Als Vati ein Kind war

Erzählung zum Thema Abenteuer

von  Carlito

Es war Bettzeit, aber der kleine Pitt wollte noch nicht schlafen. Er bettelte so lange, bis sein Papa bereit war, ihm eine Geschichte zu erzählen.
„Als ich so alt war wie du“, begann er, „sah die Welt ganz anders aus. In dem Bächlein im Wald floss kein Wasser, sondern Milch. Man musste sich nur bücken, um davon zu trinken. Wir machten uns oft einen Spaß daraus, mit den Füßen darin zu strampeln und Sahne herzustellen. Manchmal aßen wir soviel davon, dass wir Bauchschmerzen bekamen.
Das Harz der Bäume war reinster Honig. Wir strichen ihn auf die Hüte der Pilze, die Lebkuchen und Printen waren.
Die Wolken am Himmel waren aus feinster Zuckerwatte und wir sprangen so hoch wir konnten, um davon zu naschen. Manchmal blieben wir daran kleben und flogen eine Weile herum. Das machte uns großen Spaß! Wenn wir keine Lust mehr hatten, ließen wir uns einfach herunterfallen, denn der Erdboden war aus Popcorn, das im Sonnenlicht wie Gold glänzte. Man konnte den ganzen Tag umherlaufen, ohne dass man Hunger leiden musste.
Und weißt du, warum der Himmel blau ist? Weil er mit Blaubeersaft getüncht wurde! Nur die Mutigsten wagten es, sich über den Rand der Welt zu strecken und den Saft vom Himmelszelt zu schlecken. Natürlich hatten wir dann blaue Zungen! Und es gab weiße Flecken am Himmel. Das konnte nicht so bleiben, schließlich musste alles seine Ordnung haben! Die Tauben, die damals so groß waren wie Häuser, waren so freundlich, neuen Saft zu machen und damit unsere Schandtat zu tilgen. Sie sammelten Blaubeeren und warfen sie in felsige Mulden. Dann stampften sie darin herum, bis alle Beeren zu Saft geworden waren. Schließlich benetzten die Tauben ihre Flügel mit dem Saft und betätigten sich als Himmelsmaler.
Gut, dass wir solche Freunde hatten!
Die Sonne war in Wirklichkeit ein Backofen. Einmal roch es nach Keksen und so bauten wir eine Räuberleiter, um in der Sonne nachzuschauen. Und tatsächlich entdeckten wir die leckersten Backwaren, die wir jemals gegessen hatten. Am nächsten Tag duftete es übrigens nach Pizza! Und am darauf folgenden Tag nach Schmorbraten!
Aber es gab auch eine Bedrohung in unserem Paradies: Es war das rote Ungeheuer. Dann und wann streifte es durch unser Tal und wenn es ihm gefiel, schnappte es sich einen von uns. Die Bestie schlug blitzschnell zu und verspeiste ihr Opfer in aller Ruhe. Viele unserer Freunde landeten im Bauch des Ungeheuers. Kein Ritter, kein Zauberer, kein Wunder konnte uns vor dem roten Biest beschützen. Wir mussten selbst zur Tat schreiten. So schmiedeten wir einen Plan.
Wir besprachen uns mit den Tauben, die auf das Ungeheuer auch nicht gut zu sprechen waren. Schließlich stimmten alle mit dem Plan überein. Aber wir brauchten jemanden, der als Köder dienen musste. Da ich der schnellste Läufer war, fiel die Wahl auf mich. Du kannst dir sicher vorstellen, mein Sohn, dass mir ziemlich mulmig zumute war.“
Der kleine Pitt konnte kaum noch die Augen offen halten, aber er nickte eifrig.
„Willst du wirklich den Schluss der Geschichte hören?“, fragte der Vater.
Wiederum nickte Pitt.
„Na gut“, entgegnete der Vater und setzte seine Erzählung fort.
„Der Plan sah folgendermaßen aus: Die Tauben würden sich auf die Zuckerwattewolken setzen, damit diese zu Boden sanken. Sie sollten sich in einer Mulde sammeln und zusammenkleben. Dann sollte ich das rote Ungeheuer zu dieser Mulde locken. Es würde an den Wolken festkleben, die Tauben würden auffliegen und die Wolken würden die Bestie auf Nimmerwiedersehen davontragen. Wenn der Plan funktionierte.
Eines Tages sichteten Kundschafter das rote Ungeheuer. Meine Stunde war gekommen. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Ich begab mich an den Platz, an dem ich den Köder spielen sollte. Schon bald hörte ich ein Knacken im Unterholz. Ich sah mich um und blickte in die Augen des Ungeheuers. Es musterte mich geduldig, als wollte es sagen: ‚Ich kriege dich ja doch!' Ich rannte los. Ich kannte jeden Winkel unseres Tales und so wusste ich, wo ich mich verbergen konnte. Immer wieder verschwand ich in Schlupflöchern, dann schoss ich wieder hervor, um den großen Roten zu reizen. Ich entkam jedes Mal, aber der Abstand wurde knapper. Schließlich erreichte ich den Eingang zur Wolkengrube. Ich winkte der Bestie zu, doch sie zögerte. Hatte sie die Falle erkannt? So kurz vor dem Ziel gab ich nicht auf. Ich sammelte Steine und warf sie auf das Ungeheuer. Er wurde wütend und stürmte auf mich los. Ich drehte mich um und rannte …“
Der Vater blickte zu Pitt. Das Kind war eingeschlafen. Der Vater zog die Bettdecke zurecht, dann verliess er das Kinderzimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
„Na, hast du wieder geflunkert, dass sich die Balken biegen?“, fragte Frau Maus lächelnd.
„Kein bisschen!“ erklärte Herr Maus bestimmt. Gemeinsam verzehrten sie die Reste des Käses, den Herr Maus aus der Speisekammer des Bauernhofes gestohlen hatte. Nur um Haaresbreite war er dem roten Kater entkommen. Wie schon so viele Male.


Anmerkung von Carlito:

Dies ist eines der Werke, die ich in den letzten Monaten erfolglos zu Wettbewerben eingereicht habe. Es geht um eine Münchhausiade, die in einem Twist endet. Viel Spaß und danke fürs Lesen!

Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (08.11.21)
Eine nette Kindergeschichte, von der ich eigentlich nicht annehme, daß ein Kind dabei einschliefe. Vor allem nicht wegen des Wechsels vom Schlaraffen-Mythos zum Abenteuer mit dem großen roten Ungeheuer.

 AchterZwerg (09.11.21)
Hallo Carlito,

ich finde dein Geschichte ganz bezaubernd, die sich erst ganz am Ende als "reales" Katz-Maus-Drama entpuppt.
Das Gute siegt, der Böse wird (vermutlich) in die Flucht geschlagen und ein stilles Mäuschen lernt, dass dem Mutigen die Welt gehört. :)

Viele Grüße
der8.

 Carlito meinte dazu am 10.11.21:
Vielen Dank für eure Kommentare und eure Empfehlungen!
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