Letter to the Lost

Kurzprosa zum Thema Zeit

von  Livia

Dieser Text gehört zum Projekt  Texte vom Tod.
Gestern ging ich in den Schuppen und betrachtete die Wiege, die du gemacht hast, sie funktioniert noch, aber sie hat niemanden mehr, für den sie funktionieren soll. Du warst so unbedingt stolz, und, mein Gott, wie habe ich dich dafür geliebt. Ich vermisse selbst, die immergleiche CD, die immer wieder hängen blieb, ohne dass du sie ausgetauscht hast, was ich hasste und gottverdammt ich wollte dich retten. Am meisten vor dir selbst. Aber deine gesprenkelten Augen aus Sonnenblumenfelderfarben waren wurzellos. Ich wünschte, ich könnte dich halten, das Atmen wird dann immer einen Stich schwerer, wie ich deinen Vater rufen höre, weil ich weiß, er wird bald auch vergessen haben, dass du tot bist. Versteckt im Schuppen hinterm Fliederbusch, rieche ich hier Staub und Zeit. Die zwei bis fünf Grad, die es hier immer kälter ist, frieren die Sekunden mit ein. Es ist nicht fair. Und es ist nicht zu früh. Denn auch in den nächsten zahllos angeschwemmten Jahren könnte ich dich immer noch nicht gehen lassen. Die alte Taschenuhr lässt sich nicht mehr aufziehen. Gräm dich nicht, mein Herz, es ist alles… Warte – ich glaube, ich kann Boden unter meinen Füßen spüren.


Anmerkung von Livia:

 Letter to the Lost

Der letzte Satz bezieht sich auf "Oberflächenspannung" und soll den offenen Satz mehr schließen.

Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren

Kommentare zu diesem Text


 Oskar (06.04.17)
Am Ende ist der Boden immer ein doppelter. Wie Zeit durch Fugen rinnt, rinnt mein Körper, dem Sand ähnlich, durch die Ritzen der Dielen. Sie knarren schon lange nicht mehr.
Dein Geist Liebes, ist der letzte Stern am Firmament. Hörst du die Explosion?

 Livia meinte dazu am 06.04.17:
Noch lebt der Lärm in den Schalwellen der Ferne. Der Boden wird wohl halten bis zum nächsten Erdrutsch. Was meinst du, werden die Ruinen reichen oder müssen wir neues erschaffen, um zu sagen, wir leben?

 Oskar antwortete darauf am 08.04.17:
Die Milben auf unseren Körpern müssen tanzen.

 sandfarben (06.04.17)
Sehr schön! Und traurig! Traurigschön.
lg christa

 Livia schrieb daraufhin am 06.04.17:
Danke, das Schöne ist der Mantel der Trauer, um sie aushaltbar zu machen. Liebe Grüße, Livia

 EkkehartMittelberg (06.04.17)
Die Schwere des Verlusts hat Ausdruck gefunden.
LG
Ekki

 Livia äußerte darauf am 06.04.17:
Dann hat es seinen Sinn erfüllt. Danke dir. Liebe Grüße, Livia

 TassoTuwas (06.04.17)
Schmerzhaft realistisch!
Was war lässt sich nicht ändern.
Die Zeit macht die Abstände größer und den Schmerz kleiner!
Die Zeit ist eine Schnecke.
LG TT

 Livia ergänzte dazu am 06.04.17:
Und ihre Schleimspur die Erinnerungen!
Liebe Grüße, Livia

 wa Bash (06.04.17)
melancholisch, sonnenblumenfelderfarben ungewöhnlich gut...

 Livia meinte dazu am 06.04.17:
Dankeschön! Sonnenblumengelbe Grüße, Livia
Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online: