Im Taumel der Stille

Groteske zum Thema Literatur

von  Bergmann

Am Lesetisch im hohen Foyer der Bezirksbibliothek zwei Frauen, Esmeralda und Iris, ein Mann, Georg. 20 Uhr. Ein gutes Dutzend Zuhörer ist erschienen, zwei weiße Kopfketten auf den Stühlen vor dem freundlich dreinblickenden Lesetrio.

Ich begrüße Sie herzlich zu der Lesung, sagt die Bibliotheksleiterin, ich freue mich, dass es uns wieder gelungen ist, so qualitätsvolle Autoren für unsere Lesereihe zu gewinnen, und ich bitte Sie, sich davon hic et nunc zu überzeugen. 

Georg eröffnet die Lesung mit leise raunender Stimme:

Auch ich begrüße im Namen der Lesenden die relativ zahlreich Erschienenen in einer Zeit, wo es gute Lyrik schwer hat. Die Autorinnen haben ihre Bücher mitgebracht und signieren gern in der Pause. Ich bitte allerdings um Ihr Verständnis, dass Esmeralda, die noch unter den Folgen eines schweren Treppensturzes leidet, nur so lange signiert, wie ihre Hand das zulässt.

Sakrale Stille.

Iris blickt auf vom Blatt, schaut intensiv ins Publikum und liest mit fester,  rauchiger und zugleich sonorer Stimme:

Dich erfasst Kälte –
noch wie oft Frühling ?

Lass rauschen das Meer –
bleib schweigsam mit dir im Einklang

Iris blickt zu Esmeralda, die rechts von ihr sitzt. Esmeralda schaut auf vom Blatt, blickt etwas müde ins Publikum und liest mit fragiler, heiligender Stimme: Ein Prosatext, sagt sie. Ich lese einen Prosatext.

Hinter Friedrich und Gabriele dehnten sich Wiesen... Nebelschwaden deckten sie zu. Die Sonne kroch über die Kuppe. ... Ohnehin hätte einer den andern nicht zu verlieren vermocht. Ihr Herz war laut vernehmbar. Es war ihr, als ob sie die Zeit schüfe. Ihre Füße sollten nicht vor der Zeit ermüden. Es schien, als kennte Friedrich die Gedanken, die in Gabrieles Herz sich seiner nicht erwehren zu können glaubten. Es war ihm, als würde er des Wahns gewahr, der sich in ihm auszubreiten nicht entbrechen zu sollen schien.

Esmeralda schaut an Iris vorbei zu Georg hinüber. Georg blickt auf vom Blatt und sieht übers Publikum hinweg in die Stille hinein, die sich in kleinen Kristallen in der Luft über den silbernen Köpfen manifestiert. Es schneit. Die Flocken tragen das Licht des Himmels, der aus den kleinen Lampen der Milchstraße unter der Decke der Bibliothek nach unten fließt. Ein Gedicht. Ich lese ein Gedicht, sagt Georg. Ein Gedicht.

Sonetta d’amore

Gattungsumspannend

Der Mann erzeugt sich,
die Frau gebiert sein Bild

Der Bach rauscht wie immer
Mann und Frau machen es

Die Augen sind aufgerissen
doch der Text weitet sich aus
wie Brasilholz in der Nacht
zwischen die Steinbilder

Haare im Mund von diesem Mann
dieser Frau

Flüssiges Antwortverhalten

Erotema Textgeburt

Georgs Stimme erstirbt. Seine Augen suchen Iris, die links neben ihm sitzt. Dann blickt er wieder auf sein Blatt. Iris schaut auf vom Blatt und sticht ihren Blick ins Publikum, das sich da und dort räuspert, als wolle das Schweigen etwas sagen, was unsagbar ist angesichts der poetischen Elaborate, die in den Gehirnen wie Dominosteine sich aneinanderfügen. Sand meiner Kindheit, sagt Iris.

Sand meiner Kindheit

Die Last deiner Väter gebeugt zu tragen brauchst du nicht mehr.

Ein Gedicht, sagt Iris. Ein Gedicht.

Jedem gehört ein Ort und eine Zeit.

Ich trage die Stille meines Ortes durch die Zeit...

Das denkt wohl so mancher Zuhörer auch. Über ihm der gestirnte Himmel, vor ihm die fallenden Schneeflocken, die auf den Silbergipfeln tauen, verlöschende Worte, die sich ins Zellengrau senken und von dort ins Herz rauschen, Gesang der gehörten Worte im Körper. Melanin bildet sich, der Wahn nimmt zu, rast aus den Ohren hinaus ins Universum der Stille, des Nichts, das Anfang und Ende war.

Ich frage die Stille meines Ortes nach der Zeit.

21 Uhr. Noch ist es nicht Nacht, nicht ganz, der Sandmann ist aber schon da. Ich fühle seine zärtliche Hand über meiner Stirn. Gleich wird es dunkel.

Da verlosch die Spur
unter wachendem Blick
auf deinen Atem.

Danke, sagt Iris, und schaut seitwärts hinüber zu Esmeralda, die von ihrem Blatt aufschaut und in die Stille hinein die Augen zu den Köpfen im Publikum hebt, das wie in einem langsamen Staccato der Lungen leise bebt. Ich lese einen Prosatext, sagt Esmeralda im Timbre der formalen Würde. Einen Prosatext.

Das Liebste auf der Welt ist mir der Wind. Ich achtete nicht der Unebenheit des Wegs. Zunächst schien es, als ob ich Boden gewänne ...

Ich ziehe gewänne gewönne vor, ich habe mich auch lange gefragt, ob der Indikativ in einem so poetischen Text genügte, aber dann lieferte ich mich vielleicht dem Vorwurf aus, ich beherrschte die grammatischen Regeln nicht.

... wenn es mir nur gelänge, nicht zu taumeln.

Das Komma kann entfallen, man hört es sowieso nicht.

Danke, sagt Esmeralda.

Ich danke den Lesenden, sagt die Bibliotheksleiterin, die Autoren stehen Ihnen jetzt noch zur Verfügung, um ihre Bücher zu signieren.

Das Schweigen der poetischen Wörter geht über in knarrende, schabende Schiebegeräusche von den Stühlen auf dem Kunstmarmor. Räuspern, Husten, Murmeln. Hier und da wachsen wieder Worte in die dritte Dimension. Von der Galaxis des Foyergewölbes strömt grelles Licht zu Boden. Dort taut der Schnee, das Wasser steigt, die Schwäne tunken ihr Haupt ins heilig-nüchterne Wasser und schwimmen hinaus in die gleißende Nacht der klirrenden Stadt.

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Kommentare zu diesem Text


 HerrSonnenschein (17.01.19)
Gerne gelesen! Du schafftest es, mich dranzuhalten an deinem Text. Er baut eine subtile Spannung auf und auch Komik.

 AZU20 meinte dazu am 18.01.19:
Da stimme ich zu. LG

 Willibald (17.01.19)
ein feine unheilge Allianz sonor zwischen Lesenden und Rezipienten parlierend, interagierend, progressiv infizierend und erhebend. Komische Fallhöhe.

Aside:
Kafka hat einen feinen Lesungsbericht gegeben, bleibt dabei unangesteckt und empathisch-trocken:


Bernhard Kellermann hat vorgelesen: einiges ungedruckte aus meiner Feder, so fieng er an. Scheinbar ein lieber Mensch, fast graues stehendes Haar, mit Mühe glatt rasiert, spitze Nase, über die Backenknochen geht das Wangenfleisch oft wie eine Welle auf und ab. Er ist ein mittelmässiger Schriftsteller mit guten Stellen (ein Mann geht auf den Korridor hinaus, hustet und sieht herum, ob niemand da ist) auch ein ehrlicher Mensch, der lesen will, was er versprochen hat, aber das Publikum liess ihn nicht, aus Schrecken über die erste Nervenheilanstaltgeschichte, aus Langweile über die Art des Vorlesens giengen die Leute trotz schlechter Spannungen der Geschichte immerfort einzeln weg mit einem Eifer, als ob nebenan vorgelesen werde. Als er nach dem 1/3 der Geschichte ein wenig Mineralwasser trank, gieng eine ganze Menge Leute weg. Er erschrak. Es ist gleich fertig, log er einfach. Als er fertig war, stand alles auf, es gab etwas Beifall, der so klang als wäre mitten unter allen den stehenden Menschen einer sitzen geblieben und klatschte für sich. Nun wollte aber Kellermann noch weiterlesen eine andere Geschichte, vielleicht noch mehrere. Gegen den Aufbruch öffnete er nur den Mund. Endlich nachdem er beraten worden war sagte er: Ich möchte noch gerne ein kleines Märchen vorlesen, das nur 15 Minuten dauert. Ich mache 5 Minuten Pause. Einige blieben noch, worauf er ein Märchen vorlas, das Stellen hatte, die jeden berechtigt hätten, von der äussersten Stelle des Saales mitten durch und über alle Zuhörer hinauszurennen.

Tagebucheintrag vom 27. November 1910, in: Franz Kafka, Tagebücher, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley, Frankfurt am Main (S.Fischer) 1990, S. 127f.

greetse
ww

 Lluviagata antwortete darauf am 17.01.19:
:-)

 Bergmann schrieb daraufhin am 17.01.19:
Lieben Dank für den Kommentar!
Kafkas Tagebucheintrag - auch er litt.
Apropos: Aus welcher Sprache ist "greetse"?
Herzlichst: UB

 Lluviagata (17.01.19)
Es war ihm, als würde er des Wahns gewahr, der sich in ihm auszubreiten nicht entbrechen zu sollen schien.
Trotz solcher Satzungetüme eine gute, stimmungsvolle Geschichte vom Glauben an die eigene Erhabenheit.
Mir persönlich fehlen am Ende die langen Gesichter angesichts unverkaufter Gedichtbändchen. Oder kann ich mir das denken? Mh.

Liebe Grüße
Llu ♥

 Irma äußerte darauf am 17.01.19:
Ha, überschnitten. Zwei Doofe, ein Gedanke: Wasn Glück, dass wir nich auf diesa Lesung waren, Lluchen! :D

 Irma (17.01.19)
Die Sorgen um Esmeraldas verunfallte Hand waren sicher unbegründet. Und auch die Hände von Iris und Georg wurden bestimmt nicht übermäßig beansprucht. Mitleidvolle Grüße, Irma

 Bergmann ergänzte dazu am 17.01.19:
An alle:
Natürlich habe ich Bericht und Zitate zugespitzt, auch sprachlich - z. B. die Konjunktive und Auxiliarkomplexe. Im Prinzip aber war die Lesung wirklich so.

 GastIltis (17.01.19)
Die erschienenen Olympier eröffnen ihre vergeistigten Tätlichkeiten, um sich ihrerselbst zu vergewissern. Kurz: es zählt der olympische Gedanke. Dabei (gewesen zu) sein, ist alles. Oder besser: wäre alles gewesen! Ein Lesegenuss der extravaganten Erotik. Im Taumel der Stille! Herrlich, liebe Grüße von Gil.

 Bergmann meinte dazu am 17.01.19:
Besten Dank fürs freundliche Kommentieren! - Uli

 niemand (17.01.19)
Ein Schelm der nicht an Hape Kerkelings "Hurz" denken muss.
LG niemand

 Bergmann meinte dazu am 17.01.19:
Es ist aber kein Fake! Allerdings war Hapes Fake auch nicht ganz gefaked. LG

 Teichhüpfer (17.01.19)
Medientauglichkeit, dem Denken eine Form zu geben, wer bin ich eigentlich im Lyrischen Ich?

 Bergmann meinte dazu am 17.01.19:
Gute Frage! Otto Conrady sagte mir vor einigen Jahren mal, je älter er werde, umso unheimlicher werde ihm der Begriff des Lyrischen Ichs, und er empfiehlt, ohne diesen Begriff auszukommen. Die Gleichsetzung mit dem Autor bilde zumindest eine (bedeutende) Schnittmenge mit dem Lyrischen Ich.
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