Meine erste Begegnung mit dem Theater war ein schulisches Krippenspiel. Ich kämpfte mühsam gegen das Einschlafen, weil ja nichts fraglich war. Es war klar, dass Maria und Joseph in einem Stall würden übernachten müssen, es war klar, dass dort Jesus zur Welt kam, es war klar, dass die Engel, dass die Hirten, dass die Könige aus dem Morgenland kommen würden. Eine längst bekannte Geschichte wurde auf der Bühne nachgestellt – Einschlaftheater ist man bei allem Respekt vorm Evangelium diese Art von Bühnenereignis zu nennen berechtigt. Erst als ich einmal „Hamlet“ sah, wurde mir klar, was Theater sein kann. In den Monologen schauen wir Hamlet dabei zu, wie er um eine Entscheidungsfindung ringt. D.h. wir befinden uns mit ihm in absoluter, offener Gegenwart, und selbst, wenn wir den Inhalt des Stückes schon kennen, die Kraft des Darstellers vermag uns in den Moment des Ringens mit hereinzuziehen, wir ringen innerlich mit ihm. Dieses: mit angehaltenem Atem einem Menschen zuzuschauen, wie er handelt – oder um Handeln sich bemüht – diese Lust am offenen Tun ist es, die ich im Theater suche und manchmal auch finde. Dabei ist dann die Angst, nicht alles richtig bedacht zu haben, sehr groß – und in der Tat führt auf der Bühne – wie im Leben – das Handeln oft zu Ergebnissen, die nie beabsichtigt wurden. Der Grund liegt meist im Gegenhandeln anderer, manchmal aber auch im Widerstand der Wirklichkeit, in der Unvollkommenheit des Plans, in einem unfassbaren "Es hat nicht sollen sein". Dieses Scheitern erleben wir als Tragik, sie löst in der Wirklichkeit Entsetzen und Schmerz, auf der Bühne einen wohligen Schauer, wenn nicht gar Schauder aus. Andere Effekte, die ich am Theater liebe, sind die Erkennungsszenen: Menschen haben einander lange nicht gesehen und erkennen einander nun unter völlig veränderten Bedingungen wieder, z.B. Orestes seine Schwester Iphigenie und diese ihn in dem Moment, in dem sie ihn auf Tauris als Priesterin opfern soll. In alten Zeiten mit ihren Kriegen und Wirren und fehlenden Personalausweisen hat es solche Szenen in der Wirklichkeit sicherlich oft gegeben; heute sind sie seltener geworden – doch vor der Haustür wie vieler frischverheirateter Kriegerwitwen hat nicht ein zerlumpter, halb verhungerter Mann gestanden! Die Tragödie ist für mich auf dem Theater das Größte; die Komödie ist gleichsam ihre niedliche kleine Schwester. An ihr schätze ich vor allem, wenn sie mit gesalzener Kritik aufwartet. Meine liebste Komödie ist „Der Revisor“ von Gogol. In ihr hat mein Bruder einmal den Polizeimeister gegeben – eine runde und schöne Leistung, auf die ich, glaube ich, stolzer war als er. In dieser Komödie enthüllt Gogol den Opportunismus einer kleinen Stadt und ihrer Amtsträger mittels eines kapitalen Missverständnisses: Ein argloser junger Mann, der im Gasthof des Städtchens nächtigt, wird für den richtigen Revisor gehalten, und da ihm daraus massive Vorteile erwachsen – die Bürger des Städtchens bieten ihm schließlich sogar ihre Töchter an – spielt er fröhlich mit. Der Zuschauer durchschaut, was die anderen Handelnden scheinbar nicht durchschauen, und aus diesem Mehrwissen ergibt sich die Fülle der Komik. Bei Dürrenmatt heißt die kleine Stadt „Güllen“, was so viel ist wie Jauche, und ein Mädchen kehrt in sie zurück, das hier einmal mittels einer bemeineideten Mehrverkehrseinrede zur Hure gestempelt wurde. Aus ihr ist eine Milliardärin geworden, und nun erzwingt sie mittels eines gigantischen Geldköders Gerechtigkeit. Aus diesem „Besuch der alten Dame“ kamen meine Eltern einmal völlig verstört nach Hause zurück. Mein Vater ist Richter, und ihm war, als sei ihm das Fundament seines Handelns weggesprengt worden; meine Mutter hingegen hatte sich mit dem antikischen Zorn der alten Dame identifiziert, und so gab es auch noch Streit zwischen beiden. Hieraus erhellt, wie unmittelbar das Theater in unser Leben hineinwirken kann, und ich hätte die allergrößte Lust, unser Örtchen Krogstedt ebenfalls einmal in den Mittelpunkt einer Komödie zu stellen, aber nicht eine alte Dame kehrte hierher zurück – sondern der Abkömmling eines Krogstedter Juden, dem man hier Haus, Besitz, Amt, Würde und Leben geraubt hat. Aber würde man es wagen, in diesem schrecklichen Zusammenhang zu lachen? Gelacht werden sollte ja über das würdelose Kriechen der Täter und ihrer Kinder. Aber vielleicht ist die Zeit dafür erst in hundert Jahren reif.