Fragment 1

Kurzprosa zum Thema Alles und Nichts...

von  Ganna

Nach einem intensiven luziden Traum wache ich auf und nehme die Eindrücke mit in den noch dunklen Morgen. Es ist viertel nach sechs. Mit dem Rauchzeug, Handschuhen und Streichhölzern gehe ich hinaus, fülle Wasser in den Topf, Kaffee und Tee in die Tassen. Um die Stille nicht zu stören, schichtete ich mit vorsichtigen Bewegungen Holz auf und entzündete es. Als hätten sie darauf gewartet, züngeln die Flammen in die Höhe und ergreifen von den trockenen Ästen Besitz. Auch nach vielen Jahren des Kochens auf offenem Feuer, schaue ich fasziniert den Flammen zu. Feuer ist noch immer eines der nicht zu erklärenden Wunder, das Entstehen der Flammen beim Zerfall toter Bäume und Äste, die Verwandlung gespeicherter Sonnenenergie in Wärme und Licht, ein letztes Zeichen gelebten Lebens, vor der endgültigen Vergängnis. Es wird warm mir zur Seite. Ich setze mich neben die Flammen und schaue ihrem Lodern zu.

Die Traumbilder wollen mich nicht loslassen, die Traumgestalten folgen mir bis in meinen Tag, eine ganze Familie mit vielleicht zehn Kindern, alle in selbstgestrickten Pullovern. Sie haben mich gerade beklaut, aus meinem Bus Geld und Papiere gestohlen, während ich von oben zuschaute, am Himmel schwebend und sie in meinem Auto sah. Obwohl ich sofort hinunterstürzte und sie auf frischer Tat ertappe, wollen sie meinen Rucksack nicht herausrücken. Bei ihnen in der Wohnung sehe ich, dass sie gerade dabei sind umzuziehen. Ihre Sachen stehen verpackt, die Möbel sind schon verladen. Alle zusammen machen sie auf harmlos und versuchen mich einzulullen. Doch ich habe es gesehen. Ich laufe durch die vielen leeren Räume ihrer Wohnung und kann nichts ausrichten.
Ich wachte auf und schüttelte sie ab, aber sie wehrten sich. Die Traumbilder und alle damit verbundenen Gefühle kleben hartnäckig an mir und wollen mit in den Tag genommen werden.

Langsam wird es heller. Der Lichtschein ist noch zu schwach, um unter das Vordach zu dringen. Meine Kerze flackert leicht vom Luftzug, der Bildschirm vom Laptop leuchtet und das Feuer verbreitet mit seiner Wärme auch Helligkeit. Vor der Hütte meckert wiederholt ein Vogel. Fern auf der Weide krächzt die Krähe. Die Welt wacht auf.

Vor Tagen schon zogen die Winde in andere Gegenden, ziehen durch dortige Gefilde und brüllen vor sich hin.  Hier stehen Bäume und Büsche reglos, ihre Blätter verharren still vor den Stämmen und Ästen, als wären sie nicht daran befestigt. Auch wenn ich sie genau beobachte, erkenne ich nicht die zarteste Bewegung. Ich bin mit den Tieren allein im Wald, der es aufgegeben hat, sich lebendig zu äußern. Immer besser ist zu erkennen, dass der Himmel mit einer grauen Wolkendecke bezogen ist. Wie in graue Watte gepackt, regt auch er sich nicht. Feine Niesel formen sich zu Tropfen, die leise auf das Blattwerk schlagen. Nach einigen Minuten beginnt es rings um mich zu pladdern. Wie in einem Kokon aus Regen sitze ich hier geschützt und gewärmt. Mit jedem Tropfen fällt ein Gedanke von mir ins Bodenlose. Ich ziehe mich in mich zurück und versinke gänzlich in mich selbst, erlebe die Ausdehnung nach innen. Alles Äußere hört auf zu existieren. Nur ich bleibe, umhüllt von Regen.
Still.

Wir haben einen dieser wundervollen Tage, die mich glauben machen wollen, allein auf der Welt zu sein. Umgeben von Bäumen und Sträuchern, die sich ruhig unter dem sanften Regen ducken, sitze ich und genieße mein Hiersein. Den Kaffee habe ich getrunken, den Tee auch, das Waschwasser ist heiß; es beginnt zu sieden. Aber es ist noch nicht hell genug, um Wäsche waschen zu können.  Also sitze ich am Tisch um zu schreiben.


Anmerkung von Ganna:

...der Versuch zu beschreiben, wie ich mich befinde, woher ich kam und wohin ich gehe, wobei das Ziel unbestimmt bleibt...in Fragmente aufgegliedert...unbestimmt, was daraus wird...

Kommentare zu diesem Text


 Sanchina (14.01.14)
Das ist eine schöne Situationsbeschreibung; ich fühlte mich beim Lesen, als sei ich dabei ...
Du springst zwischen Gegenwart und Vergangenheit herum; da erkenne ich kein System. Ist das Absicht? Wenn ja, warum?
Gruß, Barbara

 Ganna meinte dazu am 14.01.14:
Danke für Deine Empfehlung und für den Hinweis, ich habe nicht auf die Zeiten geachtet, schaue ich mir noch einmal an...

LG Ganna

 EkkehartMittelberg (14.01.14)
ich kann die Idylle des beginnenden Tages und die Traumbilder nur schwer in Einklang bringen. Hilfst du mir, Ganna?
LG
Ekki

 Ganna antwortete darauf am 26.01.14:
Lieber Ekki,

...das verstehe ich und ich kann Dir nur insofern helfen, als ich Dir sagen kann, dass es sich bei den Fragmenten um Versuche handelt, meine Vergangenheit mit meiner Gegenwart abzustimmen, das eine aus dem anderen zu erklären bzw. zu interpretieren...also auch der Traum kann entsprechend der Vergangenheit ODER der gegenwärtigen Situation gesehen werden...d.h. er lässt sich wahrscheinlich erst nach etlichen Fragmenten deuten und sollte dann in die Zukunft weisen...

Ich weiß selber noch nicht genau, wo das alles hinführt und möchte es mir noch offen lassen...vielleicht bleiben es einfach nur Fragmente, vielleicht aber ordnen sie sich mit der Zeit von selber in ein Projekt, das sie fassen kann...

Danke für Deine Anregung,
LG Ganna
hagan (35)
(25.01.14)
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 Ganna schrieb daraufhin am 26.01.14:
...Danke für Deine Reflektionen,

LG Ganna

 EkkehartMittelberg (27.01.14)
Der Text hüllt mich mit Wärme ein. Ich spüre sie physisch und psychisch.
LG
Ekki

 Ganna äußerte darauf am 28.01.14:
...das lese ich sehr gern...

LG Ganna
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