Ich leiste mir keine Erinnerungen mehr. Zumindest keine mit Faktor Nostalgie. Keine gewollten -, keine geliebten -. Kein inneres Kleinod mehr in der großen Außenwelt. Traurig würden manche sagen, befreiend würden manche denken. Doch die meisten sagen und denken darüber gar nichts. Das weiß ich, weil ich seit etwa einem Jahr zu einer Selbsthilfegruppe gehe, dort erzähle ich solche Sachen.
Ob ich Menschen beneiden würde, die in ihren Erinnerungen schwelgen können und diese und sich lieben können, dürfen … müssen? Jein. Ja, denn es ist schön. Nein, weil sie sich an etwas verschreiben, das oft nicht der Realität entspricht; sie dehnen die Realität. Und sie werden benutzbar. Und manipulierbar.
Ich stellte meinen Selbsthilfegruppenmitmenschen letztens die Frage, ob ich freiwillig oder notgedrungen so lebte, also ohne Erinnerungsschätze. Eine Person in der Gruppe fand eine Antwort, Isabell hieß sie mit Namen. Sie meinte: entweder ich würde freiwillig in Not - oder notgedrungen frei leben. Sie meinte: ich hätte entsprechende Erinnerung eingetauscht. Eingetauscht gegen eine Art von Verinnerung.
„Verinnerung?“, fragte ich.
„Ja.“, sagte Isabell.
Dann stand Isabell auf und ging aus dem Raum. Sie besuchte die Gruppe an diesem Tag zu letzten Mal.
Ich blieb mit dem Eindruck zurück, dass ihre Antwort mir doch bestimmt eine ganz passable Erinnerung gewesen wäre. Etwa so eine, die mir doch irgendwie lieb und gewollt sei. Doch es sollte nicht sein. So überließ sie mich schließlich der Aufgabe, sie und das Gespräch zu vergessen.