im „Erlkönig“. Aber hier geht kaum Wind, die Natur flüstert. Da sitzt in der Nacht eine Ziegenhirtin und kämmt ihr rotes Loreley-Haar, es muss Mondlicht darauf scheinen. Jetzt mischen sich die Zeiten: Ein Fesselballon treibt vorbei, aus der Höhe winkt ein Fremder. Der Geruch der Häuser nach einem Gewitter schwebt heran zum Schläfer. Im auffrischenden Wind singen nun lauter die Gräser, roter Klee wird zur Harfe. Der Schlafende fühlt sich unbewusst wohl, er räkelt sich, ihm war heiß, er hat geschwitzt. Schmerzlosigkeit nun. Und der Rauschsüchtige – der wie eine ferne Bedrohung oder Verlockung so nah in den fühlenden Gedanken war, ist verschwunden.

Der Schlaf heilte den Schläfer vom Tag. Die singende Natur verbildlicht die Verarbeitung der Tageserlebnisse. Der Schläfer erholt sich fern der Gesellschaft, der städtischen oder dörflichen Häuser. Ganz nah waren im Traum Tod und Liebe, der Rauschsüchtige verkörpert die sinnliche Erregung: Die Nähe von Sehn-Sucht nach Liebe und Gewalt. Es ist sowohl eine gewaltige Kraft in der Liebe als auch das im Bild der Gehängten aufscheinende warnende Über-Ich. Der Tag war erlebnisreich, der Schläfer handelte. Jeder Handelnde wird schuldig, er macht Fehler, jede Handlung vernichtet eine andere mögliche Handlung, erzeugt also ein schlechtes Gewissen manchmal. Vielleicht deutet das Schwitzen im Schlaf darauf hin, es kann aber auch das Nachschwingen erlebter Liebe sein, oder die Sehnsucht danach. Ambivalent. Erstaunlich der Schluss: Der Rauschsüchtige, der Hüter der extremen Gefühle, hat einen Fuß ins Paradies gesetzt, er wird entlastet – so entlastet sich auch der Schläfer vom Tag und kann erleichtert aufwachen.




UNTER DÜNNER HAUT 

Isaban



Isabanisch

für Isaban

Wie Sisyphos hau ich mich hart in Stein,
der Marmor wird mein Bild, so kann ich mich erkennen.
Doch bald wird es mir fremd, ich muss mich von ihm trennen.
Ich stoß den Spiegel weg - und lass es sein.

Ich habe alle Gedichte von Sabine Römmer gelesen, mit dem Ziel, eine Auswahl der nach meiner Auffassung besten herauszufiltern. Aus 300 Gedichten! Fünf sollen es sein, die sprachlich schönsten, mir war egal, ob ich so alle Themen erfasse. Fünf Gedichte wie die fünf Finger einer Hand. Ich habe die Gedichte alle gern gelesen, sie sind technisch alle gelungen, haben Seele und Geist.

Ich will meine Auswahl kurz erläutern: Die Gedichte, in denen mir die Metaphorik besonders überraschend erschien, zog ich in die engere Wahl. Weitere Kriterien: Wortwitz, Neuschöpfungen, Normenverstöße (etwa beim Sonett), Binnenreime, natürliche Artistik, Klang und Rhythmus, Ausstrahlung, also Stimmung durch Vokale und Schlüsselmetaphern, syntaktische Eigenwilligkeiten. Wichtig war mir auch, dass die Gedichte sich nicht zu sehr an frühere Epochen anlehnen, sondern in unserer Gegenwart bestehen, was Sprache und Problemaktualität angehen. Da zog ich die Gedichte vor, die überzeitlich, also zeitlos und zugleich gegenwärtig formuliert - also archetypisch sind. Davon gibt es viel mehr als fünf, ich tat mich schwer im Streichen.


Anthrazit

Heut ist ein Tag, um Schwarz zu tragen.
Womöglich geht auch Aschegrau.
Hoch oben rändert Ruhrpottblau;
hier unten glimmt das Unbehagen.

Mich fühle ich unsäglich flau.
Unsäglich. Das schlägt auf den Magen
und schreit nach Schweigen. Nichts mehr sagen.
Verwortung macht die Kehle rau,

doch ändert nichts.
So blöd war ich! Wird Frau je schlau?
Wie konnte ich so dämlich fragen,

obwohl die Flöze offen lagen -
die Antwort kannte ich seit Tagen.
Was ich nicht bin weiß ich jetzt zu genau.

[13.2.2009]


Das schwarze Sonett thematisiert die Kollision einer Frau mit der Männerwelt, entweder in der Arbeitswelt oder in der Liebe. Trauer ist angesagt. Ein Tod, ein Abschied. Ein Feuer ging aus: Aschegrau. Über der traurigen Angelegenheit gibt der blaue Himmel (immerhin!) nur den Rand, den trügerischen Rahmen. Ruhrpott und Unbehagen deutet auf Arbeitswelt.
Im zweiten Quartett wird das näher erläutert: Das weibliche Ich ist deprimiert und zieht sich in sich selbst zurück, ist unfähig, etwas zu sagen, so niederschmetternd war die Enttäuschung. Kein Wort lohnt sich, weil es nichts ändert. Dieses Ich ist machtlos angesichts der erlittenen Gewalt des Verlusts. Kündigung der Liebe oder der Arbeit, beides geht, beides ist schlimm. In den beiden Terzetten wird der Grund der persönlichen Katastrophe angedeutet: Das weibliche Ich hat sich nicht eingefügt in die gegebene Hierarchie. Sie hat sich angemaßt, mit ihrem Gegenüber (Chef oder Geliebter) auf gleicher Augenhöhe zu sein. Obwohl die Flöze offen lagen: Sie hätte es wissen müssen, sie kannte das unterirdische System, die ungeschriebenen Regeln, sie wusste vorher, dass die Liebe (oder die Zusammenarbeit) nicht gelingen konnte, jetzt weiß sie es mit dem ganzen Körper.
Mir gefällt an diesem Sonett - das der dialektischen Struktur gehorcht, aber frei bleibt im Metrum - die Ambivalenz der Aspekte Arbeit und Liebe. Mir gefällt der politische Inhalt in einer Elfenbeinturmform, mir gefällt die Klarheit der Kritik: Wer kann die Flöze dieses Unbehagens abbauen? Diese Selbstverständlichkeit der Ungleichheit?

Das folgende Gedicht greift den Faden des Sonetts auf, der mit der Erkenntnis zu tun hat: Ich will wirklich verstehen, warum die Verhältnisse sind, wie sie sind. Das Pergament ist meine Haut, das Geschriebene, meine Sprache ist meine Haut! Ich will verstehen, ich will mich beschreiben. Ich will meine Haut wie mein darauf Geschriebenes, Gedachtes, Gefühltes verstehen. Nicht nur ich beschreibe mich, sondern auch die Welt beschreibt mich. Das will ich verstehen als ganze Person, mit Lippen, Zunge, Mund. Wieder ist es ambivalent: Liebe und Lebensbehauptung. Lieben ist Leben! Und umgekehrt. Ich will glauben: Ich will übereinstimmen mit meinem Körper und der Welt, die ich liebe wie den Geliebten, mit dem ich mich verstehen will - als trügen wir Gelebtes nicht / und unter dünner Haut: Das ist wieder ein Doppeltes - Verdrängung dem Leben zuliebe, ich stehe nicht unter der Last des Erlittenen, des Gelebten, ich bin frei zu Neuem, und umgekehrt: Meine Haut ist so dünn, dass ich nichts verberge, nichts unterdrücke. Es ist die Bedingung für den Liebenden wie den Dichtenden! Diese Ambiguität macht das Gedicht so wertvoll:


Pergament

Und wie zum ersten Mal berührt
will ich Gesagtes neu verstehn
will glauben was wir tun
mit Lippen Zunge Mund
als trügen wir Gelebtes nicht
und unter dünner Haut

[6.12.2008]


„Zwielicht“ thematisiert die Ambiguität des Lebens! Wir sind im paradiesischen und zugleich höllischen twilight garden - der Dualismus von Leben und Tod wird stark relativiert im Bild von Tag und Nacht, die sich ineinander schieben in unendlichen Nuancierungen. Es gilt nichts absolut. Tod schimmert schon auf im Leben - vielleicht kann Leben im Tod wieder erglimmen. Hegels dialektische Methode ins Synästhetisch-Impressionistische gewendet! Farben und Geräusche verschmelzen im nächtlichen Lebenstag:


Zwielicht

Zweilichtern, Schattierung,
fein bläulich zum Morgen,
verschleichendes Weichen,

Konturen weichzeichnen,
anheimelnd, unheimelnd
zum Umschlag ins Dunkel;

die Stunde, die wispert,
wie flüsternd zerbildert,
Geräusche verkleidet

und Farbtupfen wildert,
verschiebt uns ganz sacht,
hin zum Tag und zur Nacht.

[2.12.2008]


„Binnenreime“ - ein Gedicht der Liebe, ganz eindeutig nun: Ich sagt du, reflektiert die Liebe. Ich erinnere mich, ich erkenne im Erinnern, bin jetzt nicht mehr blind, ich sehe dich endlich, wie du bist, ich sehe, wie wir sind - Neben Gelingendem war immer gleich auch das Scheitern der Liebe, das Wahre und Echte, und das Ungereimte. Ich gab für unsere Liebe meinen Verstand auf, das war falsch, ich sehe jetzt, wie du mich betrügst, wie ich blind war im Taumel meiner Liebe zu dir, die eine Obsession war, mehr eine Projektion, die du ausnutztest, die dich nicht befriedigte - ich denke das Gedicht beim Interpretieren weiter - so verlorst du mich, so verlor ich dich, so verloren wir uns, ich rede nicht von deiner Schuld, ich stelle die Bedingungen unseres Scheiterns fest. Übrig bleibt mein Selbstbetrug und dein Betrügen, ich weiß nicht, was schlimmer ist.


Binnenreime

Ich hab dich heut gelesen, du
und viel von dem erkannt,
was eklatant und immerzu,
was echt und pur, was damals nur,

was wirklich tief und voll daneben war.
Die Leichtigkeit, das Darfichnicht,
die vielen Wege bis nach Rom,
das unerhörte, gar nicht wahre,

unerträglich unnahbare,
ungereimte, klipp und klare
Kriegmichdoch, der noch und noch
Totalverlust von Logik und Verstand,

der elegant zu Bette rief.
Ich roch an deinem Brief
und fragte mich, wer wohl seitdem
in deinen Worten schlief.

[18.8.2008]


Das dunkelste, aber wahrste Gedicht setze ich an den Schluss. Ich weiß, ich habe für meine Rezension keine strahlenden, warmen Gedichte ausgewählt, von denen Sabine Römmer so viele geschrieben hat, aber mir stehen diese hier näher, ich finde sie (noch) gültiger.
Die Idee des Gedichts „Greifreflex“ ist eine einfache Überlegung, aber eine harte Wahrheit. Hier wägt die Dichterin ab: Wie soll ich leben? Soll ich mich achtzig Jahre und mehr abmühen - oder soll ich im kurzen Rausch dahinfliegen? Ich will nicht durchs Leben humpeln, sondern fliegen! Aber das Gedicht sagt auch, dass dieser Flug nur Einbildung sein kann, ich falle von Anbeginn an. Ich lebe lau und langsam auf meinen garantierten Tod hin, ich bin Angestellter bei Quelle oder in einem Ministerium - oder ich stürze heiß in meinem Leben zum schnellen Tod, ich bin ein Freikletterer an der steilsten Lebenswand. Ach, wir haben keine Wahl! Unser Leben hat so oder so etwas Suizidales. Wer will da urteilen, was besser ist, Fallend fliegen oder halbtot humpeln? Es geschieht alles von allein. Greifreflex! Der Körper handelt, will leben, so - oder so.


Greifreflex

Stell dir mal vor,
du lässt ganz einfach los
und fällst ins Ungewisse.
Die Augen zu und durch.

Es ist ein Fall,
ja klar, es ist ein Fall.
Man fällt zudem
recht selten wieder hoch.

Und doch:
Bis kurz vorm Boden
ist es fast wie Fliegen.
Es sieht viel leichter aus
als all das Klammern an den Rand.

[11.8.2008]


Diese fünf Gedichte haben es in sich, denke ich. Sie sind - zum Glück! - nicht derart komplex und subtil wie die drei Erstplatzierten im Lyrikwettbewerb „7 Minuten Leidenschaft“, sie zitieren viel weniger Literaturgeschichte und sind daher viel primärer, gerade weil sie sich den Modernismen verweigern. Ich will nicht missverstanden werden: Die Sieger-Gedichte des Wettbewerbs „7 Minuten Leidenschaft“ sind gelungen, ich will sie auch nicht verurteilen als Konstrukte eines fragwürdigen Zeitgeists (Modernismen…), ich schätze Isabans Lyrik wegen ihrer unmittelbaren Wirkung, die auf Einfachheit beruht. Ihre Gedichte haben oft etwas Liedhaftes, sind also der Musik nahe. Obwohl die Metaphorik der Gedichte immer klar ist (also nicht ungekonnt verschwommen, nicht verloren in kognitiven Labyrinthen), trifft sie in unsere Seele, erreicht unser Gemüt und hebelt das Irrationale heraus aus uns. Sabine Römmers Sprache bedient sich gängiger Jargons ebenso wie der Hochsprache, wagt das Unerhörte und wendet sich an alle Leserschichten, an die akademisch veredelten oder versauten Köpfe wie an einfachere Gemüter, ohne populistisch zu sein. Im Gegenteil, sie verlangt jedem Leser einiges ab. Sie fordert und unterhält zugleich. Es sind Existenzgedichte - schimmernd unter dünner Haut.




ENIGMATISCHES SCHERZO?

Exemplarischer

Gedicht von tausendschön

Es existiert ein Mensch:
Er ist ein Zukünftiger.
Er hat den Schuh geschnürt
Und tritt hinaus vors Tor.

In diesem Winter fiel der Schnee
Über der Hunde Gebell.
Ihre klirrenden Laute erstarben.
Nur den letzten davon
Flüsterte mir der Wind.

Jean, es war Dein Name.
Und alle Wege sind verschneit.
Rückwärts liegt das Haus.
Nicht einmal der Hunde Stimmen
Kann ein Mensch noch folgen.

Jean, denk an mein Versprechen.
Wenn eines Tages Dich der Schnee
Hat zum Einzigen gemacht,
Dann denke, daß der Zweck allein
In den Dingen liegen wird.
Nicht in einem letzten Menschen.
Nicht in den scharfen, grünen Gräsern,
Die Du, der Schweigende, betreten wirst.
Im Frühling, Jean.


Bergmann: Meine Impression: Enigmatisches Scherzo.

tausendschön: zuerst mußte ich die begriffe googlen und nun bin ich gekränkt.

Bergmann: Also war’s todernst gemeint? Entscheide dich gelassen für ein Scherzo. Scherzi sind experimentell und überwinden bedrückendes Pathos und selbstzerstörerische sentiments.

tausendschön: es ist nun so, daß dieses gedicht für mich selbst sehr befreiend ist und gar nicht bedrückend. schon gar nicht selbstzerstörerisch. aber wer weiß, vielleicht werde ich es einmal retrospektiv als scherzo begreifen.

Bergmann: Ich wünsch dir viel Glück, viel Freude - und nicht nur für 2011!

tausendschön: danke dir, und alle guten wünsche zurück. wenn du zeit hast, lies doch mal am nächsten sonntag meine keinthema-kolumne. (mir fiel ein: vielleicht mutet es auch weniger enigmatisch an, wenn ich dazu sage, daß ich bachmanns gestundete zeit zitiere.)

Bergmann: Ah, jetzt sehe ich Bachmann in deinem Gedicht... so leicht ist Die gestundete Zeit auch nicht zu interpretieren. Und Scherzo: Das Tragische steht oft auf der Kippe, und nicht umsonst gibt es den Begriff der tragischen Ironie, den ich hier für mich geltend mache: Wenn ein so alter Mensch wie ich Zeuge der Liebe junger Menschen wird - wie das oft bei meinen Schülern der Fall war -, dann wächst ein Lächeln auf meinen Lippen und manchmal mehr als ein Lächeln, was nicht heißt, dass andere nicht auch über mich lächeln könnten...
Gut, am Sonntag lese ich deine Kolumne!

tausendschön: ich glaube, ingeborg bachmann ist im allgemeinen sehr schwierig zu interpretieren. ich habe meine liebe zu ihr, sehr untypisch, durch „malina“ entdeckt. dieser roman wurde, nach meiner empfindung, oft zu interpretieren versucht, nicht alle ansätze waren zielführend, aber je mehr man über ingeborg bachmann weiß, desto besser gelingt es (wobei ich denke, daß viele ansätze auch sackgassen sind). wobei es auch sehr ermüdend ist, „malina“ zu interpretieren; aus diesem grund bin ich sicher, daß darin noch vieles rätselhaft bleiben wird.
ich weiß nicht, wie es bei anderen lyrikern ist. aber ingeborg bachmann finde ich ja besonders spannend (vielleicht weil sie so weiblich ist). deshalb fiel mir gerade bei ihr auf, daß einiges in den gedichten nur zu deuten ist, wenn man bestimmte persönliche umstände kennt. und als ich feststellte, daß gedichte wohl nicht, wie ich zuvor dachte, einzig einer inneren logik folgen müssen oder höchstens noch zeugen des zeitgeschehens sind, die aber völlig frei von persönlichkeit und subjektiver symbolik des lyrikers wären, als ich also feststellte, daß auch persönliche zitate ‚erlaubt’ sind: das war sehr befreiend. damals habe ich begonnen, auch meine eigenen gedichte zu zitieren, und bestimmte begriffe wiederzuverwenden, und damit auch zu riskieren, daß außenstehende das geschriebene als enigmatisch empfinden.
und was dieses gedicht betrifft: es ist es so, daß „jean“ die gestundete zeit mag. und ich versuchte, sie daraufhin so zu lesen, wie er sie wohl las - und sie für uns zu recyclen. (was nicht heißt, daß ich die weitergehende bedeutung der gestundeten zeit verstanden hätte. aber das werde ich wohl in der nächsten zeit doch einmal versuchen.)
ist all sowas in der lyrik nun erlaubt? weißt du, es macht so viel spaß, die grenzen zu testen. lyrik macht spaß. und es macht überhaupt spaß, neues zu erleben; wenn man jung ist, hat man ja oft die gelegenheit. aber wenn man es weiß und darüber gedichte schreibt! dann ist das doch viel weniger tragisch, als wenn man es gar nicht zu würdigen weiß und eines tages alt geworden ist. oder? und wenn ich ehrlich bin, dann frage ich inzwischen auch viel seltener, ob irgendetwas erlaubt oder ist in der lyrik oder anderswo.
du merkst schon, deine kommentare sind mir in gewisser weise hilfreich.

Bergmann: „Malina“ las ich auch sehr fasziniert, am schönsten die fragmentierten Telefonate, die (für den Leser) kleine Inseln des Humors sind angesichts des Niedergangs in der Liebe / ‚Liebe’ mit zwei Männern. Konsequent erzählt.
Ich lese auch die Gedichte gern und verstehe sie gut, ohne den Anspruch auf analytische oder gar germanistische Perfektion.
Es gibt keine Grenzen in der Dichtung (nicht nur Lyrik), es sei denn die Erfahrung, dass unsere Leser alle nichts verstehen oder dass die Texte missfallen - dann muss ich mich fragen, ob ich so weiterschreibe. Wenn ja, dann muss ich an mich glauben.
Zur direkten Lebensbewältigung schreibe ich nicht - allerdings kann ich ohne Literatur und Schreiben nicht gut leben.
Das Subjektive in der Dichtung sollte hinter der Form verschwinden. Ich bin der Auffassung, dass ich Ingeborg Bachmanns Leben nicht kennen muss, um „Malina“ zu verstehen. Und ich muss das auch nicht selbst erlebt haben, um es zu verstehen.
Der Dialog ist dem Monolog meist überlegen. Der beste Monolog ist integriert in den Dialog, in eine Monologreihe mit Gegenmonologen...



MELANCHOLISCHE HEITERKEIT

Der berühmte Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung „Das Spannbettlaken in der Literatur“, schon 1977 geboren, ist, wie er selbst sagt, „von Beruf Profi und zur Zeit tätig als Amateur“. Genauer lässt sich die Aufgabe (und die Bestimmung!) des Künstlers kaum definieren. Owald kommt aus Nordrhein-Westfalen, das liegt im Westen Deutschlands. Seine Muttersprache ist Deutsch, heißt es in einer volksliterarischen Internetseite. Bescheiden sagt dort Owald über sich selbst: „Bildungslücken? Damit kenn ich mich nicht aus.“ Mich erinnert dieser Satz an Sokrates’ Satz aller Sätze: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber Sokrates ist Sokrates und Owald ist Owald. Gott sei Dank nicht umgekehrt! O hätte der große Philosoph doch nur - utinamque! - die tiefe (ja die Tiefe der) Gelassenheit und die didaktisch so zwingende Heiterkeit Owalds! Der kategorische Imperativ Kants wäre längst existente Realität, jedenfalls in der Liebe, dem Trost- und Rechtfertigungsgrund unseres gesellschaftlichen Seins, wenn wir uns die Humanität anverwandelten, die aus den Owaldinischen Versen tönt und an unsere Ohren klopft.
Nicht nur Verse! Owald kann mehr! Ich werde nie vergessen, wie er 2007 in Marburg - eine Art Inversion Jovanesker Extrovertiertheit - die Tasten des Keyboards anschlug, als klopfe er elegische Daktylen auf den bloßen Rücken der Geliebten… Der Weg seiner Akkorde und Sonanzen geht nur scheinbar nach außen, in Wirklichkeit schickt Owald die Töne auf eine Umlaufbahn durch die Ohren der Hörer, damit die Rezipienten den Weg nach Innen gehen. So ist es auch mit den Versen, die wir lesen.     

Die Liebe ist das Fundament unseres Lebens, sagte ich. Ich verifiziere die These mit einem der schönsten Liebesgedichte, die Owald je schrieb: 


Liebesbrief, beinahe

Ich schreibe einen Liebesbrief.
Es will mir nicht gelingen.
Ich kann die Worte, die ich rief,
nicht recht in Stellung bringen.

Denn wie ich sie auch schieb und füg,
sie wolln nicht richtig passen,
sooft ich sie auch tausch und bieg,
sind sie doch nicht zu fassen.

Was ich mit ihnen sagen will,
umschreiben sie nur vage.
Sie sind zu schwach, sie sind zu still,
sie sind nicht in der Lage.

Wie ich mit Worten auch jonglier,
sie puzzle und verbinde,
erzählen sie doch nichts von Dir,
von dem, was ich empfinde,

wenn ich Dich seh, wenn ich Dich fühl,
wenn ich in Dir vergehe.
Nein, Worte sind da viel zu kühl,
sie sehn nicht, was ich sehe.

So geb ichs auf und laß es sein.
Da gibts nichts zu erörtern.
Das, was da reinmuß, paßt nicht rein,
zumindest nicht mit Wörtern.

Kein Brief kann sagen, was zu Dir und mir zu sagen bliebe.
Der reichte nicht, selbst wenn ich hunderttausend Seiten schriebe.

(Das ist wohl wirklich: Liebe.)


In der Verkleidung eines Liebesgedichts, in der Maske des Lebensthemas, formulieren die Strophen die Skepsis des gebrochenen Menschen unserer Zeit. Seit Hofmannsthals Brief des Lord Chandos kann kein Dichter mehr der Sprache trauen - er ist ihr ausgeliefert wie der Sklave seinem Herrn oder, um den politischen Aspekt der Herrschaftssprache und Sprachherrschaft biologisch zu akzentuieren, wie ein Mann weiblicher Verführung. „Kein Brief kann sagen“, sagt Owald, „was zu Dir und mir zu sagen bliebe…“ Beachtlich ist an dieser Stelle, dies aber nur nebenbei, der subtile Einsatz der Groß- und Kleinschreibung: Das geliebte Du ist sprachlich unerreichbar groß, während das Ich sich nicht aufzurichten vermag, um auf gleicher Zungenhöhe gegenseitiges Verständnis zu erreichen.
Der Autor spielt zudem mit der Form, mit der Gattungszugehörigkeit seiner liedhaften Strophen. Erst nennt er sie „Liebesbrief“, schränkt dies aber sofort wieder mit einem modernistischen Epitheton ein: „beinahe“. Danach schwächt er noch einmal ab: „Text“ nennt er die gereimten Verse. Aber damit noch nicht genug: Nach ziemlich streng gebauten 6 Strophen folgt nicht etwa die vollendende 7. Strophe, sondern ein zweizeiliger Prosa-Abschluss, der allerdings das Reimprinzip dialektisch aufhebt: Er hebt es auf und bewahrt es zugleich. Der Klammer-Zusatz zeigt mit Worten auf das Unsagbare der Liebe. So findet dieses Gedicht sein Happy-Ending nicht innerhalb seines wortreich eingestandenen Sprachscheiterns, sondern in einem Post-Scriptum - genauer: Post-Dictum. In einer anderen Sprache verwirklicht sich Liebe: In der physisch-physiologischen Anbetung einer ästhetizistischen Sphäre, einer wortlosen Syntax der Zunge. Damit ist die Grammatik der Liebe natürlich noch nicht vollständig beschrieben. Owald weiß das. Ich bin sicher, er hat seinen Wittgenstein gelesen: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Aber in der 6. Strophe deutet er wenigstens an, durch welche Kraft die verbale Sprachunfähigkeit ersetzt wird. Ich vertraue hier ganz auf die Vorstellungsgabe der Leser. Immerhin wird deutlich, dass Sprache auf Bedeutungen hinzeigen kann. Dies geschieht in der Verschiebung des Sprach-Spiels in die Uneigentlichkeit der Ironie. Das ist ein Trick, um in der Maske der Verfremdung das anzudeuten, was eigentlich nicht mehr sagbar ist. So gesehen sind wir nicht dazu verdammt, völlig sprachlos zu sein. Alles in allem: Ein tiefes Gedicht! O Wald der Wörter!, ruf ich aus, du stehst so schwarz und schweige, ich bin doch nur in dir zu Haus, wo ich mich grün verzweige… 


Dann reißt die Zeit.

Skizze zum Thema Unfall

In diesen Tagen sind verstaubte Lieder
in meinem Kopf, die leise leiernd klagen,
die fast vergessnes Sehnen mit sich tragen,
die mich betören, fesseln und dann wieder

zerschmettern, auf die feine, leise Weise.
Mein Werden tönt aus einem Grammophon,
die ganze Welt besteht aus schierem Ton.
Ich klinge mit und kreise, kreise, kreise.

Dann reißt die Zeit. Vorbei das Klingen.
Die Platte bricht, die Nadel sticht ins Leere, und mir bleibt nur, selbst zu singen
vom Werden und vom Sehnen, von den ausgeperrten Fragen,

doch tonlos stockt mein staubverstopfter Mund.
Ich laufe nicht mehr rund
in diesen Tagen.


In diesem Gedicht erleben wir den Autor nur noch sehr verhalten im Ton eines heiteren Selbstzweifels: Erst am Ende kippt das eigentlich (fast) Tragische ins uneigentlich Komische: „Ich laufe nicht mehr rund“, sagt das verwirrte Ich, indem es mit dem Plattenspieler eins wird. Auch hier wird Sprachlosigkeit als Grund eines großen Unbehagens genannt: „…tonlos stockt mein staubverstopfter Mund…“ Der Titel komplettiert nun endgültig die Gesamtaussage: Es geht um das Fallen aus der Welt, um Entfremdung in einem Leben, dem die Kontinuität der Person genommen wird. Indem die Zeit reißt, zerbricht die Identität.
Ich halte diese Verse für ernst - die Maske der Heiterkeit verdeckt nicht die ernste Wahrheit dieses Gedichts. Da fällt einer aus der Sicherheit seiner Erinnerungen heraus, das Fundament der Vergangenheit trägt nicht mehr die schwere Gegenwart.
Mir gefällt der Kreislauf - oder die Spiegelung der Vergangenheit zur Gegenwart. Die Lieder der Vergangenheit bestimmen zu Beginn das Denken sozusagen von außen, vom harmonisch Gelebten, vom gut Erfahrenen. Dann aber tritt eine Krise ein, von Sehnsucht nach Wiedererlangen der erfahrenen Harmonie ist die Rede, die alten Lieder taugen nicht mehr. Die gegenwärtige Leere oder die neue Herausforderung macht mutlos. Der Sehnende wird zerschmettert von seiner Vergangenheit, die er innerlich nicht loslassen kann, obwohl er sie vermutlich schon verloren hat. Er singt das alte Lebens- oder Liebeslied, aber er dreht sich nur im Kreis, kommt nicht weiter. „Dann reißt die Zeit“, heißt es noch einmal im Gedicht, die Erinnerung zerbricht, das Ich will „singen vom Werden und Sehnen“, will die Vergangenheit in der Gegenwart neu erschaffen - und scheitert an den „ausgesperrten Fragen.“ Auch der Vers dehnt und sehnt sich beim Singen... - Eins der besten Gedichte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Die Wörter laufen so leicht und elegant an den Reimen entlang, dass ihre Bedeutungen fast unbemerkt durch die Ohren gehen. Die Leichtigkeit, mit der hier Tiefe ausgelotet wird, ist das Geheimnis der Schönheit solcher Verse.   

Zum Schluss zwei Gedichte, die den ganz heiteren Owald zeigen:


Abriß

Still gräbt sich der Bagger weiter.
Ein Gerüst fällt von der Leiter
in das Loch. Entschlossen klaffen
meterweit, um Platz zu schaffen,
Räume zwischen Licht und Licht.
Morsche Pfeiler tragen nicht.

Gelb rinnt Gleichmut von den Planken,
die im Nordwind zeitlos schwanken.
Trüber Sinn will beim Erblinden
schwachen Trost im Schwinden finden,
windet sich im warmen Schutt.
Was nicht heil wird, geht kaputt.

Auf dem Bauzaun sitzen Raben,
die sich nichts zu sagen haben.
Nur der eine, alte, weise,
dreht sich um und flüstert leise,
sagt zu seinem Hintermann:
Morgen fängt der Winter an.


Das Alltägliche wird zu Beginn anscheinend nüchtern geschildert, aber schon bald verwandeln sich die einfachen Wirklichkeiten in Bilder, kleine bunte Nebel bedeuten nichts und alles: „Räume zwischen Licht und Licht“. In der zweiten Strophe werden die Bilder schwerer: „Gelb rinnt Gleichmut von den Planken…“ - die Schilderung geht nach innen, und die Baustelle wird zum Seelenplatz, vom Schwinden und Vergehen ist die Rede, da haben wir die Vergänglichkeit des Menschen. Aber dieser Ernst ist hier nur gespielt. In der dritten und letzten Strophe tauchen auf einmal Raben auf, Fabeltiere an Stelle des Menschen. Deren Weisheit kündet von der Tautologie des Lebens: „Morgen fängt der Winter an.“ Jetzt wird die Metapher der Vergänglichkeit zurück gebogen ins Banale, das wirkt komisch. Diese Komik schließt aber an die zuvor gewählte Hintergründigkeit wieder an: Der Mensch ist eine Baustelle. Am Ende heißt es: Abriß! So geht es uns allen. Es gibt nichts Banaleres als diese Wirklichkeit.   


Stimmungsbild mit Schafherde

Naturgedicht zum Thema Melancholie

Die Sonne scheint vom Firmament
auf Ginsterbusch und Wiese.
Und unterm Sonnenschirmament,
da blöken Schafe pirmanent.
Vergnügt und froh sind diese.

Doch bald legt schon die Dämmerung
sich sacht auf Wald und Heide.
Die Schafe spürn Beklemmerung.
Dies führt zur leichten Hemmerung
der Stimmung auf der Weide.

Dann schließlich kommt die Finsternis,
die Heide liegt im Schlafe.
Nur hinten, dort, am Ginsternis,
da wacht ein Nachtgespinsternis.
Daneben schlafen Schafe.


Ich beende meinen Gang durch Owalds Gedichtegalerie mit diesen gekonnt wortspielerischen Versen. Jede Strophe ist streng gebaut: Im jeweils ersten Vers wird das Schwinden des Lichts beschrieben: Sonne, Dämmerung, Finsternis, im zweiten Vers der Ort. Die dritten und vierten Verse sind die wortspielerischen, mit Reimbezug zum ersten Vers. Im jeweils letzten Vers wird die Stimmung der Schafe - in Verbindung mit der Natur, die beim Dunkelwerden immer unheimlicher wird - in abnehmender Reihe beschrieben. In der mittleren Strophe gelingt das semantische Wortspiel besonders gut: Dämmerung - Beklemmerung - Hemmerung. Umrahmt wird diese Strophe von romantischer Ironie und ironischer Romantik. Apollinische Helle paart sich mit dionysischem Rausch: Anfangs Blöken im Glückstaumel, zuletzt wird Schaf zu Schlaf. Ich will nicht behaupten, dass die drei bukolischen Strophen einer Auseinandersetzung mit Nietzsches Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ entspringt - aber man kann sie so lesen! Derlei Seiltänze des Lyrikers Owald begeistern mich, solche Grattänze zwischen ernst und heiter, bei denen der Ernst, ohne an Gewicht zu verlieren, wunderbar leicht wird!



Präliminarien zu einer neuen Poetologie Ludwig Janssens

‪Das Geheimnis der alten Schachtel
Konkrete Poesie zum Thema Schönheit/ Schönes
von  LudwigJanssen.

[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[eine r·te Pappnase]

  Siehe auch

Mich erinnert das an die Matroschka. Eine sehr vereinfachte grafische Schachtelung oder Schachtel-Grafik habe ich auf meiner Portalseite. Da habe ich gleichsam das Nichts ineinander geschachtelt, während Ludwig Janssen die Schachtel selbst schachtelt (strenger: das Wort „Schachtel“). Er schachtelt den Begriff in sich selbst, das ist als eine Art Philosophie der Ironie auffassbar, vielleicht aber auch nur Witz (im Sinne Lessings), zumal die Schachtel alt ist - aber es ist nicht nichts, und es wird auch nie nichts, selbst wenn man unendlich oft schachtelte. Eine grenzwertige Schachtelung also - zumal noch zu bedenken wäre, dass „alte Schachtel“ noch anders verstanden werden könnte, aber das wäre eine mindere Deutung dieser ‚konkreten’ (oder visuellen?) ‚Poesie’.

Meine Augen erkennen nun noch als letzte Schachtelung: „eine alte Pappnase“.
Ich frage mich, ob dieses Surplus an Witz zur ästhetizistischen Erhöhung des konkreten Poems führt oder zu seiner Erniedrigung. Ich sehe hier ein Sowohl als Auch, kein Entweder Oder, ein Einerseits Andererseits, kein Zwar Aber ... Die Pappnase ist das Fundament einer anthropologischen Deutung. Es ist etwas drin in der Schachtel, vielleicht schon lange. Es ist ja eine alte Schachtel. Aber die Pappnase kann auch neu sein und trotzdem in einer alten Schachtel liegen. Darauf kommt es nicht an. Die Pappnase als partielle Maske ist maskiert in einer Schachtelung von Schachteln: Der wahre Wesenskern eines Menschen ist nur schwer zu erkennen, das will uns das Gedicht sagen. Vielleicht auch: Es gibt gar keinen Kern, keinen Charakter, sondern alles ist nur Maske.
Es könnte dann auch was ganz anderes in der Schachtel liegen. Die Pappnase ist austauschbar. Darauf deutet auch hin, dass der unbestimmte Artikel klein geschrieben wird („ein“) im Unterschied zum unbestimmten Artikel der alten Schachtel („Ein“). Die Struktur des Gedichts ist das Eigentliche. So gesehen ist es ein Gedicht über das Wesen des Gedichts an und für sich.

Nun ist aber der Inhalt der Schachtelschachteln ganz klein geschrieben. Was will (oder kann) uns das sagen?  Was wollen wir sehen und sagen, wenn nicht etwas Philosophisches: Die Pappnase ist die atomistische Figur, ja das Bild einer neuen Quantenphysik, die auch als Fundament einer neuen Moralphilosophie taugen kann. Dann ist dieses Gedicht nichts anderes als die in Bild und Wort gefasste konkrete Form des kategorischen Imperativs.
Es spricht allemal für das Gedicht, dass es so viele Interpretationsansätze ermöglicht, ja eigentlich evoziert!
Ich empfehle dem Verfasser, einen Zyklus ähnlicher Gedichte zu entwerfen, in dem der Horizont für ein neues Universum des Geistes aufleuchtet.

Und jetzt sehe ich und lese ich (fast hätte ich es übersehen): Die Pappnase ist rot!
Das zündet neue Deutungs-Raketen an. Zu vermuten, die Röte der Pappnase deutete auf Liebe hin oder Lüge - was oft dasselbe ist -, wäre nicht hinreichend, um die Tiefe der Bildgebung auszuloten. Den anderen die Nase zeigen, und zwar die verlogene oder verliebte, das ist es nicht. Es muss tiefer gebohrt werden. Letztlich ist dieses Gedicht ein politisches, das nicht nur ein in Farbe gefasstes Fanal darstellt - Empört euch! -, sondern es will mehr: Es kleidet sich selbst ein in eine neue Poetologie des Gedichts. Nur ein politisches Gedicht ist ein wahres Gedicht. Alle Poesie ist letztlich nichts anderes als Politik. Alle Politik muss Poesie sein. Das ist die Parole und der tiefere Sinn dieses Gedichts.
Mir imponiert die Zartheit, mit der die politische, d. h. die zutiefst humanistische Intention intoniert wird. Das gewählte Metrum ist der Demo-Trochäus, den wir aus vielen Gedichten der vorturbokapitalistischen Ära kennen. Man skandiere nur einmal laut vor sich hin: Die alte Schachtel - die alte Schachtel - usw. Gut, man wird vielleicht einwenden, dass das Pathos der revolutionären Parole immer leiser wird. Nun ja, im Erkenntnisschmerz verstummt jeder, wenn er im Prozess der Bewusstmachung unserer Weltprobleme schließlich auf die Pappnase stößt.
Andererseits: Wer sagt uns, dass wir dieses Gedicht von oben nach unten zu lesen hätten!? Aha, es geht auch von unten nach oben. Und wir erkennen: Diese Poetologie des neuen Gedichts ist dialektisch konzipiert! Aus dem Wenn-Dann wird ein Dann-Aber, daraus ein Aber-Nun, aus dem Aber-Nun ein Nun-Aber und so fort ad libitum.

Mir ist bewusst, dass ich nur einen Anfang machte, um dieses grundlegende Gedicht zu interpretieren. Viele werden mir hoffentlich folgen in der Ausdeutung der neuen Poesie, und das meint: Die Erschaffung einer neuen Welt. Nichts Geringeres als das steckt hinter dem Titel „Das Geheimnis der alten Schachtel“. Denn wir wissen nicht, was konkret dabei herauskommen wird, wenn wir Ludwig Janssens neue Poetologie in die politische Tat umsetzen. Und das ist auch gut so. Der Vater der neuen Poesie will uns nicht den Zauber der Tat nehmen, die Magie der Welt. Er macht sie uns nur bewusst, und das ist die Großtat, jawohl: Großtat.



NACHTS TOBEN DIE WORTE SICH AUS MIT DEN EULEN

Werner Weimar-Mazur (wepunkt, ehemals mmazzurro) geboren 1955 in Weimar, aufgewachsen in Karlsruhe, dort Kindergarten, Schulzeit und Studium der Geologie
1979 und 1980 mehrmonatige Studienaufenthalte in Großkirchheim/Österreich.
1989-1992 Arbeitsaufenthalt in Bern/Schweiz. Lebt seit 1992 im Raum Freiburg im Breisgau
schreibt seit 1970 vorwiegend Gedichte und Kurzprosa.
Derzeit Arbeit an einem Roman. Veröffentlichungen (Printmedien):
1995 Lyrikband „Tauch ein - Gedichte 1970-1994;
 2012 Lyrikband „hautsterben“ (in Vorbereitung);
zahlreiche Gedichte in Zeitschriften und Anthologien;
 öffentliche Lesungen von Gedichten und Kurzprosa.
Mitglied im Literaturforum Südwest e.V., Freiburg (Literaturbüro Freiburg)
und bei keinVerlag e.V., Erlangen. www.weimar-mazur.de

Werner Weimar-Mazurs Gedichte sind wie leicht hingetuscht, gewinnen aber stets Tiefe. Sie sind Wort- und Satzgesang, sie klingen. Nie entgleiten sie ins Sentimentale, aber sie haben Gefühl und Herz. Die tektonische Metaphorik (Gebirge - Meer), die in so manchem Gedicht aufscheint, gefällt mir sehr; sie ist zwar nicht neu, aber neu angestrichen, neu gewandet. In Sommerkleidern kommen die Verse daher, transparent, sinnlich - und das gilt auch für die Seele, die gläsern erscheint. Die meisten Gedichte sind Liebesgedichte oder sind angesiedelt in der Sphäre des Liebens und des Sagens. Manche Gedichte reflektieren das Reden über die Liebe und in der Liebe und poetologisch auch das Reden in Versen. Das sprachliche und metaphorische Niveau schätze ich sehr hoch ein. Es ist eine Lyrik, die mit den Sternen am Lyrikhimmel der letzten Jahrzehnte leuchtet.
Die Gedichte des neuen Zyklus „hautsterben“, den ich ich vor Erscheinen des Buchs lesen durfte, gehört – wie alle Gedichte, die Werner bei keinverlag zeigt und zeigte, zum Besten und Geschlossensten, das es in den Online-Magazinen und Literaturseiten gibt. Die Gedichte, die Christoph Meckel, dem sie nah sind, nicht ohne Grund lobte, sind sprachlich sehr schön, oft überzeitlich wirkend, sie haben gedanklichen Witz, Leichtigkeit und Tiefe, sie besitzen trotz aller Konventionaliät im sprachlichen Ausdruck neuartige Wendungen und Bilder, überraschende Ideen, insgesamt einen ganz eigenen Ton, der ins Herz dringt und mit sanftem Humor und Leichtigkeit in einem in die Tiefe der Leserseele wirkt. Aus der Vielzahl der Gedichte stelle ich drei vor, die mir besonders gefielen:


Im April haben die Worte

ausgang
in den regen den schnee und die sonne
auf die noch verlassenen almen
himmelweit
im april sind die worte
ganz melancholisch
in den städten verirren sie sich leicht
heimwehnah
kommen sie mir dann vor
warten an einer kreuzung oder vor einer roten ampel
auf das erste zarte grün
auf die buschwindröschen und das wiesenschaumkraut
den löwenzahn
bekommen kraft oder werden wütend
nachts kehren die worte
an meine tür zurück
oder ich beobachte sie draußen im garten
wie sie sich austoben
mit den eulen


Die Worte gehören nicht nur zu uns, sie wollen weg von uns, streben hinauf, bergan, in dünnere Luft, ins rein Geistige, zum Himmel, sie haben ein Eigenleben – und die Gedanken entwickeln sich in der Sprache wie von allein. Natürlich denken wir, die Worte gehören zu uns, abends kommen sie wieder heim zu uns, leben dann in der Tiefe unserer Träume weiter, bauen dort Welten, die in uns reifen und zu Tage gefördert werden. „Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn / wird ihm im Traume aufgetan: / all Dichtkunst und Poeterei / ist nichts als Wahrtraumdeuterei ...“ (Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg)
Die Worte streben zu Neuem in der zivilisierten Welt (Ampel) wie in der Natur – und bleiben doch immer auch Spiegelbild derer, die sich als ihre Schöpfer glauben. Die Eulen, die nachts alles sehen, komplementieren den Raum des Unsichtbaren, die Tagträume und das im Dunkeln Verborgene – und letztlich bleiben sie da und wohnen nicht in unseren aufgeräumten und geheizten Häusern. Sie sind frei und toben sich und alles Sagbare = Denkbare aus.


unaufgeregt

ein berg passt in ein herz
ein tal ein dorf
ein schneefeld in der ferne
ein bach ein fluss
ein bach der uber felsen stürzt
ein haus
der stall steine auf dem weg
im sommer verwilderte schafe
ein neuer belag für die umgehungsstraße
flüsterasphalt
ein berg passt in ein herz
ein tal ein dorf
ein schneefeld in der ferne
ein bach ein fluss
ein bach der über felsen stürzt
dein haus

[aus „hautsterben“ / stranden, 2012]


Das dreiteilige Gedicht sagt, was ein Ich begreifen kann – alles passt in unser Herz und wir sind eins damit in unserem Haus, das für uns steht, eins mit uns selbst. Im Mittelteil tastet sich das Denken des lyrischen Ichs wieder ins Außen, in die geheimnisvolle, romantisch gesehene Dingwelt (Flüsterasphalt), und nun transzendiert dieses Ich, es geht aus sich heraus und findet noch ein anderes Haus, eine andere Heimat – im Du. Es ist dies in seinen kargen feinen Gedanken-Strichen ein wunderbares Liebesgedicht: Auch du passt in mein Herz. Ich verstehe dich, die Welt gehört mir und dir.


Manchmal sind Gedichte

wie welke blätter
die in nasses gras fallen
manchmal wie schnee
der auf den bergen taut
eine flut im fluss
auf dem wege zum meer
gedichte können sterben
weinen
auch lachen
manchmal haben sie die kraft
einer frau
oder das gewicht
eines schmetterlings
gedichte fragen nicht
ob sie geliebt werden
manchmal sind gedichte
eifersüchtig
auf das leben

manchmal nicht.

[aus „hautsterben“ / stranden, 2012]


Dieses Gedicht führt zum ersten zurück und redet wieder von der Sprache und ihrem Eigenleben, das sie außer uns führt. Und uns doch so ähnlich ist. Unsere Gedichte können sterben, heißt es. Hölderlin glaubte oder hoffte, in seinen Versen zu überleben. Eines Tages sterben auch die berühmtesten Gedichte. Ob das hier gemeint ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht leben Gedichte nur in ihrem alten Leben weiter – erst in unserer Deutung lebt es wieder. Gedichte sind unabhängig und brauchen keine Liebe. Sprache ist autonom. Eifersüchtig können sie sein, wenn sie Menschensprache sind. Aber wenn Gedichte die Wahrheit sagen, dann sind sie nicht eifersüchtig, denn sie stehen über uns, freieste Richter des Über-Lebens.

Nachtrag [24.1.2015]: Falter und Fische. Werner Weimar-Mazurs Gedichte – ein poetischer Zoo. Eine Rezension

Bei meiner Analyse der letzten 38 veröffentlichten Gedichte des von mir sehr geschätzten Lyrikers stieß ich auf eine geradezu fabelhafte Konferenz der Tiere in seinen Versen, die nichts anderes zu sein scheinen als die Spanten und Planken einer lyrischen Arche Noah in der Sintflut unserer Gegenwart!

Die Tiere, die er in seine Gedichte aufnimmt, haben die Funktion, Bilder zu sein für eine bestimmte Atmosphäre, für Stimmungen, es sind Fabeltiere en miniature, adjektivische Kleinmythen sozusagen. Sie sind das Geheimnis eines Stils, der sich schon seit langer Zeit mit Erfolg behauptet, auch in den Print-Werken des Autors.

Die Intensität liebevoll-animalischer Kurzmetaphern ist einzigartig in der deutschen Lyrik-Savanne oder in den west- und mitteleuropäischen Biotopen der Poesie.

Ich will das attributive Getier nicht streng systematisieren, aber ein klein wenig kommentieren.

Fische und Fliegende Tiere (Vögel und Falter) kommen am häufigsten vor – Lebewesen unter Wasser und über Wasser. Unterbewusstsein und Gedankenflug. Der Mittelbau – Kriechtiere, Wirbeltiere, Säugetiere – ist auch stark vertreten.
Die Fische kommen als allgemeine Gattungsbezeichnung 10 mal vor, speziell noch als Hering, Lungenfisch, Schmetterlingsrochen, Waran, Wal (dazu kommen noch Qualle, Koralle, Algen und Schwämme, Muschel).
Wesentlich beeindruckender ist die Vielfalt der fliegenden Weimar-Mazur-Tiere, insbesondere die Großgruppe der Falter. Hier haben wir 4 mal unspezifizierte Falter, Delfinfalter, Aurorafalter (2 mal), Schillerfalter (4 mal), Zitronenfalter, Apollofalter, Adonisfalter und Azurfalter (Mazurfalter ... ?). Und Graugänse (2 mal), Falken (2 mal), Eulen (2 mal), Vögel allgemein (4 mal), Hautflügler (2 mal), Sing-Schwäne (4 mal), Papiervögel, Schwarzstörche, Lerchen, Albatrosse (2 mal), Uhu, Tauben, Raben, Mauersegler, Kranich, Silberreiher, Hühner, Kolibri, Frostfliegen, Krähen, Enten, Insekten, Sturmmöwen, Lachmöwen, Stare und Schmetterlinge. Der Bezirk der Luft und der Höhenflüge überwiegt die lebendige Unterwasserwelt bei weitem. Das Reich der Ideen dominiert also.

Wie steht es ums Irdische, die Erdhaftung? Hier finden wir Tiere und Tierchen allgemein (4 mal), den Wolf, Hamster, Fuchs, Dachs, Waschbär, Schweine, Jaguar, die Wasserschlange (2 mal), Luchs und Luchsin (3 mal), den Berglöwen, die Hauskatze, Pferd und Holzpferd (okay, letzteres ist eine hybride Metapher), den Leoparden und die Schneeleopardin, Geißlein, Rehe, das Raubtier, Bären, Panther und Schaf. Und hinzu gesellen sich noch Weichtiere, Echsen und die Gottesanbeterin.
Viele dieser bodenständigen Tiere haben viel Kraft, sind schnell und gefährlich.

Welche Tiere fehlen? Elefanten, Giraffen, Alligatoren, Schildkröten, Frösche ... Geier, Adler, Phönixe, Bienen, Spatzen, Nachtfalter ... Aber die fliegen und laufen in die nächsten Gedichte.

Alles in allem ist das eine reiche Palette von Attributen, derer sich die Gedichte zur Ausstattung des lyrischen Ichs bedienen.

Ich habe gerechnet: In 38 Gedichten tauchen auf oder fliegen und laufen vorüber 76 verschiedene Tiere, das sind 2 pro Gedicht. Wenn ich die Mehrfachnennungen berücksichtige, komme ich auf ungefähr 3 Tiere pro Gedicht.

Dem stehen nur relativ wenige Pflanzen gegenüber – das leuchtet ein, denn Pflanzen repräsentieren eher passive Eigenschaften: Rotdorn, Ahorn, Birken, Gras, Beeren, Blaubeeren, Nüsse, Mandeln, Dolden, Papyrus, Maulbeerbäume, Seetang, Rosen, Ginster, Mohn, Blumen und Oliven.

Natürlich habe ich hier nur einen Aspekt der Gedichte untersucht – die tierischen Wortfelder. An anderer Stelle habe ich Werner Weimar-Mazurs Lyrik ganzheitlicher betrachtet. Aber der hier analysierte Bereich der Metaphorik ist eine aufschlussreiche Ergänzung. Weimar-Mazurs Lyrik verwandelt die Technik der Äsopschen Fabelschreiber in moderne Art – sie wird nun leichter, atmosphärischer, ist den Clichés der Tiere nicht so verhaftet, sie löst sich also von festen Bedeutungen und in der Mixtur mit Tierarten, die bisher nicht als fabeltauglich galten, gewinnt das lyrische Fabulieren neue Bedeutungen. Weimar-Mazur geht spielerisch um mit seinem poetischen Zoo, er generiert das Prinzip Chamäleon für die Poesie. Wie gesagt, das fand ich bisher noch bei keinem Lyriker – diese neue Technik ist nützlich und sehr wirksam und sie verbündet uralte Tradition mit unserer Gegenwart.


Werner schrieb mir daraufhin:
"Hallo Uli, gerade eben entdeckt, Deine zoologische Analyse meiner Gedichte. Unter dem Eindruck von Lektoraten meiner Gedichte durch den von Dir vermittelten Holger Benkel, der auch immer wieder die Motivik in meinen Gedichten abklopft (oder soll ich besser sagen aufklopft, jedenfalls beleuchtet bis zurück in die Zeit der Romantik, oft auch über das Mittelalter bis in die Antike) und unter dem Aspekt, dass ich mich seit einigen Jahren lyrisch ein bisschen in Richtung "Magischer Realismus" bzw. "Surrealismus" bewege, dies auch in Erinnerung an meine jugendlichen Jahre, in denen ich als Bewunderer z. B. von Filmen des spanischen Regisseurs Carlos Saura, oder auch Luis Bunuel, oder des Malers Dalì stand, oder unter dem Eindruck damals verbreiteter lateinamerikanischer Literatur, die keine Mühe hat mit dem verblümten Nebeneinander von Mensch, Tier, Leben, Träumen usw. im Gegensatz zu unseren mitteleuropäischen besonders deutschen, oft sehr rationalen Sicht, oder als großer Anhänger des Absurden Theaters eines Samuel Beckett, Eugène Ionesco oder eines Fernado Arrabal usw., und unter dem Aspekt einer "Rückkehr" in die Prägungen meiner Jugend, auch Psychoanalyse, Traumdeutung usw. gehören dahin, und aufgrund meiner "Experimentierfreudigkeit" in lyrischem Ausdruck, gestehe ich, dass ich auf den Hund bzw. das Tier gekommen bin, oder auf die vielen Falter, Amseln, eine Zeit lang waren es bevorzugt die Schneeleoparden und der Jaguar, als Geologe mit Paläontologiekenntnissen sind es auch die Weichtiere, die Mollusken, wegen ihrer "Panzer" die Echsen, usw.

Du warst fleißig, sehr fleißig. Gut, ein paar kleine Fehler sind noch drin, vielleicht auch nur Gedächtnislücken, Tippfehler in Deiner Analyse (z. B. waren es keine Frostfliegen sondern Florfliegen, sie tauchen übrigens in meinem neuesten Poem von vorgestern- und gesternabend auch wieder auf, diese filigranen und blassgrünlichen Insekten und angeblich "Glücksbringer" mit durchsichtigen Flügeln) ... aber DANKE, DANKE, DANKE! für Deinen zoologischen Blick auf meine Gedichte.

Am besten hat mir Dein kürzlicher Kommentar unter meinem Gedicht [november] gefallen (hier in kV am 23.11.2014), wo Du schriebst:

"Die (metaphorische) Harmonie von Mensch und Tier Pflanze ist ein Kennzeichen deiner Lyrik. Wo nimmst du alle die Pflanzen und Tiere her! Und es sind immer schöne Tiere, jedenfalls schöne Namen von Tieren und Pflanzen ... "

Es stimmt: ich sehe die Harmonie, die Einheit aller Wesen, allen Seins (im Sinne von "synthetischem Denken" im Gegensatz zu "analytischem Denken"). Das ist mir schon sehr wichtig, auch wenn die sprachliche Umsetzung in Form von Lyrik nicht immer gut gelingt. Aber, ich lerne noch, ich bin ein Lernender! und vielleicht auf einem guten Weg? Ich probiere auch manche Motive gerne mehrfach aus, daher die Wiederholungen. Wenn es gelingt, bleibt manchmal ein Gedicht der "Serie" als einigermaßen zufriedenstellend (aus literarischer Sicht) übrig.

Deine zoologische Analyse hat mich jedenfalls umgehauen und meinen Blick auf das Eigene weiter geschärft. Ich bin "aufmerksam" dadurch geworden, beschäftige ich mich in der Regel oft gar nicht genug mit meinen Gedichten (manchmal auch zeitbedingt nicht genug).

In einer Textwerkstatt bzw. privaten Autorenrunde hier in Freiburg hat mir eine Kritikerin zu einem Gedicht mit vielen verschiedenen Tieren drin auch schon mal gesagt, es sei zuviel mit diesem ganzen Zoo ... mag sein?!

Jedenfalls hast Du mir Aspekte in meinem Schreiben von Lyrik aufgezeigt, die mir so gar nicht genug bewusst waren. Danke sehr, lieber Uli.

Jetzt will ich aber zum Schluss meiner Antwort noch kurz die jungen AutorINNen hier in kV ermutigen, sich zu beteiligen, siehst es doch manchmal sehr nach einem "Altherrenclub" pensionierter Oberlehrer aus, was hier abgeht. Also Ihr Jungen: ruhig frech und selbstbewusst ran an die "Alten Herren" und an das, was sie "verzapfen". Ist mir auch immer sehr wichtig. Wollte ich nur als Randbemerkung mal gesagt haben, ohne dass es jetzt mit dem Kolumnetext von Uli oder meiner Antwort oder gar mit meinen Gedichten direkt zu tun hat. Indirekt vielleicht schon, denn irgendwie ist alles mit allem auf eine Art verbunden und gehört zusammen?!
werner"


Frühe Beerenlese: unangepasste (Sigune Schnabel)

Als ich Sigune persönlich kennenlernte, wusste ich nicht, dass sie schon 2004, lange vor mir, bei kv war und zu den ersten kv-Leuten gehört. Irgendwie kam sie mit unserer Literaturzeitschrift „Dichtungsring“ in Berührung, ich weiß nicht mehr, wie. Und seit Jahren arbeitet sie mit in der Redaktion und war Mitherausgeberin von einigen Ausgaben, wie auch gerade jetzt bei Nr. 59 im 40. Jubiläumsjahr unserer Zeitschrift. Obwohl sie in Düsseldorf als Übersetzerin arbeitet und wohnt, kam sie vor Corona zu den Sitzungen in Bonn und manchmal sogar bei Neuwied.

Wir in der Redaktion verfolgten vor wenigen Jahren ihren Weg zum und im Finale des „Leonce-und-Lena-Preises“. Inzwischen gewann sie einige andere Literaturpreise, darunter der renommierte postpoetry-Preis.
Sie veröffentlichte bisher zwei Einzelbände mit Lyrik und soeben erschien ein neuer Band mit Gedichten von ihr und zwei weiteren Autoren, die 2021 im Bonner Freigang-Verlag von Rainer Maria Gassen erschien.

Ihr zweiter Gedichtband, „Apfeltage regnen“, 2017 veröffentlicht im Geest-Verlag, ist ein beachtlicher Zyklus. Ich sehe das Ganze als Lebensstufen. Am Anfang Kindheit und viel Phantasie, eigener Kosmos, viele Farben, die Mutter behütet und stört zugleich (der Weckruf zur familiären Pflicht). Neugierde auf die große weite Welt (Schaukel und Asphalt). In vielen Naturbildern und in einer filigranen Du-Ich-Dialektik schreitet die Zeit und das Werden voran. Das Du ist ambivalent: es kann reflexiv gesehen werden, es bezeichnet auch Sehnsucht, Suche und Erfahrung mit einem anderen Du, das weit mehr ist als ein Alter Ego. Die Erfahrung der Liebe erscheint jedoch brüchig von Anfang an - weil Kindheitsreste stören, Desillusionierungen erfolgen und das kindliche Einssein von Ich und Welt verloren geht bzw. nicht transformiert wird.

Die 1981 geborene Autorin schreibt nicht nur reine Gedichte, sondern auch Prosa, sie nennt sie Prosagedichte. Und sie beherrscht auch die Form des Sonetts:

Gedankenschwere

Gekentert ist mein Boot an deiner Klippe.
Zu ungestüm hast du den Fuß hinein
gesetzt. Es schwang hinauf wie eine Wippe
und warf mich ab; jetzt treibe ich allein.

Die Algen sanken tot zum Meeresgrund,
als deine Füße in das Wasser glitten,
und meine Leichtigkeit verschwand im Schlund
von Haien, deren Zähne sie zerschnitten.

Am Ufer fällt der Sanddorn von den Zweigen.
Die Vogelscharen flattern durch mein Schweigen
und kreischen schwarze Lieder zu den Beeren,

auf denen rot die Abendstrahlen weilen.
Und manchmal schwappt das Wasser auf die schweren
Gedanken, die im Schlick die Zellen teilen.

In vielen einfallsreichen und überraschenden Wortwendungen und Bildern formuliert sich die Schwierigkeit und wachsende Schwere des Seins. Viele Motive der Gedichte sind untereinander vernetzt. Am Ende steht so etwas wie das Erwachsengewordensein - und das hat die Farbe Weiß. Es ist nicht das Weiß der Unschuld, sondern der Farblosigkeit. Der Verstand und das Durchschauen des Seins beendet das kindliche Paradies, es wird empfunden als größter Verlust. Der Aspekt eines Gewinns wird zuletzt allenfalls indirekt erhofft oder ersehnt. Aber die Farben sind gestorben. An diesen Schluss kann sich ein neuer Gedichtzyklus anschließen. Der Schluss dieses ersten Gedichtbands ist zwar kein Lamento, aber eine indirekte Elegie.
[Nachtrag 9.5.2021]



... der Horizont kippt: Cantalurp (Julia Trompeter)

Nun ist im Verlag Schöffling & Co. Julias erster Lyrikband „Zum Begreifen nah“ erschienen.

Am 6.4.2016 um 20 Uhr war ich bei ihrer Lesung im Buchcafé Antiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Straßen weiter wohne ich. Es war der Tag meines Geburtstags. Egal. Primzahl unter 100. Ich feiere sowieso erst am Wochenende. Also hin zum Antiquarius.

Die kleine enge Bude war picke packe rappelvoll. 30 plus. Alter auch. 30 plus bis 40 plus. Ich dann absolute Altersspitze. Primzahl unter 100, hinter mir liegen schon 19, vor mir nur noch 6 weitere. 

Die KRITISCHE AUSGABE, Lit. Zs. der Fachschaft Germanistik, Bonner Uni, moderierte an. In der neuesten, jetzt erschienenen Ausgabe steht eine philologische Rezension von Julias erstem Gedichtband. Der Autor der Rezension, Fabian Beer, gibt Julia das Wort.

Nun liest sie. Stellt ihren Gedichtband vor. Ich erlebte sie vor ungefähr 10 Jahren in Köln, als sie ihre Gedichte und Lieder im DUDDLE vortrug. Ich dachte: Sie sieht eigentlich immer noch so aus wie damals, nur singt sie (leider) nicht mehr. Jetzt ist ihr Auftritt viel bescheidener, das ist nicht falsch, - sie ist vorsichtig.

Der Rezensent der KRITISCHEN AUSGABE lächelt hin und wieder in mitverstehendem Wissen bei dem ein oder anderen Vers.

Das erste Gedicht, das Julia liest, ist vielleicht das beste, dachte ich, es ist das erste in ihrem Buch:

Paradies

Wenn sich deine Augen manchmal aufklappen,
sperrangelweit, und der Horizont in sie kippt,
denn wie sollte die Ferne sonst zu dir gelangen?

(„Zum Begreifen nah“ heißt Julias Buch ...)

- dann sehe ich gerne hinein, denn sie spiegeln
ungeahnte Theorien von Schwarzen Löchern,

(man beachte die poetologischen Anspielungen!)

achtsam geschmeckten Rosinen oder einfach
Pupillen, die du mit deinen Äpfeln herumrollst,
in die ich beißen würde, wenn ich könnte,

(immer noch poetologisch gemeint - Rosinen, Äpfel, Synthese von Sinn und Sinn ...

und alle Fehler einfach wiederholen, ganz egal.

(Ganz egal! Wir sehen: Was sich parodieren lässt, hat Substanz.)

Wenn ich das kleine Haus dort hinten wäre,
an dem dein Blick sich lautlos verfängt.
Und sowieso würde ich vorschlagen,
das Meckern der Schlange zu ignorieren.

(Schlange! Subtile Ambivalenz! Das weiblich Böse und die hoffnungslos Wartenden.)

-

In der erwartbar akademisch formulierten Rezension Fabian Beers wird die Autorin zitiert: ihre lyrische Intention sei es nicht, die Welt mimetisch im Sinne von Aristoteles abzubilden, sie wolle „mit einem geöffneten Sinnangebot in Spannung treten“. Das heißt: sie will die polysemantische Wirkung der Sprache so organisieren, dass mehr als nur das Wesen einer Situation, eines Sachverhalts lesbar wird. Dergestalt, dass der Leser sich selbst dem Begreifen näher bringt, indem er das gelesene Gedicht in seiner eigenen Sprache nachspricht, mit Worten oder Ideen. Das sind keine neuen Dinge in der Lyrik, aber die Autorin zeigt, dass sie weiß, wie und was sie schreibt. Sie hat sich freigeschwommen aus dem kleinen Pool liedhafter Verse in der Zeit ihres Beginnens vor ungefähr zehn Jahren. Die Gedichte sind nun wesentlich subtiler, sie setzen darauf, dass sich komplexe Metaphern beim Lesen multiplizieren, aber man muss das nicht ausrechnen. Julia Trompeters Gedichte sind voll von solchen spielerischen Wirklichkeits- und Perspektivenverfremdungen, die den Leser seinen Erkenntnissen näher bringt.
Leicht sind diese Gedichte nicht, zumal sie poetologische Metaebenen und Selbstkommentierungen enthalten. Hermetisch wirken jedoch nur einzelne Stellen – und man muss auch nie das ganze Gedicht in philologischer Vollendung kapieren. Anders betrachtet: Wer könnte meine Lesart widerlegen,  angesichts der gewollten und ungewollt sich ergebenden Komplexität der Gedichte?  Schon die Nähe meines ‚Verstehensgedichts’ zum gelesenen reicht – und so sind wir wieder beim Titel des Lyrikbands.   

Was soll ich sagen. Alles in allem ein reicher Gedichtband - rund 100 Seiten. Eingeteilt in 5 Abschnitte.

Zum Begreifen nah.
Sieben Lamellen.
Ein freischwebender Ton.
Aus gekachelten Nestern.
Feldforschung, gelichtet.

Ordnung muss sein. Aber hier gar nicht ernst gemeint. Gut so.

-

In der Pause unterhielt ich mich mit Julia. Sie hat gute Erinnerungen an kv. In den frühen Jahren waren die Kommentare erfreulich fair, meint sie. Ich sagte: Ja, das war einmal. Im Moment geht es wieder ganz gut.
Ich sage: kv ist gut für um zu wissen, wie mein Text ankommt. Und das ist eigentlich nur bei kv so direkt möglich.

Was wird aus Julia? - Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gefragt. Ich ahne: Sicher noch ein Buch. Standbein: Wissenschaft oder sowas in der Art.

Jedenfalls: Ein subtil formulierter Gedichtband. Eine sympathische Autorin. Ein wundervolles Wiedersehen nach zehn Jahren!


7.4.2016



POSTLUDIUM: EIN WEITERES MANIFEST

Habe Mut, dich zu erzählen!
Erzähle deine und andere Welten!
Erzähle in neuen Welten von der alten Welt!
Erzähle in der alten Welt von neuen Welten!
Erfinde neue Erzählfiguren!
Erschaffe neue Motive!
Webe neue Netze von Bildern, Symbolen und Motiven!
Erschreibe dir eine eigene Sprache!

Hab keine Angst vor deinem Alleinsein beim Schreiben!
Geh aufs Ganze: Finde neue Formen, neue Worte, neue Sprachen!
Schreib Literatur, die höchsten Ansprüchen genügt!
Schreib aber so, dass du im Wesentlichen verstanden wirst!
Hol die Leser manchmal da ab, wo sie stehen, aber führe sie dann weiter!

Achte kein Tabu!
Achte nicht den Geschmack der Masse!
Schreibe nicht sensationslüstern!
Schreibe deinen Text als Sensation!

Sei dir bewusst, dass du als Autor ein Katalysator des kollektiven Bewusstseins bist!
Der Schriftsteller ist ein Steppenwolf!
Der Dichter ist ein Megaphon des Seins!
Er ist Ethiker!
Er ist der raunende Beschwörer des Imperfekts (Thomas Mann)!

Der Dichter ist ein Seher der Vergangenheit, der Zukunft und des Jetzt!
Der Dichter ist ein Schriftsteller ist ein Autor ist ein Schreiber!
Ein Schreiber der Seele!
Ein Schreiber des Geistes!
Ein Schreiber des Unbewussten!
Der Dichter verknüpft Bewusstes und Unbewusstes!
Der Dichter erschafft das Ungewusste!
Der Dichter denkt das Ungedachte!
Der Dichter beweist, dass alles Undenkbare gedacht werden kann!

Der Dichter ist eine Dichterin!
Die Dichterin ist ein Dichter!
Der Autor ist ein Schöpfergott!
Dieser Gott ist weiblich!
Diese Göttin ist männlich!
Der Dichter ist Er Sie und Es!

Das Ich des Dichters ist ein Kosmos!
Der Dichter ist sich selbst das große Du, das ihm gegenübersteht!
Der Dialog des Dichters mit sich selbst ist die Geburt einer neuen Welt aus Worten!
Der Text des Dichters ist der Extrakt aller möglichen Gespräche über die Welt!

*  *  *

Ulrich Bergmann, 30.11.2009/19.4.2012/29.1.2015


.


Anmerkung von Bergmann:

Siehe auch meine Freitags-Kolumnen.

Kommentare zu diesem Text

scalidoro (58)
(06.11.09)
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 Bergmann meinte dazu am 20.11.09:
Prego!

 Vaga (08.11.09)
Diese Schlange(schwanz)grafik im Introitus
ist ein eyecatcher, an dem ich (über Gebühr)
hängen blieb, bevor ich mich in den Rest vertiefte.
Deine Zwischenbeleuchtungen sind (für mich) sehr aufschlussreich.

 Bergmann antwortete darauf am 08.11.09:
Deine Deutung ist ein wenig introvertiert... aber ich toleriere sie im Geist unseres exorbitant guten Verständnisses. Das Bild hieß - bei den Kolumnen - "Bergmanns Nachtgedanken". Alle Texte sind hier nur eine Zusammenstellung der Kolumnen, in denen ich mich mit KV-Lyrikern befasste, auch die Zwischentexte sind Kolumnen.

 Vaga schrieb daraufhin am 08.11.09:
Kolumnistisch bin ich durchaus auf dem Laufenden, somit kein Ochs vorm Berg(mann). Tierisch eher die IntroVersion eines Reptils, liege ich gern beobachtend und das Zünglein angemessen im Zaum haltend, auf der Lauermauer.

 Bergmann äußerte darauf am 20.11.09:
Liebe Vaga, meine Schlangegeschichten werden vielleicht schon sehr bald in einem richtigen Verlag erscheinen! (Dann muss ich das Book-of-Demand stoppen und die Rechte zurückkaufen - ich glaube, das war ein Betrag um die 200 Euro...)
LG, Uli

 Vaga ergänzte dazu am 20.11.09:
Du hast einen Schlang(e)Körper kreiert, ihm Stimme gegeben und diese in Geschichten zum Klingen gebracht. Resonanz war vorhersehbar.

 Bergmann meinte dazu am 20.11.09:
Was ist ein SchlangKörper?

 Vaga meinte dazu am 20.11.09:
Ein "Klang"körper. Wortspiel: Schlang/Klang.

 Bergmann meinte dazu am 02.10.10:
Beim Durchlesen dachte ich, ich müsste mal wieder eine Schlangegeschichte schreiben, die letzte liegt ja schon bald ein Jahr zurück... Gib mir Anlass! Dein Gift könnte mich noch einmal verschlangen.
: - )

 Vaga meinte dazu am 07.10.10:
Zweifle zu keiner Sekunde an meiner Treue, sagt Schlange, dann wird unsere Geschichte auch ohne (geschriebene) Worte zum Kontinuum .

 Bergmann meinte dazu am 07.10.10:
Das motiviert mich!
: - )
jovanjovanovic (61)
(11.11.09)
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 Ingmar (24.11.09)
diese bildschirmgedichte, ausgewählt von dir, sind rosinen, und du stellst sie in wunderbarer weise vor, die texte, die autor/inn/en. man möchte sich für deine mühe und dein lese-talent bedanken. man möchte, dass du bildschirmgedichte deiner wahl herausgibst, als buch, und dieses buch im regal stehen haben.

ingmar

 Bergmann meinte dazu am 24.11.09:
Ich plane Letzteres, muss dann aber die Genehmigung der Autoren einholen. Ansonsten bleibt es eben bei KV. Dort ist das ja auch gut aufgehoben.
Danke für dein Echo!
LG, Uli

 Ingmar meinte dazu am 24.11.09:
ich bestelle schon mal ein exemplar vorab!

 Bergmann meinte dazu am 02.10.10:
Ich habs gerade mal wieder durchgelesen - ja, das wär nicht das schlechteste Büchlein. Man müsste vielleicht meine Kommentare noch stark kürzen oder sogar fast ganz weglassen.

 Ingmar meinte dazu am 02.10.10:
oder als nach- oder vorwort zusammenfassen. einfach weglassen: nee. wär definitiv schade drum. denn die kommentare nehmen den texten ja nichts, aber bereichern sie zuweilen, zuweilen sehr.

ingmar
Elias† (63)
(20.09.11)
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 Bergmann meinte dazu am 20.09.11:
Hab Dank für deine Anerkennung! (Es sind die Kolumnen, in denen ich Gedichte der KV-Autoren analysierte; ich vermisse einige auch sehr!)
Herzlichst: Uli

 HerrSonnenschein (19.04.12)
Das sind ja richtige Schätze! Das war viel Arbeit. Und Jaccolo ist ein echter Knüller. Weißt du, ob man ihn irgenwo noch lesen kann?
LG Jörg

 Bergmann meinte dazu am 19.04.12:
Lieber Herr Sonnenschein,
Jaccolo ist eine Frau und heißt auf kv jetzt Carmina.
Aber sie schreibt leider nur noch wenig.
Du kannst ihr Buch kaufen - siehe unter Bücher > Rezensionen (oder Bücher unserer Autoren).
Herzlichst: Uli

 W-M (15.02.16)
kV hat jetzt ein gedächtnis, mit erinnerungen und erinnerungslücken, wie jedes gedächtnis. die besonderheit deines literarischen gedächtnisses sind in diesem fall die persönlichen erinnerungen. sehr gut.

 Bergmann meinte dazu am 15.02.16:
Ja, allerdings ist das 'Archiv' weg, wenn ich kein Nutzer mehr dieser Plattform bin. Andererseits: Wir werden kv sicherlich überleben. LG, Uli

 Bergmann meinte dazu am 09.05.21:
Nun erleben wir, wie kv wie ein Phönix aus der Asche wieder aufsteigt!
-
Ich habe unangepasste hinzugefügt.
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