Zwischen zwei Mails wurde er auf einmal sehr traurig.
Wem hatte er noch einmal schreiben wollen und was und warum?
Er wusste es nicht und die fehlende Antwort erschrak ihn auf eine Art,
als hätte er etwas wirklich Wertvolles verloren.
Er schüttelte hilflos den Kopf und wie zur Rettung wich alles andere einem großen Gedanken:
Was, wenn er jetzt einfach aufstand, den Mantel anlegte und wie ein Befreiter und für immer verschwinden würde? Er würde die Tür wie ein vergangenes Leben hinter sich zuziehen und dann die Straße entlang, hinunter bis zum Rhein und dann immer weiter wandern. Nachts würde er auf Bänken schlafen und er hatte genug Bargeld, um sich unterwegs etwas zu essen zu kaufen.
Auf der Arbeit würde man sich wundern
und wohl schnell auf die Idee kommen, bei ihm anzurufen.
Das Telefon würde hier, in der leeren Wohnung, klingeln.
Am ersten Tag würde wohl nicht viel passieren.
„Das ist sonst nicht seine Art“, würde der Vorgesetzte sagen,
erst am zweiten würde man sich wundern.
„Er ist einfach nicht erreichbar.“
Vielleicht käme ein Kollege vorbei, um nach ihm zu schauen
und wieder würde es hier, in der leeren Wohnung, klingeln.
Dann käme ja schon das Wochenende.
Frühestens ab Montag würde man wirklich nach ihm suchen
und da hätte er, wenn er denn nur kräftig genug ausschritt,
bereits die Landesgrenze überwunden.
Irgendwann würde er das Meer erreichen
und dann am Meer entlang immer weiter gehen.
Er würde Bekanntschaften schließen und Abenteuer erleben,
er würde vielleicht, wenn es denn gelänge,
jenen Moment wiederfinden,
in dem er einmal als Kind ohne jede Reue
den Berg hinabrannte und unter Aufwendung
aller harmonisch ineinandergreifenden Kräfte
dem Glück so nah kam, wie danach nie wieder.
Niemand könnte mir das vorwerfen, dachte er,
und dann fiel ihm wieder ein,
wem er was und warum schreiben wollte.
Am nächsten Tag würde er mit dem Vorgesetzten sprechen müssen.