Die Kunst des Vortrags #2

Erörterung zum Thema Kultur

von  Graeculus

4. Der beste Vortrag ist die freie Rede, der schlechtere das Ablesen vom Blatt. Nun können die wenigsten ihre Texte auswendig, oder? Es ist vermutlich nicht zu viel verlangt, eigene Gedichte auswendig zu lernen; aber bei längeren Prosatexten erfordert das eine eigene mnemotechnische Schulung, wie sie etwa zur Ausbildung von Schauspielern gehört. Kommt man mit Stichworten auf einem Notizzettel aus? Gute Geschichtenerzähler schaffen das. Immerhin können wir wenigstens Phasen einbauen, in denen wir den Gang der Schilderung im Kopf haben, und uns so von der wortwörtlichen Wiedergabe lösen. Das ermöglicht es uns, ins Publikum zu schauen. Denn:

5. Nimm dein Publikum wahr! Sprich es an, achte auf seine Reaktionen und gehe darauf ein! Bei mehr als fünfzig Zuhörern wird das schwierig, weil dann eher eine amorphe Masse entsteht; aber in die Lage, vor einem solchen Massenpublikum zu sprechen, werden wir wohl nicht kommen.
Man kann Fragen stellen, einzelne Leute auf etwas hinweisen und sogar improvisiert in die Lesung einbauen. Wer angesprochen wird, wer konkret angesprochen wird, kann unmöglich unaufmerksam sein.
Nehmen wir an, ich bemerke, daß Uschi dem Anschein nach vor sich hin döst oder sich mit einem Nachbarn unterhält – in dem Moment, in dem ich etwas sage wie „diese Stelle müßte Uschi eigentlich gefallen“ oder „könnte Uschi die gesuchte Mörderin sein?“, wird Uschi unweigerlich aufmerksam und hört wieder zu. Das ist psychologisch gar nicht anders möglich.

6. Eine weitere Situation, in der Menschen zwangsläufig aufmerksam werden, ist die der Überraschung. Ein Mensch, der von etwas überrascht wird, kann sich nicht auf etwas anderes konzentrieren – er muß das Geschehen konzentriert verfolgen.


Was ist überraschend? Alles, was den Erwartungen der Zuhörer nicht entspricht. Alles. Das eröffnet ein weites Feld und bedarf der Phantasie beim Vortragenden.


• Man kann zunächst lange schweigen, bis alle aufmerksam darauf warten, wann es endlich losgeht.
• Möglich ist es, mit einer unerwarteten Frage an die Zuhörer beginnen. (Möchte jemand mit mir schlafen?) Dies nicht gekünstelt, sondern zur Art des Textes passend. (Halten Sie es für möglich, daß ich ein Mörder/eine Elfe/eine Frau bin?)
• Dieter Nuhr hat einmal nach ein paar Minuten seinen Vortrag abgebrochen: Nein, das klappt so nicht. Ich hab’s verkackt. Ich fang nochmal von vorne an. Ist rausgegangen, wiedergekommen und hat neu angesetzt. Was macht der denn?, haben wir im Publikum gedacht; die Aufmerksamkeit war phänomenal.
• Man kann an einer sehr spannenden Stelle die Lesung unterbrechen und sagen: Wird es nicht zu lang? Ich überlege, ob ich hier aufhöre. Nur ein tief schlafendes Publikum wird keinen Einspruch einlegen.
• Man kann während der Lesung seinen Platz verlassen und sich unter das Publikum setzen – das ist ungewöhnlich und wird sofort aufmerksam wahrgenommen.


Es gibt unsagbar viele Möglichkeiten, und was am besten paßt, kann nicht allgemein, sondern nur situationsabhängig entschieden werden. Am besten ist es, wenn man wie ein guter Entertainer über die Gabe der Improvisation verfügt und die Mittel einsetzt, sobald die Konzentration des Publikums nachläßt. Aber manches kann man auch von vornherein einplanen.


(Fortsetzung folgt.)


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Kommentare zu diesem Text


 Mondscheinsonate (10.11.23, 01:56)
Ich sag dir was, meine ehemalige Chefin, ihres Zeichens eine echte Narzisstin, nur "Ich und meine Fotos an der Wand, nach mir nichts", konnte etwas, was nur wenige können, nämlich zwei Stunden einen Vortrag halten, ohne abzusetzen, ohne Papier, ohne Notizen, ohne ein einziges mal "Äh" oder irgendwelche Absetzer, lächelte, tat es mit einer Freude, die ihresgleichen suchte. Auch bestätigte mir ein Anwalt, dass sie im Gerichtssaal "niedermäht". Sie hat ein juristisches Wissen, das ihresgleichen sucht und war auch die jüngste Professorin an der Uni, gehört zu den Besten der Welt. Ich überlegte, wie man so vortragen kann? Wie geht das? Die Lösung liegt in einem Satz: Wenn man Temperament hat und für eine Sache brennt, Humor hineinbringt, zynische Bemerkungen, dann kommt Feuer in den Vortrag. Ich schwöre, ich hätte ihr noch stundenlang zuhören können. Das ist wahre Kunst!
Aber, auch ein anderer Professor sprach so sicher, war derart wortgewandt, dass wir Studenten dahinschmolzen. Die meisten Juristen sind begnadete Redner, siehe Cicero. Interessanterweise, inhaltlich höre ich gerne dem Philosophen Liessmann zu, aber das ständige "Äh" nervt zutiefst. Es gibt vielleicht tausend Regeln, Graec, aber wenn man kein Talent hat und keine Leidenschaft in sich trägt, ist Hopfen und Malz verloren.

Kommentar geändert am 10.11.2023 um 01:58 Uhr

Kommentar geändert am 10.11.2023 um 01:59 Uhr

 LotharAtzert meinte dazu am 10.11.23 um 10:15:
Ich wollt mich schon rausklicken, aber dann, ganz am Schluß, kam die Essenz doch noch:
... aber wenn man kein Talent hat und keine Leidenschaft in sich trägt, ist Hopfen und Malz verloren.
"Ein Satz ist dann vollkommen, wenn sein Inhalt das Blatt, auf dem er geschrieben steht, entzündet und sich so jeglicher Profanisierung entzieht".

Lothar Atzert in den 60ern des letzten Jahrhunderts. :D

 Graeculus antwortete darauf am 10.11.23 um 16:14:
Klingt sehr gut mit der Chefin. Geradezu brillant. Leidenschaft für das Thema ist die condicio sine qua non, d.h. notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Sachkenntnis und die Fähigkeit zu freier Rede kommen hinzu, ebenso die Gabe, sich keine sprachlichen Schnitzer zu erlauben.
Das ist sehr selten geworden! In ihrem Falle hat das anscheinend zu einer frühen Karriere geführt.
Leider: es geht auch ohne. Der Star unter den deutschen Althistorikern, Christian Meier, ist einer der schlechtesten Redner, die ich jemals erlebt habe.

(Ich kann mir Demosthenes oder Cicero nicht vom Blatt ablesend vorstellen.)

Leidenschaft ohne alles Sonstige, das wäre ein Demagoge, oder?

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 10.11.23 um 21:52:
Ja, aber da ich seit Neuestem Mitglied beim OAW bin, freue ich mich schon auf spannende Vorträge. Gleich am Montag höre ich "ONDREJ L. KRIVANEK: "EXPLORING MATTER AT THE NANOSCALE WITH THE ELECTRON MICROSCOPE". Da kann ich dann berichten, ob es interessant vorgetragen wurde. 
Da guck, das wäre überhaupt was für dich: 
http://www.oeaw.ac.at/anmeldung/akademievorlesungen
Die conditio sine qua non ist die beste Freundin der Juristen, ohne die geht es nie, die Äquivalenztheorie ist im Strafrecht und Schadenersatzrecht unerlässlich.

Antwort geändert am 10.11.2023 um 22:05 Uhr

 Graeculus äußerte darauf am 11.11.23 um 17:56:
Was ist OAW?
Das Thema klingt interessant. Materie im Nanobereich. Das müßte etwas mit Quantenphysik zu tun haben, und die hat ja sensationell Ergebnisse gezeitigt.

Ach so, OEAW gem. Link = OWA. Schaue ich nach.

 Graeculus ergänzte dazu am 11.11.23 um 18:01:
ÖAW, ich habe begriffen.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 11.11.23 um 18:30:
Hast du gesehen? Der Vortrag darunter wäre etwas für dich.

 Graeculus meinte dazu am 12.11.23 um 23:14:
Ich merke es mir. Aber momentan befindet sich ein neues Buch in der Endphase, und da bin ich empfindlich für alles, was mich davon ablenkt. Es ist so, wie wenn man kurz vor der Geburt eines Kindes steht. Nicht daß ich jemals ein Kind geboren hätte, aber so stelle ich es mir vor.
(Ich staune immer darüber, wie viele verschiedene Themen Du gleichzeitig in Deinem Leben unterbringst. Das schaffe ich nicht.)

 FrankReich (10.11.23, 10:09)
• Dieter Nuhr hat einmal nach ein paar Minuten seinen Vortag abgebrochen:


Meiner Aufmerksamkeit hätte er sich schon hiernach gewiss sein können. 👋😂

Ciao, Frank

 Graeculus meinte dazu am 10.11.23 um 16:07:
Wir hatten nie etwas derartiges erlebt bei einem Auftritt. Nachher habe ich mir gedacht: Es geht nichts über einen Überraschungseffekt, wenn man um Aufmerksamkeit wirbt.
Passiert etwas Überraschendes, dann kann man unmöglich unaufmerksam sein.

 FrankReich meinte dazu am 10.11.23 um 17:30:
Zudem es bis dato noch keinem gelungen ist, seinen Vortag abzubrechen, das ist schon eine kleine Sensation.
😂😂

Ciao, Frank

 Graeculus meinte dazu am 11.11.23 um 17:46:
Gut, gut, ich ändere den Fehler.

 EkkehartMittelberg (10.11.23, 11:19)
Hallo Graeculus,
sicher ist dir aufgefallen, dass deine Erörterungen über die Kunst des Vortrags nicht die große Diskussionslust auslösen, wie das sonst bei deinen Texten der Fall ist.
Das liegt keineswegs daran, dass dieser Essay weniger gut gestaltet ist als andere von dir, sondern daran, dass die meisten User dieses Forums im fortgeschrittenen Alter nur noch selten in die Rolle kommen, etwas vortragen zu müssen oder zu dürfen. Wenn man also von der Thematik nicht unmittelbar betroffen ist, ist das Interesse daran eher akademisch.
Solltest du Zeit und Lust haben nach dieser Serie über die Kunst der Gestaltung von Texten zu schreiben, ist vermutlich die Diskussionslust deshalb höher, weil das Thema jeden hier betrifft.

LG
Ekki

 Graeculus meinte dazu am 10.11.23 um 16:06:
Das stimmt wohl, hier gibt es mutmaßlich nur wenige, die mit ihren Büchern Lesungen halten. Mein Text ist übrigens nicht für kV geschrieben worden, sondern für einen anderen Zweck. Ich habe mir dann gedacht, daß er hier für einige interessant sein könnte, da sich manche Empfehlungen auch auf das Schreiben & Veröffentlichen von Texten, unabhängig von Lesungen, übertragen lassen.
Ich danke für Deinen Kommentar, liebe Ekkehart, und das mit der Resonanz ist nicht schlimm.

 Verlo (11.11.23, 23:30)
Graeculus, (zu 4.) es gibt Teleprompter. 

Was die besten Präsidenten der besten Demokratie dürfen, sollte man sich auch gönnen.

Gibt es bereits als kostenloses Programm (App) fürs Telefon.

 Graeculus meinte dazu am 12.11.23 um 23:17:
Ah, Teleprompter. Mit derlei Peinlichkeiten leide ich geradezu mit, wenn Politiker sie benutzen und so tun, als ob sie frei sprächen. Das ist fast wie ein Konzert, in dem das Playback die Musik liefert. Gaaaanz unauffällig.
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