Die Terrordrohung
Kurzgeschichte zum Thema Terror
von Koreapeitsche
An der Uni konnte ich regelmäßig E-Mails versenden. Eines Tages lag eine Mail von seinem Studienkollegen Pauli im Postfach. Es war eine Einladung zu einer Party in dessen neuer Wohnung im Bezirk Tiergarten, der heute zu Berlin-Mitte gehört. Es wunderte mich, dass ich überhaupt eingeladen wurde, denn wir hatten uns vor einer Weile gestritten. Wir waren zwar nicht im Guten auseinander gegangen, doch ich wollte nicht nachtragend sein. Außerdem litt ich wie so viele andere in Berlin auch unter Kontaktarmut. Im Header der Einladungs-E-Mail erkannte ich schon, dass es eine kleine Party mit ausgewählten Studienkollegen werden sollte, von denen ich niemanden kannte. Im Einladungstext hieß es:
„Hallo liebe Leute, ... hier geht's lang: Rathenower Str... (nicht der Eingang auf der Ecke, sondern neben der Reinigung!), Klingeln bei Böge ... Sofern noch nicht geschehen bitte ich um eine Nachricht, ob ihr kommt, damit ich weiß, wie viel ich vorbereiten muss.
Bis Samstag! ...Gruß, ... Pauli ... Tel: ...“
Es waren nicht einmal zehn Partygäste eingeladen. Ich wunderte mich über die angeschriebenen Personen, denn es waren fast nur Namen aus anderen Kulturkreisen unter den Partygästen. Die Auswahl wirkte sogar etwas systematisch, da die Gäste aus unterschiedlichen Regionen der Welt kamen, als wollte er eine Art Welt-Party feiern.
Als ich mich entschied, die Party zu besuchen, teilte ich das dem Gastgeber mit. Die Wohnung war gut zu erreichen. Ich betrat als letzter der geladenen Gäste die Wohnung. Die Schwester des Gastgebers war anwesend, die als Journalistin arbeitete. Ferner befand sich unter den Partygästen ein türkischer Kurde, ein Chinese, ein Pärchen aus dem Karibikraum, ein Südamerikaner und ein Libanese. Die meisten Gäste studierten Informatik oder waren zumindest dafür eingeschrieben, das erkannte ich an den Kürzeln in den universitären E-Mailadressen.
Es war keine ausgelassene Partyatmosphäre, sondern eher ein zurückhaltendes Zusammensein mit vielen Gesprächen bei leiser Musik im Hintergrund. Ich schaffte sofort den Einstieg in eine Unterhaltung. Alle unterhielten sich interessiert, tranken Bier, Wein und genossen die Snacks, die für die Gäste bereitstanden. Je nach Sitzordnung oder Position am Büffet- und Getränketisch konnten sich jeder Partybesucher mal mit den anderen unterhalten. Als der Abend bereits fortgeschritten war, saß der Libanese rechts neben mir. Wir kamen ins Gespräch. Rechts vom Libanesen saß die Schwester des Gastgebers, die unserer Unterhaltung zuzuhören schien, sich jedoch nicht ins Gespräch einmischte. Es blieb nicht aus, dass der Libanese sich mit mir über die aktuelle Situation im Nahen Osten unterhielt. Es überraschte mich, dass der Gesprächspartner sich als palästinensischer Libanese bezeichnete.
„Ich dachte Palästinenser gibt es ausschließlich in den von den Israelis errichteten Autonomiegebieten.“
Der Gesprächspartner, Mohammed, erläuterte mir das Problem.
„Palästinenser gibt es auch in den anderen Ländern des Nahen Ostens.“
Schließlich betonte er
„Alle Israelis sind meine Freunde.“
Ich empfand das Gespräch als angenehm und spannend. Jetzt erzählte ich, dass ich in einer englischsprachigen Zeitschrift über Schul-Psychologie namens “Schoolpsychology International“ gelesen hatte, dass es in Israel sogenannte Beduinenschulen gebe, in denen Prügelstrafe praktiziert würde.
„In der Zeitschrift war eine Statistik mit der Häufigkeit von Hämatomen bei Schülern dieser Schulen aufgeführt. Ich fand den Artikel ziemlich brutal und beängstigend,“
betonte ich.
Ich erwähnte den Artikel aus einer Unwissenheit über die prekäre politische Situation und wollte meine Verwunderung zum Ausdruck bringen, dass sich die Beduinenschulen in Israel befinden und nicht in den Palästinensergebieten. Ich hatte nach dem bisherigen Verlauf des Gesprächs den Eindruck, mich mit dem Informatik-Studenten offen darüber unterhalten zu können. Doch der Libanese reagierte merkwürdig auf den Einschub, als seien ihm die alkoholischen Getränke ein wenig auf Magen und Kopf geschlagen. Der kräftige Araber sagte plötzlich
„Ich hasse alle Juden! Wenn ich in meine Heimat zurückgehe, werde ich einen Selbstmordanschlag verüben!“
Das war eine psychotische Reaktion. Ich dachte, ich höre nicht richtig und fragte noch einmal nach.
„Moment mal, was hast du da gerade gesagt?“
Der Gesprächspartner wiederholte die Androhung, jetzt etwas akzentuierter.
„Wenn ich das nächste Mal in meine Heimat fahre, werde ich ein Selbstmordattentat verüben!“
Da war ich schockiert, erhob mich vom Stuhl und fragte die Schwester halblaut, sodass möglichst nur sie das hören konnte.
„Sag mal, hast du mitbekommen, was mein Sitznachbar gerade gesagt hat?“
Sie schüttelte den Kopf und sagte Nein. Ich fragte noch einmal nach.
„Du sitzt doch direkt neben ihm und hast dich nicht unterhalten. Du musst das doch mitbekommen haben?“
„Nein, ich habe von eurem Gespräch nichts mitbekommen.“
Das wirkte ein wenig absurd, denn es war offensichtlich, dass der Student aus dem Libanon sich eben aufregte und negativ äußerte. Auch andere Partygäste hätte es mitbekommen können. Als ich in die Runde blickte, waren die meisten weiterhin in Gespräche vertieft. Es wirkte, als ignorierten sie den Dialog zwischen mir und Mohammed und die Tatsache, dass ich jetzt die Schwester des Gastgebers diskret um Hilfe fragte. Doch ich war auf verlorenen Posten.
Daraufhin ging ich ins Nebenzimmer, nahm mir planlos ein weiteres Bier aus einer der Kisten, öffnete es und überlegte, was ich jetzt tun solle. Ich stand mit dem Bier am Fenster mit Blick auf die Straße, trank die Halbeliterflasche halb leer und wollte eine Entscheidung treffen. Wir befanden uns im dritten Stock. Was sollte ich jetzt tun nach der ausgesprochenen Terrordrohung?
Der Gastgeber kam kurz in den Nebenraum und fragte, ob alles okay sei. Auch ihm sagte ich, dass der Mohammed sich eben seltsam benommen habe, ob der Mann ernst zu nehmen sei. Der Gastgeber wirkte kurz angebunden und reagierte nicht darauf. Er blockte mich ab.
Ich fühlte mich alleingelassen und wollte nicht länger auf der Party bleiben, stellte das halbvolle Bier einfach neben die Bierkästen, ging durch das Partyzimmer und rief dem Gastgeber zu
„Vielen Dank noch mal, ich werde jetzt nach Hause! Ich melde mich in den nächsten Tagen bei Dir.“
Der Gastgeber war überrascht, dass ich schon gehen wollte, begleitete mich kurz zur Tür und schien nicht im Entferntesten zu ahnen, was der Grund für den plötzlichen Aufbruch war. Ich ging frustriert zur U-Bahn und fuhr nach Hause, war schockiert und hatte das Gefühl, in etwas hineingerissen worden zu sein.
Als ich den Gastgeber ein paar Tage später an der Uni im Fahrstuhl traf, erzählte ich ihm detailliert von dem Vorfall.
„Nein, der Mohammed ist in Ordnung, der würde nie so etwas sagen.“
„Doch, er hat im Gespräch mit mir einen Anschlag im Libanon angekündigt.“
Es gab Streit, als wir im Parterre aus dem Fahrstuhl ausstiegen. Danach gingen wir getrennte Wege. Er ging zum Ausgang, ich setzte mich ins studentische Café gegenüber der Hausmeisterloge.
In den folgenden Tagen ging ich wie gewohnt zum Karatetraining an der Uni. Eine Sportfreundin, die den schwarzen Gürtel in Karate hatte, arbeitete als Ärztin und Psychiaterin in der JVA Moabit. Nachdem ich ihr von der Party mit dem Libanesen berichtete, entgegnete sie
„Geh bloß zur Polizei und melde das. Wenn das so ein Psychopath ist und wirklich in seiner Heimat Frauen und Kinder mit in den Tod reißt, wirst du dein Leben lang nicht mehr glücklich.“
Ich gehe sonst ungern zur Polizei. Doch in diesem Fall ging es um Terrorismus. Also nahm ich meinen Mut zusammen und besuchte am Folgetag die nächste Polizeidienststelle. Hier schilderte ich die Angelegenheit einem Polizisten, der ungefähr in meinem Alter war, vielleicht Anfang 30. Ich brachte die ausgedruckte Einladungs-E-Mail mit aufs Revier, die der Beamte abfotokopierte und mir zurückgab. Die E-Mail enthielt auch die E-Mail-Adresse von Mohammed. In der Folgezeit befragte mich der Polizist zu den Ereignissen auf der Party. Ich fühlte mich zu dem Polizisten verbunden und vertraute ihm. Wir waren gleichermaßen betroffen. Ich erwähnte den Artikel aus der Fachzeitschrift für Schulpsychologie, der die Prügelstrafe in den Beduinenschulen als eine der Grundursachen für Terrorismus in der Region bezeichnete.
Als ich eine Stunde später das Revier verließ, fühlte ich mich erleichtert, den schweren Gang hinter mich gebracht zu haben. Doch etwa eine Woche später erhielt ich eine Vorladung zu einer Polizeihauptstelle in Berlin-Tempelhof. Dieser Vorladung kam ich nur ungern nach, da ich dem anderen Polizisten im Prinzip alles bereits erzählt hatte, was vorgefallen war. Ich wusste, dass ich jetzt zu jedem einzelnen Punkt des Vorfalles erneut Stellung nehmen sollte, und dass auch Detailfragen gestellt würden. Obendrein hatte ich Angst, durch den Gang zur Polizei als Denunziant zu gelten. Kurz entschlossen setzte ich mich unmittelbar vor dem Termin aufs Fahrrad und fuhr zur besagten Hauptstelle nahe dem Platz der Luftbrücke.
In einem engen Vernehmungszimmer des Bürogebäudes saß ich einer attraktiven Frau in Zivil gegenüber, die mich nach einer freundlichen Begrüßung rund eine Stunde lang zur Party und den Äußerungen des Palästinensers befragte. Ich gab ihr meine Einschätzung, dass die Reaktion des Libanesen wie ein psychischer Mechanismus wirkte, der in ihm Aggressionen und Hass freisetzte, sobald von der Prügelstrafe in Beduinenschulen die Rede war.
Als das Polizeiprotokoll getippt war, sollte ich es durchlesen und unterschreiben. Die Beamtin begleitete mich bis zur Tür des Büros und verabschiedete sich von mir. Sie wirkte während des Gesamten Gesprächs sehr ernst und fokussiert.
Daraufhin ging ich allein zurück durchs Treppenhaus zum Haupteingang des verschachtelten Gebäudes. Ich schloss mein Fahrrad auf und fuhr zurück zu meiner kleinen Wohnung in Wilmersdorf.
Nach dem zweiten Polizeibesuch fühlte ich mich kaputt und ausgemergelt wie nach einer misslungenen Abschlussprüfung, fühlte mich mit der Angst allein gelassen, dass der Libanese sich an mir rächen könnte.
Ich sollte nie erfahren, ob Mohammed und die anderen Partygäste ebenfalls vorgeladen wurden. Allerdings sah ich den kräftigen Araber noch mehrmals in Uni-Cafés und vermied es, ihm direkt in die Augen zu schauen. Ich suchte mehrmals unauffällig das Weite.
Einmal saß ich draußen vor einem Café in der Hardenbergstraße nahe Steinplatz vis-à-vis zur TU Berlin und der damaligen HDK, heute UDK. Plötzlich ging der kräftige Araber von hinten rechts kommend an meinem Tisch vorbei, während ich Kaffee trank und in einer Zeitung las. Er ging haarscharf an mir vorbei und hatte zwei junge zierliche Frauen im Schlepptau mit langen dunkelblonden, welligen Haaren. Die jungen Frauen gingen ungefähr einen Meter hinter ihm und rochen nicht nach Parfüm. Sie unterhielten sich nicht. Als sie aus dem Bereich des Cafés verschwunden waren, schlossen die zwei jungen Frauen wieder zu ihm auf. Mohammed, drehte sich nicht um. Danach wurde ich unruhig. Als ich kurze Zeit später aus Berlin wegzog, fühlte ich mich sicherer, allerdings auch etwas krank und mitgenommen. Nach diesem einschneidenden Erlebnis mit Mohammed weinte ich Berlin keine Träne nach. Mir war nicht klar, ob ich zufällig einen Selbstmordattentäter entlarvt und einen Anschlag verhindert hatte, oder ob es sich um einen Aufschneider handelte, der nur provozieren und sich aufspielen wollte. Ich war jedenfalls mehr als verunsichert und hoffte innerlich, dass dieser Mohammed nur ein Spinner war.