Fragment 6

Kurzprosa zum Thema Ausbrechen

von  Ganna

Irgendwann muss man die Tür zuschlagen, sich umdrehen, in eine andere Richtung schauen und sagen, es reicht. Es reicht für heute und für morgen und für alle Zeit. Jetzt.

Als ich die Annonce fand, war es sofort klar. Ich hatte es gefunden. Das war für mich bestimmt. Das war mein Land. Ich wusste es, ohne es gesehen zu haben, ohne jemals dort in der Nähe geweilt zu haben.

Ich hatte eine Zeitung gekauft, obwohl ich nie Zeitungen kaufte, auch keine Zeitschriften. Nachrichten las und hörte ich nicht, denn sie waren mir zu selten positiv. Ich wollte meine Seele nicht mit Rechtfertigungen für  sinnlose Kriege vergiften, mit Rechthaberei und Geltungsdrang. Daher las ich keine Zeitungen und hörte auch keine Nachrichten. An diesem Tag aber im September 1990 kaufte ich eine Zeitung, aus einer Laune heraus, einfach so, ohne einen Grund dafür zu haben.
Darin stand folgende sensationelle Meldung:
Grundstück in den Pyrenäen zu verkaufen, Ziegenstall, Wiese, Wald, am Fluss gelegen, 17000 Mark.

Das Wort Pyrenäen zerging mir auf der Zunge wie Amarena-Eis mit Schlagsahne. Diese Kombination von seltenen Buchstaben, wie sie auch in Ägypten und Pygmäen zu finden ist, fand ich schon in der Schule faszinierend. Es roch nach Mysterien, nach Geheimnissen, die die Welt erklären konnten und einer Vergangenheit, von der noch kein lebender Mensch Kenntnis hatte. Es musste sich einfach um ein geschichtsträchtiges Land handeln, so etwas wie die Wiege der Menschheit, der ursprüngliche Anfang, von dem niemand Kenntnis hatte. Ich stellte mir vor, aus einem tiefen unterirdischen Höhlensystem , das die ganzen Pyrenäen durchzog, kamen einst die ersten Menschen hervor, geboren aus der Erde, als Geschenk an den Himmel, denn sie trugen die Gene der Götter in sich. Daher nannten sie sich Himmelsgeschöpfe, aus der Erde geboren. So wollte ich es. Magisch fühlte ich mich angezogen, dort wollte ich sein, mich vom Urgrund nähren und vom Himmel küssen lassen.

Vor meinen Augen entstanden idyllische Bilder, eine grüne Wiese am Fluss, blauer Himmel über duftendem Gras, Vogelzwitschern und Sorglosigkeit. Freiheit. Allein auf einer Wiese tun können, was ich will. Nackt im Fluss baden, im Regen tanzen, am Feuer sitzen und unter freiem Himmel beim Zählen der Sterne einschlafen.

Niemand würde Regeln für mich aufstellen, niemand Vorschriften machen oder mich maßregeln, wenn ich unsinnige Erwartungen anderer Leute nicht erfülle. Dort würde alles unberührt von menschlicher Willkür sein, ein Ort, an dem ich sein kann.

Ich hatte genau 17000 Mark auf meinem Konto. Zufälle gab es nicht. Ich war mir sicher, diese Zeitung hatte ich nicht ohne Grund gekauft, irgendeine Energie hatte mich dazu verleitet, weil sie mich zu dem Ort führte, der für mich bestimmt war.
Auf in die große weite Welt! Mich ganz auf das Leben einlassen, das wollte ich tun, mit allen Risiken, Gefahren, Abenteuern und Siegen über mich selbst. Ganz von vorn beginnen, mich selbst aus dem Urgrund der Erde erschaffen, neu erfinden und gebären als mein eigenes Wunder.

Tatsächlich hatte ich keine Ahnung, auf was ich mich da einließ. Es war ein Abenteuer mit ungewissem Verlauf und unbestimmtem Ausgang. Als wäre ich von einem Sog erfasst, der mich unbarmherzig in einen Strudel riss, hatte ich keine Wahl. Ich konnte nicht hinaus. Nachdem ich einmal die Annonce gelesen und zum Telefon gegriffen hatte, war klar, ich musste es tun. Zu einem vernünftigen Abwägen der Umstände kam ich nicht. Bedenken kamen keine auf, stattdessen war ich erfüllt von Freude und Energie. Endlich fing das Leben an. Mein Leben. Alles andere vorher schien nicht das wirkliche Leben gewesen zu sein. Es war Prolog, Zeit und Erfahrungen, aber nicht das Sein, nach dem ich mich sehnte.

In diesen Strudel riss ich meine Familie. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich drei Kinder. Wir lebten mit dem Vater meines dritten Kindes zusammen. Dieser sagte, auch für ihn würde sich ein Traum erfüllen, er würde uns ein Haus bauen, er wolle Ziegen halten und Käse machen und in meiner bedingungslosen Begeisterung glaubte ich ihm. Ich sah nicht die Angst in seinen Augen und sein Unvermögen, diese zuzugeben, seine Bedenken zu zeigen, wo er mutig sein wollte. Ich konnte es nicht sehen, von meiner Euphorie geblendet.

Nein, ich selber war nicht mutig, obwohl ich es immer wieder gesagt bekam.  Jede Angst vor diesem Schritt fehlte einfach. Das war der Moment, woraufhin ich gelebt hatte, es war mein Ort, den ich dort finden würde. Daher hatte ich keine Wahl. So wie grundlegende Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Müdigkeit ihren Ausgleich fordern, so musste ich auf diese Wiese in die Pyrenäen gehen.

Heute, über 20 Jahre später, ist mir ein bisschen so, als schreibe ich über ein fremdes Leben, als wäre nicht ich es, die zu diesem Schritt fähig war. Die Erinnerung daran macht mich staunen. Im Nachhinein kann ich nur sagen, es war, wie es war. Heute würde ich es auf diese Weise nicht mehr tun, nicht mehr tun können oder anders angehen. Aber heute bin ich auch ein anderer Mensch, geworden durch das, was ich tat und hervorgegangen aus dem, was ich war.

Der Aufbruch in die Pyrenäen hat mich geformt, wie kein anderes Erlebnis. Es forderte mich in allen Bereichen, wie sonst nichts vordem. Ich ging körperlich und seelisch an meine Grenzen und darüber hinaus.

Kommentare zu diesem Text

Anne (56)
(08.02.14)
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 Ganna meinte dazu am 08.02.14:
Danke, das ist fein...LG Ganna
janna (66)
(08.02.14)
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 Ganna antwortete darauf am 08.02.14:
...das komische für mich heute ist, dass es genauso war...

LG Ganna
Zweifler (62)
(09.02.14)
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 Ganna schrieb daraufhin am 10.02.14:
...es hat mein Leben grundlegend verändert und vielleicht auch gerettet...

LG Ganna
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