Thomas Mann - ein unbestechlicher Beobachter paranormaler Phänomene?

Essay

von  Bluebird

Was also habe ich denn nun gesehen? Zwei Drittel meiner Leser werden mir antworten: »Schwindeleien, Taschenspielerei, Betrug.« ....
Nachdem ich gesehen, halte ich es für meine Pflicht, zu versichern, daß bei den Experimenten, denen ich beiwohnte, jede Möglichkeit eines mechanischen Betruges, taschenspielerischer Illusionierung nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen war. ...

Ich sage also: Bei dem, was ich sah, handelte es sich um eine okkulte Gaukelei des organischen Lebens, um untermenschlich-tief verworrene Komplexe, die, zugleich primitiv und kompliziert, wie sie sein mögen, mit ihrem wenig würdevollen Charakter, ihrem trivialen Drum und Dran, wohl danach angetan sind, den ästhetisch-stolzen Sinn zu verletzen, aber deren anormale Realität zu leugnen, nichts als unerlaubtes Augenschließen und unvernünftige Renitenz bedeuten würde. 1 
Ich finde es sehr bedeutsam, dass Thomas Mann einerseits angewidert war von dem, was er auf der okkulten Sitzung bei Schrenck-Notzing erlebte, gleichwohl aber sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlte.
   
Was aber genau hatte ihn denn nun in Wallung versetzt?
Das Taschentuch hatte sich vom Boden erhoben und war aufgestiegen.
Vor aller Augen, mit rascher, sicherer, energischer, fast schöner Bewegung stieg es aus Schattengründen in den Lichtschein der Lampe empor, der es rötlich färbte, stieg auf, sage ich, aber das ist nicht richtig, nicht so war der Vorgang, daß es leer und flatternd emporgeweht wäre, es wurde genommen und erhoben, eine tätige Stütze steckte darin, die sich oben in knöchelartigen Erhebungen darunter abzeichnete, und von der es faltig herniederhing; von innen her wurde lebendig damit manipuliert, drückende und schüttelnde Umgestaltungen wurden damit vorgenommen in den zwei oder drei Sekunden, während welcher es frei ins Lampenlicht gehalten wurde – und dann kehrte es mit ebenso ruhiger und sicherer Bewegung zum Boden zurück.

Das war nicht möglich – aber es geschah. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich lüge. Vor meinen unbestochenen Augen, die ebenso bereit gewesen wären, nichts zu sehen, falls nichts da sein würde, geschah es, und zwar nicht einmal, sondern alsbald aufs neue:
Kaum unten, so kam das Tuch schon wieder empor ins Licht, schneller diesmal als zuvor, und jetzt sah man mit unverkennbarer Deutlichkeit das von innen erfolgende Hinein- und Übergreifen der Glieder eines Greiforgans, das schmaler als eine Menschenhand, klauenartig erschien. Hinan und wieder herauf … Zum drittenmal oben, wird das Tuch von etwas Unsichtbarem kräftig geschwenkt und gegen den Tisch geworfen – nicht darauf, nicht gut gezielt, es bleibt an der Kante hängen und fällt auf den Teppich.

Bravorufe und laute Lobeserhebungen für „Minna“ hatten das Phänomen begleitet, und mehrmals hatte der Baron bei uns Neulingen angefragt, ob wir sähen, ob wir alles gut sehen könnten. Gewiss, wie hätte ich das wohl nicht sehen sollen. Ich hätte die Augen schließen müssen, um es nicht zu sehen, während ich diese meine Augen doch niemals gespannter offen gehalten hatte als jetzt. Ich hatte Größeres gesehen auf Erden, Schöneres, Würdigeres.
  Aber dass etwas Unmögliches, trotz seiner eigenen Unmöglichkeit, mit ruhiger Sicherheit und schließlich mit Übermut geschah, das hatte ich noch nicht gesehen, und darum wiederholte ich nur erschüttert: „Sehr gut! Sehr gut!“, obgleich mir nebenbei auch etwas übel war.“  2
Ich erinnere mich an einen Freund, mit dem ich 1985 eine spiritistische Sitzung veranstaltete. Immer wieder sagte er kopfschüttelnd: "Das gibt es nicht!", obwohl es vollkommen klar war, dass wir gerade etwas eindeutig Übersinnliches erlebt hatten:   Manuels Warnung

Gedankenanstoss:
Mit dieser Realität des dämonisch Okkulten - dies ist meine persönliche Zuordnung solcher Phänomene -  nicht das allergeringste zu tun haben zu wollen, ist definitiv richtig. Aber gleichzeitig sollte man sich bewusst bleiben, dass es sie gibt. Denn ansonsten blendet man einen Teil der Wirklichkeit aus.
    Wo aber klar ist ist, dass es das dämonisch Okkulte gibt, ist die Erkenntnis des göttlich Erhabenen nicht mehr ferne

Illustration zum Text
(von Bluebird)

Anmerkung von Bluebird:


1 "Okkule Erlebnisse" von Th. Mann
1 ebenda

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (07.10.21)
Es fehlt weiterhin der Hinweis, daß es sich nach Thomas Manns eigener Deutung um eine telekinetische Fähigkeit des Mediums handelte, nicht um das Wirken von Dämonen.
Die Verbindung mit einem dämonologischen Weltbild ist Deine Sache, für die auch ich in Manns Schilderung keinerlei Anhaltspunkt sehe.

Telekinese ist in der Tat ein ernsthaft zu untersuchendes Phänomen, ähnlich wie Telepathie und auch Wunderheilungen wie z.B. die in den Iamata des Asklepios-Heiligtums von Epidauros überlieferten:
Ein Mann, der die Finger der Hand nicht rühren konnte bis auf einen, kam zu dem Gott [sc. Asklepios] als Bittflehender. Als er die Weihetafeln in dem Heiligtum betrachtete, war er ungläubig [ἀπίστει] gegen die Heilungen und machte sich lustig über die Inschriften. Als er sich zum Schlaf niederlegte, sah er eine Erscheinung [ὄψιν εἶδε]: Er träumte, dass er unterhalb des Tempels Würfel spielte. Als er mit dem Würfel werfen wollte, sei ihm der Gott erschienen. Er sei ihm auf die Hand gesprungen und habe ihm die Finger gestreckt. Als er weggegangen sei, da schien es ihm [im Traum], er habe seine Hand gekrümmt und jeden Finger einzeln ausgestreckt. Nachdem er alle Finger gerade gestreckt habe, da habe ihn der Gott gefragt, ob er noch ungläubig sein wolle gegen die Inschriften auf den Weihetafeln im Heiligtum. Da habe er „Nein“ gesagt. „Weil du vorher ungläubig gegen sie warst, die doch nicht unglaubhaft waren, so soll, das habe der Gott gesagt, dein Name Der Ungläubige [Ἄπιστος] sein.“ Am folgenden Tage ging er gesund geworden fort.
[Florian Steger (Hrsg.), Antike Medizin. Einführung und Quellensammlung. Stuttgart 2021, S. 220-223]

 Bluebird meinte dazu am 07.10.21:
Ja, ich spitze die von Thomas Mann gemachte Beobachtung nebst begleitenden unangenehmen Empfindungen weiter in Richtung dämonisch Okkultem zu und kombiniere es mit eigenen Erlebnissen.

Übrigens bestätigt der aktuelle Leiter des Parapsychologischen Instituts in Freiburg, Walter von Lucadou, ausdrücklich die Existenz von paranormalen Phänomen, kann sich aber auch nicht zu einem "Geister-Modell" als Erklärung durchringen.
Ich verstehe diesen Widerwillen, aber die Realität lässt - aus meiner Sicht - dennoch kaum eine andere Interpretationsmöglichkeit zu .

 Graeculus antwortete darauf am 07.10.21:
Wieso Telekinese, Telepathie und Wunderheilungen keine andere Interpretationsmöglichkeit als die dämonologische zulassen, erschließt sich mir nicht.
Wir reden ja hier nicht von Besessenheit.

 Bluebird schrieb daraufhin am 08.10.21:
Du hast im Grunde genommen deine Frage schon selber beantwortet. Es gibt im Bereich des Paranormalen und Übernatürlichen sicher Bereiche, wo die Ursache nicht so ganz klar ist.
Geht man aber in die extremen paranormalen und übernatürlichen Bereiche, dann sieht man was los ist. Beispielsweise bei den öffentlichen Inkorporationen von Geistern oder bei Dämonenaustreibungen.
Und von da aus kann man rückschließen auf die weniger klaren Fälle.

 DanceWith1Life (07.10.21)
der gedankenanstoß ist drollig, bei all dem was wir ausblenden, geschweige denn, alles nicht oder noch nicht wissen, sollten wir nun wirklich auf gar keinen fall, die dämonen vergessen, wirklich?
ich meine, das einzige wesen, das mir einfällt, das so etwas sagen würde, wäre ein dämon, der angst hat in vergessenheit zu geraten, oder ?

Kommentar geändert am 07.10.2021 um 16:48 Uhr

 LotharAtzert äußerte darauf am 07.10.21:
Man sieht (wg. Überwichtigkeit!!!) sein Fett-Ich halt immer getrennt vom Ganzen und baut ein Brimburium um ein Oberbrimborium - das ist der westliche Dualismus, der eigentliche Dämon.

tashi delek

 Graeculus ergänzte dazu am 07.10.21:
So, der westliche Dualismus. Der östliche Dualismus besteht dann darin, zwischen einem westlichen Dualismus und einem östlichen Non-Dualismus zu unterscheiden, zudem den einen ab- und den anderen aufzuwerten.

 DanceWith1Life meinte dazu am 07.10.21:
eine interessante interpretation, ein endlos spiegellabyrinth, wie hast du da(s) rausgefunden?

 Graeculus meinte dazu am 07.10.21:
Das versuche ich LotharAtzert schon seit langem deutlich zu machen, daß er mit seinem "Non-Dualismus im Gegensatz zum Dualismus" so dualistisch denkt wie nur irgendeiner.

 DanceWith1Life meinte dazu am 07.10.21:
das ist mir klar, nur, niemand von uns kann eine non-dualistische aussage machen, der hier schreibende christ, hat sich ja genau deswegen darauf so vernarrt, auf sogenannte dämonen hinzuweisen und diese aussage in dieses thomas-mann-hat-einmal-erlebnis gepackt.

 LotharAtzert meinte dazu am 07.10.21:
zudem den einen ab- und den anderen aufzuwerten.
- immer dieselben Argumente. Mir ist das rechte Bein genauso lieb, wie das linke, aber es versteht offenbar nicht, daß rechts, links und der Vorgang des Gehens durch Schrittwechsel ganz wo anders entschieden wird - was aber auch nichts ändert.

 Graeculus meinte dazu am 07.10.21:
Daß dir beide "Beine" gleich lieb sind, konnte man deiner Rede vom westlichen Dualismus als dem eigentlichen Dämon [sic!] nicht ohne weiteres entnehmen.

 LotharAtzert meinte dazu am 08.10.21:
Nein, aber meine prinzipielle Denkweise ist allen hier Lesenden inzwischen bekannt, wie deine Unterscheidungsbesessenheit. Statt Beine können wir auch gern von Gehirnhälften reden, oder Logos/Mythos oder oder ....

 LotharAtzert meinte dazu am 08.10.21:
Und noch eine "Kostprobe":
Auf dem Photo ist Bluebird für den Betrachter rechts unten am Kreuz zu erkennen. Ich verwette fast meinen Kopf, daß er seine Sonne im 2. Quadranten stehen hat, also in der Causa, die von mir immer falsch geschrieben wird und du mich so gern drauf hinweist.
Das ist nur ein Beispiel, wie simple "Zeichen" dem, der es deuten kann, alles mögliche verraten, auch wenn einer (wegen "Dämonie" etc.) das gerne für sich behielte. Es ist schlechterdings nicht möglich, etwas "geheim" zu halten.

Okkule Erlebnisse, jaja, die Okkulele.
(Die Causa finalis links oben fällt dagegen recht klein aus, bei der materialis unten drunter ist's bewölkt)

Antwort geändert am 08.10.2021 um 09:49 Uhr

 Bluebird meinte dazu am 08.10.21:
Wobei sich, Lothar, der geneigte Leser nun stirnrunzelnd fragt, was genau dir denn nun das "harmlose" Bildchen verraten haben soll?

 LotharAtzert meinte dazu am 08.10.21:
Danke für die Frage, Bluebird, Der zweite Quadrant umfasst das Empfinden, den Ausdruck des Empfundenen, sowie die daraus resultierende Vernunft - da nun ist irgendwo unser blauer Vogel zugange.
Stirnrunzeln? Hyaluron und Bügeleisen sollen helfen. Nein? Ich höre gerade: Botox.

 Graeculus meinte dazu am 08.10.21:
Gut, daß er nicht auf das Kreuz draufgeklettert ist und so in einem anderen Quadranten gelandet wäre.

 LotharAtzert meinte dazu am 08.10.21:
Ja, das machen statt der blauen Vögel eher die schwarzen Raben, die setzen sich auch schon mal auf den MC, wo sie schnell von ihresgleichen attackiert werden.

 DanceWith1Life meinte dazu am 08.10.21:
Graec, lach, da war das Ätzneutronium abermals schneller mit der Antwort
naja, wo der "Blaue Vogel" eigentlich "hingeklettert" ist, das versuchen wir doch gerade rauszufinden, oder?
Und btw. ich habe fast null Ahnung von Quadranten, trotzdem sagt mir die Aussage was, dir nicht?
Das geht glaube ich Vielen mit der Astrologie so.
wir empfehlen "geschüttelter Speer" im "klingonischen Original" zu lesen.
für alle nicht Trekkies, eine Szene aus StarTrek, das unentdeckte Land.

Antwort geändert am 08.10.2021 um 18:24 Uhr

 LotharAtzert meinte dazu am 09.10.21:
Wenn die Vernunft auf den kreativen Ausdruck folgt, so impliziert das natürlich einiges: Ausdruck wird für andere zum Eindruck und sie fühlen sich beleidigt zB. und prügeln - physisch, verbal, egal - dann auf den Ausdrücker ein. Die Folge ist, daß die Zusammenflicker (hätt fast das l vergessen) daraus entstehen: die Ärztekunst und so weiter und so fort.
Die Deutung, meine sehr verehrten Damen und Herren, kommt erst seht viel später. Frühestens dann, wenn man alle Ideologie und Glaube an das Erlöstwerden durch Gott von uns gefallen ist. Dann erst wird der Kreis zum Umkreis. Im Hinduismus wird das symbolisiert mit dem Tanz der Parvati (Göttin der Berge) um Shiva. Die nonduale Betrachtung, die der moderne Hinduismus (Vedanta) auch kennt, ist die, daß zwischen Shiva und Parvati nicht mehr unterschieden wird: die Zwei sind im Dritten Eins.
Dämonisch, wa ...

OM NAMA SHIVAYA

Antwort geändert am 09.10.2021 um 13:42 Uhr
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