Dreigeteilt - niemals!

Essay

von  Quoth

Aber warum denn eigentlich nicht? Sind nicht viele Dinge und Wesen, ja, sogar der Mensch, und, noch erstaunlicher, der Gott der Christen, dreigeteilt? Warum also nicht unser gutes altes Vaterland? Ich sähe keinerlei Fortschritt darin, wenn man die Stücke, in die man es verdientermaßen zerschlug nach dem von uns begonnenen und verlorenen Krieg, wieder zusammenfügte. Sommerfrucht, Winterfrucht, Brache! Das ist die Dreifelderwirtschaft, und sie war ein gewaltiger Fortschritt, als irgendein Zisterziensermönch sie im zwölften Jahrhundert erfand. Warum zur Einfelderwirtschaft zurückkehren? Ich, Überich, Es – was für eine fruchtbare Dreiteilung dessen, was wir vereinfachend uns Seele zu nennen gewöhnt hatten! Warum sollen nicht Deutsche als Minderheit in Polen leben? Warum nicht Deutsche das Experiment des Kommunismus in der ehemaligen Sowjetzone, heutigen DDR, vorantreiben helfen? Warum nicht Deutsche hier in den ehemaligen drei westlichen Besatzungszonen den Kapitalismus sozial zu mildern und zu bändigen suchen? Haben nicht Deutsche bis ins vorige Jahrhundert in Dutzenden von Staaten und Kleinstaaten gelebt, ohne Schaden zu nehmen? Leben nicht ohnehin auch noch Deutsche in Russland, in Südwestafrika, in Chile, Kanada, den Staaten, Paraguay und Argentinien? Ist nicht die Zerstreuung eines Volkes in die Welt eine große Chance? Dankt Deutschland nicht seiner Zerrissenheit die Werke, die ihm den Titel eines Landes der Dichter und Denker einbrachten? Und hat nicht die Einheit Bismarcks es zu jenen Verbrechen verführt, die es zum Land der Richter und Henker stempelten? Ich glaube, ein wahrer deutscher Patriot darf ein einiges, starkes Deutschland nicht wollen. Es wird sich nur wieder auf stiernackige Machtpolitik werfen, statt sich auf das unsichtbare Reich des Geistes zu konzentrieren. Kühn fordre ich deshalb: „Dreigeteilt? Auf immer und ewig!“ Leider habe ich nicht die Mittel, um diesen Slogan öffentlichkeitswirksam zu plakatieren. Deshalb plädiere ich für die umgehende Gründung einer Partei, die sich nicht nur die Aufrechterhaltung der Teilung, sondern die weitere Zerstückelung Deutschlands zum Ziel setzt. Verdient nicht das edle Volk der Franken, das immerhin Deutschlands besten Wein anbaut und in die Bocksbeutel genannten Flaschen füllt, längst die Eigenstaatlichkeit, d.h. die Loslösung vom biertrinkenden Bayern? Und sollte man sie nicht auch den Badenern gewähren, die jetzt an die ihnen wesensfremden Württemberger gekettet sind? Was sage ich von den Oldenburgern? Sie werden nie Hannoveraner werden! Den Dithmarsen aber, diesen letzten störrisch-eigenständigen Bauern auf deutschem Boden, täte es gut, wenn man ihnen die bei Hemmingstedt vergeblich glanzvoll verteidigte Freiheit zurückerstattete. Lübischer Hanseatenstolz aber soll sich nicht länger unter das Joch des öden kaiserlichen Marinehafens Kiel beugen müssen! Und nicht nur eigene Länder sollten diese Stämme und Städte bekommen, sondern wie vorzeiten eigene Souveränität! Lübische Außenpolitik, lübisches Recht – das war einmal was und soll wieder was sein! Zweierlei ließe sich auf diesem Weg erreichen: Die Welt würde von dem Alptraum neuerlicher deutscher Aggressionen und Expansionsgelüste befreit, und die Deutschen, zurückgeworfen auf die geringen politischen Möglichkeiten vieler Kleinstaaten, würden wieder das Träumen beginnen und die Welt mit den unglaublichsten und förderlichsten Werken beschenken. Ach, wie sehr ich mich sehne nach einem solchen neuen Biedermeier! Wir Deutschen ähneln nun einmal jenen nordischen Berserkern, die man in Ketten halten musste, weil sie sonst alles kurz und klein schlugen. Wer uns Ketten anlegt, rettet uns. Wer uns zerstückelt, stärkt uns. Wer aber unsere äußere faktische Stärke und Einheit will, den sollte man als Staatsverbrecher in den Kerker werfen!




Anmerkung von Quoth:

Der Slogan des Titels wurde vom Kuratorium Unteilbares Deutschland in den 50er Jahren plakatiert und uns als Aufsatzthema serviert.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Thal (27.05.22, 03:21)
Ein Volk, viele Länder. Würde die Lokalpolitik sicher umkrempeln, ähnlich wie in der Schweiz. Gibt ja auch immer wieder so ein paar verrückte Gemeinden, die ihre territoriale Unabhängigkeit deklarieren und diese auch mit all ihren wenigen militärischen Mitteln verteidigen würde. Ich weiß gar nicht, ob es nicht wirklich die ein oder andere Gemeinde mittlerweile geschafft hat sich loszureißen- belächelt von der großen Schwester BRD.
Dass der Osten damals regelrecht geschluckt wurde, obwohl es dort endlich einen echten bürgerlichen Umbruch in der Staatsführung gab, ist natürlich beispielgebend.

 Quoth meinte dazu am 27.05.22 um 10:16:
Gibt ja auch immer wieder so ein paar verrückte Gemeinden, die ihre territoriale Unabhängigkeit deklarieren und diese auch mit all ihren wenigen militärischen Mitteln verteidigen würden
Ja, z.B. die Republik Freies Wendland, die freilich nur einen Monat Bestand hatte ... Und das war wohl, bevor Ihr da hinzogt - sonst hättest Du vielleicht noch einen Wendenpass! Vielen Dank für den Kommentar! Quoth

 AchterZwerg (27.05.22, 06:33)
Bin ganz deiner Meinung, Quot: Vor allem Hessen muss frei werden!
In einem Punkt (Franken) schießt du allerdings weit über das Ziel hinaus:
Bocksbeutel assoziieren Vetternwirtschaft; denk nur mal an Baerbock! Gerade die können wir uns derzeit nicht leisten.

Mahnende Grüße
der8.

 Quoth antwortete darauf am 27.05.22 um 10:31:
Ja, Hessen hätte Souveränität verdient. Und ein Baerbocksbeutel fränkischer Domina könnte mir trotz Deiner Mahnung sehr gefallen. Meint mit Dank für Empfehlung mit Kommentar Quoth (hinten mit h, bitte)
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram