Angst

Kurzprosa zum Thema Angst

von  Ganna

In mir war vor allem Angst. Angst dem Zuhause, Angst vor dem Außen, vor Erwachsenen, vor Männern und vor Menschen allgemein, Angst zu versagen, nicht zu genügen, kritisiert zu werden, nicht schön genug, nicht klug genug, nicht gefällig genug zu sein, nicht angenommen zu werden. Ich konnte es nicht ertragen, in der Außenwelt Ablehnung zu erfahren. Zum Überleben war ich auf Anerkennung angewiesen, ich war süchtig danach. Dabei war es mir gleich, ob meine Leistungen in der Schule gelobt wurden, meine Hilfsbereitschaft oder mein Äußeres.

Jede Kritik, jedes Ungenügen brachte mich an den Rand der Erinnerung und ließ die Bedrohung des endlosen Abgrunds auferstehen, so dass all die schrecklich dunklen Gefühle wieder da waren und mich umzubringen drohten. Es war für mich überlebenswichtig, gut zu sein und wenigstens zu den Besten zu gehören. So war ich eine gute Schülerin, beliebt bei den Lehrern und Kindern, gern gesehen bei den Eltern meiner Freundinnen, bescheiden, schüchtern und vorbildlich.

Wer ich war, das schlummerte irgendwo im Verborgenen und war mir unbekannt. Große Teile von mir waren wie abgestorben. Ich war geformt, um für das Äußere zu leben, mich darin zu verlieren, ohne mich zu kennen und die Umwelt schien dies zu begrüßen. So lange ich keine Ansprüche stellte, keinen eigenen Willen zeigte und keine Meinung äußerte, die der gängigen entgegen stand, solange gab es Freundlichkeit. Es war einfach, so zu funktionieren. Einfach, aber leblos. Und doch brauchte ich diese scheinbare Harmonie, die auf meinem Funktionieren im Sinne der anderen beruhte.

Vor authentischen Menschen fürchtete ich mich und zugleich empfand ich Bewunderung für sie. Sie zogen mich an, weil ich spürte, dass sie gesünder und eins mit sich waren und sie stießen mich doch auch ab, denn sie erinnerten mich zu sehr an meinen Verlust. In ihrer Gegenwart bekam ich eine Ahnung von dem, was ich verloren hatte. Es blieb bei einem Gefühl aus Schmerz, Trauer und Angst.
Nur eines lag wie ein tiefer Grund darunter: Ich will weg. Ich will entkommen. Ich will nach Hause kommen, zu mir, auch wenn ich nicht sagen konnte, was es war und wo. Langsam tastete ich mich vor. Sehr langsam nur eroberte ich mir das Leben, angepasst und unauffällig. Und das erforderte Mut, den Mut, den man braucht, um ein Schneckenhaus zu verlassen, außerhalb dessen man ungeschützt war. Wie eine Muschel ohne Schale im heißen Sand.

Erlernte Verhaltensregeln und aufgeprägter Glaube fügten mich in das gesellschaftliche System ein. Das sicherte mein Überleben in diesem System und das Überleben des Systems selbst. Wir werden als gesellige Wesen geboren und brauchen einander. Beziehungen schenken uns Geborgenheit, Zuwendung und Liebe, wenn alles halbwegs normal verläuft. Doch auch wenn es an Zuwendung mangelt, Liebe nicht gegeben wurde und Geborgenheit Angst bedeutete, ohne menschliche Begleitung sind wir zum Tode verurteilt. Wir müssen uns irgendwie einpassen, so lange wir nicht körperlich für uns selbst sogen können.

Und immer wieder das Vergessen suchen. Die Flucht aus einem Zustand, der nicht bestimmbar ist, nur unerträglich. Um dem Schmerz zu entkommen, tauche ich in Unbewusstheit. Immer wieder die Verdrängung lieben. Die eigene Seele morden wollen und das eigene Sein. Das Dasein verfluchen und die Unerträglichkeit des Schmerzes. Mit Messern, Rasierklingen, Alkohol und Tabletten auf den Körper losgehen, um seinen Verrat an der Seele zu rächen.
Die Augen müssen geschlossen bleiben, Sehen darf nicht erlernt werden, echte Kommunikation nicht geführt werden. Wer mit dem Verlust lebt, muss sich mit den Wunden arrangieren, des Überlebens willen. Das ist so. Doch wie lange soll das ertragen werden? Kann ein solches Leben lebenswert sein? Lohnt solch ein Überleben? Es ist erstaunlich mit welcher Kraft der Lebenstrieb den Schmerz ertragen lässt, wie er sich durchsetzt und verhindert, sich selbst zu morden.

Mit jedem Tun stelle ich mich infrage. Immer wieder kommt Altes durch, will sich Geltung verschaffen und dem Ego schmeicheln. Immer wieder drängen Ängste sich auf und vertreiben Courage. Es ist wie ein Drahtseilakt in 20 Metern Höhe. Oder noch höher. Das Ego schreit auf, wenn ich es übergehe. Immer wieder diesen Schmerz, der aus der Tiefe des Vergessenen aufsteigt, und mich hinab zu reißen droht. Der Schmerz ist unerträglich.

Doch unter allen Wunden gibt es etwas, das vollständig und unverletzt geblieben ist. Reinheit mit Liebe vereint, ganz tief unten, eine Ordnung in Harmonie, fast in Vergessenheit geraten, wie die eigene Seele.
Ich muss mich ins Niemandsland vorwagen, an etwas Unbekanntes anschließen und in Freiheit eingebunden sein, um mein Seelengeschenk finden zu können, das Geschenk, das ich für mich bin, für mich sein kann und für die Welt sein kann, wenn meine Natur sein darf.  Ich will das Geschenk, das ich bin, entdecken.


Kommentare zu diesem Text


 Dieter Wal (12.02.14)
"Ich will das Geschenk, das ich bin, entdecken." Prima Schlussatz. Nach deinem Profiltext hat die Erzählerin instinkthafte Formen ihrer Persönlichkeit als "innere Stimme" gelegentlich wahrgenommen. Bewegt sich das nicht in diese Richtung?

Mag die gesamte Erzählung. Gut geworden.

 Ganna meinte dazu am 12.02.14:
...legen sich in uns nicht unendlich viele innere Schichten übereinander, von denen die jeweils erreichte als innere Stimme ertönt?
...wie viele innere Stimmen lassen sich entdecken?
Entdeckung hört nie auf, ist jemals jemand schon bis an ihr Ende gekommen?

...schön, dass Du es magst,
LG Ganna
janna (66)
(12.02.14)
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 Jorge (13.02.14)
Der letzte Satz ist ein Hilfeschrei und zugleich der einzige Weg aus der Angst.
Der Text scheint mir etwas zu verdichtet.
Der erlittene Verlust bleibt nebulös, gerade wegen der Aussage: "Mit Messern, Rasierklingen, Alkohol und Tabletten auf den Körper losgehen, um seinen Verrat an der Seele zu rächen."
LG Jorge

 Ganna antwortete darauf am 15.02.14:
...lieber Jorge, ich bin sehr dankbar für kritische Rückmeldungen, es stimmt, was Du schreibst...

...ich arbeite meine Vergangenheit auf und möchte alle Texte am Ende - wenn ich es schaffe, aber so ist der vorläufige Plan - zu einem Ganzen zusammenstellen. Dabei bin ich momentan dabei, Material zu sammeln, was endlich vielleicht wieder verschwindet oder an anderer Stelle eingefügt wird. So sollte der Text Angst nach Fragmant 4 stehen, weil er deutlich darauf beruht, sich aus ihm ergibt, doch wollte ich auf jeden Fall Fragment 5 dazwischen haben, um mir selber und dem Leser eine Erholungspause zu gönnen...

...vielleicht sollte ich unter jeden Teiltext eine nähere Erläuterung schreiben?

Vielleicht sind die Texte wirklich zu verdichtet, doch um das sehen zu können, brauche ich etwas zeitlichen Abstand, im Moment des Schreibens kommen meine Gefühle hoch und da können sie mir manchmal gar nicht verdichtet genug sein.

lg Ganna
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