Als Tommi kaputtging

Erzählung zum Thema Kinder/ Kindheit

von  Carlito

Tommi war ein Schwamm. Schon in der Grundschule brachte der kleine Blondschopf die Lehrer in Verlegenheit, weil er Fragen zum Lehrstoff stellte, die sie nicht beantworten konnten. Für Tommi stand fest, dass er einmal Wissenschaftler werden würde. Manche in seiner Klasse hielten ihn für einen Streber, aber das war ihm egal.
Als das Ende der Grundschulzeit bevorstand, entschieden sich seine Eltern, ihn trotz seiner hervorragenden Noten und der Fürsprache der  Lehrerschaft nicht aufs Gymnasium, sondern auf die Realschule zu schicken.
„Immer schön auf dem Teppich bleiben“, hatte sein Vater gesagt.
‚So wie du‘, dachte Tommi. Sein Vater war Arbeiter und kam meist schmutzig und müde von der Baustelle und aß dann zu Abend und trank Bier. Viel mehr wusste er nicht von ihm. Manchmal hatte Tommi ihn Dinge gefragt, die er nicht beantworten konnte. Vielleicht schämte er sich dafür. Irgendwann hatte Tommi aufgehört, seinem Vater Fragen zu stellen. Sie redeten ohnehin nicht viel miteinander.
Tommis Mutter hätte ihren klugen Sohn gern aufs Gymnasium geschickt, aber sie beugte sich der Entscheidung ihres Mannes. Er brachte schließlich das Geld nach Hause.
„Du kannst später immer noch aufs Gymnasium wechseln“, hatte sie gesagt.

Das erste Jahr auf der Realschule meisterte der „Schwamm“ ohne Anstrengung. Naturwissenschaft, Geschichte, Sprachen, Mathematik – kein Fach brachte ihn ins Schwitzen. Seine Lehrer waren begeistert. Nur mit dem Sportunterricht konnte Tommi nicht viel anfangen. Welchen Zweck erfüllte dieses Laufen im Kreis? In seiner Klasse war Tommi beliebt, weil er gern bei den Hausaufgaben half. Und plötzlich waren Mädchen auf einmal nicht mehr „doof“ …
Einmal saß er mit Sabrina in seinem Zimmer an seinem Schreibtisch. Sie hatte ihn darum gebeten, ihr bei den Mathehausaufgaben zu helfen. Während er ihr die Aufgaben erklärte, stellte er fest, dass Sabrina langes glänzendes schwarzes Haar hatte und ganz wunderbar duftete. Er sah ihr in die Augen, diese magisch leuchtenden Augen und als sie seine Hand in ihre nahm, verstand er Mathematik nicht mehr.
Die sechste Klasse war sein glücklichstes Schuljahr.
Tommi ging mit Sabrina. Er kritzelte ihren Namen auf sein Etui. Einmal, zweimal, dutzendfach. Ihre Stimme war Gesang. Sabrina nahm Ballettunterricht. Sie zeigte ihm eine neue Welt jenseits der Wissenschaft, eine Welt des Ausdrucks und des Gefühls, die man wissenschaftlich kaum erfassen konnte. Tommi und Sabrina. Für immer und ewig.
In der siebten Klasse trat Rob in sein Leben.
Rob war sitzengeblieben. Rob war groß. Rob war dumm. Und Rob war ein Sadist. Schon am ersten Schultag nach den Sommerferien war Tommi aufgefallen, dass Rob immer nur Streit suchte. Er war ein Höhlenmensch, der in die Zivilisation gefallen war.
Beim Sportunterricht verdiente sich Rob seine ersten Sporen als Menschenschinder. Vor allem bei Mannschaftsspielen verteilte er großzügig Beulen und blaue Flecken. Sein bevorzugtes Opfer war Tommi. Sobald es Menschen mit Bällen zu bewerfen galt oder sie in den Schmutz zu schubsen, war Rob in seinem Element. Er ging selten so weit, dass er sich einen Verweis einfing, aber er erarbeitete sich einen Ruf. Tommi hasste den Sportunterricht mehr als je zuvor.

Tommi saß zusammen mit Sabrina auf einer Parkbank. Sie hielten Händchen, aber Sabrina merkte, dass Tommi mit seinen Gedanken woanders war.
„Sprichst du mit mir?“, fragte sie.
„Ich … ja, natürlich!“, entgegnete Tommi. Es schien Sabrina, als würde er aus einer anderen Welt zurückkehren. Und es war keine schöne Welt.
„Dieses Rob-Ding macht dir zu schaffen“, sagte Sabrina und nahm seine Hand. „Warum gehst du nicht zur Schulleitung?“
„Ich werde es überleben“, antwortete Tommi. Er hörte seinen Vater reden. Er hasste seinen Vater. Und er hasste sich.
Tommi hatte mit seinen Eltern über Rob gesprochen.
„Wehr dich doch einfach“, hatte sein Vater gesagt. Sein Mutter hatte nichts gesagt.
Seine Schulnoten wurden schlechter. Der Wissenschaftler Tommi  verschwand im Sog der gewalttätigen Realität.
Tommi, der Schwamm verwandelte sich in einen Felsen. Sabrina hielt noch eine Weile zu ihm, dann wandte sie sich von ihm ab.
Tommi war wieder allein.

Es war in der letzten großen Pause vor den Sommerferien, als Tommi kaputtging.
Er hatte gesehen, dass Rob sich auf einem abgelegenen Teil des Schulhofes aufhielt. Rob hatte ihn noch nicht bemerkt. Wie ein Revolverheld in einem Western näherte sich Tommi aus der Sonne. Rob sah ihn erst spät. Er bemerkte auch nicht, dass die Angst in Tommi's Blick etwas anderem gewichen war. Rob lachte.
„Na, Streberlein, brauchst du noch Nach-Schlag?“, gackerte er.
Tommi beschleunigte seinen Schritt. Er rannte.
Als ihm Tommi mit voller Wucht zwischen die Beine trat, explodierte in Robs Leib all der Schmerz und die Demütigungen, die er anderen beigebracht hatte.  Er fiel stöhnend auf die Knie und griff zwischen seine Beine. Tommi wartete nicht darauf, dass sein Gegner sich erholte. Er trat ihm gegen die Brust. Rob stürzte auf die Seite. Tommi trat zu – einmal, zweimal, dreimal. Sein fröhliches Kindergesicht war einer wütenden Fratze gewichen. Kurz blickte er auf seinen Peiniger herab, der sich vor Schmerzen am Boden wand. Dann setzte er sich auf seine Brust. Tommis Kinderfäuste verwandelten sich in eiserne Hämmer, die auf das Gesicht seines Feindes einschlugen, während er all den Hass und die Wut in erbärmliche Schreie goss. Tommi hörte erst auf, als Robs Gesicht nur noch ein zertretener Hamburger war.
„Mami, Mami“, wimmerte Rob.
Langsam stand Tommi auf.
Er nahm kaum die entsetzten Blicke wahr, die die Umstehenden auf die beiden Jungen warfen. Er blickte auf seine blutverschmierten Hände. Wie ein Automat machte er sich auf den Weg zum Waschraum. Die Jugendlichen um ihn herum bahnten ihm eine Gasse, als wäre er ein mythischer Held, der ein Ungeheuer besiegt hatte.
Aber er war nur ein Kind, das gestorben war.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (29.12.19)
Hastig erzählt, im Mittelteil zu viel Dialog, der Schluss zu pathetisch. Carlito, oft ist weniger mehr!

P.S.:
Unverständlich ist der Halbsatz "...ein Höhlenmensch, der in die Zivilisation gefallen war".

 Carlito meinte dazu am 29.12.19:
Danke für deine Kritik. Ich werde sie mir zu Herzen nehmen. Den Satz mit dem Höhlenmenschen finde ich verständlich.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 30.12.19:
Das ist ja schön, dass DU ihn für verständlich hälst...

 Carlito schrieb daraufhin am 30.12.19:
Wer versteht den Satz außer dir nicht? Ich bin gespannt.

 Graeculus (29.12.19)
Eine eindringliche Geschichte über Mobbing in der Schule.
Als Kind ist Tommi jetzt gestorben. Und sonst?

 Carlito äußerte darauf am 29.12.19:
Danke für deine Empfehlung. Beim "Und sonst?" stehe ich gerade ein wenig auf der Leitung.

 Graeculus ergänzte dazu am 29.12.19:
Nun, er lebt ja weiter. Kind ist er nicht mehr. Ist er nun erwachsen geworden? Hat er etwas fürs Leben gelernt?

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 30.12.19:
Typische Lehrer-Frage, Graeculus!

 Carlito meinte dazu am 30.12.19:
Diese Geschichte wurde durch Erlebnisse in meiner Schulzeit inspiriert. Das drastische (und pathetische!) Finale hat zum Glück so nicht stattgefunden. Für manche Menschen ist das Erwachsenwerden ein schmerzhafter Prozess, für andere ein müheloser. Ich gehöre eher zur ersten Kategorie.
Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Schreiben dieser Geschichte so berühren würde. Tommi darf jetzt erst einmal Urlaub machen. So schnell werde ich so wohl nicht wieder anfassen (von wegen, hastig, pathetisch und so …)

 Ralf_Renkking meinte dazu am 01.01.20:
@Graeculus
Die Unterscheidung zwischen faktualen und fiktiven Geschichten ist in der Tat nicht einfach, besonders wenn es sich um eine Mischung handelt, und selbst das Fingerspitzengefühl langjähriger Erfahrung kann hier ziemlich täuschen, manchmal hilft es allerdings, die Erzählstränge einzeln in ihrem Bezug zur Realität zu untersuchen.
@Dieter
Untypische Journalisten-Bemerkung!
@Carlito
Die Kritik einer literarischen Bremse solltest Du nicht überbewerten, vor allem aber keine voreiligen Schlüsse ziehen, denn die Figur des Tommi hat ja nichts mit dem Erzählstil zu tun, und sicherlich könnte an letzterem ebenso wie an der Authentizität der Erzählung noch etwas gefeilt werden, im Großen und Ganzen denke ich aber, dass Du auf dem richtigen Weg bist, besonders was den Entwicklungshorizont der Figur anbetrifft. Bleib also dran!!!

Ciao, Frank

P.S.: Ein frohes neues Jahr Euch!

 Buchstabenkrieger (02.01.20)
Hallo carlito,

angelockt durch deine andere Geschichte bin ich auf dieses kleine, feine Teil gestoßen.
Und: ich bin ziemlich begeistert,

Tommi war ein Schwamm.
Der erste Satz, der ja neugierig machen soll, macht hier tatsächlich neugierig.
Zuerst dachte ich, er ziehe alles Wissen in sich auf, dann war doch/auch etwas anderes gemeint. Gut gemacht.

Der Wissenschaftler Tommi verschwand
Leerfeld zu viel

Fürsprache der Lehrerschaft
dto.

Viel mehr wusste er nicht ihm.
Da fehlt ein Wort.

Tommi ging mit Sabrina.
Klasse.

Die sechste Klasse war sein glücklichstes Schuljahr. ...
In der siebten Klasse trat Rob in sein Leben.
Sehr gute Absatz-Anfänge.

Es war in der letzten großen Pause vor den Sommerferien, als Tommi kaputtging.
Sehr gut.
Besser wäre vielleicht: als der Junge/das Kind Tommi kaputtging.
Denn das nimmst du ja unten so auf.

Die Jugendlichen um ihn herum bahnten ihm eine Gasse, als wäre er ein mythischer Held, der ein Ungeheuer besiegt hatte.
Aber er war nur ein Kind, das gestorben war.
Prima Ende

Tommi's Blick
Tommis

Große Klasse.

LG, Buchstabenkrieger

Kommentar geändert am 02.01.2020 um 11:09 Uhr
bleibronze (69)
(12.01.20)
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