Quitt

Alltagsgedicht

von  Redux

mit vierzehn fünfzehn
das war für mich 1978/1979
da rauchte ich schon ganz ordentlich
so meine zehn fluppen am tag
ich drehte
drum oder samson oder van nelle
mein taschengeld reichte nie
es war immer zu wenig da
ich rauchte immer bis kein krümel mehr da war
wenn nichts mehr da war
klaute ich eine von opas zigarren
noch fünf jahre nach seinem tod
waren welche davon da
zerbröselte die pfurztrockenen äste
und drehte daraus zigaretten
wenn noch blättchen da waren
es war ein sich stets wiederholender krampf
mit der raucherei

irgendwann nahm ich das erste mal
ein oder zwei mark aus dem
alten abgewetzten braunen portemonnaie
meiner mutter
das sie immer in der kommode
im elterlichen schlafzimmer
oder in ihrer handtasche aufbewahrte
mal eine mal zwei mark
oder fünfzig pfennig
bis ich das geld für tabak zusammen hatte
einmal nahm ich das sparschwein
meiner kleinen schwester
und fingerte mit einer großen büroklammer
ein oder zwei geldstücke heraus
es fiel nie auf
damals kamen sie noch einigermaßen klar
mit den finanzen

zehn fünfzehn jahre später
waren sie finanziell fast kaputt
ich der sohn verdiente ganz ordentlich
ihre situation war familiengeheimnis
ein wort  darüber war schon zuviel
war tabu
aber alle wussten es
manchmal versteckte ich einen zwanziger
oder einen fünfzigerschein
in die schublade der kommode
mal zerknüllt in ein gebetbuch
mal zwischen quittungen
mal offen zwischen einem zehner
oder einem fünfziger
und es fiel nie auf
und das war mir auch recht

nach mehreren tausend tagen
ist alles schon gegessen
gras gewachsen
irgendwie alles verrechnet
und beglichen
die kuh vom eis
der drops gelutscht
die messe gelesen
der adler im horst
das geschirr gewaschen
kein finanzamt der welt
schert sich noch einen kehrricht
um die ganze geschichte

nur ich suche noch
nach alten quittungen
nach schuldscheinen
nach der blauen blume
der wahrheit

wir sind schon so lange quitt

und die rechnung geht nicht auf
geht niemals auf



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (09.04.26, 08:20)
Ja,

es gibt diese unkaputtbaren Schuldgefühle, die auf Werten beruhen, die heute kaum noch existieren. - Eigentlich leben wir in einer (fast) wertefreien Gesellschaft. - In Westeuropa hat die Religion abgedankt und verliert täglich mehr an Gewicht.
Da tut es gut, wieder einmal davon zu lesen.

Aber: Sind die Götter tatsächlich Buchhalter?

Liebe Grüße
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