Mein Vater

Kurzprosa zum Thema Krieg/Krieger

von  Ganna

Alles, was ich über meinen Vater weiß, erzählte mir meine Großmutter und auch ihr Wissen über ihn war lückenhaft. Doch es gab eine Zeit am Anfang der Ehe meiner Eltern, wo mein Vater einige Geheimnisse aus seinem Leben preisgab. Später sprach er nicht mehr.
Er war als einziges Kind aus der Ehe eines Fabrikanten mit einer Sinti hervorgegangen, eine ungewöhnliche Verbindung, die sicher nicht einfach zu leben war. Ich kann nur Vermutungen darüber anstellen, wie sich materielle Sicherheit, Freiheitsliebe und Leidenschaft zur Zeit der Naziherrschaft, während der Zigeuner gemeinsam mit Juden, Kommunisten und Schwulen in KZs umgebracht wurden, vereinen lassen konnten.

Als mein Vater in jugendlichem Alter mit den Kommunisten sympathisierte, zeigten ihn seine Eltern, die stramme Nazis gewesen sein sollen, an. Vielleicht taten sie es aus Angst um ihr einziges Kind, vielleicht wollten sie Schlimmerem vorbeugen und rechneten nicht mit einer Verhaftung des minderjährigen Sohnes, vielleicht aber auch, war mein Großvater heimlich eifersüchtig auf seinen Sohn, der ein zu inniges Verhältnis zu seiner Mutter hatte. Sicherlich waren es mehrere Gründe, die zu dieser extremen Tat führten. Wahrscheinlich ist, dass sie ihrem einzigen Kind keinen Schaden zufügen wollten und nicht mit den Konsequenzen, die diese Anzeige nach sich ziehen würde, rechneten.
Mein Vater wurde verhaftet und aufgrund seiner Jugend nicht sofort erschossen, sondern zur Bewährung als Soldat nach Russland an die Front geschickt. Um für Deutschland neue Gebiete zu erkämpfen musste er seine Schule abbrechen und lernen, auf Menschen zu schießen. Er war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Seine Erlebnisse dürften erschreckend gewesen sein.

Er kam äußerlich unversehrt in russische Kriegsgefangenschaft. Das bedeutete, weiter unter lebensgefährlichen Bedingungen zu leben, zu hungern, zu frieren, im Freien zu schlafen, zu arbeiten und mit anzusehen, wie seine Kameraden und Freunde starben. Allein in der UdSSR gab es 3. 600 000 deutsche Kriegsgefangene, von denen 1. 094 250 das sind 30,4 %, das Lager nicht überlebten und ihre Familien nie wieder sahen. Die letzte größere Entlassungswelle aus diesen Lagern fand 1955 statt. (Wikipedia)
Um sein Leiden zu beenden, unterschrieb er einen Vertrag, in dem er sich verpflichtete, der russischen Siegermacht zu dienen. Er wurde in die russische Besatzungszone Deutschlands entlassen und kam zur kasernierten Volkspolizei nach Ostberlin. Die kasernierte Volkspolizei wurde 1952 gegründet. Er hatte wenigstens sieben Jahre in Gefangenschaft überlebt. Mit dieser Unterschrift entsagte er endgültig seinen Träumen von einem normalen Leben, doch das konnte er nicht wissen.

Er wechselte die Uniform und die Befehlshaber. Der Kasernenhof blieb, Befehle waren weiterhin sein Umgangston, Disziplin und Gehorchen sein Lebensinhalt. Für ihn ging der Krieg mitten im Frieden einfach weiter. Vielleicht wäre er gerne Tischler geworden oder Architekt, vielleicht liebte er vor dem Krieg Literatur, interessierte sich für Schiffbau oder wäre gerne gereist. Ich weiß es nicht.
Alle seine Wünsche und Träume musste er tief in sich verstecken und durfte sie nicht einmal selber wahrnehmen, damit ihm die ganze Verzweiflung seiner Lage nicht bewusst wurde. Sein Leben war von außen bestimmt. Nicht einmal über seinen Tagesablauf konnte er entscheiden, nicht einmal sein Essen wählen. Er war in eine Mühle geraten, die so langsam seine Seele zerrieb. Es gab keine Möglichkeit, ihr zu entkommen, gefangen im Hamsterrad der Zeit.

Als mein Vater gegenseinen Willen in den Krieg ziehen musste, war er 15 Jahre alt, bei Kriegsende 17 Jahre. Er war ein Kindersoldat. Für alles was geschieht, gibt es Ursachen, auch wenn wir nicht in der Lage sind, diese zu erkennen. In diesem Fall aber dürfte klar sein, dass seine Seele großen Schaden gelitten hatte, durch den Verrat seiner Eltern, durch die Kriegserlebnisse, Todesangst, Hunger und Entbehrungen, die wir uns nicht vorstellen können und letztlich durch die völlige Aussichtslosigkeit, ein Leben nach seinen Wünschen und Bedürfnissen leben zu können. In jungen Jahren war sein Leben bereits zerstört, seine Zukunft vorbestimmt, nicht von ihm selbst gewählt.

Psychologische Betreuung? Verständnis? Aufarbeitung? Jeder musste sehen, wie er mit seinem Trauma klar kam. Der größte Teil der Bevölkerung Deutschlands und Europas hatte furchtbare Erlebnisse gehabt, in den meisten Familien gab es gefallene Soldaten, Brüder, Väter und Onkel, die im Felde geblieben waren, deren Leichen man nicht wieder fand, von Geschossen zerfetzt im Schlamm versunken. So manch Liebende hoffte bis zum eigenen Sterben auf die Wiederkehr ihres vermissten Mannes. Bomben, die in den großen Städten auf  Frauen, Kinder und alte Menschen fielen, zerstörten Leben und Lieben, Häuser und Straßenbahnschienen. Familien wurden ausgelöscht, Nachbarn starben, Verwundete und Leidende überall.
Und nach dem Krieg ging es darum, körperlich zu überleben. Die Menschen hungerten und viele verhungerten, sie froren und viele erfroren.  Es gab zu oft nicht das Nötigste.

Nach dem Krieg lagen all diese traumatischen Erlebnisse wie ein dumpfer Nebel über Europa. Es herrschte Sprachlosigkeit in Deutschland.  Wie sollte sich jemand, der als „Herrenmensch“ schreiend den totalen Krieg gefordert hatte, die Entlarvung seines Irrtums verbunden mit der völligen Niederlage eingestehen? Es erfordert innere Stärke, einen Fehler zuzugeben, im privaten Bereich sowie in der Öffentlichkeit. Wie viele der ehemaligen Befehlshaber besaßen diese Stärke? Sind es denn nicht gerade die Mitläufer, denen es Mut und Verantwortung zur eigenen Meinung fehlt?

Es war keine Zeit sich zu besinnen, zu sich zu kommen und die ungeheuerlichen Erlebnisse zu verarbeiten.
Mein Vater musste gehorchen und durfte dafür im Gegenzug selbst Befehle erteilen. Das tat er dann. Ob in der Wohnung seiner Familie oder im Freien während des Urlaubs, er brüllte seine Anordnungen hinaus. Er sah sich als Befehlshaber seiner Frau und seiner Kinder, als Oberster einer hierarchischen Ordnung, der einzigen, der niemand anderes vorstand, des einzigen Ortes auf der Welt, wo er selber niemandem gehorchen musste. Das war der Ort, an dem gemacht werden musste, was er wollte und hier wollte er zeigen, dass er nicht nur der Untergebene war, sondern einmal selbst Macht hatte über andere. All sein Schmerz, seine Trauer und seine Wut über sein nicht gelebtes Leben suchten sich einen Kanal. Er brüllte und schlug um sich.

Die Sätze, die er in 18 Jahren an mich richtete, kann ich zählen, darum war es leicht, sie mir zu merken. „Du wirst dein Leben lang tun müssen, was andere dir sagen.“ war einer dieser Sätze und „Solange du hier die Beine unter den Tisch steckst, machst du, was ich sage.“ ein anderer.
Nein, das würde ich nicht tun, niemals. Nie würde ich ein abhängiges Leben führen, nie mich unterjochen lassen, nie mein Leben von außen bestimmen lassen. Niemals! Ich würde immer nur tun, was ich wollte und eher sterben, als mich einer Macht unterzuordnen, die nicht in meinem Sinne handelte. Und mit diesem festen Vorsatz, verwirklichte ich, ohne es zu wollen, die Sehnsüchte meines Vaters, die ihm vielleicht selber nicht bewusst waren.

Die Jugend meines Vaters bildet keine Entschuldigung für das, was er mir angetan hat, doch aber eine Erklärung. Nicht jeder, der aus dem Krieg kam, vergewaltigte seine Kinder, nicht jeder, der selber geschlagen wurde, schlug seine Kinder. Doch einige hatten nicht die Kraft, dem zu widerstehen, was sie selbst von innen auffraß. Hass und die Verzweiflung eines nicht gelebten Lebens ließ ihre Emotionen explodieren und Handlungen begehen, die sie selber nicht gut heißen konnten.

Kommentare zu diesem Text

holzköpfchen (31)
(02.02.14)
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 Ganna meinte dazu am 02.02.14:
Danke für den Hinweis...habe es geändert.
holzköpfchen (31) antwortete darauf am 04.02.14:
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 Ganna schrieb daraufhin am 05.02.14:
Danke, Du bist viel gründlicher als ich, die Zahlen waren mir gar nicht so wichtig in ihrer Genauigkeit...

 TrekanBelluvitsh (02.02.14)
Viele, die im Krieg waren, ganz gleich wie sie dorthin gekommen sind, lügen sich etwas vor.

Die Männer der Enola Gay, des Bombers, der die Atombombe über Hiroshima abgeworfen hat, haben immer behauptet, dass das den Krieg im Pazifik beendet hätte, eine These die von vielen nichtkonservativen amerikanischen Historikern bezweifelt wird. Die Frage ist: Was hätten sie anderes tun sollen? Hätten sie sagen können, dass dem nicht so war? Dann hätten sie die Verantwortung - zumindest einen Teil - für den Abwurf (mit-)getragen. Niemand kann mit einer solchen Verantwortung leben.

Der Adjutant des Lagerkommandanten von Ausschwitz Robert Mulka behauptete während des Auschwitzprozess (ab 1963) nichts vom Massenmord gewusst zu haben. Und auch wenn dabei natürlich prozesstaktische Gründe zu berücksichtigen sind, war auch das eine Flucht, nicht nur aus der Verantwortung vor der Welt, sondern auch vor sich selbst, um mit sich im Reinen zu sein. (Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass alle am Holocaust beteiligten grundsätzlich Sadisten waren.)

Aber auch der Frontalltag, gerade nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, war für einen ganze Generation von Männern prägend. Sie wurden Zeugen und selbst Opfer von brutalster Gewalt - und waren oft auch Täter!. Die Flucht in ein rigides hierarchisches System hat nach dem Krieg vielen den Alltag erst ermöglicht, hat ihnen den nötigen Halt gegeben. Und für manche ist die Erfahrung der Gewalt unumkehrbar geworden
"Nicht jeder, der aus dem Krieg kam, vergewaltigte seine Kinder, nicht jeder, der selber geschlagen wurde, schlug seine Kinder
wobei interessanterweise nicht für alle. Denn letztlich hat der Mensch immer eine Wahl.

Gerade das du am Ende diese Unterscheidung machst, gefällt mir sehr gut, denn viele verstehen - auch in anderen Zusammenhängen - bis heute nicht den Unterschied zwischen Erklärung und Entschuldigung.

Und wie du alleine an der Länge meines Kommentars merkst, hat mich dein Text mit auf die Reise genommen. Ich denke, sehr viel mehr ist kaum möglich.

 Ganna äußerte darauf am 02.02.14:
...wichtig ist, denke ich, zu zeigen, dasss wir als soziale Wesen, deren Überleben von der Gemeinschaft weitgehend abhängt, fest mit dieser verbunden sind...auch wenn es also richtig ist, dass jeder eine Wahl hat, so erfordert es Mut und Stärke, diese auch anzunehmen...und Verantwortung zu leben...in diesem Sinne ist es sogar mutig, eigene Fehler zuzugeben, wenn dies das Handeln der Gesellschaft in Frage stellt...die Verurteilung der Gruppe, den Ausschluss aus der Gruppe, das ist immer die schlimmste Strafe...

Danke für Deine Worte und das Sternchen,
LG Ganna
(Antwort korrigiert am 03.02.2014)
janna (66)
(02.02.14)
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 Ganna ergänzte dazu am 03.02.14:
...darüber muss ich nachdenken, sicherlich war die Seele meines Vaters sehr geschädigt, aber war sie zerstört?...er hatte keine Kraft, doch weshalb haben andere in vergleichbarer Lage diese Kraft?

Danke für Deine Worte und das Sternchen,
LG Ganna

 EkkehartMittelberg (02.02.14)
Es ist richtig, dass man zwischen Entschuldigung und Erklärung unterscheiden muss.
Aber welche innere Kraft erfordert allein schon die Erklärung, die du mit diesemText abgibst.
Liebe Grüße
Ekki

 Ganna meinte dazu am 03.02.14:
Danke Ekki, Deine Worte sind mir eine Freude, die Sternchen auch...LG Ganna

 FRP (02.02.14)
Ein sehr berührender Text - für einen wie mich, dessen Vater unwesentlich älter war, und ebenfalls an der Ostfront kämpfen musste, dann leider ein Bein verlor, und zum Glück in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Es sollte nie vergessen werden, dass damals Denunziation auch innerhalb der Familie einfach an der Tagesordnung war - so sagten mir es auch meine Eltern. Einer der Brüder meiner Mutter war Nazi, der andere Kommunist. Paradoxer Weise waren sie das auch noch nach dem Krieg - nur umgekehrt.

Letztlich glaube ich mein ganzes Leben zutiefst an das was Trekan sagt: "Denn letztlich hat der Mensch immer eine Wahl". Auch wenn diese Wahl in letzter Konsequenz den eigenen Tod bedeutet hätte. Leicht gesagt, schwer verwirklicht. Der Versuchung zu widerstehen. Durchzuhalten. Dein Vater hätte noch - wieviel? - 2? Jahre durchhalten müssen, ohne diese Vereinbarung, bis zur Amnestie 1955. Vielleicht hatte er das Gefühl, dies nicht mehr zu schaffen.

Letztlich kann jede Fehlentscheidung korrigiert werden. Peter Gläser, der "Cäsar" von "Renft", unterschrieb eine Vereinbarung als IM für die Stasi, aber er erfüllte sie nicht. Wenigstens das. Ehe man zum Tier wird, sich von Systemen zum Tier machen lässt: Hinschmeissen. Ausreiseantrag stellen. Selbstzentriert leben. Sich nicht das einzige Leben so fremdbestimmt versauen lassen. Leicht gesagt. Dein Vater hat es nicht geschafft; meiner hat (nicht in der SED, nicht bei der Stasi) lange geglaubt, die Bürger der DDR würden dereinst "Ostpakete" nach drüben schicken. Erst in den letzten Lebensjahren wurde er nonkonform und ein selbstzentrierter, unbequemer Querkopf. Wie der Zufall so spielt, hätte er heute Geburtstag. Einer der zirka 20 in ihm verbliebenen Granatsplitter wollte es 1975 anders.

Was können wir aus all dem lernen? Wir müssen es besser machen. Auch, wenn dies oft bedeutet, zu scheitern (in Bezug auf Status in der Gesellschaft, usw.). Ein wenig habe ich es geschafft, innerhalb der DDR keinerlei Zugeständnisse zu machen, keine Schuld auf mich zu laden, passiven Widerstand zu leisten. Ein Held war ich nie, auch wenn ich in Maschinengewehre (1989, beim Laufen um den Leipziger Ring) gestarrt habe. Zwei Stasi-Verhöre, vorher. Tadel in der Schule. FRP hört westliche Beatmusik, ist nicht in der FDJ. Will nicht in die Partei. Wenigstens das.

 Ganna meinte dazu am 03.02.14:
...das Vorhaben, es besser machen zu wollen ist sicher ein lobenswertes, aber haben es nicht alle Menschen? ...sie kommen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen bei ähnlicher Vergangenheit, Du schreibst es ja, der eine Nazi, der andere Kommunist.

Wie weit können wir unser Schicksal bestimmen? ...ist es neben den äußeren Umständen nicht auch entscheidend von unserer inneren Befindlichkeit abhängig? Darum geht es wohl. Ich bin heute überzeugt, mein Vater konnte es nicht anders machen. Etwas in ihm hat ihn so reagieren lassen, weil bestimmte Eigenschaften in ihm angelegt waren. Das ist auch keine Entschuldigugn, denn er war intelligent und wusste, was er tat.

Jeder hat die Wahl, ja, aber nicht jeder hat die Stärke, die Wahl auch in Anspruch nehmen zu können. Was bleibt, das scheint mir die Frage. Mehr miteinander reden, damit weniger aus Angst und Scham geschwiegen wird, denn im Schweigen wächst heran, was nächste Generationen zerstören kann...

Ich danke Dir für Deine anregenden Gedanken und das Sternchen,
LG Ganna
Gringo (60)
(09.05.15)
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 Ganna meinte dazu am 12.05.15:
Liebe Gringo,

jeder hat die Wahl, aber in wie weit stimmt das wirklich? Charakter, innere Stärke, Unabhängigkeit des Denkens und Fühlens, Bildung fehlten ihm.

Nicht jeder hat die Größe, groß zu handeln, die wenigsten, denke ich mal, sind dazu in der Lage, denn sonst hätten wir heute eine andere Welt.

...und natürlich ist er verantwortlich für sein Tun.

lg Ganna
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