St. Nikolaus in Köln

Prosagedicht

von  Quoth

Die mater dolorosa hält sein gesenktes Haupt,
mit der Linken seinen Ellenbogen, während
Maria Magdalena ihm küsst die schlaffe Hand …
Von seiner Mutter bin ich geschieden,
doch ich teile ihren Schmerz, denn der Hingerichtete
ist auch mein Kind, und nur der Blick auf ihn
lässt mich ertragen, was zu verhindern
ich mich nicht aufraffen konnte – oder hätte ich es
gar nicht verhindern können, weil, einmal in Werk gesetzt,
alles erbarmungslos abläuft, wie‘s
der Mechanismus von Antekythera bestimmt?
Der Schuhmacher, der mich
den Ur- und Ungrund nannte,
geblendet vom Sonnenstrahl, den
der Messingspiegel zurückwarf,
welcher ihm Licht gibt bei seinem Handwerk -
ahnte er wohl, dass auch ich
nach Erlösung lechze von einer Ohnmacht,
in die ich mich selber versetzt? Denn
All- und Ohnmacht sind eins. Trauer,
maßlose, ergreift mich, wenn ich sehe,
was ich angerichtet habe mit dem Wort,
das mir besser im Hals stecken geblieben wäre -
du lieber, du edler, du weiser,
du unersetzlicher Sohn!




Anmerkung von Quoth:

Ist es Lästerung, sich in die Rolle des Vaters zu versetzen?

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Kommentare zu diesem Text


 Kuchen (20.07.24, 21:16)
All- und Ohnmacht sind eins.
Stimmt.

 Quoth meinte dazu am 21.07.24 um 03:21:
Vielen Dank, Kuchen, für die Empfehlung mit Kommentar. Jacob Böhme aus Görlitz lässt grüßen.
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